Berlin, 14. Oct. Die heutige „Prov.-Corr." bringt einen beachtenswerthen Artikel über die Aufgaben, welche den Prvvinzialständcn in Hannover und den Eibherzogthümern gestellt sind. Sie erwähnt, daß damit der Anfang einer umfassenderen provinziellen Selbstverwaltung gemacht werden solle, und die Staatsrcgiernng lediglich den Standpunkt einer Oberaufsicht festbaltcn und sich jedes leitenden Eingreifens in die ständische Verwaltung enthalten werde. — Die Angabe der „Hannoverschen Landeszeitung", daß die Zahlung von Pensionen und Unterstützungen aus den Schatullengrldern des Königs Georg eingestellt seien, bedarf der Berichtigung. Die Zahlungen werden fortgcleistet, jedoch sind die Ansprüche Derjenigen, welche sich als empfangsberechtigt meldeten, einer Prüfung unterworfen worden, wobei für Einzelne eine Verzögerung in der Zahlung entstanden sein mag, die aber nachgeleistet wird, sobald die Ansprüche für berechtigt erkannt worden sind. Einzelne Empfänger mögen aber auch bei dieser Gelegenheit von einer weiteren Auszahlung ihrer bisherigen Unterstützungen wohl ausgeschlossen worden sein.
Berlin, 17. Oct. Der „Staatsanzeiger" enthält eine vom 15. October datirte königl. Verordnung, durch welche der Landtag auf den 4. Novbr. einberufen wird. Die Verordnung ist vom Grafen Bismark mitunterzeichnet. •
Frankfurt, 19. October. Die bedauerlichen Straßentumulte in Dresden haben, wie aus den telegraphischen Mittheilungen hervorgeht, auch gestern ihre Wiederholung gefunden. Es fehlt zur Beur- theilung der Sachlage vorerst noch an einem klaren Einblicke in die Verhältnisse, welche die Veranläffung zu diesen Scenen gegeben haben. So viel geht indessen selbst aus der von den dortigen Regierungsorganen gebrachten Darstellung hervor, daß das eigentliche Motiv in burcaukratischen Uebcrgriffen der Polizeibehörde gesucht werden muß, wenn auch dieß Verfahren derselben formell mit den LandeSgcsetzen im Einklänge stehen sollte.
München, 17. Oct. Die Zahl der spanischen Throncandidaten hat sich wieder um einen vermehrt. Der „A. Allg. Ztg." wird aus London gemeldet: „Von mehreren Seiten wird gemeldet, daß General Cialdini in vertraulicher Mission sich nach Spanien begebe. Die „Jndcpend. Belge" behauptet: es geschehe dieß im Auftrage des Kaisers der Franzosen. Richtiger dürfte sein — denn die Thatsache der Reise des Generals an sich wird mir bestätigt — daß es sich hierbei um eine vertrauliche Sendung dcs Königs Victor Emanuel handelt, der sich aber hierbei des Einverständnisses seines kaiserlichen Verbündeten versichert hat. Noch mehr: es scheint auch das englische Cabinet nicht blos von der Lage unterrichtet, sondern derselben seine volle Billigung ertheilt und seine Unterstützung zugesichert zu haben. Ich will nämlich von einer neuen Caudidatur für den spanischen Thron sprechen, welche in Vorschlag gekommen ist, da definitiv sowohl von Monlpensicr als von Dom Luiz von Portugal, wie auch von dessen Vater und Bruder keine Rede ist, von einem englischen Prinzen gar nicht die Rede war, noch sein konnte, die Republik in Spanien unmöglich ist, endlich König Victor Emanuel die Candivatur seines zweiten Sohnes nicht zuläßt, da der Kronprinz von Italien noch keine Aussicht auf Nachkommenschaft hat, wohl aber Prinz Amadeus. Statt desselben brachte der König in Antwort auf die an ihn gelangten vertraulichen Anfragen seinen Neffen, den Prinzen Thomas von Genua, in Vorschlag, geboren am 6. Fe- bruar 1864, also noch nicht 15 Jahre alt, aber das ist kein Hinverniß, eher ein Grund mehr für die Generale, welche den Thron zu vergeben haben, auf diese Cand.datur einzugehen, über welche nunmehr General Cialdini mit ihnen verhandeln wird."
Karlsruhe, 17. Oct. Der „Karlsr. Ztg." zufolge wurde heute Vormittag iu Mannheim die re- vidirtc Rheinschifffahrtsacte von den Bevollmächtigten der betheiligten Rheinuferstaaten unterzeichnet.
