Feuilleton.
Unschuldig und doch nicht schuldlos.
Sriminalnovelle von Julie Düngern.
(Fortsetzung.)
Noch an demselben Abend gab Flora ihrem Verlobten einen der Ringe. „Sie haben zwar meinen armen Aeltern wenig Glück gebracht," sagte sie ihm, aber ich weiß kein besseres Bild für Deinen Charakter, als diesen Stein, so fest, so klar, so werthvoll, darum nimm ihn, Geliebter, und trage ihn zum Andenken an die Stunde, wo Deine Flora nichts auf der Welt mehr besitzt als Dich, und sich Dein zu eigen gibt für's ganze Leben." —
Der Doktor betrieb im Stillen die Vorbereitungen zu seiner Heirath auf das Eifrigste. Das Haus nebst dem Geschäftsbetrieb übernahm eben jener junge Verwandte. Aber für Flora blieb nach Verkauf des Gutes und sämmtlicher Werth- fachen wenig übrig, denn der Doktor drang darauf, daß sämmtliche Schuldner befrie- digt wurden. Er selbst gab seine Praris auf, und da er, wenn auch kein glän- zendes, doch ein ganz hübsches Vermögen besaß, so gedachte er seiner jungen Gattin erst etwas die Welt zu zeigen und sich dann mit ihr auf irgend einem schönen Fleck Erbe niederzulassen und Praxis zu treiben. Da er gediegene Kenntnisse besaß, so konnte es ihm nicht fehlen. Die alte Anna, deren Kräfte einer solchen Reise nicht gewachsen waren, wurde von ihm pensionirt und zog zu einer ver- heiratheten Nichte.
Flora blühte täglich schöner auf, die Stürme der vergangenen Wochen hatten ihre elastische Natur zwar sehr erschüttert, aber nicht zerstört. Dennoch sah der Doktor ein, daß sie geschont werben müsse, und beschloß, vor Allem mit ihr eine Reise nach Italien zu unternehmen. —
Mittlerweile ist die gute Stadt B., kaum über den Kriminalprozeß des Doktor Dollus zur Ruhe gekommen, auf's Neue in Aufregung versetzt worden. Schon vor Wochen war im Gasthause der Stadt ein vornehmer Herr mit seiner Gattin abgestiegen, welcher sich Graf Kolonos nannte und im Anfänge nur ein Paar Tage bleiben wollte. Es war ein schöner Mann mittleren Alters, mit imposanter Figur und großer Leutseligkeit des Benehmens. Von seiner Gattin konnte man freilich nicht dasselbe sagen. Allerdings-war sie nicht allein eine hübsche, sondern den allgemeinen Begriffen nach auch eine sehr schöne Frau, aber die Flamme, welche in ihren dunklen Augen brannte, war nichts weniger als wohlthuend, und der finstere Zug um den Mund, welcher selten lächelte, gab der verhältnißmäßig noch jungen Frau ein beinahe matronenhaftes Ansehen. —
Obgleich der Wirth ziemlich verschwiegen war, was seine Gäste und deren Treiben betraf, so konnte er dieses Mal doch nicht verhindern, daß Kellner und Zimmermädchen den neugierigen Stammgästen Mancherlei zu berichten hatten, obschon dar Paar nicht an der Tafel, sondern auf seinem Zimmer aß, und sich auch sonst äußerst zurückgezogen hielt. Man bedauerte den schönen Mann, welcher so gutmüthig schien und den die Frau auf's Eifersüchtigste bewachte. Ein Mal nur war es ihm gelungen, allein auszugehen, und die Dame hatte scheinbar, um den Gatten besser aukzuspähen, die Augen zugedrückt. Kaum war er aber fort, als sie sich in einen nahestehenden Fiaker warf und ihm nachfuhr, ihn auch erreichte und noch am späten Abend in ihrer heftigen Art eine leidenschaftliche ©eene aufführte. — Der Bediente des Herrn, ein früherer Soldat und dem Grasen mit Leib und Seele ergeben, wußte zwar die Lauscher fern zu halten, aber die Kammerfrau, ein ächtes Wiener Kind, hatte, zur großen Belustigung ihrer Umgebung, von dem Vorgefallenen gesprochen und die Scene auf's Deut- lichste ausgemalt.
