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Berlin, 19. März. Die am Montag begin- nende Reickstagssession wird der König in Person eröffnen. Unmittelbar nach den üblichen Eröffnungs­feierlichkeiten im Weißen Saal des Schlosses findet in den Räumen des Herrenhauses die erste «Sitzung statt. Simson ist laut Geschäftsordnung Präsident für die nächsten vier Wochen, auch die Vicepräsiven- ten Herzog v. Ujest und Bennigsen bleiben so lange in Function mitsammt den acht Schriftführern. Der Bundesrath hat noch alle Hände voll zu thun, um schon in den ersten Tagen der nächsten Woche dem Parlament Vorlagen zugehen zu lassen.

Berlin, 19. März. DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Zeitungsgerüchte, daß eine Streichung der österreichischen Papiere von den Frankfurter und Berliner Courszetteln eintreten werde, für albern und tendenziös. Derartiges sei selbst in der Kriegs­epoche unterblieben.

Köln, 21. März. Prinz Napoleon traf vorge­stern mit dem Mittag 12 Uhr 55 Minuten fälligen Bahnzuge aus Gießen hier ein, begab sich gestern zur Besichtigung des Krupp'schen Etablissements nach Essen, kehrte des Abends wieder zurück und benutzte den heute Vormittag 9^ Uhr abgehenden Zug der rheinischen Bahn, um sich zunächst nach Lüttich zu begeben.

Frankfurt. Von Wiesbaden wird gemeldet, daß bei dem Freiwilligen-Examen von 280 Candi- baten etwa 150 gut bestanden haben. Es sei hie und da ausgefallen, daß die Herren Examinatoren mitunter Fragen vorgelegt hätten, deren Beantwor- tung ein ganz specielles Studium preußischer Zu­stände unumgänglich nöthig gemacht; um nur Eins anzuführen, wurde u. A. ein Candidat gefragt: wer in Pommern das größte Rittergut besitze? Abgesehen davon, daß aus der richtigen Beantwortung einer solchen Frage auf die Bildung der betreffenden Can- didaten auch nicht der geringste Schluß gezogen wer- den kann, dünkt es uns auch, eine allzu große Zu- muthung zu fein, daß sich die Candidaten mit einer solchen untergeordneten Provinzialgeographie beschäf­tigen sollen. Wir glauben wohl kaum, daß die Pommern'schen Candidaten nach den größten Wein­gütern im Rheingau und ihren Besitzern jemals gefragt worden sind, obgleich der Johannisberg und Steinberg k. Namen sind, welche jedenfalls in der ganzen Welt mehr Ruf und Bedeutung gewonnen haben, als die Pommern'schen Rittergüter.

Kassel, 14. März. DieHeß. Morgenzeitung" schreibt bezüglich der Verhaftung der Herren Trabert und Plaut:Allem Anscheine nach scheint man den Verdacht gehegt zu haben, daß die anonyme Flugschrift aus der Officin derVolkszeitung" her­vorgegangen sei. Eine gestern unter Zuziehung dreier hiesiger Buchdruckereibesitzer an Ort und Stelle vor­genommenen Vergleichung der Typen jener Druckerei mit jenen des erwähnten Flugblattes hat jedoch er­geben, daß die zu dem Flugblatte verwendeten Schriften wesentlich verschieden sind von denen der Druckerei derVolkszeitung." Wenn sie aber auch ganz über- einstimmend befunden wären, so läge darin noch nicht der geringste Beweis für den Druck, denn völlig gleiche Schriften finden sich ja in den verschiedensten Geschäften."

Biedenkopf, 17. März. Wiewohl die Be­wohner unseres Kreises sich früher den schönsten Hoff­nungen Hingaben, daß auch sie bald mit der Errichtung einer Eisenbahn beglückt würden, so sehen wir doch leider diese Erwartungen getäuscht. Die Regierung hat sich völlig kalt gegen unfern heißesten Wunsch verhalten, der Minifterialdirector von der Recke bat sogar in öffentlicher Sitzung das Haus, auf eine Unterstützung der Lenne-Lahnbahn sich nicht einzu- laffen, und so kam es, daß unsere Petition gegen eine schwache Majorität unterlag. Auch die national- liberale Partei, der fast sämmtliche Abgeordnete unseres Regierungsbezirks angehören, stimmte gegen uns! Es ist dies sehr niederschlagend, zumal die Darmstädter Regierung unser Bahnprojekt genehmigt hatte, eine Zinsgarantie der Bergisch - Märkischen Gesellschaft gegenüber übernommen und unseren Kreis vor völligem Ruin gerettet haben würde.

