Feuil
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
— Nicht übel, dachte Chateauneuf. Er wird sich wahrscheinlich vor meiner Rache sichern wollen.
— Ich bin überzeugt, fuhr Reymonv fort, daß mein Freund bereits Frau- lein de Reneey anf's Höchste verehrt.
— Vielleicht, mein Herr, antwortete die Stimme.
— Sie werden einräumen, mein Fräulein, daß er ungewöhnlich viel Geist besitzt.
— Ich habe ihn doch ein wenig außer Fassung gebracht, antwortete die Stimme.
— Durfte ich so glücklich sein, zu erfahren, wie dieser seltsame Besuch abgelaufen ist?
— Morgen, antwortete die Stimme, welcher wahrscheinlich daran gelegen war, die Unterhaltung zu beenden.
— Morgen! wiederholte der Hauptmann. Wie glücklich bin ich! Dennoch wage ich, Sie um eine Gunst zu bitten. Da es mir nicht verstattet ist, das angebctele Antlitz des Fräulein de Reneey zu erblicken, wird sie vielleicht so gütig fein, wir durch das Schiebsenster ihre Hand, ihre Fingerspitzen zu reichen?
Das Herz des armen Herrn Chateauneuf bebte vor Unruhe, vor Weh. Aber Vies Herz war gegen das Leid gewappnet
Reymonv sah die Finger einer Hand durch das Schiebfenster gestreckt; er beugte sich herab irno druckte feine heißen Lippen auf die rosigen Finger, welche sogleich mit einer krampfhaften Bewegung zurückfuhren.
— O, segne der Himmel Sie tausendmal! tief der Hauptmann aus, Sie die edelste, schönste und geliebteste der Frauen!
Bei diesen Worten wurde das Schiebfenster rasch geschloffen. Der Jäger schlug den Weg nach dem Gehölze ein, welches zur Loire hinabführte, um nach seiner „glücklichen Insel" zurückzukehren.
So erlangte Coraly unter der Verkleidung eines Museadins den unwiderleglichen Beweis der Liebe Reymonds zu Helene de Reneey; so erlangte sie gleichfalls ein schriftliches Zeugniß, das, wenn sie wollte, den künftigen Gemahl ihrer Nebenbuhlerin zu verderben im Stande war. Denn der Brief des Abbö sprach von dem Vertrauen, welches ihm der Offizier Bonaparte's einflöße, und von all' den Diensten, welche derselbe bet einer wohlgeleiteten militärischen Operation zu. leisten vermöge.
Was die Gefahr betrifft, welche den Abbö durch eine Veröffentlichung dieses Briefes bedrohen wurde, so war der tollkühnen Coraly hieran wenig gelegen.
Herr Chateauneuf beeilte sich, wieder nach dem Schloßhofe zu gelangen, wo er Franyois mit den Pferden traf. Ohne sich von dem armen Greise, Herrn de Reneey, verabschieden zu wollen, dessen Wahnsinn ihm eben so viel Mitleid einflößte, wie ihm der Charakter Helenens Bewunderung erregte, schwang sich der Museadin aus sein Pferd und sprengte im Galopp in der Richtung nach Tours von dannen.
Im Fasanen angelangt, schrieb er eiligst ein Billet, und sandte es durch einen zuverlässigen Boten an den Fischer Antoine, welchen Namen der Hauptmann angenommen hatte.
Herr Chateauneuf bestellte auf denselben Abend um neun Uhr den Hauptmann Reymonv zu einem Rendezvous im Hotel zum Fasanen — den Hauptmann Reymonv, welcher ihm so zärtlich Vie Hanv geküßt, und ihm zuvor durch das Loch eines Schiebfensters ein so naives, so leidenschaftliches Geständniß abgelegt hatte.
22.
Ein Abendessen unter vier Augen.
Es war acht Uhr Abends.
In dem Hofe des Hotels zum Fasanen lud man verschiedene Gepäckstücke auf eine Postkutsche, — zum großen Bedauern des Wirthes, welchem dieser Wagen einen so vornehmen Gast entfuhren sollte, der seit etwa acht Tagen eine große Gesellschaft an die Wirthstafel des Fasanen gelockt hatte.
Dieser Gast besaß, trotz seines anscheinend mißlichen Charakters, ein vortreffliches Herz. Seinen tollen Streichen folgte stets eine edle und freiwillige Sühne. Wenn er die Männer hänselte und neckte, war er gegen die Frauen der liebenswürdigste Gesellschafter und beschützte sie wie ein Bruder.
