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Jeilage zu Ar. 84 des Kreiener Anzeigers.

Feuilleton.

Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung)

Daran thut Ihr recht, sagte der Hauptmann. Das sind ehrenhafte Ge­sinnungen.

Ich sehe, Bürger, es sind gleichfalls die Eurigen.

Mit dem Unterschied, Bürger, versetzte der Hauptmann, daß ich bei der Revolution nichts verloren zu haben meine.

Der Unbekannte warf einen verstohlenen Blick auf unseren Offizier, welcher diesem nicht entging. Um seine Gleichgültigkeit und Unbefangenheit zu beweisen, pfiff oer Hauptmann einen Marsch.

Ihr dient in der Cavallerie? forschte der Fremde weiter.

Ja, Bürger, und ich komme von der egyptischen Armee. Viele Leute wissen das seit vorgestern.

Euer Pferd hatte mich das sogleich crrathen lassen, Herr Oberst.

So weit sind wir noch nicht, antwortete Reymonv; vielleicht später ich bin Hauptmann.

Sie werven Oberst und General werden, mein Herr. Ich verstehe mich auf Prophezeihungen. Da Sie von Egypten kommen, haben Sie die neuesten Nachrichten von der Armee und dem großen General en Chef. Man spricht nnr von seiner bevorstehenden Rückkehr!

So? verfitzte Reymonv. Kündigen die öffentlichen Blätter dieselbe an? Ich lese gar keine Zeitungen.

Lieber Himmel! antwortete der Unbekannte, die Zeitungen sind immer nur das Echo wohlunterrichteter Leute. Sie zum Beispiel, Herr Hauptmann, müssen sich eine Meinung über die fernere Dauer unserer Besetzung gebildet haben.

Gewiß, sagte Rrymond.

Der Unbekannte ritt so nahe heran, daß sein linker Stiesel fast den rechten des Hauptmanns berührte.

Verzeihen Sie meiner Neugier, hob der Fremde an. Ich habe dabei ein großer Interesse. Ich habe die Ehre, ein wenig mit dem General Desaix verwandt zu sein einem Manne

Von bewunderungswürvigen Eigenschaften, ergänzte der Offizier. Ich gratulire Ihnen zu Vieser Verwanvtschast, mein Herr.

Meine Mutter war eine Cousine der Mutter des Generals.

Nun, mein Herr, betheucrte Reymond, Ihr erlauchter Verwandter ver­richtet Wunverthaten, und seine Beziehungen zu Bonaparte sind von der freund­lichsten Art.

O, das intercssirt mich auf's Lebhafteste, Herr Hauptmann! Ein ekler Mann, dieser Herr Desaix!

Der Unbekannte fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er schien tief ergriffen zu sein. Der Hauptmann begann sehr gelassen wieder seine Marsch­melodie zu pfeifen.

Aus Mitleid, Herr Hauptmann, nahm der Fremde wieder lebhaft das Wort, erzeigen Sie mir einen wichtigen Dienst! Sie reden mit einem Manne, der schwere Unglücksfälle erlitten hat, deren Schmerz . . . aber schweigen wir davon, ich vertraue darauf, daß Ihr Charakter ein edler ist . . . Desaix ist mein Verwandter unv ich habe das größte Interesse, zu erfahren, ob er noch in Egyp- ten bleibt. Hätte ich das Glück, ihn balv in Frankreich wiederzusehen, so würde er mein Beschützer sein und mir ein Recht verschaffen. Ich stehe noch auf der Liste der Emigrirten ... Ja, Hauptmann, ich gehöre zu der großen Schaar der Fructivorisirten, und das trifft mich nicht blos im gewöhnlichen Sinne, son- dern es ruinirt mich, weil man meinen Grundbesitz, mein letztes Eigenthum, zum Besten der Nation mit Beschlag belegt hat. Veikauft man dies Besitzthum, so bin ich verloren; unv voch rührt mein Unglück nur von einem Jrrthum im Namen, in Ver Person her. Meine Rcclamationen helfen zu nichts, man weist mich zurück. Ich bin fructivorisirt durch einen unbegreiflichen, räthselhaften, un­seligen Jrrthum der Beamten. Ach, wäre Desaix nur hier! Wird er balv zu­rückkehren, Hauptmann, unv gedenkt Ver ruhmvolle General en Chef die Geschicke unseres unglücklichen Frankreichs in seine Hand zu nehmen? Aus Erbarmen reden Sie!