Nach ihrer Erzählung habe der Graf hier in der Nähe eine alte Dame besuchen wollen, die er von früher gekannt, aber nur deren Enkelin gefunden, und sei von der Gräfin ertappt worden, gerade als er die Kleine umarmen wollte ! Natürlich glaubte Jedermann, daß die ganze Geschichte in der erhitzten Phantasie der eifersüchtigen Gräfin erfunden sei, allein eines schönen Tages ließ die Jungfer den sonst so lustigen Kopf hängen; weil ihre Dame einen Ring vermisse, welchen sie stets an ihrem Gemahl zu sehen gewohnt war. Dieser gab an, denselben verloren zu haben, mußte aber vor der gestrengen Jnquirentin ein so rigoroses Verhör bestehen, daß er sich bald in Widersprüche verwickelte, zumal er gar nicht zugeben wollte, daß eine Anzeige bei der Polizei oder in den Blättern nach dem verlorenen Juwel fahnde. Umsonst mahnte er zur Abreise, indem ja das Wetter immer ungünstiger werde und jede Excursion in die Umgegend unmöglich mache; die Dame, welche den Schlüssel zur Kasse zu führen schien, ging nicht darauf ein, sondern behauptete mit weiblicher Zähigkeit, hier das bessere Wetter abwarten zu wollen. —
Unterdessen waren die erforderlichen Schritte alle geschehen, Doktor Dollus hatte seine Praxis abgegeben, seine Sachen verkauft und es war der folgende Tag zur Trauung festgesetzt, welche, zwar etwas schnell nach dem Tode von Flora'« Eltern, doch unmöglich noch länger verschoben werden konnte; das arme Mädchen war zu alleinstehend, als daß die täglichen Besuche des Doktors nicht alle bösen Zungen der Stadt in Bewegung brachten; hier mußte den Umständen Rechnung getragen und Flora trotz der Trauer die Seine werden. Natürlich sollte dies in aller Stille und nur in Gegenwart der üblichen Zeugen geschehen.
Doktor Dollus hatte in den letzten Wochen ganz abgeschlossen von der übrigen Welt gelebt und nur die Abwickelung seiner Geschäfte beschleunigt. Jetzt, wo seine Möbel verkauft, sein Quartier aufgegeben war, mußte er den letzten Tag im Gasthause wohnen und traf an der Abendtafel mit Graf und Gräfin Kolonos zusammen, welche, sonst sehr abgeschlossen lebend, zufällig diesen Abend ihrer sonstigen Gewohnheit entsagten. Da ziemlich viele Gäste anwesend waren, beachteten sie im Anfänge den schlanken blassen Mann wenig, nur als sie sahen, wie einige Herren noch zu ihm traten, ihm Lebewohl sagten und ihm Glück zu dem morgigen Tage wünschten, sahen sie hinüber und schenkten demselben mehr Aufmerksamkeit.