Hannover, 13. März. In Betreff der angeb­lichen testamentarischen Verfügungen des Herzogs von Braunschweig wird derN. Z." anscheinend ofsiciös geschrieben:Es ist jedenfalls eine irrige Annahme, daß zu dem Privatvermögen des Herzogs auch das Herzogsihum Oels gehöre. Dieses sehr bedeutende Besitzthum ist ein preußisches Thronlehen, in welches die Suecession nach Primogeniturrecht stattfindet. An dieser Suecession kann der zeitige Thronvasall nichts ändern. Der nächste zur Suecession berechtigte Agnat ist der Bruder des regierenden Herzogs von Braun­schweig, der Herzog Karl, dem durch Bundesbeschluß keineswegs die Successtonsfähigkeit in das Lehen ab­gesprochen worden ist. Erst nach Abgang dieses

Agnaten würde die Suecession an den König Georg, oder, wenn er reftgniren sollte, an seinen Sohn ge­langen. Der Vasall kann übrigens den Besitz nicht eher antreten, bis er dem allerhöchsten Lehensherrn den Lehuseid geleistet hat, welcher die Gelobung von Treue und Unterthäuigkeit in sich begreift. Eine Verletzung dieses Lehnseides, falls derselbe von Kö­nig Georg oder dessen Sohn wirklich geleistet wer- den sollte, würde, wenn sie in feindseligen Handlungen sich äußerte, das Verbrechen der Felonie involviren und den Verlust des Lehens zu Gunsten des Lehns­herrn nach sich ziehen."

Leipzig, 18. März. Wie die Weinreisenden jagen sich jetzt die Diplomaten erster Klaffe, kaum daß Prinz Napoleon den Gasthofzum deutschen Haus ' verlassen, meldet sich auch schon der Czare- witsch an, um mit Bismarck u. Comp. ein Geschäft­chen zu machen. Ob er cs so gut versteht, wie der Napoleonidc, will ich dahin gestellt sein lassen. Plon- Plon hat im Allgemeinen durch sein Auftreten hier einen günstigen Eindruck gemacht; gleichsam um den Weltfrieden zu documentiren, besuchte er mehrere Etablissements, namentlich die typographischen An­stalten von Gisecke und Devrient, F. A. Brockhaus, ferner das Theater, die Lommer'sche Rauchwaaren- halle und die darin befindliche RestaurationGute Quelle," wo ihm der kosmopolitische Wirth ein TöpfchenSchwechater" kredenzte. Auch den Na- poleonsftein und das Museum besuchte er: im letz­teren weilte er lange vor dem Bilde seines Onkels: Napoleon in Fontainebleau abdankend," von De« laroche. Er sicht seinem großen Onkel so frappant ähnlich, daß man glaubt, der alte tobte Kaiser sei im Jnvalibenbom wicber erwacht. Ueberatl soll er sich sehr liedenswürbig benommen haben, unb in den besuchten Etablissements unterhielt er sich mit ben Arbeitern stets in deutscher Sprache.

Karlsruhe, 20. März. DieKarlsr. Zig." schreibt: In der heute durch die Präsidenten des Finanz - unb Handelsministeriums hier abgehaltenen und zahlreich besuchten Versammlung von Tabaks- inieressenten hat die Vorlage wegen Einführung einer Tabakssteuer im Zollverein eine gründliche und viel­seitige Beleucht'-ing erfahren. Wiewohl selbstredend Seitens der Mehrzahl oer Redner vorwiegend das wirthschaftliche und gewerbliche Interesse der bcthei- ligten Kreise zum Ausgangspunkt der Beurtheilung genommen wurde, so hat Die stattgehabte Berathung doch immerhin der Grdßh. Regierung ein reiches Material praktischer Erwägungen geliefert, deren 8er- werthung einer befriedigenden Lösung der vorliegen­den Frage unter allen Umständen zu Statten kommt.