Reymond pfiff nicht mehr seit den ernsthaften Worten des Unbekannten. Er hatte ihn zwei- ober dreimal verstohlen angcblickt und sah, daß er in der That sichtlich ergriffen war.

Der Hauptmann befragte, wenn er einem Unglücklichen gegenüber stand, immer zuerst sein Herz, mit dem Vorbehalte, nachher auch die Klugheit zu Rathe zu ziehen.

Mein Herr, fragte er, darf ich mir Ihren Namen ausbitten?

Lieber Gott, Hauptmann, versetzte der Fremde, mein Name ist Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt; meine Familie ist von altem Adel aber meine Gesinnungen sind die eines guten Patrioten--

Daran zweifle ich nicht, mein Herr; ein Grund mehr, mich für Ihren Namen zu interessiren!

Offenherzig gesprochen, Hauptmann, ich verberge seit langer Zeit meinen Namen, weil ich fructivorisirt worven bin. O, über mein Unglück! Wenn ich r« wagen dürfte, Ihnen zu bekennen, wer ich bin!

Sie dürfen das mit voller Sicherheit.

Wohlan, ich vertraue Ihnen, mein tapferer Hauptmann, sagte der Fremde, unruhige Blicke umhcrsendend, als ob er befürchtete, von Jemanden be­horcht zu werden. Ja, ich vertraue Ihnen und will Ihnen nicht länger meinen Namen verbergen, da Sie schon einen Theil meines Unglücks erfahren haben. Bernehmen Sie also, ich bin im November 1792 emigrirt. Einige Monate lang diente ich in der Armee von Conde ich verbarg mich unter verschie­denen Namm kurz, mein bester Herr Hauptmann, ich heiße hier dämpfte der Fremde den Ton seiner Stimme Graf Reymond de Vitry, Sohn des Grafen de Vitry, welcher am 22. März 1793 auf dem Revolutionsplatze guillo- tinirt wurde.

Der Fremde schwieg und hielt ein Schnupftuch vor seine Augen. Er ver­goß Thränen wenigstens schien es so.

Die beiden Reiter waren jetzt auf dem Gipfel der Höhe angekommen, von welcher man Sevres und Chaville übersieht.

Die Hauptstraße nach Versailles durchschnitt hier eine liebliche Ebene, welche mit fast reifem Getreide und dunkelgrünen Weinstöcken bedeckt war. Ein erfri- schender Luftzug wehte, und der in Gold und Purpur erglühende Abendhimmel bildete einen prächtigen Hintergrund zu dem Bilve.

Bei dem Namen, welchen der Fremde aussprach, war Reymond betäubt, als wenn plötzlich eine Bombe zu den Füßen seines Pferdes geplatzt wäre. Bei den Details, welche der Fremde hinzufügte, zuckte das Herz des Hauptmanns blutend empor. Als diese erste heftige Aufwallung wie ein Blitzstrahl verflogen war, umkrampfte Riymond seine Reitgerte und wollte ausholcn, um dem Be- trüger einen derben Schlag in das Gesicht zu versetzen.

Aber wir haben schon gesagt, der Hauptmann, welcher auf dem Schlacht- fclde keine Furcht kannte, war zugleich mit jener bewunderungswürdigen Willens­kraft begabt, welche helvenmüthig ven stürmischen Aufwallungen des Blutes und der aufbrausenden Leidenschaft zu gebieten weiß. In einem Nu fand seine Seele wieder Vie gelassenste, unerschütterliche Rikhe. Nicht einmal einen Blick auf den Unbekannten werfend, nicht einmal bewegter als vorher athmend, senkte Reymond in natürlicher Weise das Haupt und erwiederte:

Mein Herr, Sie führen da einen ehrenvollen Namen. Ja, Ihr Un­glück ist groß. Jndcß, da ver General Desaix Ihr Verwandter ist, lassen Sie den Muth nicht sinken. Was den Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Frankreich be- trifft, so kennt einzig das Gouvernement Vies Geheimniß. Dem General en Chef selber sind Vie Absichten des Directoriums unbekannt. Es thut mir leid, daß ich Ihnen keine bessere Auskunft zu ertheilen vermag. Aber da sind wir ja auf ter Ebene. Wollen Sie noch immer nach Versailles galoppiren? Ich sagte Ihnen vorher, daß mein Pferd, wenn es einmal im Schuß ist, sehr schnell und sehr weit laufen wird.

