Aeitage zu Ar. 44 des Kreiener Anzeigers. Feuilleton.
Dss Testament -es Großonkels.
Drittes Kapitel.
(Fortsetzung)
Mad. Gratman schien vom Glücke begünstigt werden zu sollen, denn Vee« enborg war am selbigen Morgen von Washington zurückgekehrt, wodurch die stegraphische Depesche, die sie ihm hatte schicken wollen, überflüssig geworden iar. Er hatte wie alle die ersten Advokaten New-AorkS, sein Bureau in Wall- r«t, und wir sehen ihn mit dem Glockenschlage halb zehn Uhr durch das lange ^zimmer langsam auf sein Sanctum zugehen, die zu beiden Seiten tief sich neigenden jüngeren Gehülfen kaum eines Blickes würdigend.
Beerenborg war bereits hoch in den Fünfzigern und gehörte noch jener- ten Schule an, deren Repräsentanten jetzt täglich immer mehr verschwinden, ein Aeußeres gehörte einer vergangenen Zeit an, er verschmähte die neue lode, wer ihm auf der Straße begegnet wäre, ohne ihn zu kennen, hätte ihn er für einen Bauer gehalten, als für jenen großen Advokaten und Rath, zu m nie Bewohner der entferntesten Theile des Landes kamen, um sich in verstellen Fällen Raths zu erholen, oder auch, wenn es darauf ankam, irgend ie große nichtswürdige Spitzbüberei auszuführcn. Er war nicht im Entfernten ein wissenschaftlich gebildeter Jurist zu nennen, er war aber mit allen umm- und Schleichwegen, allen Kniffen und Pfiffen der Gesetze und der Ge- htigkeit bekannt; er scheute kein Mittel, einen Prozeß zu gewinnen, jeder ■uge war ihm gerecht, und jeder Eid, der zu Gunsten einer von ihm vertre- len Sache geschworen wurde, hatte für ihn Gültigkeit. Menschliche Rücksichten (litten für ihn bei der Verfolgung eines Prozesses nicht, für ihn galt es blos i Prozeß zu gewinnen und sich bezahlt zu machen; und ob er der Wittwe i letzten Bissen Brod vom Munde reißen, ob er unmündige Waisen an den ttelstab und in's Armenhaus bringen mochte, das Alles galt ihm gleich, er leitete um seinen Lohn, und wer ihn bezahlte, der hatte ihn.
Da er gewöhnlich in solchen Fällen, z. B. bei Erbschaften, um Rath ge- gt wurde, wo es sich um eine Kleinigkeit, etwa um einen Formfehler haute, ein rechtskräftiges Testament, das etwa zu Gunsien von Wittwen und difen gemacht war, zu Gunsten irgend eines entfernten Verwandten, der diele anfocht, umzustoßen, und ihm dieses auch schon in unzähligen Fällen gegen war, so waren auch die Flüche, welche bei der Nennung des Namens trenborg von den um ihr Letztes Beraubten ausgestoßen wurden, zahllos. Ob :n solchen Menschen Gewissensbisse quälen? Er trank starke Getränke; doch in liegt noch fein Beweis; doch daß er auf Reisen, wo er also gezwungen t an etwas Anderes als an feine Geschäfte zu denken, starke Opiumpillen zu nahm, scheint den Beweis zu liefern, daß es für ihn Augenblicke gab, wo sich betäuben mußte, um die Schatten der von ihm in Jammer und Elend die weite Welt Hinausgestoßenen aus seinem geistigen Gesicht zu verbannen. ier Marotte müssen wir noch erwähnen, die dieser Mann hatte; — er kaufte (üich unendliche Länderstrecken im fernen Westen, und schickte Ansiedler dahin, elben urbar zu machen, doch nach einem von ihm vorgeschriebenen schottischen me, der aber so durch und durch verfehlt war, daß, anstatt Geld einzubrin- , jene Ansiedlungen unermeßliche Summen verschlangen. Dieß war der nsch mit dem Mad. Gratman sich verbunden, der einzige Mensch auf Der de, dem sie Vertrauen bis zu einem gewissen Grade schenkte, und- der um en Theil ihrer Geheimnisse wußte.
Jn^ seinem Allerheiligsten angekommen fand er eine Menge Briefe auf um Schreibtische liegen, die er, nachdem er sich in einen weiten Armstuhl dergelassen, langsam und mit Aufmerksamkeit zu lesen begann. Als er an 1 Brief seines Geschäftscollegen Ranzius kam und die ersten Zeilen gelesen te, zog er die Klingel; sofort trat ein schon bejahrterer Gehülfe ein, der an $büre stehen blieb, doch sein Gebieter ließ ihn nicht lange warten, sondern fltc sofort:
,,©int) Leute im Vorzimmer, die mich selbst sehen müssen?"