München, 17. März. Die hiesige protestan­tische Gemeinde ist durch einen Act hoher Munifi- cenz Sr. Maj. des Königs erfreut worben. Se. Maj. hat nämlich bcrfelben zu bem beabsichtigten Bau einer zweiten protestantischen Kirche bahier das bibeutenbe Geschenk von 25,000 st. aus der Gabt» netskassc zufließen lassen.

Wien. Der österreichische Erzherzog Heinrich hat unlängst, ohne bes Kaisers Zustimmung einzu- holen, ein Ehediindniß mit einer bürgerlichen Dame, einer gewissen Fräulein Hoffmann, geschloffen unb sich baburch bie allerhöchste Ungnade zugezogen. Außer ben gegen ben Erzherzog selbst gerichteten Schritten, als Beschlagnahme feiner Güter, Verweisung bes Landes und andere Maßregeln, ist nun auch durch kaiserliches Handbillet an den Minister des Innern, Dr. Giskra, in der bestimmten Weise die Einlei­tung einer strengen Untersuchung in Betreff der Ver­mählung des Erzherzogs Heinrich angeordnet worden. Dem neu ernannten Statthalter von Tyrol, Herrn v. Lasser, fällt die Aufgabe zu, diese Untersuchung zu führen. Die Instruktionen, welche Hr. v. Lasser in dieser Angelegenheit erhalten, sollen sehr strenge und gemessene sein, und wird vor Allem der Bischof von Trient, Msgre Riccobona, sich darüber zu ver- antworten haben, daß er, ohne vom Erzherzog die Einwilligung des Kaiser« zur Trauung abverlangt zu haben, dieselbe vollzogen hat. In Hofkreisen war man anfänglich bemüht, die Ehe als ungesetzlich er- klären zu lassen. Der Bischof berief sich aber au feine Stellung als katholischer Priester, und erklärte die Ehe als vollkommen gültig unter Hinweisung au: die Bestimmung des Coucorvats. Personen, welche Gelegenheit haben, die Stimmung in den höchsten Kreisen beurteilen zu können, sollen versichern, bas Concorbat habe durch diese delikate Familienangele­genheit nach oben hin eben nicht an Sympathien gewonnen.

Wien, 18. März. Für das deutsche Schützen, fest, das im Juli d. I. in Wien stattfiudet, sind die verschiedenen Ausschüsse unausgesetzt thätig. Die neueste Kundgebung ist ein Aufruf an das Volk von Wien, den Gästen ans dem ganzen Deutschland mit all der Gastfreundschaft entgegenzukommen, durch bie

Wien sich von jeher ausgezeichnet hat. Es wird in dem Aufrufe darauf hingewiesen, daß trotz der Er­eignisse des Jahres 1866 die deutschen Brüder da« Band der Zusammengehörigkeit^mit Oesterreich nicht :ür zerrissen erachten.

Wien, 20. März. In der gestrigen Sitzung des österreichischen Herrenhauses begann die Verhand- lung über das Ehegesetz. Wie aus der Erklärung des Unterrichtsministers hervorgeht, steht die Regie- gung auf dem Standpunkt, den die Majorität der zu diesem Zweck niedcrgesetzten Commission des Hau- ses einnimmt, d. h. ist für Einführung der Civilche und selbstverständlich gegen das Concorbat.

