Ausgabe 
10.3.1868
 
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Politische Rundschau

Aus Rheinhessen, Anfang März. Sicherem Vernehmen nach beabsichtigt der Finanz» Ausschuß der zweiten Kammer unserer Landstände, zur Deckuna im Finanzhaushalt des Großhcrzogthnms für 1867 und 1868 mit circa 3 Millionen Gulden ermittelten Deficits, der großherzoglichen Staatsregierung die Erhebung neuer drückender Steuern noch für das laufende Jahr vorzuschlagen. In Berücksichtigung der gegenwärtig im ganzen Lande herrschenden Noth, Tbcuerung und GeschäftSlogsikeit müßte ein solcher Vorschlag in der That als unbegreiflich erscheinen und halten wir die alsbaldige Aufnahme eines aus­reichenden Anlehens für die unter den vorliegenden Verhältnissen zweckmäßigste und vernünftigste Maßregel Warum sollte denn die gegenwärtige Generation allein für die traurigsten Folgen des Jahres 1866 büßen?

Berlin, 6. März. Die Anwesenheit des Prin- zen Napoleon zieht im Ganzen weniger die Aufmerk­samkeit auf sich, als man wohl erwartet hat. Nicht als ob man daran glaubte, daß seine Reise gar keinen politischen Zweck hat, im Gegentheil, man ist allgemein überzeugt, daß derselbe nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland das Terrain und die Stimmung für einen etwaigen Krieg sondiren soll, aber man meint, er werde nicht viel Erfreuliches an seinen Vetter zu berichten haben. Wir wissen nicht, welcher Art die Eindrücke gewesen sind, welche er in Frankfurt, Kassel und Hannover empfangen hat; es hängt das wesentlich ab von den Personen, mit denen er dort zusammengekommen ist, aber schwerlich wird ihm doch Jemand Hoffnung gemacht haben, daß Frankreich bei einem Kriege gegen Preußen auf eine Unterstützung Seiten- des Volkes in den neuen Pro­vinzen rechnen kann. Das mag man in Hietzing glauben, in der Nähe sehen sich die Dinge doch etwas anders an, und wenn man auch vielleicht mit dem Regierungssystem nicht zufrieden ist, an eine Losreißung mit Hülfe des Auslandes denkt man nicht.

Berlin, 6. März. DerStaatsanzeiger" ent­hält zwei Präsicialverordnungen, betreffend die Ein­berufung der Buncesrathr des Norddeutschen Bun­des zum 7ten und des Reichstages zum 23sten v. M. Den Verordnungen geht ein Bericht des Bnn- dcskanzlcrs voran, der die Abänderung der anfänglich beschlossenen Reihemolge (Berufung des Zollparla- ments zum 20. d. M. und erst nach dessen Schließung Berufung des Reichstags) durch die Verzögerung der Wahlen zum Zollparlament in Württemberg und Hessen motivirt. Der Handelsvertrag mit Oester­reich wird die Bestimmung enthalten, daß die beider­seitigen Staatsangehörigen in Ausübung des Han­dels und der Gewerbe nur denselben Beschränkungen wie einheimische unterworfen werden sollen. Das Jncognito, welches der Prinz Napoleon bei seiner Anwesenheit in Berlin beobachten wollte, wie man derKölnischen Zeitung" schreibt, ist völlig aufgegebcn. Bei seiner Ankunft am Potsdamer Bahnhöfe war freilich nur der französische Gesandte zugegen, und der Prinz stieg als Privatmann im Hotel Royal ab; dagegen sah man ihn gestern Morgen bereits von königlichen Dienern umgeben und in königlichen Hofcquipagen Besuche bei den königlichen Prinzen machen, welche diese sofort im Hotel Royal crwie- derten. Um 1 Uhr war der Prinz bei dem Könige und hatte mit diesem eine Unterredung, welche nahezu eine Stunde währte und als Anhalt für die Ver- muthung dient, daß der Prinz doch wohl nicht ohne Auftrag hierher gekommen sein möchte. Um 5 Uhr war zu Ehren des Prinzen Gala-Diner bei dem Könige. Graf Bismarck machte dem Prinzen Vor­mittags in seinem Hotel einen Besuch und hatte eine längere Unterredung mit ihm.

