Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung)
— Darf man fragen, wa« Du da schreibst, ohne indi-cret zu erscheinen? fragte Coraly mit boshaftem Tone.
— Recht gern. Ich antworte: Da meine Kollegen und ich zu der Er- kenntniß gelangt sind, daß dieser Offizier verdächtig, ja, ein Verbrecher ist, so ertheilc ich der Polizei den Befehl, ihn zu verhaften.
Coraly vermochte kaum eine heftige Aufwallung des Zornes zu unterdrücken.
— Ihn verhaften! rief sie dann mit unbeschreiblichem Tone. Ah, Herr Graf, heißt das nicht Vic vergangene Zeit, jene verruchte Herrschaft der persönlichen Laune zum Excmpel nehmen?
— Nein, ich gebrauche mein Recht.
— Das gleicht aber einem geheimen königlichen Vcrhaftsbefehle wie ein Ei dem andern.
— Durchaus nicht.
— Nun, wenn es sich nicht völlig gleich ist, springt Einem doch die Aehn- lichkeit in die Augen. Jedenfalls heißt es die Willkür so ziemlich auf Vie Spitze treiben, um mich keines stärkeren Ausdrucks zu bedienen.
— Du bist toll, Mädchen! Bald wirst Du mich zornig machen!
— Köstlich! Was nennst Du wohl Zorn? fragte Coraly. Ist, was Du da schreibst, nicht ein Act der Wuth?
— Das ist zu viel! versetzte Barras mit strengem Tone. Soll ich Dir etwa jetzt beweisen, baß Du wahnsinnig bist?
— Beweise mir's! Ich höre schon zu.
— Du willst es?
— Ich verlange es. Sprich!
— Wenn ich sprechen muß, werbe ich grausam sein. Mache Dich also darauf gefaßt!
— Der Weise bebt vor keinem Schicksalsschlage, rezitirte Coraly pathetisch, aber voch wiber Willen eröleichenb.
— Immer nur Spott! Wohl, es sei! In der That erzeige ich Dir viel- leicht einen Dienst dadurch, sagte Barras. Laß Dich also beveuten, Kind, baß Du bei Vieser ganzen Sache eine extravagante Schwärmerin bist. Die Leiven- schaft ist Dir in's Hirn gestiegen ... Du bist toll geworven, ich begreife nicht wie . . . aber mit einem Worte, ob Du Dich ernstlich — das wäre schon cu- rios genug — in Viesen Offizier verliebt hast, welchen Du erst seit wenigen Tagen unv durch meine Vermittlung kennst, over ob Du nur ein phantastisches Interesse des Augenblicks für ihn hegst, bleibt sich gleich; in beiven Fällen bist Du von ihm betrogen . . .
— Ich! rief Coraly plötzlich erröthend aus.
— Niemand anvers! Vor der Polizei, siehst Du, schwindet jede Illusion. Wir wissen bestimmt, daß der schöne Afrikaner mit einer^leidenschaftlichen Liebe im Herzen nach Frankreich zurückgekommen ist. Du seufzest nach ihm . . . Dein Cavalier läßt sich anbeten und ist doch zum Sterben in eine Andere verliebt. Das ist eine grausame Nachricht, nicht wahr, schöne Coraly? Aber Du hast mich gezwungen, sie Dir mitzutheilen.
Coraly heftete ihre großen, funkelnden Augen auf den Direktor. Es lag Zorn, Trotz unv Zärtlichkeit in ihrem Blicke.
— Du zweifelst an meinen Worten? fragte Barras.
— Ich zweifle an Nichts, wenn ich Beweise erhalte, antwortete Coraly.
— Beweise! rief ver Direktor aus. Fürwahr, an Venen fehlt es nicht! Der Hauptmann hat sich weder in eine Sultana, noch in eine Aimee vergafft. Er ist nicht der Mann, welcher vor seiner Geliebten entflieht. Der Herr Love- lace ist im Gegentheil zurückgekommen, um die schöne Clariffe wiederzusehen, welche in seinem Vaterlande geblieben war.
Zur ersten Liebe Glück
Kehrt stets der Mensch zurück —
— Du kennst das Lied, nicht wahr, himmlische Coraly? Du würdest also jedenfalls nur Nr 2 fein, v. h. sein Zeitvertreib, das Spielzeug seiner Laune; Venn Nr. 1 existirt in all' ihrer Glorie. Ich stoße Dir einen Dolch in Dein armes kleines Herz, mein Kind — es thut mir leiv, aber . . .
— Kennst Du ven Namen Vieser Frau? unterbrach in Coraly mit völliger Ruhe.
— Die Polizei weiß Alles. Diese Frau ist eine junge Dame Ver vornehmsten Abkunft, eine Aristokratin; sie heißt . . .