„Sieht, Ew. Ehren, es ist fein Klient draußen, dessen Angelegenheit Sie einem Jüngeren übertragen hätten."
„3(1, Smithson im Arbeitszimmer?"
„^Rein, Ew. Ehren, er ist in der Court vf Common Pleas." _____ (Fortsetzung folgt.)
Die Tochter im Baterhause.
Von Lehrer Ewald.
Wie sich die Mutter ihre Töchter gewöhnt, ihre Töchter erzieht, so hat sie pater. — Die Mutter, der Der Sohn in's Gesicht schlägt, hat diesen Schlag /Cn<r" J”6* fe*ne Brutalität in der Kindheit nicht zähmte; die Mutter, -n Tochter als Putzdocken am Fenster sitzen, während sie sich in Küche und «nur abquält, hak sich das selbst zuzuschreiben, denn sie lehrte sie nicht ar- m 7 teäßCa*U -^c‘t ®ar- — Eine Mutter, die sich darauf verläßt, daß sie fahrigen Kindchen das und jenes befohlen habe, und nicht genau *9r£ Befehle ordentlich ausgeführt sind, wird nie eine sechszehn- Cr auf Deren Walten sie sich verlassen kann. Die Wege uyen, welche sie sich Den Kleinen gegenüber erspart, wird sic zehnfach h11 rmU x "^nn sie erwachsen sind. — Ein Kind muß als Kind behandelt, T bewacht, beaufsichtigt werden, es soll erst lernen, was Pflicht sei. — u reue ist ein Product der Gewöhnung und des Nachdenkens. Indem die » ai^HV^ung der Pflichten der kleinen Töchter beaufsichtigt, erfüllt sie l M Pflicht und geht diesen mit ihrem Beispiele voran.
L .usfiggang ist aller Laster Anfang. Dieß Sprichwort sollte über Der Wieder Familienstube stehen.
hätigkeit ist in vielfacher Beziehung der Keim alles häuslichen Friedens, .. r J" einem Hause, wo der Fleiß heimisch ist, können Liebe und Treue m ,.ouer wohnen.
cwöhnung an Thätigkeit ist die Grundlage einer guten Erziehung. Mit prc" und der Körperkraft muß , bevor noch das Kind die Schule zu be- P «nfangt, sein Pflichtenkreis sich vergrößern. Ein sechsjähriges Mädchen
muß schon Stricken gelernt haben und täglich ein Pensum stricken, und mit dem achten Jahre müssen auch die die Schule besuchenden Mädchen dazu angebalten "’T^b'jf^ e*n abgerissenes Band, eine losgetrennte Naht ihrer Kleidung selbst , Waschen und Plätten der Wäsche können sich Die kleinen Mädchen ebenfalls frühzeitig nützlich machen.
Es versteht sich von selbst, daß ihnen bei diesen kleinen Arbeiten jeder Handgriff gehörig gezeigt werden muß. Der Mensch ist ein nachahmendes Ge- schopf und lernt leicht, was ihm gehörig vorgemacht wird. Genialität gehört aber schon dazu, sich Die Handgriffe bei Den Arbeiten selbst zu erfinden. Man kann sie von Kindern nicht fordern.
Es ist ein Elend, wenn die aus der Schule tretenden konfirmirten Mädchen von die(en Dingen gar nichts verstehen. Später lernen sie es schwer, und werden es Darum nie recht machen, weil sie schwerlich große Fertigkeiten Darin erlangen unD jeDer Mensch meistens nur FreuDe an Der Arbeit empfinDet, die er gut zu machen versteht. Ein Mädchen, Das frühe schon Die Mühe kennen lernt, welche Die Reinigung der Wäsche verursacht, wird auch mehr an das Reinhalten ihrer Sachen denken, als eine, der man ein Dutzend wohlgeplättete Hemden und Chemisetten nebst der nöthigen andern Zuthat an Wäsche alle Wochen in die Commode packt.
Die Wäsche ist eine Hauptarbeit im Familienkreise und eine Hausfrau, die biefelbe nicht versteht und ohne Beaufsichtigung von gemieteten Händen ver- riebten läßt, vermehrt endlich die Kosten des Haushalts und hat bei ihrem Mann, der gern sauber in der Wäsche erscheint, auf Tadel und mancherlei Unannehmlichkeiten zu rechnen. Sorgfältig gewaschene Wäsche hält länger und fiebt immer noch schön aus, wenn solche, die beim Waschen vernachlässigt wurde, schon längst gelb angelaufen und zerrissen ist.
Kleine Mädchen müssen früh daran gewöhnt werden, auf das saubere Aussehen Der Wäsche an sich selbst zu achten, aber auch Das ganze Haus mit allem Geräth muß GegenstanD ihrer Aufmerksamkeit sei::. Ein sechsjähriges Mädchen, das einen Stuhl im Zimmer schief stellt oder stehen läßt, wenn es ihn so gestellt findet, ist schon nicht ganz gut gewöhnt.
