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Feuilleton.

Das Testament des Großonkels.

Viertes Kapitel.

(Fortsetzung)

Der Angeredete erhob sich, und hatte bald seine drei Koffer geöffnet, und schien dann der aufmerksamen Untersuchung des Zollbeamten keine weitere Auf­merksamkeit zu schenken; er dachte schon wieder an etwas Anderes und bemerkte auch nicht, wie Jener, als er im Koffer auf einige Dutzend leinene Taschentücher stieß, das obere aufhob und die Zipfel untersuchte, und als er in deren Einem ein gesticktes I. G. fand, ihn scharf in's Auge faßte, dann die Koffer schloß und zu ihm sich wendend sagte:

Es ist genug, mein Herr, Sie können jetzt jeden Augenblick an'r Land gehen, wenn Sie wollen?"

Charles Preston, oder John Gratman, denn unsere Leser werden es bereits errathen haben, daß er es war, dankte dem Zollbeamten und rief einen Koffer­träger herbei, seine Koffer an's Land in einen Wagen zu bringen. Er selbst folgte, und beim Wagen angekommen, wollte er gerade dem Kutscher zurufen, wohin er ihn zu fahren habe, als er dicht hinter sich laut seinen Namen aus- gesprochen hörte. Schnell, wie es in solchen Fällen natürlich ist, wandte er sich um, doch er erblickte rund um sich nur Personen, die ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und theils unter sich im Gespräche begriff.« zu sein, theils ihre Blicke anderswohin gerichtet zu haben schienen; er sah noch einmal aufmerksam im Kreise herum, und als ihm durchaus nichts Auffallendes aufstieß, sagte er zu dem auf ihn wartenden Kutscher:Nach dem Broadway!"

Und als der Kutscher zögerte, fügte er hinzu:

Nur vorwärts, ich werde Euch schon sagen, wohin Ihr fahren sollt!"

Der Kutscher fuhr ab; langsam brach er sich Bahn durch das Gewühl der Weststreet, und es war wohl nichts Auffallendes darin, daß ihm zur selben Zeit noch zwei andere Kutschen folgten. Endlich gelangten die Wagen an den Broad­way. John Gratman hatte die vorderen Fenster herunter gelassen und rief jetzt dem Kutscher zu:

Einen Dollar mehr, wenn Ihr mich so schnell als möglich nach dem St. Denis Hotel fahrt!"

Sofort machte ein kräftiger Hieb die Pferde rascher anziehen, und bald überholte der Wagen die Omnibusse und andere Gefährte, die ihm voraus waren. Der Kutscher zeigte sich als ein geübter Roffelenker, denn mit bewundernswür­diger Geschicklichkeit schoß der Wagen durch die anderen hindurch, und oft schien nur ein Haarbreit zwischen seinen und der Anderen Räder sich zu befinden, doch auch die beiden andern Wagen folgten rasch, bis plötzlich an der Ecke der Broomstreet der Letzte durch einen großen Mcubleswagen, welcher quer aus der Broomstreet hervorkam, aufgehalten wurde, worauf die beiden Ersten bald aus seinem Gesicht waren. Nach wenigen weiteren Minuten hielten beide Wagen vor dem St. Denis Hotel. John Gratman ging an die Office und wurde, nachdem er seinen Namen in's Fremdenbuch eingetragen, auf sein Zimmer ge­führt. Gleich nach ihm trat ein anderer Herr ein, der das Fremdenbuch auf­schlug und dann in sein Taschenbuch folgenden Namen eintrug: Charles Preston, St. Denis Hotel, Nr. 32 & 33.

Zehn Minuten später erhielt Veerenborg folgenden Brief, der ihm durch einen Polizeibeamten gebracht wurde:

John Gratman ist heute mit der Persia eingetroffcn, auf dem Broadway habe ich seine Spur verloren, doch sollen Sie heute Abend noch wissen wo er ist. R. Brown."

Zur selben Zeit hielt ein Wagen vor Perry Myers Comptoir, aus welchem ein Zollbeamter stieg, der sich sogleich in Peery'S Sanktum verfügte, und den Letzteren, den er allein fand, mit folgenden Worten anredete:

John Gratman ist heute mit der Persia angekommen, und unter dem Namen Charles Preston im St Denis Hotel, an der Ecke der li Str. und Broadway abgestiegen, wo er die Zimmer 32 und 33 eingenommen hat."

Meinen besten Dank, Mr. Wallace," erwiederte Perry,erlauben Sie mir, Ihre Mühe zu vergüten, ich werde gleich in's Hotel fahren und meinen alten Freund aufsuchen."

Der Zollbeamte bot Perry seinen Wagen an, und sofort brachte derselbe, welcher Jenen hergesührt, diesen wieder zum Hotel zurück.