Auf des Grafen Anfrage war der höfliche Wirth schnell bereit, eine kleine Lebensskizze des Besagten zu geben, und natürlich wurde der Untersuchung und des Verdachtes erwähnt, obwohl mit dem Beisatze, daß derselbe ungerecht gewe- sen wäre. In demselben Momente stand der Doktor aus und kam an das obere Ende der Tafel, um einem dort befindlichen Herrn Lebewohl zu sagen. Indem er die feingepflegte Hand ausstreckte, die des Bekannten zum Abschied zu erfassen, bemerkte das gräfliche Ehepaar den Brillantring an seinem Finger, der Graf mit jähem Schrecken und Erkennen, die Gräfin im ersten Augenblicke zerstreut und an Nichts denkend, bis sie, in ihres Gatten Antlitz blickend, dessen Auge |
mit der größten Spannung auf den unglücklichen Ring geheftet sah. Jetzt er- kannte sie ihn auch und ihr rascher Ruf: „Eduard, dies ist ja Dein vermißter Ring," wurde von Einigen an der Tafel vernommen. Der Doktor hatte sich indessen, ohne eine Ahnung von dem Vorgesallenen zu haben, denn er lebte, wie gesagt, die letzten Wochen wie im Traume, schon längst auf sein Zimmer begeben. Dem Grafen war es aber kaum gelungen, sein leidenschaftlich erregtes Weib zu beschwichtigen ; sie ahnte ein Geheimniß, wollte, wie sie sagte, nicht Hintere Licht geführt sein, und wußte in diesem Conflckte ihre rohe heftige Natur nicht zu zähmen. So kam es, daß einzelne Worte des eifrig geführten Disputs auch von den andern Gästen vernommen und gedeutet wurden, und als es endlich dem Grafen gelang, fein aufgeregtes Weib zu beschwichtigen und sie zu bewegen, mit ihm die Tafel zu verlassen, kurisirten bereits die tollsten Vermuthuu» gen in den Köpfen der Anwesenden. Den folgenden Tag aber waren diese Stier« muthungen zu den albernsten und abenteuerlichsten Gewißheiten gestempelt und unter den Leuten verbreitet, ohne baß nur eine einzige Person annähernd mehr gewußt hätte, als daß es sich um einen Ring handle, welcher der fremden Dame entwendet worden und den sie nun am Finger des Doktors wieder erkannt hätte.
Doktor Dollus freilich hatte von dem Allem keine Ahnung, er verließ Morgens in aller Frühe den Gasthof, um sich in der kleinen Dorskirche, zu welcher Waller's Landhaus gehörte, trauen zu lassen. Nach der Trauung schloß er sein geliebtes Weib in die Arme und gelobte ihr, so weit eS von ihm abhinge, nur Glück und Freude für ihr zukünftiges Leben. Der Arme ahnte nicht, welche Gewitterwolke auf's Neue feine Ruhe und Ehre bedrohte! —
, Da sie verhältnißmäßig frühe mit dem Bahnzuge fortfuhren, waren noch wenige Leute auf der Eisenbahn; kein theilnehmenbes Freundesauge — denn sie hatten die Stunde ihrer Abreise geheim gehalten — folgte ihrem Zuge und Wünschte ihnen Heil und Segen für die zukünftige Lebensbahn. Es war ein frischer Morgen und der Himmel mit Schneewolken bedeckt; allein dem Doktor blühte ein ganzer Frühling von seliger, nie erwachter Gefühle in der Brust, und er tröstete sein kleines Weibchen, welche in dem düsteren Himmel ein böses Omen für die Zukunft sehen wollte, mit der Versicherung, daß sie ja nach Italien und dem Frühling entgegen gingen und baß fortan jedem Leibe, da sie es zusammen tragen würben, die Spitze abgebrochen wäre! Wie gerne ließ sich Flora überreden und trösten, sie liebte ihren Mann mit solcher Innigkeit und Anbetung, daß sie die Wahrheit seines Ausspruchs auch erkannte und fühlte.
