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Feuilleton.

Unschuldig und doch nicht schuldlos.

Criminalnovelle von Julie Düngern.*)

(Fortsetzung.)

Httr Waller blieb in stummem Aerger über sich selbst und die ganze Mensch, heit zurück. Er hatte in Krankheitsfällen schon zu oft die Kenntnisse und den sichern Blick des Arztes erprobt, um ihn missen zu können; noch mehr aber war er ihm als Freund und Berather nothwendig, er, der außer seiner Kaufmanns­ehre und den materiellen Genüssen nichts auf der Welt liebte und achtete, hatte durch ein sonderbares Geheimniß der Natur, gleich bei der ersten Bekanntschaft, eine unwiderstehliche Sympathie für den Mann gefühlt, dessen feine Gefühleweise ihm steiS ein unbekanntes Lanv blieb, welchen er aber, mit dunklem Instinkte, gerade wegen derselben so überaus hoch in seiner Achtung stellte. Wenn wir vorhin sagten, daß Herr Waller Niemand liebte, so war dies in so weit ein Jrrthum, als er für seine Tochter Flora doch eine Art von Zuneigung empfand, sie war das einzige Wesen, welches noch nie ein rauhes oder heftiges Wort von ihm gehört hatte, denn ohne positiv böse zu sein, war der Kaufmann eine rohe, genußsüchtige Natur, und in heftigen Momenten von einer so leivenschaftlichen, maßlosen Aufregung, daß er dann der Schrecken seiner Umgebung war. Im jetzigen Augenblicke jedoch war seine Wuth bald vorüber, nach einigem Besinnen ging er, als sei nichts vorgefallen, in vas Zimmer seiner Uran, die er blaß und leidend auf vem Sopha liegend fand. Ganz wider Erwarten war sie diesmal nicht so geneigt wie sonst, sein Benehmen rasch wieder zu vergessen, sie gab auf seine Frage nach ihrem Befinden nur in leisem Tone die Antwort, daß sie der Ruhe bedürftig sei, und ihr kaltes Lebewohl, als er seinen Entschluß kund gab, wieder in die Stadt zurückzugehen, deutete auf ein ernstliches Zürnen. Das sonderbare, halb gutmüthige, halb feige Wesen in diesem Manne konnte sich bei diesem Benehmen nicht zufrieden geben, schon auf der Treppe kehrte er wieder um, und die Thüre nochmals öffnend, sagte er:Ueber all' dem Hin- und Her- reden vergaß ich ganz, Dir zu sagen, daß ich beschlossen habe, Flora dieser Tage aus dem Institut zu holen. Das Mädchen wird jetzt doch zu groß, um noch als Schulkind behandelt zu werd.n." Nach diesen Worten entfernte er sich rasch, ohne auf die Antwort seiner Frau zu warten.

Ein Freudenschein hatte sich bei dieser Verkündigung des davon eilenden Gatten über das eben noch düstere Antlitz des armen Weibes gelegt; sie sollte ihr geliebtes Kind wieder haben, durste wieder in dies reine Auge schauen, den Schlag dieses Herzens an dem ihren fühlen. Plötzlich war alles Weh und Leid vergessen, sie sprang elastisch von dem Sopha auf, öffnete das Fenster, ordnete ihr Zimmer und ergriff die Schlüssel, um das ver Tochter gleich zum Empfang derselben Herrichten zu lassen. Mit fieberhafter Eile betrieb sie alle nöthigen Anordnungen, schnitt im Garten einen hübschen Strauß, den sie in einer Vase in's Zimmer setzte, um die Ankommende ihres Namens würdig zu empfangen. In der Nacht aber, wo sie ruhelos auf ihrenr Lager war, kamen alle schwarzen Befürchtungen und Schrecken mit entsetzlicher Gewalt auf's Neue über die Arme. Werden diese Sccnen nie ein Ende nehmen und sollte Flora ruhig zusehen, wenn man ihrer Mutter übel begegnete? Zu welchen Scenen konnte des Kin­des Anwesenheit den so leicht erregbaren Gatten reizen! Vergebens erinnerte sich Die arme Frau an die vielen Freundlichkeiten, ja sogar an die Zärtlichkeit, welche Herr Waller stets für Flora gezeigt hatte; sie glaubte, nun würde er sie in ihrem Kinde strafen und peinigen wollen, das sei genug, um das Bischen Güte, was in seinem Herzen für die Tochter keimte, zu ersticken.

