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Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung.)

Coraly begann der Rolle und des Namens von Chateanneuf müde zu werden. Sie sah nicht ohne lebhaftes Gefühl von Freude den Hauptmann Reymond ihr ihren wahren Namen zurückgeben und sich auf den Fuß einer feinen Galanterie mit ihr stellen, auf den sie ein Recht hatte. Das rief ihr gewisse Tage der Illusion und thörichten Hoffnung zurück.

Der Hauptmann begriff das mit Herz und Verstand. Er glaubte auf dem schönen Antlitz Coraly'S die Spuren eines tiefen und neu über sie gekommenen Schmerzes zu erblicken. Er kannte nicht Vie Einzelnheiten des Gespräches, wel­ches sie unter Verkleidung mit Fräulein de Rencey geführt haben mochte; allein er hielt sich überzeugt, daß das Resultat des Gespräches für Coraly mehr als schmerzlich gewesen sei.

Außerdem erinnerte.er sich einiger Worte, welche er hierüber am Schieb­fenster der kleinen Parkthür vernommen hatte. Es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß der Hauptmann noch keineswegs ahnte, mit wem er am Morgen dies selt­same Gespräch geführt hatte. Seine Täuschung war vollständig; der arme Mann glaubte mit Bestimmtheit, die Hand Fräulein de Rcncey's durch das Schiebsenster geküßt und dieser schönen Hand den wichtigen Brief des Abbo Sieyös anvertraut zu haben.

Coraly beeilte sich nicht, ihn zu enttäuschen. Sie genoß im vollsten Um­fange die Vortheile ihrer Position; sie konnte, wenn es ihr behagte, nach Her- zenslust den Undankbaren quälen, den sie liebte und dessen wahre Leidenschaft sie kannte.

Aber wollte sich Coraly in der That rächen? Trug sich Coraly mit den bösen Gedanken:

Da ich nicht glücklich sein darf, will ich das Glück zweier Liebenden zerstören. Da ich den Hauptmann Reymond nicht zwingen konnte, mich zu lieben, will ich ihn verderben . . .

Nein, Coraly war nicht das Weib, welches sich von solchen Gefühlen be- stimmen ließ. Aber wir möchten nicht darauf schwören, daß der Dämon der Eifersucht und der Schmerz ihr nicht an dem Abend, von weichem wir reden, die schlimmsten Gedanken einflüsterten.

So viel ist sicher, sie freute sich der großen Bestürzung, in welche sie den Hauptmann versetzen würde, wenn sie ihm mittheile, wem er am heutigen Tage ein so erbauliches Geständniß abgelegt und wem er ein so compromitiirendes Schriftstück anvertraut habe, daß sofort die strengsten Regierungsmaßregeln wach­rufen und sogar den Plänen Bvnaparte's sehr gefährlich werden konnte.

Wenn sich Coraly mit dem Vorspiel einer möglichen, niemals ausgeführten Rache begnügt, wird sie ein Recht auf unsere Achtung, ja, auf unsere Bewun­derung haben. Wenn sie grausamen Trieben, einem satanischen Gefühle folgt, müssen wir sie bitter beklagen.

Das Abendessen nahm seinen Fortgang.

Der Augenblick zu vertraulichen Bekenntnissen war gekommen.

Wissen Sie, reizende Coraly, nahm der Hauptmann das Wort, daß ich schon vor Empfang Ihres liebenswürdigen Einladungsbillets von Ihnen ge­hört hatte? Jener tollkühne Besuch, welchem ich mich gestern so sehr widersetzte, ist also ganz so glücklich abgelaufen, wie Sie erwarteten? Sie werden mir die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß ich Sic weder angemeldet, noch verdäch­tigt hatte.

Und das ist Ihr Glück, Hauptmann, gab sie zur Antwort. Uebrigens verließ ich mich auf Ihre Ehrlichkeit.

Nun, Coraly, werden Sie mir nichts von diesem Besuche erzählen?

Nichts, mein Herr. Alles lief vortrefflich ob und ganz nach meiner Erwartung. Der alte Wahnsinnige erkannte in mir den Sohn eines Jugend- freundes und stellte mich feiner Tochter als deren Bräutigam vor.

Was! rief der Offizier, und Sie ließen sich diese Rolle gefallen?

Warum nicht? Er war höchst liebenswürdig. Der Marquis und ich haben eine Menge Familienerinnerungen auögetaufcht. Wir haben erschrecklich viel Böses von allen todten, lebenden und noch ungeborenen Vitry'S geschwatzt. Der alte Herr scheint Sie nicht eben sehr zu lieben, Herr Hauptmann, fügte das boshafte Mädchen hinzu.

Das weiß ich, mein Fräulein, antwortete dieser. Es wäre jedoch edel- müthig von Ihnen gewesen ...

