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und so ist nach und nach die Zahl der deutschen Lebensversicherrngsanstalten bis auf 35 gewachsen.

Aus den veröffentlichten Rechenschaftsberichten der gedachten deutschen An- stalten ergibt sich, daß diesen am Jahresschlüsse 1867 zusammen etwa 352,000 Personen mit 3361/2 Mill. Thlr. versichert waren. Diese 336y2 Mill. Thlr. werden also nach Umfluß des Zeitraumes eines Menschenalters zur Zahlung ge­langen. Wie viel Sorgen, wie viel Elend wird durch diese Summen vermieden, wie manche Zähre getrocknet werden!

So ist renn die Lebensversicherung mit Recht Jedermann als ein nützliche« Institut zn fleißiger Benutzung anzucmvfehlcn. In ihr besteht das Mittel, von der künftigen Generation die Armuth fern zu halten. Jever benutze sie nach seinem Vermögen! Dem Aermeren wird eine niedrige Summe genügen, um den Seinigen aufzuhelfen und seinen Nachkommen zu bessern: Fortkommen den Weg zu bahnen; dem Begüterten wird sie in vielen Fällen eine willkommene Handhabe sein, dem GeschästSmanne, dem Beamten wie dem Gelehrten, dem Landmann wie

dem Handwerker, wird sie Nutzen bringen und vor Allem die Sittlichkeit fördern, zur Sparsamkeit anregen, dem Versicherten aber das ebenso erhebende wie beruhi­gende Bewußtsein geben, nach besten Kräften für die Seinen gesorgt zu haben; weiß er ja, daß er den Verlust, den sie durch seinen Tod erleiden, ihnen minder bitter, minder drückend gemacht, zugleich aber sich in ihren Herzen ein unvergäng­liches Denkmal gcsctzt hat, wenn ihnen die Kunde wird, daß er, noch vereint mit ihnen, schon darauf bedacht war, auch nach seinem Hinscheiden noch jenseits des Grabes her als treuer Helfer ihnen zur Seite zu stehen. Sie werden, von solch aufopfernder Fürsorge gerührt, segnend des guten liebreichen Vaters gedenken, sie werden gemahnt werden, ihm nachzueifern in gleicher Aufopferung, in gleich treuer Anhänglichkeit, und nie vergessen, auch ihre Kinder wieder mit ebenso inniger Liebe zu bedenken. Wohl dem, der durch solch zärtliche Theilnahmc an dem Loose der Seinen fvrtwirkt von Generation zu Generation sein Thun bringt Segen für alle Zeiten!

Feuilleton.

Die Verschwörer von 1799.

Roman von dc Saint-Felix.

(Fortsetzung.)

Mit den letzten Worten zerknickte Herr Chatcauneuf den hübschen Spazicr- stock, welchen er in der Hand trug, und warf die Splitter mit geringschätziger Gleichgültigkeit zwischen den Beinen Bonaparte's hindurch in's Kaminfeuer, der seinen Rücken an demselben wärmte.

Der General war sehr nachdenklich geworden; er gab sich in jenem Augen­blick den ernsthaftesten Betrachtungen hin. Aber die Zeit drängte, Herr Cha- teauneuf brach vie Unterredung kurz ab.

General, sagte er, keinen Groll! Aber bedenken Sie wohl meine Worte: Freund oder Feind! Jetzt gehen Sie zu Ihren tapfern Freunden Lannes und Murat, welche, wie es scheint, die Opernmusik des Theaters Feydeau ebenso sehr lieben, wie den Kanonendonner auf dem Schlachtfeld. Leben Sie wohl... Falls Sie mich zu sprechen wünschen, wohne ich in der Straße des Faubourg Saint Honorä in dem ehemaligen Hause der Familie de Vitry, welches ich ohne die Hülfe Pitt's oder des Herzogs von Koburg für mein Geld gekauft habe. Verstanden?

27.

Der gordische Knoten.

Am folgenden Tage gegen acht Uhr Abends hielt in einer schönen stern­hellen Nacht ein Reiter vor rem Thorwcge des ehemaligen Hauses der Familie de Vitry.

Die Thorflügel wurden weit geöffnet, und der Reiter trabte in den Hof, wie ein alter Bewohner des Hauses. Aber der Hof war glänzend erhellt, und es war leicht zu erkennen, daß sich im Aussehen des Hauses und seiner An­bauten Vieles verändert hatte.

Der Reiter war der Hauptmann Reymond, welcher aus der Schweiz zu­rückkehrte, wo er vor vierzehn Tagen im Hauptquartier des Generals Maffena angelangt war.

