Politische Rundschau
Darmstadt. Das letzthin stattgefundene Examen der Freiwiüigen-Aspiranten soll, trotzdem es dabei sehr nachsichtig hergegangen, gar kein besonders günstiges Resultat ergeben haben. Rur ein sehr kleiner Bruchtheil der Freiwilligen-Candidaten passirte die Brücke. Bon einem solchen aus Offenbach erzählt man sich eine, auf die hochnothpeinliche Frage nach den Flüssen Afrika's ertheilte, die Sache mit Einem Schlage endigende Antwort: „Meine Herren," — rief der Geängstigte — „lassen Sie mich hinaus, ich will drei Jahr' dienen!" (M. Z.)
Darmstadt, 16. April. Die „Evangel. Bl." «heilen mit, daß Pfarrer Ritter von Planig wegen des vielbesprochenen Jesuiten-Artikels im „Gunav- AdolphS-Kalender" von seiner vorgesetzten Behörde einen Verweis erhalten habe.
Darmstadt, 19. April. Die süddeutschen Re- gierungen haben, ver „Voss. Ztg." zufolge, die Absicht kundgegeben, die dem BundeSrathe vorgelegte neue Maß- und Gewichtsordnung auch in ihren resp. Staaten einzuführen, und sie wollen deß- halb, sobald das Gesetz vom BundeSrathe und vom Reichstage angenommen sein wird, die entsprechenden legislatorischen Vorarbeiten in die Hand nehmen. Mit der Absicht, eine deutsche Gemeinsamkeit auf dem betreffenden Gebiete herzustellen, ist gleichzeitig auch die Absicht verbunden, in Betreff der Einführung der wichtigen Neuerung mit dem norddeutschen Bunde den gleichen Termin zu wählen. Wie bereits früher mitgetheilt, soll da- Gesetz für den norddeutschen Bund mit dem 1. Januar 1872 in Kraft treten.
Gießen. Trotz der wachsenden Lasten des Lan- des stehen im Landtag Anträge auf Erbauung eines Justizpalastes und eines neuen Gymnasialgebäudes in Darmstadt bevor. Auch hierFnden die Assisenverhand- lungen in einem gemietheten Wirthhaussaale Statt, und könnte nicht minder der Anspruch auf ein be- sonderes Justizgebäude erhoben werden. Das Darm- städter Gymnasialgebäude, früher Waisenhaus, ist allerdings nicht zu Schulzwecken gebaut, da es aber schon seit 40 Jahren genügte, scheint un« der gegen- wärtige Zeitpunkt am allerwenigsten geeignet zu sein, sür nicht unbedingt nothwendige neue Gebäude große Anforderungen zu stellen. (W. B.)
Gießen, 20. April. (Sitzung des Gemeinderaths vom 16. April.) Der Gemeinde, rath beschließt, mit Bezug auf die müntliche Der- Handlung mit dem Großh. Polizeirath Rover vom 22. Mai 1867 und auf das von diesem in Aussicht gestellte Einschreiten gegen die Reinigungspflichtigen, eine Mitwirkung ver Stadt zur Reinigung des Ea- nals in den Reuen-Bäuen abzulehnen.
In Betreff des baulichen Zustandes der Turnhalle soll Großh. Bauaccessist Wiessel ersucht werden, die Verbesserungen an dem Dach der Turnhalle baldmöglichst auszuführen.
Ebenso wird eine kleine Reparatur an der hiesigen Realschule beschlossen.
Die Auszahlung der vorgelegten Rechnung für Messung des zum Schießplatz sür das 1. Jäger- hataillon abgeholzten WaldtheilS wird bewilligt.
Der Gemeinderath gibt dem mit dem Buchdruckereibesitzer Pietsch vereinbarten Vertrage auf 5 weitere Jahre seine Zustimmung.
Die fällig gewordene Miethe von dem Aichlocal soll berichtigt, und in der Voraussetzung, daß die Stadt ein geeigneteres Local für die Arche in der Kürze zu erlangen im Stande sei, der Vertrag mit Heerz Wittwe gekündigt werden.