Ihr Lob auszuposaunen, mein Herr? fiel ihm Coraly in die Rede. Allein abgesehen davon, daß es einem so halsstarrigen Kauz gegenüber verlorene Mühe gewesen wäre, sind Sie nicht der Nebenbuhler des Herrn Chateauneuf?

Freilich, antwortete der Offizier. Aber wollen Sie mir nichts von der künftigen Gemahlin des Muscadins erzählen, welchen Sie vorstellen, mein schönes Fräulein?

Nein, mein Here, erwiederte Coraly.

Und weßhalb nicht? fragte der Hauptmann.

Weil ich grundsätzlich die Liebeshändel Anderer weder begünstige, noch hindere.

Welch' eine Narrheit der Grundsätze! rief der Offizier aus. Wissen Sie denn übrigens, in was für Beziehungen ich zu dem Fräulein de Rencey stehe?

Vollkommen, antwortete Coraly. Sie beten sie an und Fräulein de Rencey schätzt Sie sehr hoch.

Sie reden, wie es Ihnen gerade einfällt, schöne Coraly.

Sagen Sie mir, daß ich lüge oder mich irre, schöner Hauptmann.

Der Offizier leerte, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen, sein Glas, und füllte es von Neuem.

Möchten Sie mir nicht mit Hinweglassung aller Bezugnahme auf meine Persönlichkeit, Fräulein, hob er endlich wieder an, Ihre Meinung über Fräulein de Rencey sagen? E« ist nicht hübsch von Ihnen, so hintcrm Berge zu halten, nachdem ich Ihnen zu diesem sonderbaren Besuche freies Feld ließ.

Meine Meinung, antwortete Coraly, geht dahin, daß Fräulein de Rencey eine vollkommene Schönheit ist, sehr viel Geist, eine strenge Tugend und bei au- scheinender Sanftmuth einen höchst entschlossenen Charakter besitzt. Sind Sie jetzt zufriednn?

Ich danke Ihnen, mein Fräulein, sagte der Offizier, welchen die iro- nische Behandlung geärgert hatte.

Wünschen Sie über sonst noch etwas meine Ansicht, mein Herr?

O, reden Sie, reden Sie nur, Fräulein!

Wohlan, ich werde Sie zur Verzweiflung bringen! Ich glaube, daß mit solch' einem Mädchen ein Mann der heutigen Zeit Sie verstehen, was ich meine tief unglücklich werden muß.

Sie ist eifersüchtig bis zum Wahnsinn, dachte der Hauptmann. Liebe Coraly, sagte er, lassen Sie uns, ich bitte darum, von diesem Gegenstände ab­brechen !

Ah, Sie haben Furcht, Herr Hauptmann? antwortete sie.

Nein, gewiß nicht, sagte der Hauptmann. Ueberdies, wissen Sie, ob ich daran denke, Fräulein de Rencey um ihre Hand zu bitten? Bedarf nicht der Einwilligung ihres Vaters? Und wenn selbst der Marquis von seinem Wahnsinn genäse, würde er von seiner feindlichen Gesinnung gegen mich zu heilen fein ? Verabscheut er nicht Jeden, der meinen Namen führt?

Hauptmann Reymond, erwiederte Coraly, ich vermag nicht, mir Ihr Benehmen zu erklären. Wenn Sie keine Hoffnung haben, Helene de Rencey zu heirathen, warum machen Sie ihr dann den Hof?

Diese Frage traf ihn wie einen Dolchstich. Sie enthielt eine nicht zu widerlegende Wahrheit. Der Hauptmann füllte, statt jeder Antwort, von Neuem sein Glas und schlürfte den Champagner eine gute Manier, nicht mit ge­schlossenem Munde dazusitzen und doch nicht seine Verlegenheit zu verrathen.

Nur zu! fuhr Coraly fort, trinken Sie und betrinken Sie sich, wenn es glückt! Die Verwirrung der Seele laßt sich zuweilen durch die Verwirrung der Trunkenheit ersticken. Wenn ich etwas Böses gethan hätte, würde ich mich vor Allem berauschen, um mir selbst zu entrinnen mein Vergehen und die Folgen desselben könnte ich ja immer noch gut machen! Sie sehen mich stolz an, Hauptmann, fuhr Coraly fort, deren Schönheit in diesem Augenblick einen im- ponirenden Charakter annahm. Sie wollen mir sagen, daß Sie nichts Böses gethan haben, daß Ihre Begriffe von Ehre Die allerstrengsten find, daß Ihr Ge- wissen Sie für einen ehrlichen Mann und braven Offizier erklärt. Ja, Sic sino unzweifelhaft von all' diesem überzeugt. Aber ich, ich muß Ihnen wieder- holen: wenn Sie keine Hoffnung haben, Fräulein de Rencey zu heirathen, wes­halb machen Sie ihr denn den Hof?