Außerdem besaß Her Chateauneuf — denn von ihm ist die Rede — eine in den Augen seine« Wirthes vorzügliche Eigenschaft: er bezahlte stets seine Rechnung, ohne sich um die einzelnen Posten zu kümmern.
Für Herrn Chateauneuf war jede Rechnung eine Chiffre, die er, einerlei wie groß, in blanke Silber- oder Goldstücke übersetzte, während damals in der Geschäftswelt das Papiergeld noch von einer Hand in die andere wanderte.
Der Museadin hatte diesen Abend auf seinem Zimmer zu speisen verlangt. Man hatte ihm dort einen Tisch mit zwei Gedecken anrichten müssen. „
Zwei oder drei schöne Damen, welche feit einigen Tagen im Hotel zum Fasanen logirten, zischelten sich zu, der Museadin müsse ein sehr geheimnißvoller Mensch sein, da er sich seit ihrer Ankunft vor aller Welt versteckt halte.
Vielleicht klagten ihn alle Damen im Stillen der Undankbarkeit an, da er abreise, ohne sich bei den Gästen verabschieden zu wollen, deren Idol der Bewunderung er geworden war.
— Aha, Herr Chateauneuf, Ihr letztes Abendessen in Tours soll ein Tete- ä-tete sein! und mit wem?
Diese Frage stellte sich Jeder an der Wirthstafel, als man plötzlich einen Dragoner-Offfzicr in voller Uniform eintreten sah.
Derselbe wandte sich an einen der Gäste.
— Mein Herr, sagte er, ich fand Niemanden im Hose und auf der Vor- diele, den ich hätte fragen können. Sind Sie im Stande, mir anzugeben, wo da« Zimmer de« Herrn Chateauneuf sich befindet?
Ein allgemeiner Ausruf der Freude und Bewunderung ließ sich vernehmen. Der moralische Ruf des MuSeadinS hatte seine ganze jungfräuliche Unbescholtenheit wieder erlangt — es war ein Freund, den er zum Abendessen erwartete! Die Frauen hätten vor Rührung meinen mögen.
Der angeredete Gast stand auf, nahm ein Licht vom Tische und antwortete dem Offizier mit großer Höflichkeit:
I e t o n.
— Hauptmann, es wird mir ein Vergnügen fein, Euch zu dem Zimme des jungen Mannes zu führen, welcher unser aller Freund geworden ist.
— Ja, ja, unser aller Freunv! stimmten die Gäste ein. Welch' ein geistvoller Kopf! Welch' ein großer Bürger!
— Unser wahrhafter Freund! fügte eine Dame hinzu. Welch' eine Erhabenheit der Gefühle! Was für ein Herz! . . . welch' ein Zartgefühl!
— Donnerwetter! dachte der Offizier. Alle Welt ist ja entzückt!
Er wurde auf das Zimmer des Herrn Chateauneuf geführt. Die Thür schloß sich hinter ihm.
Der Hauptmann Reymonv und der Museadin standen einander gegenüber wie zwei bevollmächtigte Minister, die sich nach vielen diplomatischen Conferenzen ein letztes Rendezvous geben.
— O, o, Hauptmann! rief ihm Herr Chateauneuf entgegen. Wir heben das Jneognito auf! Wir erscheinen in voller Uniform! Der Feldzug ist also eröffnet?
■ — Ja wohl lieber Freund, versetzte der Offizier. Ich will nicht der Letzte fein, welcher sich in Uniform blicken läßt, wenn das Vaterland feiner Beschützer bedarf.
— Das heißt, Euer General ist gelandet, und Ihr wollt zu ihm hineilen, um Regimenter zu werben und nach Paris zu marschiren.
— Doch nicht, antwortete der Hauptmann. Ich habe andere Plane. Ich habe Euch schon gesagt, daß ich nicht gegen das Gouvernement conspirire.
— Recht schön; aber wenn Ihr feinen Sturz beschleunigen könnt, werdet Ihr ihm bei erster Gelegenheit einen Stoß vor die Brust geben. Wollt Ihr nach der Provence reifen, um Bonaparte zu erwarten? Ich glaube, er muß noch in Sardinien fein, wo er eingelaufen ist, nachdem er, wie durch ein Wunder, das englische Kreuzgefchwader passirt hat. Der Admiral Sidney Smith ist ein großer Pinsel.