Immerhin, galoppiren wir! rief der Unbekannte, sein Schnupftuch wie- der einsteckend. Mein Norman ist auch nicht schlecht. Und zum Teufel die Sor­gen ! In der That, wie konnte ich so einfältig fein, Ihnen den Ritt zu vcrder- ben? Verzeihen Sie mir ich werde nichts mehr davon reden. Also, im Ga­lopp nach Versailles! Ich kenne dort eine ausgezeichnete Restauration wenn Sie mir erlauben wollen

Sind ©:e bereit? unterbrach ihn der Hauptmann, welchen die Unge­duld nicht länger rasten ließ. Sind Sie bereit? Vorwärts! Halten Sie sich einen Büchsenschuß von mir entfernt!

Der Fremde schlug zum Galopp an. Als er weit genug war, zog Rey­mond, welcher sein Pferd angehalten hatte, straff ten Zügel an, drückte Vie Kniee ein wenig an Vie Flanken seines Renners unv fühlte Viesen leise zittern. Bei der nächsten Begegnung seines Reiters, welche es geduldig erwartete, flog das herrliche Roß tote ein Vogel von bannen, so leicht, so behende und so geschwind, daß es in zwei Minuten vaS normännische Pferv erreicht unv überholt hatte. Der Reiter, dessen Stiefel ver Hauptmann streifte, fühlte sein Gesicht von Vem flatternden Zipfel eines Halstuches berührt aber es war wie ein Blitzstrahl. Zehn Minuten später war das arabische Roß nebst dem Offizier, welcher es ritt, in den gelben Staubwolken des Weges und den verglühenden Strahlen der un­tergehenden Sonne verschwunden.

Der Unbekannte setzte nichtsdestoweniger seinen Ritt nach Versailles fort, wo er keuchend und auf todlmattem Pferde ankam. Seine Nachforschungen in allen Stadtvierteln waren vergeblich; Niemand hatte den fabelhaften Reiter vor« beikommen sehen. Es war zum Verzweifeln! Kein Geständniß erlangt, nicht die kleinste Jnviseretion, nicht einmal eine Aufregung herbeigeführt! Der Herr de» normännischen Kleppers war augenscheinlichgeleimt", wie am Abend zuvor eine höchst angesehene Persönlichkeit. Er konnte sich mit Titus sagen:Ich habe meinen Tag verloren."

Was aus dem Hauptmann Reymond ward, nachdem er den Fallstricken der Polizei entschlüpft war, werden wir vermuthlich im Verlaufe dieser Erzählung erfahren.

Wenn aber unser Osfizier auch ein guter Diplomat war, konnte es doch ebenfalls kein normannischer, englischer, türkischer oder andalusischer Renner an Schnelligkeit und Kraft mit seinem vortrefflichen Schlachtrosse Sultan aufnehmen.

6,

In der Tourraine.

Ein arabisches Roß, das mit voller Geschwindigkeit seines Laufes dahin sprengt, oder ein Hirsch, der in schnellstem Lauf über Vas Blachfelv setzt, machen Ven Eindruck des Unberechenbaren. Wohin eilen sie? Was ist das Ziel viefts blitzschnellen Fluges? Niemand weiß es zu sagen. Kann der Schütze die Trag­kraft des Pfeiles bestimmen, der von seiner Bogensehne schnellt und die Lüfte durchschneidet?

Fünfzehn oder sechszehn Stunden waren seit dem Verschwinden des Haupt­manns Reymond enteilt. Blendender Sonnenschein erhellte die Hügel, welche in der Gegend der Stabt Tours bie Loire begrenzen.

Es war etwa neun Uhr Morgens, als unser Offizier in die Hauptstadt jener reichen Provinz Tourraine ritt, welche so reich an Erinnerungen des alten Frankreichs ist. Er war die ganze Nacht hindurch gereist, jedoch nicht, ohne dem Ungestüm Sultans mehrmalige Erholung zu gönnen.

Der Hauptmann sorgte mit Aufopferung für seinen Freund aus der Wüste. Es bestand zwischen ihnen eine gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit. Als sie in der großen Hauptstraße von Tours anlangten, welche der Brücke über die Loire gegenüberliegt und Vie Stadt nach ihrer ganzen Länge in zwei Hälften trennt, schienen der Reiter und sein Roß, das frisch gelenkig und kaum ein we­nig bestaubt war, von einem Morgenritte heimzukehren. Reymond hatte hinter seinem Sattel nur einen kleinen Mantelsack, der unter den langen Schößen seines Rockes verschwand. Man erblickte freilich in der Holster zwei Reiterpistolen; aber diese Vorsicht nahm keinen Wunder in einer Zeit, wo sich Jeder auf den Landstraßen gegen einen Ueberfall sicherte. (Forts, folgt.)