— Still, Bürger Barras! fiel ihm Coraly in's Wort. Ich will nichts weiter erfahren. Was geht cs mich an? Ist Vieser Offizier mir irgend von Wichtigkeit? Ein Hauptmann der Cavallerie, wie man deren zu Tausenden findet! Ein Orvonnanzoffizier, dessen glorreichste Waffenthat vielleicht in der Mission besteht, welche er gegenwärtig erfüllt, in der Mission eines Fahnen-Ueber- bringers . . .
— Bravo! rief Barras aus. Jetzt erkenne ich wieder meine entzückende Coraly!
— Welch' ein Anspruch auf Ruhm, fuhr sie mit beißendem Spotte fort. Bewundern wir diesen Helden! Während so viele Andere in Egypten bleiben, um sich Tag für Tag mit den Türken und Arabern herumzuschlagen, läßt sich dieser tapfere Hauptmann von seinem General den Auftrag geben, ein Paar Pferdeschwänzc zu spediren; denn sagtest Du mir nicht, daß er hergekommen sei, um die drei Roßschweife von Murad-Bey und die zwei Roßschweife von Ibrahim-Bey zu überbringen?
— Ja wohl, anbetungswerthe Coraly.
— Herrliche Waffenthat! sagte sie mit einem seltsamen Ausdruck, aber schöner als je. Glorreiche Waffenthat! Das Meer auf einem sicheren Schiffe durchfahren, begleitet von zwei bis an die Zähne bewaffneten Dragonern, von Toulon nach Paris reiten, hier nach einer vergnügten Reise anlangen und zu Füßen des Directoriums zwei Feldzeichen niederlegen, welche freilich dem Feinde genommen worden sein, aber vermuthlich durch seine Kameraden. O, es ist zum Entzücken, es ist göttlich! Vie Nachwelt wird davon reden!
— Alles was Du sagst, ist voller Geist, Logik und Wahrheit, versetzte Barras, seinen Brief zusiegelnd. Da nun dieser Offizier gleichfalls der geheime Agent einer Partei ist, deren Treiben wir aufvecken werden, muß ich ihn ver
haften lassen. Sei so gut, einem Deiner Leute zu schellen. Dieser Brief ist a« den Polizei-Minister zu besorgen.
Coraly blieb unbeweglich auf ihrem Stuhle, die Stirn auf die Hand gestützt und von einem Sturm aufregender Gedanken bewegt. Sie hörte nicht mehr auf Barras, welcher jetzt aufstanv und zu einem Klingelzuge neben dem Kamine hinüberschritt. Allein in demselben Augenblick trat ein Diener in'« Zimmer und sagte mit lauter Stimme zu der Herrin des Hauses:
— Will Fräulein dem Hauptmann Reymoud die Ehre erweisen, ihn zu empfangen?
Dieser Name berührte Coraly wie ein elektrischer Schlag. Sie fuhr zusammen, warf ihr Haupt stolz in die Höhe und antwortete dem Bedienten nur durch einen zornigen Blick.
Der Direktor übernahm es, zu antworten. Seinen versiegelten Brief auf das Marmorgesims des Kamins niederlegend, sagte er dem Diener;
— Fräulein ist zu Hause, laß ihn kommen!
Gleich darauf trat der Hauptmann über die Schwelle in den Saal und begrüßte Coraly wie den Direktor, den er nicht hier zu finden erwartet hatte.
— Nur heran, Hauptmann! sprach der Direktor. Es war just von Ihnen die Rede, Fräulein Coraly beklagte sich eben, baß sie von Ihnen vergessen sei.
Coraly sanbte Barras einen Blick voller Rachgier, aber zugleich voller Verachtung zu.
— Fräulein Coraly erweist mir viel Ehre, antwortete Reymonv. Es ist schön von ihr, daß sie an einem armen Soldaten Interesse nimmt. Es ist wahr, vaß sie keinen größeren Bewunderer als diesen Soldaten besitzt.
Ein frostiges Schweigen folgte seinen Worten. Der Hauptmann begriff, Vaß man ihm in der Meinung der Herrin des Hauses arg geschadet habe.
— Wie, Fräulein? nahm der Direktor das Wort. Sind Sie nicht höchst erfreut über ven Dankbesuch, welchen Ihnen der Hauptmann jetzt adstattet?