John Gratman hatte sich kaum seiner Reiscklcider entledigt, sich in einen weiten Morgenrock g hüllt und in einem jener bequemen amerikanischen Lehn­stühle Platz genommen, als auch schon an seine Thür geklopft wurde, und auf sein Herein! ein Kellner eintrat, und ihm auf einem Teller eine Karte über­reichte, die den NamenPerry Myers" trug, der, ohne eine Antwort abzu- warten, gleich nach dem Kellner in's Zimmer trat und mit den Worten auf John zueilte:

Wenn Charles PerkinS auch nichts mehr von feinen alten Freunden wissen will, so haben diese doch John Gratman nicht vergessen, und werden ihn auch unter dem Jncognito zu finden wissen."

Und er umarmte ihn und drückte ihm die Hände und fuhr fort:

John, ich bin freilich viel jünger als Du, doch trotzdem habe ich Dich immer lieb gehabt, und ich konnte cs mir nicht versagen, sobald ich Deine An­kunft erfuhr, der Erste zu sein, Dich hier zu begrüßen. Wie ist es Dir denn ergangen, mein lieber guter John?"

Ich danke Dir, Perry," antwortete er,doch sage mir, wie ist cs Dir möglich geworden, meine Ankunft hier, und noch dazu gleich im ersten Augen- blicke zu erfahren? Ich glaubte eher an Alles Andere, als daß Jemand meine Ankunft hätte im Voraus wissen können."

Und doch wußte ich dieselbe schon seit gestern, John!"

Aber wie? Wie ist das möglich? Und daß Du sogar meinen angenom- menen Namen weißt, unter dem ich reiste?"

Das ist mein Geheirnniß, John, welches ich Dir morgen Abend mittheilen werde, nebst noch vielen Einzelnheiten mehr, die Dich int-ressiren werden."

Dann werde ich dieselben wohl nie zu hören bekommen."

Und warum nicht?" fragte Perry.

Weil ich wahrscheinlich morgen nicht mehr hier sein werde," antwortete John Gratman.

Du willst New-Nork morgen schon wieder verlassen, und bist heute erst von Europa angekommen? John, das ist nicht möglich, das kannst Du mir nicht glauben machen, Deine Ankunft hier hat einen andern Zweck!"

Und welchen andern Zweck sollte sie haben?" versetzte John unbefangen Ich suche Niemanden hier, und weiß gewiß, daß auch Niemand mich hier er­wartet; wie gesagt, ich werde mich hier nur bis morgen ausruhen von der Reise, und morgen um diese Zeit habe ich New-Iork verlassen."

John, habe Vertrauen zu mir," erwiederte Perry,ich habe die Absicht, Dir zu helfen, wenn ich helfen kann und Du meine Hülfe annimmst."

John Gratman lächelte bitter.

,Ich danke Dir, Perry," sagte er,aber ich bin so an meine eigene Hülfe gewöhnt geworden, daß ich wider meinen Willen der Hülfe Anderer entbehren muß, ich danke Dir, Perry."

Ich bin der Einzige," fuhr Perry fort,der um Deine Ankunft hier weiß, und wenn auch die Deinigen Deine Ankunft hier erwarteten, so wissen Sie doch nicht, daß Du angekommen bist; so viel kann ich Dir sagen, daß man Deine Ankunft fürchtet."

John Gratman sah Perry lange forschend an.

Wenn meine Mutter'Dich geschickt hat," begann er endlich, und seine Stimme bebte, seine Wange war erblaßt, seine Rechte ballte sich krampfhaft, wenn meine Mutter Dich geschickt hat, so hättest Du Dir diesen Weg sparen können, hörst Du, Perry Myers ? Ich will nun einmal nichts mit jenen Leuten zu thun haben, und beim allmächtigen Gott, wenn sie meinen Weg kreuzen, so zertrete ich sie wie das giftige Gewürm unter meinen Füßen. Sage ihnen, Perry Myers, daß sie mich nicht reizen, oder wehe ihnen, sie sollen es büßen!"

Du verkennst mich, John," antwortete Perry ruhig und ernst,weil ich mich eben unschuldig weiß und mir keiner ungerechten Absicht bewußt bin, schreckt mich Dein Zorn nicht. Es war nicht meine Absicht, gleich im ersten Augenblick unseres Wiedersehens diesen Gegenstand zwischen uns zu erörtern. Ich hatte geglaubt, es würde sich dazu schon eine paffende Gelegenheit im Laufe der Zeit gesunden haben; doch Dein so eben fest ausgesprochener Entschluß, uns morgen schon wieder verlassen zu wollen, zwingt mich, schon jetzt eine Erklärung herbei- zuführe»."

Und wer könnte mich zwingen," antwortete John mit eisiger Kälte,eine Erklärung zu geben, wo ich keine geben wollte? Perry, Du hast mir die erste Stunde meiner Ankunft in Ncw-Iork sehr bitter gemacht, es ist besser für uns Beide, wir lassen diesen Gegenstand fallen, und schweigen."