So zum ersten Male feit einer Reihe von Monden vollkommen glücklich, kam das junge Ehepaar nach Oberitalien. Ein leichtes Unwohlsein Flora's hakte sie einige Tage in einem kleinen Orte der südlichen Schweiz aufgehalten; jetzt war sie vollkommen hergestellt und freute sich innig auf alles Schöne, was die neue Heimath — denn für einige Jahre sollte Italien dies werben — ihnen bieten würbe. —
Gehen wir indessen auf einige Augenblicke zu dem gräflichen Ehepaar nach B. zurück. Auch diese sind im Begriffe, die Stadt zu verlassen und nach Hause zu kehren. Nach einer höchst stürmischen Szene, welche der Graf mit seiner Ge- mahlin hatte und wobei er, zum ersten Male in seinem Leben, ihr gegenüber seine Festigkeit bewahrte und ihr nichts von der Sache mittheilte, aber auf Abceise bestand, hatte diese auch wirklich stattgefunden, und wir sehen das Paar auf der Rückkehr nach der Heimath, die Gräfin in dumpfen Groll versunken, der Graf mit feinen Gevanken beschäftigt. Es war ihm noch gelungen, des Doctors Geschäftsmann zu sprechen, welcher ihm Die später flüssigen Gelber nachsenden sollte, und er beschloß, diese Gelegenheit zu benützen, dem Doktor zu schreiben und ihn zu bitten, ihm von Zeit zu Zeit Nachrichten von seinem Kinde zukommen zu lassen.
Da er seiner Frau mit plötzlicher Trennung gedroht hatte, wenn sie noch ein Wort weiter über den fehlenden Diamantring verlöre, so hatte dieselbe auch die angedrohte Nachforschung fallen lassen, denn trotz allen Ausschreitungen ihrer Eifersucht liebte sie ihren Gatten doch leidenschaftlich, freilich nicht mit jener selbstlosen Liede, welche Glück bringt und verbreitet, sondern mit ter despotischen Herrschbegier, welche solchen Gemüthern eigen. Hätte Graf Kolonos vielleicht früher energischen Widerstand geleistet, so wäre diese Ehe wohl nicht so Unglück- lich für ihn ausgefallen, als sie sich bewies. Es war halb Indolenz, halb Gleichgültigkeit, welche ihn die ganze Zeit unter der Botmäßigkeit dieser Frau gefesselt halte; vielleicht fürchtete er auch, die Gräfin könnte, wenn sie Alles er« fahren, an Sidonie Waller Rache nehmen und deren Leben zn trüben suchen .. Jetzt, wo diese todt und vor aller eifersüchtigen Feindseligkeit geschützt war, und er sein Kind unter des Doktors Obhut geborgen wußte, gelangte der Graf wieder zu einem Theil der Selbstständigkeit, welche er in feiner Jugend gehabt, ehe Die zwei Despotischen Frauen, seine Mutter und seine Gattin, sich der Füh- rung seines Schicksals bemächtigt hatten.
Doch, wenn auch die Gräfin fortan schwieg, so konnte sie doch die heftigen Aeußerungen und ©eenen nicht mehr zurücknehmen, welche damals im Gasthofe zu SB. stattgefunden hatten. Gäste und Wirth, Kellner und Zimmermädchen hatten diese Debatten gehört, nach ihrer Art kommentirt und in Die Welt gesandt, und so kam cs, daß in allen Kaffeehäusern und öffentlichen Vergnügungsplatzen, so wie in allen Privatzirkeln von nichts die Rede war, als von Dem Diamanten- Diebstahl, welchen Doktor Dollus noch vor seiner Abreise an einer vornehmen Reisenden verübt habe. Auch sein Geschäftsmann erfuhr natürlich davon und er hielt es für feine Pflicht, dem Doktor Nachrichten über diese abscheuliche Stier- leumbung nach seiner neuen Wohnung zukommcn zu lassen. Die Fama jedoch war dieser wohlgemeinten Benachrichtigung zuvorgekommen, und das erste deutsche SBlatt, was Doktor Dollus bei seiner Ankunft in Genua zu Gesichte bekam, enthielt die Nachricht, daß der bis jetzt in B. lebende Doktor Dollus, welcher der Stier« giftung eines Freundes angeklagt, in einen Kriminalprozeß verwickelt, aber von Der Jury freigesprochen worden sei, die Tochter aber dieses Freundes entführt habe, nachdem er sich zuvor noch durch Den Besitz eines werthvollen Ringes, welcher einem Reisenden im Gasthofe gestohlen worben sei, stark kornpromittirt habe! —
(Fortsetzung folgt.)