Die von dem städtischen Anwalt gegen die stadtgerichtliche Entscheidung vom 23. März 1868 in Sachen der Stadt gegen H. Becker eingelegte Berufung soll weiter verfolgt werden.
Die übrigen Vorlagen resp. Beschlüsse betreffen Angelegenheiten untergeordneter oder persönlicher Art. —
Friedberg. Der vom landwirthschaftlichen Ver- ein gewonnene Wanderlehrer für die Provinz Oberhessen, Herr C. Leisewitz, hat dahier seine Wohnung genommen und wird seine Thätigkeit zunächst im Kreise Vilbel beginnen. Im August und September wird derselbe an dem landwirthschaftlichen Lehrcursus für Volksschullehrer in Darmstadt den Unterricht in der Ackerbau, und Thierzuchtlehre ertheilen.
Der bisher am hiesigen Seminar fungirende Pfarr- amtscandidat Sold an ist zum definitiven Lehrer daran ernannt, ferner sind die Pfarrvicare Stamm und Marx, seither in Worms, als Lehrer an ge- dachte Anstalt berufen worden. Es fehlt jetzt noch die Ernennung eines Lehrers für die Naturwissenschaften ; dem Vernehmen nach soll mit dem Reallehrer Albert in Mainz verhandelt werden. (W. B.)
Berlin. Die „Krztg." glaubt nicht an eine bevorstehende Störung des Europäischen Friedens. Man könne, sagt das Blatt, in Frankreich eben auch nicht Alles, was manche Leute vielleicht möchten, und man scheine auch in den bestimmenden Kreisen nicht darüber in Zweifel zu sein, daß — trotz der Tiraden des Hrn. v. Girarvin — das Kaiserthum in Frankreich doch noch schlimmere Feinde habe, als das wohlgerüstete Preußen. Ueberdieß führe Frank- reich ohne Alliirten keinen Krieg, und die Alliirten seien in der gegenwärtigen Zeit sehr rar und theuer.
Berlin. Nachdem die Reichstagsmitglieder ge- stern bei ihrer Rückkehr die verheißene Vorlage wegen der Gewerbeordnung in Empfang genommen haben, konnte man heute schon die allerungünstigstcn Urtheile über dieselbe hören. Alle stimmen darin überein, daß die Vorlage auch nicht den kleinsten Theil der Forderungen erfüllt, welche man stellen muß; besonders scharf in ihrem Urtheil sind die Abgeordneten aus jenen Staaten, welche durch Annahme der neuen Gewerbeordnung um viele Jahrzehnte zurückgeworfen werden würden. Man ist neugierig, wie sich der Abgeordnete Braun, welcher zum Generalreferenten ernannt ist, zu der Vorlage stellen wird; er ist gerade in dieser Frage durch seine Vergangenheit so stark engagirt, daß es wohl unmöglich scheint, er werde nicht mit aller Entschiedenheit gegen die Regierungsvorlage auftreten. Voraussichtlich bringt die Commission nicht die amendirte Vorlage, sondern einen ganz neuen Ent- wurf vor das Haus.
Berlin, 18. April. Reichstag. Das Gesetz wegen Aufhebung der polizeilichen Beschränkungen der Befugniß zu Eheschließungen wird angenommen, ebenso der Antrag von Wagner und Planck, welcher dahin geht, den Bundeskanzler aufzufordern, Entwürfe zu einem gemeinsamen Strafrecht und Straf- processe für den norddeutschen Bund vorzubereiten und dem Reichstag vorzulegen. Es findet sodann Schlußberathung über den Antrag Aegidi's Statt, welcher dahin geht, den Bundeskanzler aufzuforvern, mit den ausländischen Mächten Verhandlungen zu veranlassen, um durch Uebcrcinkunft von Staat zu Staat die Freiheit des Privateigenthums zur See in Kriegszeiten zu einem vertragsmäßig anerkannten Grundsatz des Völkerrechts zu erheben. Der Antrag wirv angenommen. Der Antrag Waldeck's auf Abänderung des §. 32 der Verfassung und auf Diätenbewilligung wird mit 104 gegen 100 Stirn« men abgelehnt. Der Antrag Lasker's auf Nichtverfolgung der Mitglieder der Landtage und Kammern im norddeutschen Bund wegen gehaltener Reden wird angenommen.