Mit Entsetzen bemerkte Die unglücklich? Frau bei dieser Prüfung ihrer Lage, wie tief der Widerwille gegen ihren Gatten sich schon in ihrem erbitterten Herzen eingenistel hatte. Frau Waller war viel zu gewissenhaft mit sich selbst, um nicht mit tiefer Pein wahrzunehmen, wie dieser geistige Ekel wollen wir es nennen erst nach und nach in ihrem Herzen entstanden war, seit sie einen Mann kennen gelernt, welcher gerade das Gegenstück ihres Mannes war. So roh, rücksichtslos und heftig Herr Waller, trotz einer gewissen angeborenen Gutmüthig- feit sein konnte, so aufopfernd, männlich und sich selbst beherrschend war Doktor DolluS. WelcheISeligkeit mußte es für eine Frau sein, mit einem solchen Gatten des Lebens Mühen und Freuden zu theilen! Was hatte sie vom Dasein gehabt, so lange sie denken konnte? Ja, sie war ein frisches, fröhliches Kind gewesen, das hatte sie wenigstens genossen, dann aber, in den Jahren, wo das Kind zur Jungfrau heranblühte, hatte sich die Sorge mit ihren schwarzen bleiernen Flü­geln auf vas elterliche Hacs gelegt, sie hatte düstere Falten auf der Stirn des Vaters, Thräncn in den Augen der Mutter erblickt, hatte Tag für Tag den ge­meinen Kampf um das Dasein mitanschauen unv mitdulden müssen; da erschien einem blendenden Meteore gleich ein junger Mann in dem Städtchen, wo sie wohnte; er lernte sie zufällig kennen unv dem leichtblütigen, genußsüchtigen Ca- valier erschien als ein artiger Zeitvertreib, was dem jungen Geschöpf Bestim- mung des Daseins war. Sie liebte den Mann mit der größten Innigkeit eines unverdorbenen Herzens, das Schicksal trennte sie und zerstörte mit einem Schlage alle Lebenshoffnungen, ihr Mann erschien auf der Bühne ihres häuslichen Daseins, er bewarb sich um sie, deren Herz noch mit allen Fasern an dem be­liebten hing, sic mußte Waller's Bewerbungen Gehör geben, mußte die ganze Vergangenheit als einen Traum betrachten! Sie hatte es gethan, war ihrem Gatten ein treues geduldiges Weib gewesen, hatte Vieles ohne Murren und Klage erduldet und ihr Herz war allmälig in lethargische Ruhe eingewiegt, da erscheint zum zweiten Male in ihrem Leben ein bedeutender Mann vor ihren Blicken, ein Anderer als vie Dutzenv Menschen, welche sie gewohnt ist um sich zu sehen, und doch auch wieder ein Anderer, wie der Erste, Einzige, der Ge­liebte ihrer Jugend war. So sorglos, leichtlebig, ritterlich und unbesonnen der Erste war, so rücksichtsvoll, männlich, gevankenreich und bevacht ist dieser; es ist kein Funke von Aehnlichkeit in Beider Charakter. Wie kommt es, daß vas Herz der Unglücklichen, Geprüften bei seinem Nahen in eben so unruhigen be­wegten Schlägen klopft, wie vor sechszehn Jahren, wenn sie den Tritt des flotten Reiterosfiziers auf der Treppe hörte und dieser mit fröhlichem Lächeln in's Zim- mer trat? War sie denn wirklich eine so leichtsinnige, pflichtvergessene Gattin, wie es so Manche gab, der das Drama ihres Lebens nicht zur ewigen Warnung diente, sondern die noch in ihren älteren Tagen die ganze Neigung ihres Her­zens einem jüngeren Manne zuwandtr, welcher kein anderes Interesse für sie zeigte, als das eines theilnehmenven Freundes! Und doch, wir erfinderisch ist die Liebe! Tausend Momente tauchten in ihrer Erinnerung auf, wo seine Freund­