Berlin, 7. März. Den Verhältnissen in Deutsch­land wird namentlich vonDaily News" in einem Artikel besondere Aufmerksamkeit gewidmet, welcher zunächst die Schwierigkeit beleuchtet, mit denen Graf Bismarck dem aus den verschiedenartigsten Elementen bestehenden Zollparlamente gegenüber zu kämpfen haben werde. Nichtsdestoweniger, sagt das Blatt weiter, sei der Erfolg des Grafen Bismarck nicht zu bezweifeln, da es ihm ein Leichtes sein werde, die Geschäftsleute zu überzeugen, daß die commerciellen und öconvmischen Interessen Nord- und Sücdeutsch- lands von einander unzertrennbar sind. Wenn man alle Zollschranken niederreiße und vollkommene Frei­heit in den commerciellen und industriellen Verkehr zwischen all' den Staaten, meint das Blatt, herstelle, so werde das separatistische Rivalckätsbestreben und das Gefühl separater Unabhängigkeit in dem zur' Realität gewordenen deutschen Gemeinwesen unter­gehen Zugleich sei auch nicht zu befürchten, daß die neue.Regierung von Oesterreich diese allmälige und friedliche Ueberwucherung des Prager Friedens

mit Mißfallen oder Besorgniß ansehen werde. Viel­mehr glaubt das Blatt, daß die, durch die Salz­burger Zusammenkunft unterbrochenen Unterhandlun­gen zu Gunsten eines Bündnisses zwischen Preußen und Oesterreich, welch- Graf Tauffkirchen mit Unter- stützung von einem anderen diplomatischen Vertreter an demselben Hofe eingeleitet, in nicht gar ferner Zeit mit Rücksicht auf die deutschen Interessen in Friedenszeiten eher als zum Zwecke einer offensiven und defensiven Verbindung für Kriegseventualitäten wieder ausgenommen werden könnten.

Hannover, 4. März. Das Gerücht über die Abdankung des Herzogs Wilhelm von Braunschweig veranlaßt die officiöseSp. Z.' in Bezug auf die angeblich angeregte Thronfolge des Kronprinzen von Hannover auf dem braunschweigischen Herzogsstuhle zu folgender Bemerkung:In wie weit es richtig ist, der Herzog unterhandle mit dem Kronprinzen über die Thronfolge wissen wir nicht. Wir haben gehört, daß der Herzog ein Testament gemacht habe, durch welches er den König Georg oder dessen Sohn zu Erben seines gesammten Privatvermögens und des Staates Braunschweig bereits eingesetzt habe, und diese Nachricht entspricht der Haltung, welche der Herzog von Braunschweig 1866 und auch nach­her vielfach an den Tag legte. Diese Nachrichten, welche übrigens gleich nach der Einverleibung Han­novers austauchten, gewinnen jetzt größeres Interesse, wo Vie Publicisten des Königs Georg uns mit der Mittheilung überraschen, daß der Welfenfürst sich noch mit Preußen im Kriegszustände befinde. Das Recht der testamentarischen Verfügung über den Pri- vatnachlaß wird Niemand dem Herzog von Braun­schweig bestreiten, in so fern dadurch nicht Rechte Dritter verletzt werden, worüber die Gerichte zu entscheiden haben würden. Ob aber eine testamen­tarische Verfügung über das Herzogthum ohne Wei- teres als rechtsgiltig Platz greifen dürfe, darüber wird uns ja die Zukunft belehren." In Bezug auf obigesTestament" kann dieZtg. f. N." hinzufü­gen, daß man in Braunschweig einer ganz anderen Vermuthung lebt: ihr zufolge habe der Herzog Wil­helm die österreichische Krone zum Erben seines Pri- vatvermögcns eingesetzt.

Aus Hamburg, 2. März, wird derKreuzztg." von massenhafter Patronenbestcllung für die italieni­sche Armee geschrieben. Ueber 100 Millionen Pa­tronen sollen mit der Forderung der größten Be­schleunigung bei der Anfertigung derselben bestellt worden sein. Hamburger und benachbarte Kautschuk­fabriken sollen den Auftrag zur Lieferung von 40 bis 50 Millionen Gummiplättchen, als Patroncnbi- standtheile verwendbar, erhalten haben. Wenn hier keine Uebertreibungen vorliegen, so werden da Kriegs- vorräthe angeschafft, welche nicht einmal langes Liegen vertragen; und wenn Italien daher nicht nahe vor einem großen Kriege steht, so macht es Aufwände, welche mit einer ihm dringend gebotenen Sparsamkeit nicht im Einilang stehen.

