Jeitagezu Ar. 69 des Kreiener Anzeigers.
Feuilleton.
Das Testament des Großonkels.
(Fortsetzung)
„Sie denken also, wie ich, Madame, daß man denselben glauben wird, Venn wenn es Ihnen auch gelungen ist, meinen Vater in die Gruft zu bringen, so ist es Ihnen roch nicht gelungen, und wird Ihnen auch nie gelingen, ihm seinen guten Namen zu nehmen, auch nur einen einzigen Menschen in dieser ganzen großen Stadt dahin zu bringen, an seinem Worte zu zweifeln. Das wissen Sie ebenso gut, wie ich, daß Sie das nicht können und nie können werden- Die Welt weiß, daß er sehr unglücklich gewesen ist, von Ihnen glaubt sie, sie seien gleichfalls unglücklich gewesen; die Welt weiß aber auch und hat die feste, unwiderlegbare Ueberzeugung, daß er ein rechtschaffener Ehrenmann war; an Ihre Rechtschaffenheit glaubt sie nur so lange, als sie noch keine Beweise für das Gegentheil hat, deßhalb Madame, hängt Ihr ganzer Ruf an einem Haar, und der leiseste Hauch kann ihn wie ein Kartenhaus Umstürzen."
„Doch ich hatte Mitleid mit Ihnen, weil ich Mitleid mit meinen Schwestern hatte, weil ich den Grundsatz hatte: „Wer sein eigenes Fleisch schlägt, der trifft sich selbst!" deßhalb kam ich mit der Palme der Versöhnung und suchte von Ihnen diese Zusammenkunft zu erlangen. Ich hatte Perry Myers mit in's Vertrauen gezogen, und er hatte es übernommen, Ihnen meinen Brief in die Hände zu spielen, und schon hatte ich ihm denselben übergeben, da, an demselben Abend, an welchem ich nichts ahnend in meine ländliche Einsamkeit zurückkehrte, da, Madame, sannen Sie auf Mord, denn dieses blutige Attentat konnte nur von Ihnen oder von meinem Bruder ausgehen! Antworten Sie mir, haben Sie darum gewußt oder nicht?"
„Ich schwöre es Dir beim Allmächtigen, John, daß ich nichts davon wußte, baß ich keine Ahndung davon hatte."
„Ich glaube Ihnen Ihrer Ehre wegen, obgleich es mir gleichgültig ist, ob es von Ihnen oder von meinem Bruder ausging, denn Sie stehen mir Beide gleich fern. Es war gegen zehn Uhr Abends, als ich Deliah's Wohnung verließ; kaum war ich in das Gehölz getreten und hatte jene Fenz erreicht, als ich von einer Manneshand jenen furchtbaren Hieb über den Kopf erhielt, und von jenem Augenblick an fehlte mir das Bewußtsein. — Ich fühle mich matt vom Reden, liebe Deliah, willst Du nicht dieser mitfühlenden guten Mutter den weiteren Verlauf mittheilen?"
„Es war des Morgens ganz frühe," fuhr Deliah fort, „um die Stunde, zu der ich aufzustehen pflege, die Sonne war noch nicht aufgegangen, ich ging hinaus in den Garten, und die Rosen dufteten so schön, da dachte ich, ich müsse ein Bouquet schneiden und Dir dasselbe schnell auf den Berg bringen und unter bas Fenster legen zum duftigen Gruße, unv als ich meinen Strauß gewunden, machte ich mich rasch ans den Weg, um zurück zu sein, bevor die Mutter auf- gestanden. Doch kaum war ich an die ^eni ,/ieton^e b.->
„..v ... -uvvm war nut Blut getränkt, und fein Haar und der Kopf unv seine Kleiber waren voll Blut, und er lag bleich und starr da wie ein lobten Und ich kniete neben ihm nieder und ergriff seine Hand, um zu sehen, ob noch Leben in ihm fei, und o der Freude, der Puls schlug noch, doch so leise, daß er kaum fühlbar war. Und ich lief schnell zurück nach Hause unb holte unsere beiden Knechte, welche mit mir nach dem Platze eilten, und ihn auf. nahmen unv nach unserem Hause brachten; wir legten ihn in's Bett und ließen einen Arzt holen, welcher seine Wunde untersuchte. Dieselbe war durch einen Schlag mit einem Feldsteine verursacht worben unb glücklicher Weise zu hoch getroffen, war die Schläfe verschont geblieben. Es hätte nur eines Strohhalms ®reite gefehlt unv der Schlag würbe Vie Schläfe zerschmettert haben. Der Arzt nähete die Wunde zu, verbanv dieselbe und vervrbnete kalte Eisumschläge unv gab uns Vie Beruhigung, daß bei guter Behandlung keine Lebensgefahr vorhanden sein werde."