— Verzeihen Sie, Bürger Direktor, wandte der Offizier lebhaft ein. Dank setzt immer eine Wohlthat, eine erwiesene Gunst voraus. Es wäre deshalb sehr abgeschmackt, wollte ich Fräulein den geringsten Dank sagen; ihre Freundlichkeit gegdn mich beschränkt fick auf ein sehr offen an ven Tag gelegtes, ohne Zweifel sehr aufrichtiges Interesse, aber Voch nur ein einfaches Interesse. Und da ich jeden Augenblick nach Egypten zurückberufen werden kann, wollte ich ihre Aufträge nach einem Lande einholen, wo sie so viele Verehrer besitzt, wie ich die Ehre hatte, von Ihnen, Bürger Direktor, zu erfahren.
Coraly beobachtete noch immer ein hartnäckiges Schweigen. Um ihre Aufregung zu verbergen, begann sie mit einem schönen Wachtelhünvchen zu spielen, das in's Zimmer geschlüpft und eilig zu seiner Herrin geflüchtet war. Reymonv wollte seinen Besuch abkürzen; er griff bereits an feinen Degen und knöpfte feine Handschuhe zu, wie Jemand, der sich empfehlen will, als Barras, welcher feine Absicht verrieth, dem Gespräch eine ernstere Wendung gab, indem er Die Worte sprach:
— Der Zufall kommt mir gelegen, Hauptmann. Ich hatte mit Ihnen zu reden.
Reymonv blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen.
— Ich stehe zu Ihren Diensten, versetzte er.
— Wollen Sie meine Frage beantworten, Hauptmann?
— Ich bin zu jeglicher Antwort bereit, versicherte der Offizier- Nur wird mir der Bürger Direktor zuvor die Frage erlauben, mit wem ich die Ehre haben werde, zu reden.
— Nun natürlich, mit mir, antwortete Perikles.
— Mit Dem Bürger Barras oder mit Dem PräsiDenten Des Direktoriums? fragte Der Hauptmann Reymonv.
— Vielleicht mit beiden, erwiederte der Direktor. Indessen, fügte er nach kurzem Besinnen hinzu, lassen Sie uns annehmen, daß Sic fur's erste dem Präsidenten antworten.
Der Offizier stand auf, schob die rechte Hand in seine Weste, den Hut unter Den linken Arm, und blieb mit erhobenem Haupt und zuversichtlichem Blick, allein ohne Die mindeste Prahlerei, vor dem Direktor stehen.
Barras lächelte fast unmerklich; im Grunde, sah man, war er sehr ernst gestimmt.
— Hauptmann, nahm der Direktor das Wort, Ihr kommt von der Armee in Egypten, und in ven ersten Tagen Eures Aufenthalts in Frankreich kauft Ihr ein werthvolles Lanvgut, welches Ihr mit baarem Golve bezahlt. Die Regierung, welcher Ihr vient, hat das Recht, Euch zu fragen, woher Ihr plötzlich diesen Reichthum erhalten habt; denn bisher wußte man nicht, daß Ihr Vermögen besaßet. Woher kommt all' dies Gold?
— Ich bin mit fünfundzwanzig Louisv'or in der Tasche von Egypten gekommen, sagte Reymonv mit ruhiger unv klangvoller Stimme. Was jenes Landgut betrifft, das ich gekauft haben soll, so gehört es Herrn Clement, Dem früheren' Verwalter des Schlosses, welcher es jetzt erworben hat. Ich habe meinen Namen zu dem Ausrufe aus solchen Gründen hergegeben, welche man mir erlauben wird, hier zu verschweigen.
— Nicht übel! brummte Barras, den Kopf schüttelnd.
In diesem Augenblick trat der Diener ein und meldete den Bürger Direktor Sieytzs. Barras stand auf und ging seinem Todfeinde, aber theuren Col- Icgen, entgegen.
— Seid willkommen! sagte er lächelnd Botto hat Euch also gesagt, daß ich hier sei. Ich danke Euch, daß Ihr meinem Wunsche zufolge erschienen seid.
Der Bürger Sieyös, welcher mit einem langen schwarzen Gewände bekleidet und nach Art eines Prälaten weiß gepudert war, antwortete, vaß er mit Freuden die Gelegenheit ergriffen habe, seinen Collegen unverzüglich zu sprechen; denn es handle sich darum, ihn von einigen wichtigen Ereignissen zu benachrichtigen, die sich im Laufe des Tages ereignet hätten.
Den Offizier erkennend, welchem er vor einigen Stunden bei dem Minister Talleyranv begegnet war, sagte er:
— Fürwahr Hauptmann, wäret Ihr nicht hier, so hätte ich meinem Collegen den Vorschlag gemacht, Euch holen zu lassen.
Augenscheinlich hegte man einen ernsten Verdacht gegen den Offizier.
Reymonv begriff das Kritische seiner Lage. Er sah ihr wie einem gefährlichen Feinde in's Gesicht, aber wie einem Feinde, den man überwinden kann.
(Fortsetzung folgt.)


