Fenilleton.
Gespräch eine
von
(Hierzu eine Beilage.)
dem war,
daß ten
Vetter und Düse.
Eine Familiengeschichte.
greifen alle Schwierigkeiten. „ u .
Unter diesen Verhältnissen, wo die wichtigsten Interessen des Kaufmanns Herrn Balder beschäftigten, wo förmlich Wohl und Wehe seiner Familie und der Erfolg der Thätigkeit eines ganzen Lebens auf dem Spiele stand, war es dem Commerzienrath nicht zu verdenken, daß er dem Befinden seiner Tochter keine große Aufmerksamkeit zuwandte, geschweige denn gar Vie Veränderung bemerkte, welche mit Ihnen vorgegangen war. Henriette, die kräftige, blühende, wohlbe- | leibte, war blaß und mager geworben, unv zeigte einen gedankenvollen dornst, der ihr seither ganz fremd gewesen war. Iva dagegen fand keinen Geschmack mehr an Romanen, sondern trieb entweder emsig italienische Sprachstudien oder vergrub sich in die Einsamkeit ihres ZimmcrchenS.
Dieß alles aber war dem Vetter Buchhalter nicht entgangen, und er hatte Den Schlüssel zu Henriettens unruhiger, aufgeregter Stimmung , wie zu Iba s stiller Träumerei. Er wußte von dem abwesenden Vetter, wie sehr derselbe tn Henrietten verliebt war, unv schloß aus dem Gemüthszustand dieser, daß auch sie die Neigung des Vetters erwiederte. Ebenso hatte er auch den Grafen Da- miani nicht aus dem Auge verloren und deutlich wahrgenommen, welche Muhe sich derselbe gab, Jda's Herz und Verirauen zu gewinnen, — ein Vorhaben, welchem sich der Buchhalter jedoch alles Ernstes zu widersetzen und bas er zu vereiteln gelobt hatte, so sehr auch Frau AlbertinenS Eitelkeit und mütterliche Schwäche die Werbung des Fremden zu begünstigen schien.
Eines Abends kam der Buchhalter vom Comptoir nach Hause und fand Paulinen allein, um sein Abendbrod zu theilen Die Tante und die Cousinen waren ausgebeten, und der Commerzienrath ebenfalls rn einen geselligen K e.s von Bekannten gegangen, der ihn an gewissen Abenden in Anspruch nahm. Solche Fälle kamen öfter vor, und die Commcrzienräthin, welche jedes Zusammensein PaulinenS und des Buchhalters zu vereiteln suchte, pflegte dann meist schon am Mittagstische eine Andeutung fallen zu lassen, daß sie wünsche, Rudolph möge sein Abendbrod auswärts einnehmen. Heute schien sie es übersehen zu haben,
so gönnte die ihrem Vetter noch
' (Fortsetzung.) , Diese Hinveutung auf das bevorstehende Scheiden gab andere Wendung, und da sein Entschluß nicht zu erschüttern Commerzienräthin in schlauer Berechnung Henrietten und , einige Stunden ungestörten Beisammenseins und Austausches. Nach dem Diner fuhr er in de« Commerzienraths Equipage auf den Bahnhof; Onkel Gottfried und seine Töchter begleiteten ihn dahin; auf dem Bahnhofe selbst wartete der Vetter Buchhalter, nahm den Holländer etwas beiseite und händigte ihm nach einer kurzen Unterredung noch ein Päckchen ein; welches der Reisefertige sorglich in der Brusttasche verwahrte, ehe er sich wieder zu den Anderen wandte.
Der Zug fuhr vor, die Flügelthüren des WartesaaleS wurden geöffnet, die Scheidestunve schlug. Robert umarmte den Oheim und Iba, druckte dem Luch. Halter noch die Hand, und kehrte sich jetzt zu Henrietten, welche laut schluchzte
„Auf Wiedersehen, meine liebe, theure Henriette!" flüsterte er ihr zu und schloß sie in seine Arme und der Kuß, welchen er auf ihre Wange druckte, war länger und zärtlicher, als sich wohl für einen einfachen Vetter paßte.
„O, mein Geliebter!" flüsterte sie zurück; „schreib mir bald oder ich sterbe vor Sehnsucht nach Dir!" , o , .
„Morgen schon! morgen von Frankfurt au«, mein süßes Leben, erwie. derte der Vetter; „laß schriftlich uns sagen, wie viel wir uns gegenseitig sind Dann noch eine Umarmung, ein Kuß, ein Händedruck, und der Vetter eilte in den Waggon, und ehe er sich noch recht bequem gemacht, brauste der Zug da- und in die dunkle Nacht hinein.
und die beiden Verwandten waren daher mit einander allein und ergaben sich einem harmlosen Geplauder. Pauline hatte viel natürlichen Verstand, l» sogar Geist und etwa« Humor, und ihre innere Gesundheit und Frische spiegelte sich in ihrer unzerstörbaren guten Laune, so daß die Unterhaltung m,t ihr immer heiter und anziehenv und voll Abwechslung war. Heute aber schien sich hinttr dem anscheincnv harmlosen Geplauder doch noch -.ne Sorge zu versteck^, welche da« Gcmüth des Mädchens drückte, — ein Ernst, der dem geübten Bücke des Buchhatter« Ihne/denn, liebes Väschen?" fragte Rudolph in einem Moment, wo die Unterhaltung stockte, ergriff ihre Hand und blickte ihr fest und forschend ^n dü treuen dunkelblauen Augen; „Sie sind heute Abend etwas zerstreut und unruhig, Väschen? Fühlen Sie sich unwohl ?"