Man kann sich die Ueberraschung des Hauptmanns denken. Er hatte das große Haus im Zustande völliger Verwahrlosung verlassen, und zwei Monate nachher fand er dasselbe in der höchsten Pracht.

Vom Pferde springend, wandte er sich an den Mann, welcher ihm das Thor geöffnet hatte.

Wo ist der Pförtner Bcrnard? fragte der Hauptmann.

Der Herr Offizier werden sich irren, lautete die Antwort. Es ist mir Niemand dieses Namens bekannt.

Was? rief der Hauptmann aus. Befinde ich mich nicht im Hause der Familie de Vitry?

Sicherlich, antwortete der Mann.

Wo ist denn der Pförtner? fragte der Hauptmann.

Er steht vor Ihnen, Herr Hauptmann, sagte der Mann, welcher ihm aufgemacht hatte. Ich bin der Pförtner des Hauses und ich heiße Bontemps.

Reymond fuhr sich mit der Hand über die Augen, um sich zu versichern, daß er nicht träume. Alles um ihn her war wie durch einen Zauberschlag ver- ändert. Der Pförtner war jung und trug ein modernes Kostüm, das freilich keine Livröe war, aber doch in gewisser Weise den Dienstboten verrieth. Mar- morvasen standen in schönster Ordnung auf den Stufen der Veranda. Die Fenster des Hauses waren wie bei einem Feste erhellt. Selbst der Stall, dessen Thür man vor dem Offizier geöffnet hatte, enthielt vier prächtige Pferde.

Plötzlich stieß der Hauptmann einen Schrei aus, schwang sich wieder auf's Pferd und rief dem Pförtn-r zu:

Mir wird alles klar. Oeffne mir das Thor! Hölle und Teufel! man hat dies Haus während meiner Abwesenheit verkauft!

Der Pförtner verbeugte sich. Statt jedoch das auf die Straße führende Thor zu öffnen, trat er zu dem Reiter heran und fragte ihn leise:

Wäre der Herr vielleicht der Hauptmann Reymond?

Freilich, antwortete der Offizier.

Dann, mein Herr, werden Sie hier erwartet. Ich habe den Befehl, Ihr Pferd in den Stall zu führen. Ich habe Befehl, die Leute zu rufen, um den Herrn in den Salon zu geleiten, wo er Madame finden wird.

Welche Madame, fragte Reymond.

Die neue Eigenthümerin des Hauses, antwortete der Pförtner.

Ich sehe, mein Freund, versetzte der Hauptmann, daß man Euch Eure Lektion eingetrichtert hat. Ihr sollt mir nichts sagen. Man will, daß ich hinein- gehen und mit eigenen Augen die schreckliche Wirklichkeit anstarren soll. Man setzt mich einer Demüthigung aus. Wohlan ! Ich werde größeren Muth zeigen, als man denkt; ich will eintreten und bräche es mir das Herz. Nehmt mein Pferd; es ist sehr müde; ich kann es Euch daher anvertrauen. Es wird vor Ermattung gefügig sein. Versorgt es gut! Und jetzt ruft mir Jemand, der mich in's Haus führen kann. Wenn es Zeit sein wird, den Traum zu zerstören, werde ich ihn beenden. Wer weiß, wo ich erwache . . .

Ein Diener war herbeigekommen. Er ging dem Offizier voran, welcher ihm langsam in den großen, kothbespritzten Reiterstiefeln folgte.

Man schritt über die Vorhalle des Erdgeschosses. Diese Halle war in eiu Treibhaus voll Blumen verwandelt und durch einen riesigen krystallenen Kron­leuchter erhellt.

Reymond betrat seit seiner Abreise von Frankreich, seit dem Jahre 1792, zum ersten Male das Hauptgebäude des Hauses. Hätte er nicht zu träumen geglaubt, so würde seine Aufregung zu mächtig gewesen sein, als daß er hätte weiter gehen können.

Man stieg die große Treppe hinan, deren schweres, seit Kurzem neu ver­goldetes Geländer glitzernd funkelte. Man kam durch ein Vorzimmer, dessen Diele aus einem Marmorgetäfel bestand. Endlich öffnete sich die Thür eines Salons und ein Diener meldete ihn mit lauter Stimme:

Herr Hauptmann Reymond!

Der Offizier blieb auf der Thürschwelle stehen. Seine Augen waren ge- blendet. Vor ihm strahlte ein großer Salon, der mit rothem Damast ausge- schlagen und von Golbleisten umrahmt war. Auf dem Kamingesims brannten sonnenhelle Kandelabers vor einer prachtvollen Pendule. Das Mobiliar war höchst luxuriös, aber Niemand war in dem Zimmer . . .