schaft sich so theilnehmend, so innig bewiesen hatte, wo der Ton seiner Stimme so rührend sanft geklungen, daß die Unglückliche, deren Leben so verarmt an Liebe war, seit ihr Kinv das Haus verlassen, diese Zeichen für erwachende Nei- gung gedeutet hatte! Brennende Scham färbte ihre Wangen, als sie darüber nachvachte, sie barg ihr Gesicht in vie heißen Hände und ein Meer von bitteren und süßen Gedanken überfluthete ihre Seele!

Ich will und muß dieser frevelhaften Zuneigung einen Damm entgegen- setzen, sonst unterliege ich," war ihr letzter Gedanke und fester Vorsatz, als sie gegen Morgen in unruhigen fieberhaften Schlummer fiel.Ich will dem Doktor meine Vergangenheit anvertrauen, die Verachtung, welche er dann gegen mich empfinden wird, sei der beste Schutz gegen meine eigene Schwäche." Dieß war wiever Frau Waller's erster Gedanke, als sie aus kurzem Schlummer erwachte und die Morgensonne in gebrochenen Streifen durch die geschlossenen Jalousien fiel. Von dem einen Wunsche nur bewegt, daß der Doktor nur recht bald kommen möge, damit die Angst von Jheer Seele genommen werde, spähete sie unausgesetzt auf der Landstraße, deren Richtung nach B. führte, und wie heftig klopfte ihr Herz, als sie den Wagen des Doktors endlich herannahen sah. In­dem sie der alten vertrauten Dienerin, welche sie schon als Kind gewartet, den Auftrag gab, sie gleich zu benachrichtigen, wenn sie den Wagen ihres Gatten sehen würde, befahl sie zugleich, sie sonst auf keinerlei Weise durch häusliche Angelegenheiten in der Unterredung mit vem Doktor zu stören.

Der Zauber in des Arztes Stimme und ganzem Wesen wirkte beruhigend auf die gespannten Nerven ver armen Frau, als er bei ihr eintrat; die milde und freundliche Art, womit er die Freundin begrüßte und sie, ohne auf die Seene des vorigen Tags anzuspielen, doch im Allgemeinen tröstete und erhob, zeigte ihr, wie einseitig ihre Neigung sein würde und wie außer freundschaft­lichem Interesse sie keine Erwiederung ihrer Leidenschaft zu befürchten oder zu hoffen habe. Freilich war sie zu bescheiven, zu unerfahren, trotz ihrer Jahre, um ahnen zu können, mit welch' eiserner Kraft der feste Wille dieses Mannes sich zu beherrschen verstand. Denn auch er halte nicht ohne Gefahr für seine Ruhe die Schmerzen und Bekümmernisse dieser duldenden Frauenseele mit ange- sehen; die Ritterlichkeit, die sein ganzes Wesen Durchdrang, hatte ihn oft getrie- ben, ihr in warmen Worten zu sagen, wie er mit ihr leide, mit ihr fühle. Der heiße Strahl ihres Auges, der in solchen Momenten hervorbrach, hatte ihn aber dann stets gewarnt und zu ruhiger Theilnahme beredet; nicht daß er übel von ihr gedacht oder sie als leicht zu erobernde Beute betrachtet hätte, er kannte und ehrte ihren Charakter, aber er war auch zu sehr Menschenkenner, um nicht zu wissen, wie tief ein gütiges Wort, ein mitfühlender Blick ein armes dulden­des Frauenherz rühren und überwältigen kann! So zart die beinahe anbetende Neigung war, welche er der Frau widmete, so heftig haßte er den Mann, wel­cher ein solches Weib so roh behandeln konnte. Dollus war kein Heuchler, aber er mußte, wie so Mancher in Ver Welt, seine Liebe und seinen Haß unter ru­higer Theilnahme und Passivität verbergen. Seine Begriffe von den Pflichten eines Arztes waren so groß, daß die Empfindungen des Mannes darin unter­gehen mußten, und wenn er auch oft nach häuslichen Seenen im Waller'schen Hause bei sich dachte, welch' ein Glück es für die arme Frau sein würde, von dem rohen Kumpan erlöst zu werden, so hätte er voch denselben mit Aufopferung seines eigenen Lebens vom Tode errettet, nur um seiner Pflicht zu genügen!