„Nein, Vetter, aber ich bin in Sorgen," versetzte sie.
Sie schaute ihn fragend an, ohne ihm ihre Hand zu entziehen. „Nein, Sie werden mich nicht auslachcn, Vetter," sagte sie; „Sie meinen es za gut und ehrlich mit dem Onkel und den Seinigen, — Sic werden mir rathen, war ld> '^Ab-r^was haben Sie denn, Väschen? Sie werden ja immer aufgeregter."
Setter, erst eine Frage: Was halten Sie von .... von dem Grasen ^“em Grafen? Ich halte ihn zunächst für keinen Grasen und dann in zweiter Linie für einen Abenteurer, für einen Spieler, einen Menschen, dem ich
I mein Haus nicht öffnen würde! Aber heraus mit der Sprache, liebes Väschen. 1008 ^Sie * wissen^ also ?" rief sie erschrocken und doch froh, daß ihr die Ent- hüllunq so leicht wereen sollte. „Nun denn, meine Unruhe gilt der armen Cousine Ida. Denken Sie sich, Iba liebt Damiani, hat es ihrer Mutter gestanven, und weckselt täglich Briefe mit jenem Herrn, dem ich auch nicht traute, weil • • • • kurz, weil ich fühlte, was Sie vorhin aussprachen. Nun Venn, der Graf war heute Vormittag hier im Hause und hatte mit der Commerz'enrachm eine Unter- „düng unter vier Augen. Nach Tische kam Vtese herunter tn Onkels Zimmer und wollte mit ihm reden, aber sie wurden bald beide so heftig, datzlch.bieich im Nebenzimmer saß, jedes Wort hören mußte. Der Graf hat um Ida s Hand anqehaltcn, und die Commerzienräthin horchte nur so von ferne hm, >va« de Oheim vazu sagen würde. Aber er ward ganz wuthenb und erklärte eine solche Verbindung für so unsinnig, daß er sie nun und nimmermehr zugebeu wurde, worauf die Tante kalt erklärte, sie werde die Verbindung dennoch durchsetzen und seinen Vorur,heilen nicht das Glück ihres Kindes opfern. D-r Zwist endete wi- aewöhnlich damit, daß der Oheim Hut und stock nahm und daS Feld räumte. Eine Stunde später kam ich hinauf, um der Cousine eine Chemisette zu bringen, die ich gefertigt hatte; da sah ich sie in Thränen unddie Commerzieiirathln
stand dabei und tröstete sie und sagte: ,Jch werde ihn rufen lassen und Du sollst
ihn dann sprechen und ihm Hoffnung geben! Der Vater muß nachgeben, ich
will mein gutes Kind noch als Gräfin sehen ... „
Natürlich! die verblendete eigensinnige Mutter kann nicht aus der Rolle fallen"" sagte der Buchhalter. „Ich ahnte, daß e« so kommen wurde. Aber weiter Bäschen, weiter! Sic verdienen sich Gottes Lohn, indem sic mir das aUt5 und'eine halbe Stunde später langte wirklich Herr v. Damiani an, und Stephan führte ihn in den Gartensalon und meldete er oben. Da kamen Ida und^die Commerzienräthin herunter und hatten eine lange Unterredung mit ihm, bis Die Tante abberufen wurde und die jungen Leute allem ließ. Und ich, Detter — ich schäme mich jetzt beinahe, e« Ihnen zu gestehen ! — ich h-"e in.ch, al« ich die Tante Weggehen sah, in das anstoßende kleine GewachShau« ge Wen, das wir den Wintergarten nennen, und hier, nur durch eine dünne Glaswand getrennt, hörte und sah ich alles, was zwischen Ida und dem Grafen vorging.
Nun ? und was war das ?" „ . , _ „ „
"ßr hielt sie im Arm und sie küßten sich und schwuren sich ewige Treue... "Natürlich! und was weiter?" ~
Unt> dann sagte der Gras: sich werde Dich nicht lassen; ich werde Dich täglich hier sehen und Du sollst mir folgen! Wir entfliehen beide, lassen uns : im Auslände trauen, unv Dein Vater wird zu der vollendeten Thatsache schwer.
10.
