Aeitage zu Ar. 59 des Kreiener Anzeigers.
F e h i 1
Das Testament des Großonkels.
Achtes Kapitel.
(Fortsetzung) ■
Es war des Nachmittags nach drei Uhr. Harri Gratman ging in seinem Pn'vatjimmer in Greenwichstreet die Hände reibend vor innerlicher Befriedigung, auf und ab, das Lächeln des Triumphes leuchtete auf seinem Antlitz und das Bewußtsein des Erfolges sprach aus allen seinen Zügen. Seine Augen richteten sich zuweilen auf die über dem Kamin hängende Wanduhr, gleich als ob er Jemanden erwarte, er sah durch's Fenster, ob nicht der bekannte Wagen unten vor dem Hause halten werde, dann trat er wieder an seinen Schreibtisch und ließ seine Blicke noch einmal über einen Brief hinschweifen, welcher die bekannten Schriftzüge seiner Mutter trug.
„Also sie willigt ein," sagte Harri zu sich selbst, „es wird ihr bei Gott schwer genug geworden sein. Sie schreibt, sie werde selbst diesem Briefe sogleich folgen, ich darf sie also von morgen an zurückerwarten. Sie giebt in Allem nach, ich soll ihr die ganze Angelegenheit mit Maria allein überlassen, sie will ohne den gelingst'» Eclat das ganze Berhältniß aufheben, doch will sie vorher noch, und zwar sogleich nach ihrer Ankunft, eine Zusammenkunft mit Beerenborg haben, suchen wir uns daher vor Allem dieses alten Schurken zu versichern."
In diesem Augenblicke fuhr die Equipage des Advokaten vor und gleich darauf trat dieser in Harri'» Zimmer. Nach Auswechslung der gewöhnlichen Begrüßungen begann Harri in etwas gereiztem Tone:
„Ich hätte wahrlich geglaubt, Herr Rath, daß man hier für sein Geld etwas b.ffer bedient werden könnte, wenn man Summen dafür hinaus wirft, bloß von den Tritten und Schritten eines elenden Vagabunden unterrichtet zu sein."
„Was wollen Sie damit sagen, Herr Gratman?" fragte Beerenborg.
„Weiter nichts," erwiederte Harri, „als daß Ihre ganze geheime Detektive- Polizei noch keinen Schuß Pulver wcrth ist, vom Ersten bis zum Letzten. Wenn Ihr Herr Brown nicht geschickter in der Wahl seiner Subalternen ist, wie er hier gezeigt hat, so ist er selbst nicht viel besser, als diese. Bleibt der dumme Tölpel da die ganze Nacht in der Hoboken Ferry sitzen und läßt den Bogel entkommen."
„Nun, wir haben ihn doch schon längst wieder !"
„Tank meiner!" erwiederte Harri, „sonst würden Ihre Spürhunde noch bis nächste Ostern suchen. Doch wir werden jetzt sehen, wer am sichersten zum Ziele kommt, Sie mit aller Ihrer Advokatenweisheit und Brown's, oder ich allein mit meinem gesunden Menschenverstände."
„Ich gebe zu, Herr Gratman, daß Sie ein besonderes Geschick in der Verfolgung solcher Angelegenheiten beweisen, doch Sie würden mich verpflichten, wenn Sie mir jetzt den Zweck miltheilen wollten, um den Sie mich haben rufen lassen, denn meine Zeit ist immer gemessen."
„Ich habe hier Briefe aus Saratoga von meiner Mutter, die vielleicht morgen oder übermorgen hier sein wird, um eine für mich sehr wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu berathen. Ich weiß, wie werthvoll Ihr Rath ist, wie entscheidend derselbe auf meine Mutter einwirkt; da es jedoch möglich wäre, daß Sie in dieser Angelegenheit einen falschen Weg einschlagen könnten, so habe ich es für gut befunden, Ihnen vorher einige leise Winke zu geben."
„Und die wären, Herr Gratman?"
„Sie glauben vielleicht, werthester Herr Rath, daß meine Mutter die einzige Erbin des groß'» Vermögens meines Großonkels ist, denn wenn derselbe ein Testament hinterlassen haben würde, so müßten Sie natürlich darum wissen, da Sie ja seit dem samosen Prozeß mit Mamas Schwager der gerichtliche Beichtvater der Familie geword.n sind. Sie halten also meine Mutter für die einzige Erbin des alten Drydeck, nicht wahr, thun Sie nicht?"
„Allerdings, Herr Gratman, denn der alte Herr ist untestirt verblichen."
„Sehen Sie, ich wollte Ihnen auseinandersetzen, daß Sie sich in diesem Punkte ganz gewaltig irren. Wollen Sie gefälligst die Güte haben und einen Blick in diese Documente werfen?"