Coblenz, 17. April. General v. Moltke kam, bevor er Vie hiesigen Festungswerke inspicirte, von Trier, wo er, wie verlautet, die Gegend von Kony, den Zusammenfluß der Saar und Mosel, in Au- genschein genommen, welcher sich in hohem Grave für Befestigung eignen und Deutschland eine Vormauer gewähren soll, weit wichtiger, als die jetzt geschleifte Festung Luxemburg.
Baden. Von Freiburg kommt die Nachricht, daß der greise Erzbischof Hermann von Vicari im 95sten Lebensjahre in der Nacht vom 13. auf den 14. d. Mts. in Folge einer Lungenentzündung gestorben ist.
Mannheim, 9. April. Nachdem das hiesige Pfervemarktcomits den ersten Theil seiner dicßjähri- gen Aufgabe zu allseitiger Zufriedenheit gelöst, hat dasselbe nunmehr auch die erforderlichen Einrichtun- gen getroffen, um den zweiten Theil in zweckent- sprechender Weise zur Ausführung zu bringen. Die hiebei zu Grunde liegende Absicht ist die, dem Mannheimer Maimarkt eine weitere Ausdehnung dadurch zu geben, daß neben dem Pferdemarkt ein größerer Rindviehmarkt abgehalten und mit diesem erstmals ein Farrenmarkt verbunden sein wird, außerdem wer- den, ebenfalls zum ersten Male, am dießjährigen Maimarkte größere Pferderennen und Zugproben für Pferde dahier stattfinden.
Der Farrenmarkt eröffnet den Händlern schöne Aussichten auf Absatz, da für die verschiedenen Ge- meinten des badischen Unterlandes viele Zuchtfarren neu angeschafft werden müssen, welche die Zahl 100 übersteigen, und da durch die betreffenden Bezirksämter die Gemeinderäthe dieses Landestheils auf den hiesigen Farrenmarkt hingewiesen und veranlaßt worden sind, ihren Bedarf auf demselben zu decken. Ebenso werden die Pferderennen und Zugproben, die nothwendige Ergänzung der Bestrebungen, auf dem Gebiete der Pferdeveredelung, voraussichtlich in weiten Kreisen Theilnahme finden und den hiesigen Markt beleben helfen.
Bei Ausführung dieser größeren Unternehmungen werden folgende Mittel zur Anwendung kommen:
1) Es werden 26 Prämien für die schönsten Zuchtfarren im Betrag von 1040 fl., 22 Prämien für vorzügliche Kühe und Rinder im Betrag von 660 fl. und ein Ehrenpreis der Stadtgemeinde Mannheim für die schönste Sammlung von Zuchtvieh, bestehend in einem silbernen Pokal im Werth von 300 fl., vertheilt werden. Zu diesen bedeu- tenden Preisen tragen bei das Gr. badische Handelsministerium 1000 fl., die Gemeinde und der landwirthschastliche Bezirksverein Mannheim ebenfalls 1000 fl. Außer diesen Prämien, welche den Hänv- lern in Aussicht stehen, genießen dieselben auch noch freien Rücktransport des hier nicht verkauften Zucht- Viehs auf den Gr. badischen Eisenbahnen.