wir diese freuvige Gewißheit hatten, begannen wir erst nach den -a-hatern zu forschen, und da wir fanden, daß man ihm weder seine Uhr, Börse und andere Werthsachen abgenommen hatte, vrängte sich uns natürlich die Ueber- zeugung auf, daß der That keine Absicht der Beraubung, sondern die Befriedi- gung persönlicher Rache zu Grunde liegen müsse. Wir kannten die zwischen ihm
unv seiner Familie bestehende Spannung und beschlossen deßhalb, um keinen öffent licfeen Eelat herbeizuführen, das strengste Stillschweigen über den ganzen Vorfall zu beobachten. Am Nachmittage desselben Tages kam Perry MyerS, John hatte bas Bewußtsein wiedererlangt, und jetzt würbe der folgende Plan verabredet. Wir packten John's sämmtliche Sachen in ein Bündel, legten auch jenen Brief, den Perry Myers bereits in feinen Händen hatte, wieder bei und Mr. Myers trug das Ganze den Berg hinunter und legte es an das Ufer des Flusses, wo es den Abend gefunden werden mußte. Und so hat der Bries denn endlich seinen Weg an die richtige Adresse gesunden/'
„Was jetzt weiter folgt," fuhr John fort, „können Sie in diesem Briefe lesen, Mutter, den Deliah vor einigen Sttinven von Perry Myers erhielt. Lies ihr doch den Brief vor, Deliah!"
Deliah begann, wie folgt:
„So eben komme ich von John's Mutter, Harri ist unter dem Vorwande von Geschäften außer dem Hause. Ich fand dort den Prediger Drusen, den Advokaten Veerenborg und verschiedene andere Personen, welche Condolenzvisiten machten. John's Mutter hatte den bewußten Brief bereits gelesen, denn sie war eben von Hoboken zurückgekehrt, wo sie die Effekten reclamirt hatte. Sie zeigte den sämmtlichen Anwesenven den Ausdruck der tiefsten, innigsten Trauer und erklärte zu wiederholten Malen, den Allmächtigen als Zeugen anrufend, daß sie die Absicht gehabt habe, sich mit John zu versöhnen, sie sagte mir selbst, daß sie mir habe die Ueberraschung bereiten wollen, ihr ihren Sohn wieder zuzuführen, worüber sie natürlich kie wärmsten Lobeserhebungen des Geistlichen und der übrigen Anwesenden entgegennahm. Endlich richtete sie die Bitte an mich, sie später mit Evelinen nach John's Wohnung zu begleiten, um tote sie sagte, dort eine letzte Erinnerung von den Orten mit sich zu nehmen, die ihr ewig tbeuer sein würden. Da es ihr bei dieser Angelegenheit natürlich um nichts Anderes als um die Erlangung des Manuseripts zu thun ist, denn alles Uebrige ist ja nichts als Maske, als bloßes Schauspiel, so habe ich mir folgenden Plan erdacht, dessen Ausführung von Euch abhängt, und der Euch mit einem Schlage zum Ziele führen kann. Ich werde mit ihr und Evelinen---"
„Genug, Deliah," unterbrach sie John, „Mutter wird selbst am Besten zu beurteilen wissen, ob wir den Plan gut ausgeführt haben, oder nicht. Sie haben so lange, lange Jahre mit der Menschheit Komödie gespielt, daß Sie jetzt endlich auch ein Mal die Erfahrung an sieh selbst machen dürfen."
Mab. Gratman hatte den beiden Revenden mit gespannter Aufmerksamkeit zu gehört, man konnte es dieser steinernen Natur ansehen, daß sie sich aÜmältg ihre Fassung wieder erzwungen, und als sie jetzt Alles erfahren hatte, was ihr zu wissen nöthig war, richtete sie an ihren Sohn und Deliah die kurze Frage:
„Und was verlangt man jetzt von mir ?"
„Es wundert mich," antwortete John, „wie Sie noch darnach fragen können. Ich »"lange mein Recht. Ich bin es müde, Madame, noch länger ein Bittender zu fein, ich befehle Ihnen jetzt. Sie haben es ja laut vor Gott und aller Welt geäußert, daß Sie mich wieder in Ihre mütterlichen Arme aufnehmen wollten, Sie werden daher jetzt Ihr Wort nicht brechen wollen Und auch nicht brechen können."
„Also Du verlangst, von jetzt an bei mir zu wohnen?"