Der Buchhalter war feit einigen Wochen in seiner neuen Stellung thätig, und genoß schon des Commerzienraths ganzes Vertrauen; aber ferne «teile zu Der Tante Albertine war noch um kein Haar besser geworden. Er hütete sich zwar sehr, das Mißfallen der Commerzienräthin geflissentlich auf sich zu ziehen, allein er verschmähte es auch, durch Kriechen oder Schmeicheln dem Vorurtheile der Tante gegen ihn etwas abzubrechen. Vielmehr äußerte er sich oft mit unverhohlener Ironie über den thörichten Luxus, welcher m diesem Hause nur aus bloßer Prahlerei getrieben wurde, um -s den übrigen Fabrckantenfamttlen vorzu- thun, — aus bloßer Eitelkeit, um Andere zu überstrahlen. Er spottete über den Müssiggang der Cousinen und lobte in ihrer Anwesenheit PaulinenS Rührigkeit und Anstelligkeit; er setzte des arbeitsamen Mädchens Gesundheit, Frische und Heiterkeit ven „Nervenleiden", der Migräne und den häufigen Verstimmungen von Henrietten und Adclhaid gegenüber, und verscherzte dadurch einigermaßen das Wohlwollen, welches ihm die Cousinen anfangs gezollt hatten.
Die häuslichen Zustände waren fett feiner Anwesenheit nicht gerade besser geworden. War auch jenem prunkvollen und in seinem Hauptzwecke erfolglosen Feste eine gewisse Einschränkung in einzelnen Theilen gefolgt, so war der Aufwand im Allgemeinen nicht wesentlich vermindert worden, und der Commerzlen. rath war ungehalten über jeve Ausgabe, welche seine Frau auf die Kasse zog. Er selbst ward von seinen geschäftlichen Sorgen gerade jetzt so sehr tn Anspruch genommen, daß er sich um die Familienangelegenheiten wenig oder gar nicht de- kümmern konnte. Keine Post kam, ohne Verluste zu melden oder Befürchtungen zu solchen zu geben, Herr Balder hatte kaltes Blut und feine volle Besonnen, beit nöthig, um bei den Verlusten einerseits und den Ansprüchen seiner eigenen Gläubiger anderseits das Gebäude seiner Passt.ven im Gleichgewicht zu erhalten und sein Fahrzeug durch alle diese Fährlichkeiten sicher hindurch zu steuern. Aber selbst dieß wäre ihm, dem direkt Betheiligten, nicht möglich gewesen, batte er nicht in Dem Neffen-Buchhalter einen durchaus tüchtigen und umsichtigen, kalt- blütigen und besonnenen Kaufmann zur Hand gehabt, dem ein außerordentliches Glück eigen zu sein schien. Wenn die deutschen Bankiers ihre Vorschüsse zuruck verlangten und von fernerem Kredit nicht hören wollten, so gelang es einem einzigen Briefe des Buchh üterS, bei den ungleich vorsichtigeren ersten Firmen Hollands und Englands selbst in dieser Zeit Cred-t zu erhalten, und durch die Verbindung mit solchen Häusern auch die deutschen Bankiers wieder vertrauensvoller zu machen. Wenn Der Commerzienrath oft vcrweifeln wollte und alles verloren wähnte, wußte Der Buchhalter noch Rath, und wie durch Zauberschlag wichen vor feinem Zu-
8Cn ^Ah"'darauf war es wohl von jeher abgesehen!" sagte der Buchhalter. "U1,b Jpa?°h,^anfan°g- 'sa'gte sie gar nicht- und weinte wie ein schmollende« Kind und der Graf setzte ihr unablässig zu mit ZureDcn, bis sie ruhiger wurde, und mm blos noch sich weigerte, mit ihm in die weite Welt zu entlaufen, weil fie den guten Vater durchaus nicht beleidigen wolle. Aber mich dunkt, Vetter, bald ist sie schon gewonnen, und Der nichtsnutzige Mann bringt sie noch dazu, sie mit ihm auf und davon geht, denn dieß paßt ja ganz zu ihren verrück-
„t LS ®l<Ito.b'n» H, Stimm. W* -* ***»■ *" fein Sic ruhig : der Italiener soll nicht zu seinem Zweck gelangen.
Aber wer wird ihn daran hindern, Vetter ?" rief Pauline ängstlich. ..Der Oheim ist ganz blind für diese Sache, und die Commerzienräthin druckt ein Auge zu. Wer kann also das Unglück verhüten?"
Ich, Bärchen, und Sie," versetzte der Buchhalter luhig.
"Zck> Vetter? wie so denn ich?" fragte Pauline erstaunt.
"Eem Sie alles genau beobachten, ohne sich etwas merken zu lassen, lieb Bäschen und indem Sie mir immer sogleich Nachricht von allem geben, »«« 7„ ..rrtt «... sich ®lr Müs.» d.» ..Ito. Schn»»..
rA(.n Yntren „m das Ganze desto sicherer zu vereiteln," fuhr er zuversichtlich und gelassen fort. „Alle« weitere nehme ich auf mich; Ida muß fühlen, wenn sie nicht hö!en will, - sic muß soweit gebracht werden, sich d-« unwürdigen Manms zu schämen, dem sie ihr Vertrauen und ihr thonchte« Herz schenkte. Sie muß durch Schaden klug werden."
(Fortsetzung folgt.)