2) Mit dem Maimarkt wird wieder eine Verloo- sung verbunden sein, und zwar als zweite Abthcilung der Lotterie, zu welcher 55,000 Loose ä 1 fl. per Stück abgesetzt worden sind. Für diese 2. Vcrloo- sung bleiben, nachdem auf die 1. 38,000 fl. verwendet worden, nach Abzug der Unkosten noch verfügbar 9500 fl., wofür 220 Gewinnste (darunter 40 Stück Rindvieh im Werthe von circa 6000 fl.) angekaust werden. Die übrigen 180 Gewinnste be- stehen in 25 landwirthschaftlicher und häuslicher Ma- schinen und Geräthe im Werthe von 1240 fl. und in 155 kleineren Preisen (Uhren, Silberwaaren rc.) im Betrag von 2260 fl.
3) An Preisen für Rennen und Zugproben sind ausgesetzt: Für Trabrciten 1 Preis von 75 fl. und 1 Preis von 25 fl. , für Flachrennen 1 Preis von 250 fl., für ein kleineres Jagdrennen 1 Preis von 300 fl., für ein größeres Jagdrennen ein Preis von 400 fl. nebst einem Ehrenpreis, gestiftet von Damen der Stadt Mannheim. Für Zugproben sind 3 Preise bestimmt, der erste von 50 fl., der zweite von 30 fl., der dritte von 20 fl. Die Gelder zu diesen Preisen sind theils von dem Gemeinderath in Mannheim bewilligt, hauptsächlich aber durch frei- willige Zeichnungen dahier aufgebracht worden.
Alles dieses wird in nachstehender Reihenfolge zur Ausführung gelangen:
Am Sonntag den 3. Mai, Nachmittags 3y4 Uhr, die Rennen auf den städtischen Neuwiesen.
Am Montag den 4. Mai, Nachmittags 12 Uhr, die Zugproben.
Am Montag und Dienstag den 4. und 5. Mai, die Musterung der prämirendm Farren, Kühe und Rinder, und am Dienstag, Nachmittag 3 Uhr, die Prämirung selbst auf dem Viehmarktplatz vor dem Heidelberger Thor. Ebenso wird der Ankauf der zur Verloosung bestimmten 40 Stück Rindvieh am Montag und Dienstag auf dem Markte erfolgen.
Am Dienstag, Abends 7 Uhr, die Verloosung in der neuen Halle des grünen Hauses (Lit. U 1 Nr. 1).
Während der Rennen und der Prämirung wird die hiesige Militärmustk aufspielen.
Zweckentsprechende Stallungen für werthvollere Pferde unv für die zum Markt gebrachten Zucht- farren sind in genügender Anzahl auf dem Viehmarktplatz vorhanden, und die Lieferung der erforderlichen Fourage wird an solide Uebernehmer zu mäßigen festgesetzten Preisen vergeben werden.
Sämmtliche Einrichtungen sind so getroffen, daß sie billige Anforderungen vollkommen zu befriedigen im Stande sind, und es werten die specicüen Programme hierüber soeben ausgegeben.
Es gehen nun die Wünsche des Comit6's einmü- thig dahin, daß der Markt überallher recht zahlreich besucht und benützt werden möge. Sh.
Florenz. Die officiöse „Correspondance Jta- lienne" schreibt: „Wir vernehmen, daß eine Militärconvention zur Verfolgung und Ausrottung des Räuberwesens zwischen den Behörden des neapolitanischen Militärgebiets und dem Commandant der an der südlichen Gränze des Kirchenstaates stehenden päpstlichen Truppen abgeschlossen worden ist. In Folge dieses Uebereinkommens treten alle voriges Jahr bis zu den Octoberereignissen gültigen Mili- tärconventionen wieder in Kraft." — Das „Gior- nale di Napoli" meldet, daß die Desertionen in den Reihen der päpstlichen Armee sortdauern. Am 8. April seien wiederum sieben Deserteure, nämlich vier Belgier, zwei Badenser und ein Graubündtner in Narni angekommen. Die päpstliche Regierung soll äußerst aufgebracht über diese Desertionen sein, gegen welche der Waffenminister nunmehr die strengsten Maßregeln ergreifen will.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