„Davor bewahre mich Gott, Mutter, o nein, dieser anmaßende Wunsch sei fern von mir, ich verlange weiter nichts als mein Recht. Sehen Sie hier die Papiere meines Vaters. Obgleich ich mich derselben nur höchst ungern entäußere, denn sie sind mir ein theures, wenn auch höchst schmerzliches Angedenken, so sollen dieselben doch vernichtet werten, wenn Sie mir dafür das Testament meines Großonkels überliefern wollen. Sie werben natürlich behaupten, der alte Onkel habe kein Testament gemacht. Wohlan, so werde ich tiefe Papiere nicht vernichten , um mich dadurch gegen eine Enterbung Ihrer Seite zu sichern, denn Sie wissen selbst am besten, in wie weit man sich auf Ihre Versprechungen verlassen kann. Wenn Sie mir auch Tausend Mal versprächen, um mich nicht enterben zu wollen, so würden Sie mich nachher doch selbst auslachen, wenn ich thöricht genug wäre, Ihnen die Papiere zu geben. Deßhalb schaffen Sie das Testament, oder ich behalte die Papiere.
_____________ (Schluß folgt.)
Politische N n n - s ch o u.
Darmstadt, 5. Juni. Die heute erschienenen Regierungsblätter Nr. 28 unv 29 enthalten:
I. Den zwischen Cem veutschen Zoll - und Han- Velsverein und Oesterreich abgeschlossenen Handels- unb Zollvertrag.
II. Gesetz, den Vereinszolltarif vom 1. Juli 1866 betreffend. Dasselbe lautet:
Ludwig III. von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein re. re.
In Folge übereinstimmenden Beschlusses des Bun- desralhs des Zollvereins und des Zollparlaments haben Wir verordnet und verordnen, wie folgt:
§. 1. Die durch den Handels - unv Zollvertrag zwilchen dem norddeutschen Bunde und den zu letzterem nicht gehörenden Mitgliedern des deutschen Zoll- und Handelsvereins einerseits und Oesterreich andererseits vom 9. März d. I. für die Einfuhr au« dem freien Verkehr Oesterreichs in das Gebiet 6(8 Zollvereins vereinbarten Zollbefreiungen und Zoll- rrmaßigungen treten gleichzeitig mit dem Vollzüge tiefes Vertrages für die Einfuhr aus allen Ländern >» Wirksamkeit, jedoch mit der Maßgabe, daß die pollermaßigung für „Wein und Most, auch Eider, m Fässern und Flaschen" — Anlage B des Ver
trages Nr. 22 Lit. n — nur auf die Erzeugnisse derjenigen Länder Anwendung findet, welche die Er- zeugnisse des Zollvereins bei der Einfuhr gleich den Erzeugnissen der meistbegünstigten Nation behandeln.
§• 2. Die zur Atisführung der vorstehenden Be- stimmung erforderlichen Anordnungen werden vom BundeSrathe des Zollvereins festgestellt.
Urkundlich re.
III- Uebersicht der für das Jahr 1868 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürfnisse in den Gemeinden des Kieises Friedberg.
IV. Charakterertheilungen. Seine Kö- nigliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 30. Mai dem ersten coangel. Pfarrer zu Rodheim vor der Höhe, Carl Georg Schmidt, in Rücksicht auf seine fünfzigjährigen treu gelci- steten Dienste, den Charakter als Kirchenrath zu verleihen.
V. V er se tz ung en in d e n R uh estand. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnä- digst geruht: am 16. Mai den 1. Buchhalter bei dem Ministerium der Finanzen, Rechnungsrath Bal- zer, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste auf sein Nachsuchen, — an demselben Tage
den Forstwart der Forstwartei Weiterstadt, Förster Hoff, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, — und am 23. Mai den Distrietseinneh- mer der Districtseinnehinerei Pfungstadt, Strauß, mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.
VI. Concurrenz für: die vierte evangelische Schulstelle zu Lich mit einem Gehalte von 536 fl. 42 fr., nebst einer Vergütung von 40 fl. für Heizung des Schullocals; dem Herrn Fürsten zu Solms- Hohensolms-Lich steht das PräfentationSrecht zu dieser Stelle zu; — die Distrietseinnehmerei zu Pfungstadt, für welche eine Kaution von 4000 fl. erfordert wird; concurrenzfähige Bewerber haben sich binnen 14 Tagen anzumelden.
Berlin, 6. Juni. Nach dem „Militär-Wo- chenblatte" betrug die Zahl der einjährig Freiwilli- gen in der preußischen Armee am 1. Januar 1862: 1870, 1863: 1577, 1864: 1715, 1865: 1595, 1866: 1885, 1867: 3346. Von den am 1. Januar 1867 vorhandenen 3346 einjährig Freiwilligen dienten bei der Infanterie 2437, bei der Kavallerie 387, bei der Artillerie 366, bei den Pionnieren 109, bei dem Train 47. Außerdem genügten als einjäh-