Man macht einer Dame wie Fräulein de Rencey nicht den Hof, ver­setzte der Hauptmann, welcher sich durch stolze Würde am besten aus der Sache zu ziehen hoffte.

Ah! antwortete Coraly, eine vortreffliche Replik! Geben wir zu, diese Dame wäre ein Heiligenbild, was ich gern annehmen will, dann, mein Herr Hauptmann, machen Sie ihr freilich nicht den Hof; Sic machen sich betreffs ihrer einfach des Sakrilegiums schuldig.

Wie so? Herr meines Lebens! rief der Offizier ungeduldig aus.

Indem Sie einer Heiligen Rendezvous geben, ihr leidenschaftliche Ge­ständnisse oblegen, sie um die höchst profane Gunst bitten, ihr die Hand küssen und ihrongcbetetes Antlitz" sehen zu dürfen, indem Sic endlich einen Derben, sehr herzlichen und sehr sinnlichen Kuß auf diese schöne Hand drücken, welche man Ihnen durch das Gitter eines Schiebfensters entgegenreichte, auf diese edle Hand, deren liebliche und entzückende Form Ihnen bekannt ist.

Alle Wetter! rief der Hauptmann erschreckt. Wer hat Ihnen das erzählt?

Ich hab' es gesehen, ich hab' es gehört, mein Herr, antwortete Coraly mit triumphircndem Tone.

Sic haben diesen Morgen ein Gespräch belauscht, Fräulein? fragte Reymond.

Nein, dessen bin ich nicht fähig, mein Herr. Aber man hatte mich bei dem Rendezvous zugelassen!

Das ist unmöglich! murmelte der Offizier. ,

Hinter der kleinen Parkthür, fuhr Coraly fort. Nur das Schiebsenster war offen, und an dem Gitter desselben, Herr Hauptmann, haben Sie höchst zärtlich Ihr Liebesbekcnntniß geflüstert.

Fräulein de Rencey hätte Ihnen niemals erlaubt, bei solch' einer Unter­redung zugegen zu sein, mein Fräulein!

Und ich ebenso wenig, Herr Hauptmann. In ähnlichen Fällen hätte ich ihr kurz und bündig den Laufpaß ertheilt. Wohlan, mein Herr, gestehen Sie nur, daß die Liede blind ist. Hier ist meine Hand; suchen Sie auf ihr die Spuren des Kusses, welchen Sie für Fräulein de Rencey be|timmt hatten.

Sie treiben Scherz mit mir, Coraly.

Nein, aber ich habe Scherz mit Ihnen getrieben, Hauptmann.

Unmöglich! Sic täuschen mich . . . Sie belügen mich!

Das wird ernsthaft! sagte Coraly. Wohlan, Herr Offizier, ich reise nach Paris, und nach zwei Tagen können Sie in den Zeitungen einen Brief lesen, der für einen gewissen Direktor und für Sie höchst compromittirend ist. Sie haben ihn diesen Morgen selbst von einer Hand in die andere gehen lassen.

Oh! rief der Hauptmann und bedeckte fein Gesicht mit den Händen, ich bin verloren!

Auf diesen verzweiflungsvollen Ausruf folgten einige Augenblicke des Schweigens.

Coraly nahm zuerst wieder das Wort.

Ich begreife Ihre Angst, Herr Hauptmann, Sic haben der Hand einer Frau einen Brief von Sieyös anvertraut, welcher eine ganze Revolution Hervor­rufen kann. SieyoS sagt sich vom Direktorium los und geht zu Bonaparte über; d. h. zu einem Diktator, welcher die Republik in Fesseln legen will. Sic besaßen das Geheimniß dieses Staatsstreiches und Sie haben dies Geheimniß wie einen Raubvogel mit vollem Gefiieder fortfliegen lassen. Der Bogel i|t Ihrer Hand enteilt; er hat seinen Flug zu dem höchsten Sitz der Gewalt ge­lenkt. Er wird Sic verrathen. O Schwäche des Herzens! O Gefahr der aus­schließlichen und bedachtlosen Liebe! Der stärkste Geist widersteht also nicht der Anziehung eines süßen Blickes. Eine weiße und zarte Hand kann den furcht­barsten Entschluß zunichte machen! Jammer, ewiger Jammer des menschlichen Herzens! Man trotzt vielleicht hundert Batterien, welche den Tod aus ihren Schlünden speien, aber man ist kraftlos gegen ein Weib ! Bekennen Sie, Haupt­mann, bekennen Sic, der trotzigste Stolz ist ein eitles Ding!

(Fortsetzung folgt.)