Sonderbarer Weise denn fast immer sind solche Antipathien gegenseitig hatte Herr Waller große Zuneigung für den Doktor gefaßt, und selbst nach der Seene des gestrigen Tages, deren Schuld er nur seiner Frau zuschrieb, war dieselbe nicht verringert worden. Er war ein roher, despotischer und nur den materiellen Genüssen lebender Mensch und paßte zu diesem feinfühlenden, eveldenkenden Arzte in keinerlei Weise, aber er fühlte eine Art hochachtungsvoller Neigung zu demselben, welche er noch für keinen Menschen in der Welt gefühlt hatte. Der Doktor und Flora waren die zwei einzigen Wesen, an welche er mit sanfteren und besseren Gedanken dachte.

Nach den ersten Begrüßungen und den Fragen des Doktors nach Fran Waller's Gesundheit, bat ihn diese, am Fenster neben ihr Platz zu nehmen, da sie ihm eine Mittheilung zu machen habe. Befremdet sah der junge Mann auf seine Freundin, welche, wie um den Eingang verlegen, besangen vor sich blickte, dann ein neben sich stehendes Kästchen ergriff unv dasselbe nebst einem kleinen Schlüssel dem Doktor reichte.

Die Mittheilung, lieber Doktor," Hub sie endlich entschlossen an,ist besser eine Bitte zu nennen und als solche möcht' ich sie betrachtet wissen. Ich hatte heute Nacht Sterbensgedanken; daß ich schon lange Sterbenswünsche habe, wissen Sie bereits."

Der Doktor unterbrach sie:Glaubt meine Freundin sich wohl stark genug, nach der gestrigen Aufregung ruhig über so traurige Dinge reden zu können? Sie find Gottlob gesund und wohl, und ist dieses er Deutete auf das Käst­chen ein Vermächtniß, so hat es wohl noch Zeit.'

Ich bin bald zu Ende, Doktor, und Sie brauchen nichts für mich zu fürchten," entgegnete Frau Waller,es ist aber ein stiller Vorwurf auf meinem Gewissen, den ich Ihnen mittheilen muß, um wieder ruhig und ohne Scheu Ihnen in's Auge blicken zu können. Sie stellen mich zu hoch, lieber Freunv, und das kann, das darf ich nicht dulden, Denn ich verdiene es nicht. Lächeln Sie nicht ungläubig, lieber Doktor, es ist so. Die Frau, welche Sie in mir zu sehen glauben, bin ich nicht; ein Versprechen bindet zum Theil meine Zunge, ich kann Ihnen also weder Namen noch Details nennen, nur so viel genüge Ihnen, zu wissen, daß die Behandlung meines Mannes keine ganz ungerechte ist. Ich bin vielleicht zu entschuldigen, Denn ich war sehr jung, als ich fehlte, Achtung aber »erbiene ich keine und ich will sie nicht," setzte sie heftig hinzu, ich war eine undankbare Tochter und ich habe meinen Eltern Kummer bereitet, das muß ich büßen."

Der Doktor schaltete ein :Ich glaube, daß Ihre erregbare Natur hierin übertreibt, theure Frau, aber gesetzt, es wäre so, warum sagen Sie das mir, bin ich Ihr Richter? ich bin nur Ihr Freund und der bleibe ich für« ganze Leben, Sie mögen gethan haben, was Sie wollen.

(Fortsetzung folgt.)