Plötzlich sah Reymond, welcher hier- und dorthin seine verwirrten Blicke gleiten ließ, eine Frau auf ihn zukommen. Er erkannte sie nicht. Diese Frau war jedoch von strahlender Schönheit und ihr Name war Coraly.

Sobald sie aber gesprochen und die Hand des Hauptmanns ergriffen hatte, fuhr dieser schaudernd zusammen und schrie mit veränderter Stimme:

Unglücklicher, der ich bin! O, Sie sind es! Ich träume nicht?

Coraly führte ihn lächelnd und schöner als je zuvor an der Hand zu einem Sessel.

Rcymonv ließ sich in vie Kissen des Armstuhles sinken, betäubt, vernichtet, wie ein Schiffbrüchiger, der vergebens mit dem Sturme gerungen hat.

Ein langes Schweigen folgte dieser lebhaften Erschütterung.

Allmälig kehrte der Hauptmann zu etwas minder fieberhaften Gedanken zu­rück, und warf hier- und dorthin einen beobachtenden und forschenden Blick.

Coraly, welche ihm gegenllbersaß, schlug die Augen zu Boden, als fühle sie sich durch ihre Pracht vor dem Erben des Hauses der Familie de Vitry verwirrt.

Jndeß unterbrach sie zuerst das Schweigen und sagte mit melodievoller Stimme:

Ich erwartete Sie, Hauptmann, allein nicht ohne lebhafte Angst. In Tours fand ich niemals den Muth, Ihnen von einem Kaufe zu reden, den ich gemacht hatte . . . Dies Haus konnte in unwürdigere Hände fallen, Herr Haupt­mann, fügte sie rasch hinzu.

Der Offizier antwortete nicht. Er ließ seine Augen im Zimmer umher­gleiten, als suche er sich an vergangene Märchen zu erinnern. Ach, seine Kind­heit und seine mit Blumen bekränzte Jugend zogen an ihm vorüber!

Coraly verstand ihn; sie senkte das Haupt und seufzte.

Reymond bemerkte diese edle Empfindung; er wußte ihr für dieselbe Dank und sagte endlich zu ihr:

Glauben Sie mir, Fräulein, daß sich kein Motiv interesfirter Art in meine Trauer mischt. Sie sind die Eigenthümerin des Hauses meiner Väter geworden . . . Gott hat es so gewollt. Aber es tauchen liebe und schmerzliche Erinnerungen in mir auf, welche ich nicht zu bannen vermag. Dort auf jener Seite war das Zimmer meiner Mutter. Diese Thür führte in ihr Betgemach ... O, mein Fräulein, es ist das Bild meiner Mutter, das mir beim Eintritt hier cntgegenkam . . . Theure und heilige Erscheinung . . .

Hauptmann, sagte Coraly, ich verstehe dies mit tiefster Seele. Seien Sie indeß überzeugt, das Schlafgemach Ihrer Frau Mutter ist nicht das meine geworden; ich habe mein Zimmer in einem Nebengebäude.

Der Offizier lächelte mit einem schwer zu beschreibenden Ausdrucke und drückte Coraly die Hand.

Mittlerweile schlug die Pendule halb zehn Uhr. Es war Zeit für den Hauptmann Reymond, sich zu entscheiden. Wo sollte er sein Quartier auf- schlagen ?

Durfte er die Gastfreundschaft, welche man ihm bot, annehmen?

Er erkundigte sich nach Bernard, dem alten Pförtner.

Coraly schwieg und blickte den Offizier traurig an. Der alte Diener war gestorben.

Reymond zollte seinem Andenken eine Thräne. Marguerite, die Frau Ber- nardS so erfuhr Reymond hatte zu einigen ihrer Verwandten, welche noch in der Bretagne lebten, zurückkehren wollen, und war dahin abgereist.

So soll ich also weder ihn noch sie Wiedersehen! seufzte der Haupt­mann Reymond. Keinen meiner Treuen!

Coraly fühlte sich gleichfalls gerührt, als die Flügelthür des Salons weit aufgerissen ward.

Ein Diener wollte den Besuch anmelden; aber der eintrctende Mann er­griff ihn am Arm und sprach in gebieterischem Tone:

Es bedarf keiner Anmeldung!

Diescr mit einem grünen Frack und seidenen Strümpfen bekleidete Mann, dieser elegante Herr war der General Bonaparte.

(Schluß folgt.)