Belgrad, 14. März. Eine hiesige (halbofficielle) Zeitung brachte gestern toieberum bie (schon durch ben Telegraphen gemclbete) Nachricht von ziemlich bebentenben Unruhen in ber Herzegowina. Beim Dorfe Gratschanitza, in dem Vassojever Bezirk, ent­spann sich ein blutiger Kampf zwischen Baschibozuks und den christlichen Einwohnern dieses Dorfs, wo­bei es 17 Tode und eine bedeutende Anzahl Ver­wundete gab. Natürlich sind die Gefammtverluste auf beiden Seiten nicht genau bekannt. Der An­führer ber Mohammebaner, Att-Beg-Schobinagitfch, hat, wie es heißt, nur die Absicht gehabt, bie Chri­sten zu plünvern, um feinen Leuten Brvb zu ver­schaffen. Das Dorf selbst ging in Flammen auf, und viele Familien sind nun in ber rauhen Jahres­zeit ohne Obdach unb ohne ein Stückchen Brob. Diese Vorgänge ber Mohammedaner sollen im Wi- berspruch mit bem Willen ber Regierung stehen; es fragt sich aber, welchen Begriff man von einer Lan» beOregierung erhalten soll, wenn man sieht, baß sie solchen fortwährenden Gräuelthaten unv anarchischem Treiben nicht hindernd in den Weg treten kann? Das Schlimmste an der Sache ist aber, daß alle Stämme der Herzegowina durch derartige blutige Ereignisse zum Aeußersten angespornt werden, und wirv einmal ber Kampf in dieser Provinz ein allge­mein r was vorauszusehen ist so werden seine Zuckungen sich auch in Bosnien unb Albanien bemerk­bar machen, und niemand kann die Grenzen voraus- bestimmen, welche dieser Kampf annehmen wird.

Paris, 17. März. Es kommt uns zu Ohren, baß die Recrutirung für die mobile Nationalgarde imHotel be Ville" einen sehr stürmischen Verlauf nimmt. Namentlich gestern kam es zwischen einigen jungen Leuten unb dem »ifttirenben Arzte zu einem Streit, ber in Thätlichkeittn ausartete uuo ein Nach­spiel vor der Zuchtpolizei haben wird. Auch sonst ist in ber Salle Saint - Jean der Reclamationen unb Ausflüchte kein Ende, baher auch bie officiösen Blätter biese wichtigste aller Rccrutirungen bes Lan­des noch mit keinem Worte erwähnt haben.

Paris, 18. März. WiePatrie" erfährt, wer- den in diesem Jahre im Lager von Chalons zwei Jnstructionscorps, bestehend aus je drei Divisionen Infanterie, einer Division Cavallerie und der ent- sprechenden Artillerie, errichtet werden. Die Manö- vcrS sollen am 1. Mai beginnen unv am 15. «Sep­tember endigen. Dem Vernehmen desselben Blattes zufolge sei davon die Rede, in ber Nähe von Tou­louse eine Division Infanterie unb eine Brigade Cavallerie zusammenzuziehen, doch sei noch fein end- gültiger Beschluß darüber gefaßt.

Lissabon. Aus Madeira wird berichtet, daß daselbst am 5. d. ein ernstlicher Tumult stattgesun- ben hat, welcher durch die Ankunft eines Candidaten für die portugiesischen Cortes veranlaßt worden ist. Die Truppen feuerten auf das Volk. Dasselbe wollte aber nicht eher auSeinanvergehcn, bis der Canvidat an Bord des Schiffes, mit welchem er von Lissabon gekommen, zurückgekehrt wäre. Nachdem dieses ge­schehen, wurde bie Ruhe wieder hergestellt.

Newyork, 7. März. Der Senat hat sich am 7. zum Gerichtshöfe constituirt. Oberrichter Chase als Präsident und sämmtliche Senatoren als Mit- glieber desselben verpflichteten sich eidlich, über ben Präsibenten Johnson unparteiisch zu Gerichte zu sitzen. Gegen Hrn. Wabe, den Präsibenten bes Senats, wurde anfänglich von einem Senator der Einwand erhoben, er sei bei dem Ausgange des Prozesses birect intereffirt unb könne beßhalb nicht Sitz und Stimme haben. Doch wurde nach einigen Erörte­rungen dieser Einwurf zurückgezogen unb Hr. Wabe ebenfalls beeidet. Auf Antrag ber zur Leitung ber Anklage bestimmten Mitglieber des Repräsentanten- Hauses verordnete der Senat die Vorladung des Präsidenten auf den 15. März und vertagte sich sodann. Das Repräsentantenhaus ermächtigte gleich­zeitig die Leiter der Anklage, Zeugen zu laden, die­selben zu öreeiben unb zu verhören.

Redaetion, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.