Nein, John, nein, wir wollen nicht davon schweigen," drang Perry mit Wärme in ihn,wenn auch um Deinetwillen nicht, so doch um meinetwillen! John, ich will ganz offen mein Herz Dir ausschütten und Du wirst sehen, daß ich nur die redlichste Absicht Dir gegenüber hatte. Ich bot Dir meine Hülfe an, weil ich Deiner Hülfe bedarf, deßhalb habe ich Deine Ankunft so herbei­gesehnt, dcßhalb habe ich jeden von Europa kommenden Dampfer bewachen lassen, deßhalb wußte ich Deine Ankunft, sobald Dein Fuß nur amerikanischen Boden betreten, denn ich bin überzeugt, nur Du kannst mir den Schlüssel zu diesem Geheimnisse geben."

Und dieß Geheirnniß wäre?"

John, ich liebe Deine Schwester, Deine Schwester Eveline, und ich sehe sie leiden, leiden um Deinetwillen."

Deine Liebe muß sehr stark fein, wenn sie Dich so blind gemacht hat, daß Du Dich in dieser Angelegenheit an mich wendest, der Letzte in der Welt, der Dir in dieser Hinsicht nützen könnte. Und was den andern Punkt betrifft, muß ich Dir erwiedern, daß Eveline ein sechsjähriges Kind war, als meine Mutter mich aus dem Hause jagte; sie hat mich so gut wie nie gekannt, ich wüßte also nicht, was sie um mich leiden sollte."

John, wie verkennst Du diese edle, reine, jungfräuliche Seele! Eveline ist das Bild der sanftesten, zartesten Weiblichkeit, welches die Phantasie nur er­schaffen kann. Deine älteste Schwester hat sich seit mehreren Jahren nach dem Süden verheirathet, Dein Bruder ist feit zwei Jahren abwesend in Europa, Eveline ist allein bei Deiner Mutter zurückgeblieben, sic ist der Engel des Frie­dens, der dort in jenem Hause waltet, sie hat ihr ganzes Dasein der Mutter geopfert, sie lebt nur für diese. Wir liebten uns lange, und vor Kurzem hoffte ich dem Ziele meiner Wünsche nahe zu sein, da plötzlich kommt em Brief aus London und meldet Deine dortige Ankunft und Deine demnächstige Abreise von da auf bi er."

Darin erkenne ich den Finger meines würdigen Bruders."

Bon diesem Augenblicke an war Deine Mutter wie umgewandelt, man sieht, daß eine schwere Last auf dem ganzen Hause liegt, und ich muß Eoclinen leiden sehen; ich muß sie leiden sehen, ohne ihr helfen zu können, denn sie will sich mir nicht vertrauen. Ich bin gewiß, daß hier ein Geheimniß obwaltet, das mit Dir in Berührung steht, deßhalb, John, laß mich Alles wissen, schenke mir Dein Vertrauen, laß uns Freunde sein."

Warum sollen wir nicht," antwortete er,ich schätze Dich und liebe Dich, doch was mein Verhältn ß zu jenen betrifft, Perry, Du thätest besser, es unbe­rührt zu lass.n, mit meiner Mutter habe nur ich allein zu rechten und Niemand soll sich zwischen uns stellen."

Doch, John Gratman, doch, um EvclinenS willen," erwiederte Perry, sprich, was hat Dir Deine Mutter gelhan, daß Du sic so unbarmherzig ver­folgst, denn das mußt Du thun, sonst würde sie Dich nicht so fürchten, sonst würde die bloße Nachricht von Deiner Ankunft hier das Haus dort nicht wie mit einem Donncrschlagc treffen."

Perry, Du weißt nicht, was ich leide, laß diesen Gegenstand fallen, ich bitte Dich darum!"

Noch nicht, John, noch nicht! Sprich, willst Du Dich mit ihr versöhnen, soll ich versuchen, Euch einander zu nähern, willst Du mir die Erlaubniß geben, mit ihr zu reden, willst Du Dich ihr reuig nahen, ihre Verzeihung erbitten, John, willst Du Dich dcmüthigen? sprich, mein Freund, ich werde Alles thun, was nur in meinen Kräften steht und was Du nur wünschest."

Unschuldiger Mensch," sagte John bitter lächelnd, wie wenig kennst Du die Menschen! Acht Jahre und langer habe ich wie ein Lechzender in ter Wüste nach einem Trünke Wassers dieses Herz von Eisen, Stein, Granit angefleht; ich habe gebeten und gefleht, wie noch nie ein Kind zu seinen Eltern gebeten; ich habe an diesem Herzen gerüttelt, daß, wenn dasselbe auch nur eine einige mensch- liebe Fiber, wie die Herzen anderer Menschen enthalten hätte, es hätte gerührt werden müssen, doch nein, es blieb kalt und starr, wie Eis und Stein, nein, glaube mir, Perry, in dieser Frau lebt fein Herz und kein Gefühl, sie ist eine Abnormität ihres Geschlechts." (Forts, folgt.)