Wie«, 17. Oct. Heute fand die erste Sitzung des Abgeordnetenhauses seit der Vertagung statt. Minister Graf Taaffe legte eine Verordnung vor, wodurch der Ausnahmszustand in Böhmen eingeführt wirb, rechtfertigt dieselbe mit der zwingenden Rothwendigkeit und ersucht um Ertheilung der 3n-, demnität. Die Regierung brachte ferner ein : den Gesetzentwurf, durch welchen die Verhängung von Ausnahmezuständen geregelt wird, einen Vertrag mit der Schweiz bezüglich der Grenzrcgulirung, einen Nachtrag zum österreichisch-englischen Handelsvertrag dud eine Postconvention mit der Schweiz. Der Justizminister kündigte die kaiserliche Sanction der
Gesetze, betreffend einige Abänderungen des Preßgesetzes, an.
Paris, 17. Oct. Der „Gauloiö" theilt das Gerücht von einem Attentat auf Prim mit. Die Kugel streifte Prim, welcher befahl, den Mörder frei zu lassen. Isabella wird Pau verlassen. Ein Privatbrief versichert, das Manifest der Regierung werde sich weder über die künftige Form der Regierung noch über einen Souverän aussprechen. — Das „Siede" klagt: In demselben Augenblicke, wo Oesterreich sich die Frage vorlegt, wie es die Tollheit hat begehen können, vor der weltlichen Macht des Papstes Schildwache zu stehen, ziehen wir zum zweitenmal vor dem Vatican mit dem Chaffepot-Ge- wehr auf die Wache. Zu dem Moment, wo die Italiener Voltaire übersetzen, möchte man unsere Kinder in den Pamphleten des Hrn. Dupanloup das Lesen lehren. Während die Spanier sich von den Jesuiten befreien, erdrückt man uns damit; während Madrid die Marseillaise singt, stimmt unsere Regierung die Litanei von Mentana an. — Nein, es ist unmöglich, daß wir, die wir stets bei der Avantgarde waren, uns noch lange in der Rolle der Nachzügler gefallen. Die osficielle Politik wird in Kurzem, bei Strafe des Selbstmordes, genöthigt sein, das „Niemals" des Hrn. Rouher zu desavouiren. Die anderen Völker haben bereits vor uns auf den päpstlichen SpllabuS geantwortet, aber gleichviel! Frankreich wird das Postseriptum dazu schreiben." — Der sogenannte Karl VII., der sich bekanntlich in Paris aufhält, wohnt in einem sehr kleinen, armseligen Hotel der Rue de Cadinal Fesch. Im Ganzen genommen hört man sehr wenig von ihm. lieber bedeutende Geldmittel verfügt der Prätendent bis jetzt nicht. — Nach Berichten aus Madrid hat die die provisorische Negierung die Absicht, die Religionsfreiheit dadurch sicher zu stellen, daß sie mit den verschiedenen Mächten Verträge abschließt, in denen fest- gestellt wirb, daß die Bürger der fremden Staaten in Spanien die nämlichen Rechte genießen, wie die spanischen Katholiken in den betreffenden fremden Staaten. Auf diese Weise will man der Religionsfreiheit eine internationale Bürgschaft geben.— Wie sehr die Jesuiten in Frankreich jetzt Wurzel gefaßt haben, geht daraus hervor, daß sie dieses Jahr 25 ihrer Schüler in die Militärschule St. Cyr und 27 in die polytechnische Schule brachten.
Paris, 17. October. Verschiedene bedenkliche Symptome werden neuerdings aus den spanischen Pro- vinziaistädten gemeldet. In Santander hat sich, nach rem „Libertö '-Corresponvent, eine gewisse Aufregung in Folge von Zwistigkeiten innerhalb der Junta kundgegeben. General Prim, davon berichtigt, hat durch folgendes Telegramm geantwortet: „Halten Sie die Ordnung unter Ihrer persönlichen Verantwortung aufrecht, und wenn Sie dazu Land- oder Seetruppen bedürfen, werden Sie sie geschickt be- köinmen. Wenn es nöthig ist, lösen Sie die Junta auf und ernennen Sie eine andere oder vielleicht ein Ayuiitamiento hMunicipalrath), ganz wie es Ihnen gutcünkt." Es geben sich neuerdings auch Agitationen in der Hauptstadt kund; Banden ziehen in der Nacht durch die Straßen mit rothen Laternen und dem Rufe: „Es lebe die Republik!" Die Caudidatur Espartero's und Prim's zum König ist wirklich schon ausgetaucht.
Vermischtes.
Gießen. (Sitzung des Gemeinderaths vom 13. Oct.) Anwesend: der Großh. Bürgermeister Vogt, dieGe- meinderathSmitglieder Berg, Loder, Möhl, Petri, Keller, Bücking, Rosenberg, Nagel, Felstng, Weidig, Silbereisen und Ricker.