Und Harri nahm einige Papiere von seinem Schreibtische, die er dem Advokaten hinreichie, welcher dieselben mit der ungetheiltesten Aufmerksamkeit durchzulesen begann. Harri war aufgestanden und sich die Hände mit verdoppelter Stärke reibend, ging er schnell im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Beerenborg stehen.
„Was sagen Sie dazu, Herr Rath? ' fragte er.
„Daß das Schenkungsacten in der besten Form Rechtens sind. Ich gra- tulire zu diesem Meistercoup von Herzen. Weiß Ihre Mutter von diesen Do- cumenten?"
„Gott bewahre, werthester Herr, die kindliche Pietät hat mich abgehaltcn, ihr davon Mittheilung zu machen; ich habe cs voigezogen, sie in dem süßen Glauben zu lassen, daß sie die unbeschränkte Eigenthümerin des Ganzen sei, und sie mag auch in dem Glauben bleiben, so lange sie mir selbst keine Veranlassung giebt, ihr denselben zu benehmen, zu welcher Nichtvcranlassung Sie natürlich sehr viel mit beitragen können."
„Ich?" fragte Beerenborg, „und inwiefern?"
„Daß gesetzt den Fall," antwortete Harri, „schon morgen Umstände auf meine Mutter einwirken könnten, die ihr eine Versöhnung mit meinem Bruder als wünschenswerth erscheinen lassen möchten, Sie natürlich Alles thun werden, was in Ihren Kräften steht, um dieselbe zu Hintertreiben, denn Sie sehen, lieber Herr Rath, daß ich mich bei Zeiten gedeckt habe, und daß ich mich um etwaige Enterbungsgelüste meiner Mutter nicht einen Deut schecren würde. Sie weiden also ferner einsehen, daß es auch in Ihrem eigenen Interesse ist, wenn Sie mir in jeder Beziehung das Wort reden."
„Meisterhaft, Herr Gratman, meisterhaft, in Wahrheit, solche Coups bewundere ich. Doch da wir allein hier sind, würden Sie mir rie Unbescheiden- ihet verzeihen, wenn ich Sie frage, wie es Ihnen möglich wurde — —"
„Diese Documente zu erlangen?" ergänzte Harri; „ach, mein lieber Herr Rath, wer will denn gleich auch an Böses denken? Cs giebt hier nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat der Alte, der in mich das unbegrenzteste Vertrauen
l e t o n.
setzte und deßhalb Alles unterschrieb, was ich ihm vorlegte, ohne es zu lesen, auch diese Documente unterschrieben, ohne roß er wußte, was er unterschrieb, — oder er hat wirklich die Absicht gehabt, mich, seine rechte Hand, schon bei seinen Lebzelten sicher zu stellen und deßhalb diese Schenkungs-Urkunde bei vollem Bewußtsein ausgestellt. Jetzt haben Sie die Wahl, werther Herr, nehmen Sie an, was Sie wollen."
„Ich verstehe," sagte Beerenborg, „ich verstehe; es ist ein unübertrefflicher Meisterstreich."
„Der Ihnen den Beweis liefern wird," fuhr Harri fort, „daß Sie doch noch nicht um alle Geheimnisse dieses Hauscs^wußten. Ich werde auch RanziuS noch heute von diesen Papieren in Kenntniß setzen, damit er den etwaigen Verkaufsgelüsten meiner Frau Mutter einen Riegel vorschiebe. Und jetzt lassen Sie uns wieder zu unfern gemeinsamen Feinde zurückkehren. Wir wissen, daß er drüben auf dem Berge unter dem Bauernvolke wohnt. Sie werden doch schon erfahren haben, daß er heute Morgen zur Stadt gegangen ist?" Was sind Ihre Absichten und Pläne?"
„Ich habe mir die Sache nach allen Seiten hin betrachtet und Überlegt, und glaube, wir werden uns leider entschließen müssen, ihn zu einem Vergleiche zu bewegen. Ihre Mutter wird sich entschließen müssen, noch einmal ein Opfer zu bringen, wodurch wir ihn vielleicht für immer von hier los werden."
„Ich bin derselben Ansicht, lieber Herr, ich möchte ihn auch für immer los werden, doch ohne ein Opfer zu bringen, verfolgen Sie also Ihren Plan, wie ich den meinigen verfolge, wir werden dann seh'», wer zuerst von uns zum Ziele gelangt."
„Und worin besteht Ihr Plan, Herr Gratman?" fragte Beerenborg.
„Ich habe stets die Mittel für die wirksamsten gehalten," antwortete Harri, „welche man ohne Mitwissenschaft anwendet, lieber Herr Rath, und da Ihre Zeit so sehr gemessen ist, will ich dieselbe für heute nicht mehr in Anspruch nehmen. Sollte irgend etwas von Wichtigkeit vorfallen, so machen wir uns gegenseitig sofortige Mittheilung."