— Herr Chateauneuf ist gut unterrichtet, erwiderte Reymonv; aber ich glaube noch besser unterrichtet zu fein. Wir erhalten unsere Kunde aus sehr verschiedenartigen, allein sicheren Quellen. Wie pikant! Das Directcrium setzt Herrn Chateauneuf von Allem in Kenntniß, und die Feinde des Direktoriums haben die Freundlichkeit, mir gleichfalls alle wichtigen Ereignisse zu berichten. Wir erhalten Beide die Mittheilungen, welche man uns zukommen läßt, ohne für dieselben zu bezahlen, ja, ohne sie nur zu verlangen. Ist das nicht ganz ergötzlich, Bürger?
— Höchst ergötzlich! bestätigte der Museadin. Aber laßt uns speisen; ich lade euch zu einem Abendessen ein, Hauptmann.
— Ich nehme die Einlaoung mit herzlichem Dank an, versetzte der Offizier, sein Degengehenk losschnallend.
Die beiden Gäste nahmen an einem hübsch gedeckten runden Tische einander gegenüber Platz.
Man schickte Vie Kellner fort, um freier zu plaudern; die Thüren wurden vorsorglich geschlossen; ein Armleuchter mit sechs Kerzen brannte auf dem Eßtische ; der übrige Theil des Zimmers war blendend erhellt. Herr Chateauneuf gab dem Hauptmann ein glänzendes Abschiedsmahl.
— Nun, fragte der Erstere, wo ist Bonaparte gegenwärtig? Den wie- vielsten schreiben wir heute?
— Den achtuudzwanzigsten September, antwortete der Offizier. Bonaparte ist überall und nirgends.
— Er hat an der Spitze der Insel Sardinien angelegt.
— Ja wohl, lieber Fcund, sagte der Hauptmann; aber er ist schon wieder abgefahren.
— Ihr könnt nicht läugnen, mein diplomatischer Herr, daß Euer General, als er Egypten verließ, gegen widrige Winde zu kämpfen hatte.
— Ich leugne weder die Winde, noch sonstige Hindernisse jeder Art.
— Der Admiral Gantheaume wollte in den Hafen von Alexandria zurückkehren.
— Ganz recht, mein Herr, Bonaparte widersetzte sich dem, und Vie Flotille setzte ihren Cours fort.
— So ist es, Herr Hauptmann, diese Flotille besteht aus ...
— Wißt Ihr Vas nicht, Herr Chateuneus?
— Gerade so gut, wie Ihr, Herr Hauptmann. Die Flotille besteht aus zwei Fregatten, der „Muiron" und der „Ceres".
— Fugt noch zwei kleinere Fahrzeuge hinzu, versetzte der Offizier, von welchen eines die „Rache" und das andere das „Glück" heißt.
— Sicherlich eine gute Vorbedeutung, Hauptmann! antwortete Chateauneuf. Es scheint, daß wir Beide nicht übel unterrichtet sind. Jndeß muß ich bekennen, daß ich in einer Hinsicht in Zweifel bin: Bonaparte ist, seitdem er an der Spitze Sardiniens anlegte, mir aus den Augen entschwunden. Ich frage Euch: Wo ist er in diesem Augenblick?
— Herr Chateauneuf möchte mir die Würmer aus der Nase ziehen? lachte der Offizier.
— Eine geschmackvolle Redensart, Hauptmann! Ich möchte nur Bescheid wissen. Das Direktorium selbst ist ohne weitere Nachricht.
— Und möchtet Ihr ihm die Auskunft mittheilen, welche ich Euch geben könnte? fragte der Offizier. Herr Chateauneuf ist dafür zu rechtlich.
— Gewiß, Hauptmann. Verlaßt Euch daraus, ich könnte mich von Allem lossagen, aber nie von der Rechtlichkeit.
— Wohlan, versetzte der Offizier. Also vernehmt, Herr Museadin, Bonaparte landet heute, am 28. September, in Ajaccio. Er steht die Wiege seiner Kindheit wieder. Ein aufregendes Gefühl für ihn, wie Ihr Euch denken könnt!
— Der arme Junge! lachte Herr Chateauneuf. Er ist so gefühlvoll!.. . Und wohin, Herr Hauptmann, wird sich der ruhmbedeckte General von Ajaccio begeben ?
— Nach Frankreich, lieber Freund, antwortete der Offizier.
— Wird er in Marseille, Toulon oder Antibes landen?
— Das weiß .ich nicht, versetzte'der Offizier. Der Adler verkündet nicht vorher die Uferstelle, wo er sich nicderlassen wird.
— Bonaparte ist also ein Adler? fragte der Muscadin.
— Wie Sie ein Schwan sind, reizende Coraly, antwortete lebhaft der Offizier, indem er seiner Gefährtin die Hand drückte.
Dieser plötzliche Ausbruch von Begeisterung und Zärtlichkeit veränderte die Situation. (Fortsetzung folgt.)