Die von der oberhessischen Eisenbahngesellschaft vorgelegte Erklärung, worin diese znm Zwecke sofortiger Inangriffnahme des Baues der beiden Bahnlinien für die Uebcrnahme des städtischen Geländes die gesetzlich nornnrte Entschädigung zu leisten und die betreffenden Summen von jetzt! an bis zur Auszahlung des Kaufcapitals mit 5 Procent zu verzinsen verspricht, wurde Namens der Stadt vom Gemeinderath unterschrieben. Ebenso wurde der vorbehältlich höherer Genehmigung abgeschlossene Vertrag bezüglich der Herstellung der durch Erbauung der beiden Linien nöthig werdenden Uebergänge und Wege in der Gemarkung Gießen vom Gemeinderath unterzeichnet, mit dem Anfügcn, daß bei Nr. 7 den Worten „eine Durchfahrt bei Profil 6,st" hinzügefügt werde „von genügender Breite für Trottoir auf beiden Seiten."
Der Gemeinderath beschließt, die- jetzt schon vorkommeuden Culturkosten für 1869 aus der Stadtcasse bezahlen zu lassen.
Gießen. (Sitzung des Gemeinderaths vom 15. Oct.) Anwesend waren: der Großh.,Bürgermeister Vogt, die Geme nderathsmitglieder Weidig, Möhl, Berg, Löber, Bücking, Rosenberg, Haustein, Keller, Ricker, Nagel, Felsing und Petri.
Der Gemeinderath sprach sich in Beziehung der Meldung des Octrvicontrvleurs Jost dahin aus, daß dessen Stelle beizubehalten sei. Hierauf schritt er zur Wahl eines Thorschreibers am Sel- tersthor und erhielt Heinrich Frech die meisten Stimme». Der Diensteintritt desselben soll mit dem 20. d. Mts. erfolgen und der Großh. Bürgermeister ermächtigt sein, die Wohnung des
selben am SelterSthor auf Kosten der Stadt weißen und Herrichten zu lassen. Sodann beschließt der Gemeinderath, unter Aufhebung seines bezüglichen Beschlusses vom 8. d. Mts., dem bisherigen Erheber Herbert, dessen Frau inzwischen gestorben ist, und.welcher mit seinem Sohn Gießen verlassen wird, bis zu seinem Tode einen Sustentationsgehalt von 150 fl. zu bewilligen.
Das Gemeinderathsmitglied Bücking wurde zum Vorsitzenden und das Gemeinderathsmitglied Hanstein zum Schriftführer der Commission zur Prüfung der 1867er Rechnung bestimmt.
Das von dem Gemeinderathsmitglied Rosenberg vvrgelesene Antwortschreiben an das Direktorium der Großh. Realschule wurde gebilligt.
Der Gemeinderath gibt die zur Vorspannleistung für die zum Norddeutschen Bund gehörigen Truppen beantragte Zustimmung ; es soll aber bei Großh. Kreisamt angefragt werden, ob die Stadt zur Fuhrenleistung in der stattgesundenen .Weise verpflichtet sei.
Der Gemeinderath beschließt in Betreff der Uebernahme der Sandgrube am Schiffenberger Wege, den Vorbehalt des Ehr. Schäfer zurückzuweisen, und diesem zu bemerken, daß wenn er auf die Bedingungen des Gemeinderaths nicht unbedingt eingehe, er für den ohne Erlaubniß ausgebeuteten Theil eine geeignete Entschädigung zu zahlen habe, und er wegen dieses Eingriffes in städtisches Eigenthum außerdem zur Bestrafung gezogen werde.
Der Gemeinderath beschließt, das Gesuch der Firma L. & A. Petri um Ueberlassung eines Grundstücks zwischen - ihren Häusern auf der Neuen Anlage zu bewilligen, und das Gelände um den Durchschnittspreis auf unbestimmte Zeit zu überlassen.
In Betreff des Gesuchs des Fr. Schwab beschließt der Gemeinderath, da wegen der vorgerückten Jahreszeit keine Pflasterung mehr vorgenommen werden könne, so soll einstweilen eine Deckung mit Sand erfolgen.
Die übrigen Beschlüsse betreffen Angelegenheiten persönlicher Art.
Darmstadt, 17. Oct. Der den hiesigen Kreisen theils durch langjährige Thätigkeit als Landtagsabgeordneter, theilS als Lehrer an der Universität Gießen bekannte Verfasser der „deutschen National-Literatur", Professor Hillebrand, ei» 83jähriger, aber geistig noch rüstiger Greis, welcher feit mehreren Jahren vollständig erblindet war, wurde von unserem als tüchtiger Operateur bekannten Augenarzt, Dr. Adolph Weber, mit solchem Erfolg operirt, daß er nunmehr wieder in gewohnter Weise seinen Lieblingsstudien obliegen kann.