„Beerenborg nahm Abschied, und als er die Treppen hinunterstieg, murmelte er vor sich hin:
„Wie schade, daß dieser junge Mann nicht Advokat geworden ist."
Kaum hatte Beerenborg das Zimmer verlassen, so entledigte sich Harri seiner goldenen Uhr, einer diamantenen Busennadel und eines werthvollen Ringes, zog dann seine Börse, die er mit ungefähr dreißig Dollars, theils in Papier, theils in Münze versah, und begab sich zu seinem unten wartenden Wagen, der ihn nach dem Broadway hinauf nach der Ecke der Pearlstr. brachte. Hier stieg er aus, und während der Wagen wartend zurückblieb, ging er rasch die Straße hinab, bis er vor einem hohen, düstern, alten Backsteinhause stehen blieb, das scheinbar unbewohnt war, dessen Thür sich ihm jedoch auf sein Klingeln und kurze Zeit darauf auf ein besonderes Zeichen durch Anklopsen öffnete.
Harri trat ein und stand einem etwa siebenzehnjährigen Mädchen mit brennend herausfordernden Blicken gegenüber, die ihn sogleich mit den Worten an- rcdete:
„ Entra ella, Signore, buona sdra, stäta sdmpre bene ?K
„Gratia, Anita!“ antwortete Harri, „bellissima amica, dove d il tuo fratello ?“
„En la camara sua,“ erwiederte sie, „vuol ella venire mdco ?“
Und sie schloß die Thüre, eilte voran zur Treppe, dieselbe mit der Leichtigkeit einer Gazelle erklimmend, so daß Harri ihr kaum folgen konnte. Oben angelangt öffnete sie eine Saalthüre, und ohne selbst einzutreten, gab sie Harri ein Zeichen, welcher demselben sofort Folge leistete. Auf einem Art Ruhebett lag ein Mann von großer Gestalt und den kräftigsten Körperdimensionen, der sieh in seinem dolce far niente sehr wohl zu fühlen schien und mit Der größten Seelenruhe den Tabaksdampf seiner Pfeife in bald größeren, bald kleineren Ringen zur Stubendecke emporsandte. Bei Harri'S Eintritt hob er das Haupt empor, und als er den Eintretenden erkannt hatte, stützte er sich auf den Ellenbogen und brachte sich in eine sitzende Lage.
„Was giebt'S Neues, seit heute morgen, Tomasio?" fragte Harri.
„Nichts Besonderes," antwortete ter Gefragte," der Mann vom Berge ist heute Morgen herüber gekommen, ist auf dem Broadway in verschiedenen Magazinen eingekehrt und hat sich endlich mit einem Herrn im Barroom de« Me- tropolitan-Hotel in ein Gespräch eingelassen, mit dem er bald darauf nach Keefe'S gegangen ist, und da sitzen sie noch. Doch Carlo ist auf der Wacht und hat seinen Jungen bei sich, sobald sie von dort wieder sich entfernen, bekomme ich neue Nachricht. Ew. Gnaden scheinen viel Interesse an diesem Manne zu nehmen." sagte der Italiener.
„Er ist mein Todfeind, Tomasio, mein bitterster Todfeind, und ich muß mich sehr vor ihm in Acht nehmen, denn er führt Böses gegen mich im Schilde. Deßhalb, Tomasio verdopple Deine Wachsamkeit, und lasse ihn nie außer Augen, hier hast Du zuerst zehn Dollar für Dich, und hier sind noch zehn andere für Deine Gehülfen, ich weiß Du mußt sie bezahlen, hier nimm, mein Freund, Du siehst, ich beschwere mich nicht gern mit vielem Gelde, doch das nächste Mal, wenn ich wieder komme, werde ich Dir das Doppelte geben, wenn ich mit Dir zufrieden bin."
„Vielen Dank, Ew. Gnaden können sich fest darauf verlassen, daß jener Mann auch keine Minute unbeobachtet bleiben soll, und sollte er irgend Etwas unternehmen wollen, dann wehe ihm!"
„Jener Mann, Tomasio, ist schlau und sehr zu fürchten," antwortete Harri und begann, die Hände auf dem Rücken faltend im Zimmer auf- und abzugehen, während Tomasio, dessen Augen von Befriedigung über den so leicht erworbenen Schatz funkelten, die Banknoten zahlte und wieder zahlte und mit einer schlecht zu verfehlenden inneren Freude immer wieder und wieder durch die Finger gleiten ließ.
Harri neigte das Haupt zur Erde und der Gegenwart Tomasio's gleichsam gar nicht mehr achtend, begann er mit sich selbst zu reden:
(Fortsetzung folgt.)