Ein Mädchen, das bis zum vierzehnten Jahre die Schule besucht, darf während dieser ihrer ersten Jugendzeit durchaus nicht von der Wirksamkeit im Vaterhause ganz ausgeschlossen fein, und kann gar manches in demselben leisten, trotz ihrer Schulpflichten und bei der allertreuesten Erfüllung derselben. Die Mädchenlehrer sollen bei Den Schulaufgaben, die sie erteilen, stets Rücksicht Darauf nehmen, daß eine gewisse Zeit zu häuslicher Thätigkeit Den Schülerinnen gelassen werden müsse, Denn Das MäDchen, Das erst nach dem vierzehnten Jahre die Anfangsgründe häuslicher Arbeiten lernen soll, ist zu beklagen, auch wenn sie die schönsten Gedichte auswendig wüßte, oder gar geläufig Französisch par- lirte.
Wie das Vaterhaus dahin streben soll, Den Lehrer zu unterstützen, so soll anDerfeits Der Lehrer Der häuslichen Erziehung in Die HänDe arbeiten uno in allen Fällen es im Auge behalten, Daß Das Mädchen für's häusliche Leben ausgebildet wird, und daß Die Kenntnisse, Die sie in Der Schule erwirbt, dem Hause einst nützen sollen.
Ein Mädchenlehrer möge daher auch darauf sehen, daß seine Schülerinnen es zeitig erkennen, wie die Kenntnisse, die sie in der Schule erwerben, der häuslichen Thätigkeit zu Gute kommen. Ein Mädchen soll wissen, daß Kochen und Waschen chemische Prozesse sind, Die Durch Die Wissenschaft wesentlich erleichtert unD verbessert werben können. Es soll erfahren, Daß man Durch Die Wissenschaft auch in seinem Bereich fortschreiten, sich Geld unD Anstrengung sparen könne.
Ein MäDchen soll früh wissen, Daß Der letzte Zweck aller Kenntnisse unD menschlichen Weisheit Die Vergrößerung Des menschlichen Glückes sei, und daß Durch Die Kenutniß, Die sie sich erwirbt, sie mehr unD mehr befähigt wirb, Glück, rein menschliches Glück, Das Glück Der Ihrigen, Derer, Die sie am meisten liebt, zu befördern.
Wenn sie Das Alles erlernt, Dann gehen Schule und Haus Hand in Hand um gemeinschaftlich Wesen zu bilDen, Die als Weiber ihre Menschenwürde kennen uno achten, und trotz ihrer menschlichen Ausbildung, ja eben durch dieselbe befähigt sind, in weiblicher Weise nützlich und glücklich zu fein.
Eine gute Tochter haben, ist ein hohes Glück der Eltern; sie ist die eigentliche^ Blume des Familienlebens, der Schmuck des Hauses. Die musterhafte Schülerin, das freundliche, gelehrige, an nützliche Thätigkeit gewöhnte Kind, blüht auf zur liebenswürdigen Jungfrau und kann und wird, wenn Gott ihr den Beruf der Gattin und Mutter anweist, ihn mit edler Menschenwürde ausfüllen.
Die Erhabenheit und Schönheit der weiblichen Pflichten kennen und sic alle mit Geläufigkeit, mit weiblicher Zartheit und Zärtlichkeit, mit fröhlichem Herzen und heiterem Auge üben, das macht das vollkommene Weib, und das vollkommene Weib ist zweifellos auch ein vollkommener Mensch.
Miscelle.
In St. Louis kam kürzlich der Richter Primm zu spät in die Sitzung, und verurtheilte sich selbst zu 5 Dollar Strafe. In der nächsten Sitzung ersuchte der Staatsanwalt den sehr ehrwürdigen Richter Primm, die Strafe die er dem sehr ehrwürdigen Richter Primm auferlegt hatte, zu erlassen; der sehr ehren- werthe Richter Primm bewilligte huldreichst das Gesuch, und sprach Den sehr ehrenwcrthen Richter Primm von Der ihm auferlegten Strafe frei.
Kleine StäDie sind durchgängig berühmt wegen der Neugier ihrer Einwohner. Kürzlich ritt ein Fremder durch die öde Straße eines Städtchens in Pommern und hielt vor dem Hause des Schulzen, der aus dem Fenster sah. „Entschuldigen Sie gütigst," fragte er, „ist hier nebenan kürzlich Jemand begraben?" „Nein, Herr, toiefo ?" „Weil im Nebenhaufe da« einzige Fenster ist, wo Niemand heraussieht!" „Noch ist keiner begraben," war die mürrische Antwort, „aber wenn Sie noch einmal fragen, werde ich Ihnen so deutlich antworten, daß Sie sich begraben lassen können I"