Friedrichshafen, 11. Oct. Dem „Schwab. Merkur,, wird von hier geschrieben: „Wir haben in den letzten Tagen die Ueberschwemmung des Rheinthales auf Grund eigener Anschauungen zu schildern gesucht. Heute führen wir den Leser in einen Ort und in Wohnungen ein, welche nun zum größeren Theile vom Wasser befreit sind. Die Häuser sind zm» Theil versunken, voll Schlamm und üblem Geruch in Folge eingetretener Gährung verschiedener Lebensmittel, zum Theil ist eS kaum mehr möglich, nur Haus- und Zimmerthüren zu offnen, die irdenen Oefen sind zerrissen oder aufgelöst, inzwischen haben Kröten, Eidechsen, Ottern in denselben Schutz gegen Wasser und Kälte gesucht, und diese Wohnungen sollen nun, da der Winter vor der Thiire ist, bezogen werden,
Amerika. Der Judianerkrieg nimmt täglich eine bedenklichere Gestalt an. Raub und Mord sind in Kansas jetzt an der Tagesordnung; Männer werden zu Dutzenden scalpirt; Weiber und Kinder in der schrecklichsten Weise gemißhandelt und verstümmelt. Dagegen sind der amerikanischen Truppen nur wenige, denn in eine Abtheilung conceritrirt könnten sie auf diesen weiten Ebenen nichts anSrichten, und der Krieg verspricht eine gute Spanne Zeit zu dauern. Allerdings fühlen sich die Indianer nach Bewaffnung der Unionstruppen mit Hinterladern nicht mehr so sicher, da hierdurch ihre alte An- griffSweise — den Feind zu umschwärmen und erst, nachdem er seinen ersten Schuß verschossen, auf ihn einstürmen — unwirksam gemacht wird. Wie die Sachen jetzt stehen, so läßt sich kaum eine Beendigung dieser Jndianerangriffe vor Vertilgung deS ganzen Stammes erwarten.
Schweiz. Im Kanton Glarus sollen, der „Glarner Ztg." zufolge, nächstens neue Versuche angestellt werden, aus dem Klönthalcr See die Armee-Caffe heraufzuholen, welche die Russen bei ihrem Rückzüge im Jahr 1799 dort versenkt hätten. Man erwartet nur noch einen Tauchapparat, der es gestattet, sich einige Stunden lang unter Wasser aufzuhalten. Die von einigen reichen Privatleuten unterstützten Taucher hoffen durch die, übrigens sehr kostspielige, neue VerfahrungSweise ihren Zweck zu erreichen, wenn, wie eine Tradition meldet, dieser Schatz wirklich auf dem Grunde des See's ruht.
Frankreich. Henri Rochefort haucht in seiner Lanterne Frau Gugenie in Paris etwas unsanft an. Er fragt, was für ein Weib das fein müsse, das Frau Isabella (in Biarritz) umarme und küsse, die angezoge» kam mit ihrem Manne an einem Arm und mit ihrem Liebhaber Marfori am andern Arm. WaS Mutter Eugenik darin ihrem Söhnlein geantwortet habe, als er fragte, wer der Herr mit dem großen Schnurrbart sei, dem die Königin(so freundlich zunicke? Solche kleine frühreife Bursche hätten oft gar sonderbare Gedanken.
England. Fran Times tu London hat einen bitterbösen republikanischen Anfall. Sie redet den Spaniern kräftig zu, keinen „Schnappsackritter" zu wählen „der sein Rest mit einer fetten Civilliste ausfüttere", sondern eine Republik zu etabliren. Es gebe ja ohnehin Keinen, den sich die Spanier znm'Könige wünschten, und ebenso Keinen, der würdig wäre, König zu werden.
Italien. Pius IX. weiß, was er in Spanien wünscht und sagt es auch gerade heraus. Er läßt in allen .Streiten für die Herstellung der alten Zustände beten und betet selber eifrig. Die Spanier sind, obgleich sie Niemanden von nun an zwingen wollen, katholisch zu sein oder zu werden, gute Katholiken. Als ein Bataillon Nationalgarde in Madrid durch die Straße zog und einem Priester mit der Hostie für einen Sterbenden begegnete, machte es ohne Commando Halt, prci- fentirte das Gewehr und beugte das Knie. Man steht, die katholische Religion ist nicht gefährdet, auch wenn die Kirche keine Zwangsanstalt mehr ist. Von dem Concordat mit Rom will freilich das Volk nichts wissen; in Madrid unb Barcelona hat es das Concordat vor dem Palast des päpstlichen Gesandten verbrannt.
Redaction, Druck und Verlag der Br üblichen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