Warschau, 27. Februar. Es ist den Gou­vernements im Königreiche Polen die Weisung zuge­gangen, die Beamten katholischer Confcssion darauf vorzubereiten, daß sie werden aufhören müssen, die katholischen Feiertage zu feiern, da diese neben eenen der Staatskirche (der griechisch orthodoxen) viel zu viel Zeit wcgnehmen. Höchstens, heißt es in der Zustellung, werden vorerst ein Paar ter wichtigsten katholischen Feiertage noch gestattet sein. Im Pu­blicum hält man dieses um so mehr als gleichbe­deutend mit der Einführung des russischen Kalenders, als auch die Gerichte an den katholischen Feiertagen thätig sein werden, wonach natürlich Vas Publikum seinerseits an der Feier ver Feiertage gestört werden muß. (Dr. I.)

Vermischtes.

Darmstadt, 29. Februar. Das Regierungs­blatt Nr. 12 enthält zum Schluß noch:

IV. Bekanntmachung Großherzvglichen Ministc- riums ves Innern, die Erbauung einer Eisenbahn von Darmstadt nach Worms betreffend.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst einer Allerhöchst vollzogenen Urkunde vom 20. d. M. der Hessischen Ludwigsbahn - Gesellschaft die Landesherrliche Concession zur Erbauung und zum Betrieb einer Eisenbahn von Darmstadt nach Worms auf die Dauer von neunzig Jahren zu er» theilcn geruht.

Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß (in Gemäßheit des Gesetzes vom 18. Juni 1836, die Anlegung von Eisenbahnen in dem Großherzogthum durch Privatpersonen be­

treffend) die Bestimmungen des Gesetzes vom 27. Mai 1821 über die Abtretung der Privateigenthums zu öffentlichen Zwecken betreffend, sowie auch die Bestimmungen des, die Aufbringung der Kosten für das zur Erbauung von Eisenbahnen erforderliche Gelände betreffenden Gesetzes vom 14. August 1867 auf die erwähnte Eisenbahn-Anlage Anwendung zu finden haben.

V. Bekanntmachung Großherzvglichen KreisamtS Büdingen, die Ausstellung eines Supplementarvor- anschlags für Bedürfnisse der israelitischen Reli- gionSgemeinde zu Bindsachsen, im Kreise Büdingen, betreffend.

VI. Uebersicht der für das Jahr 1868 genehmig- ten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürfnisse in den Gemeinden des Kreifes Darmstadt.

VII. Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 1. Februar den HülfSlehrer an dem katholischen Schullehrer-Seminar zu Bensheim Köpp zum or­dentlichen Lehrer an dieser Anstalt zu ernennen; den von dem Herrn Grafen zu Erbach. Erbach auf die evangelische Stadtpfarrstelle zu Erbach präsentir- ten zweiten evang. Pfarrer zu Reichelsheim Land­man u für die Stelle, und den von dem Hrn. Fürsten zu Solms-Braunsfels auf die evang. Pfarrstelle zu Bellersheim präsentirten PfarramtS-Candidaten Kiß- ner aus Bromskirchen, im Königreich Preußen, für diese Stelle zu bestätigen; am 8. Februar dem Schullehrer an der 4. evang. Schule zu Groß-Bie- berau ttmann die dasige 1. evangelische Schul­stelle; dem Schulamts-Aspiranten Made aus Wersau die 4 evang. Schulstelle zu Langen; dem Schulamts - Aspiranten Ramge aus Uebcrau die evang. Schulstelle zu Wackernheim zu übertra­gen ; den von dem Hrn. Grafen zu Erbach-Schönberg auf die 2. evang. Schulstelle zu König präsentirten Schullehrer an der 3. evang. Schule daselbst Kadel für diese Stelle zu bestätigen; den von dem Herrn Fürsten zu Jsenburg-Birstein auf die 22. kath. Schulstelle zu Zell präsentirten Schulamts-Aspi­ranten Müller aus Mainz für diese Stelle zu be- (tätigen. Den von Dem Herrn Grafen zu Erbach- Schönberg auf Die evang. Schulstelle zu Zell prä- sentirten Schulamts-Aspiranten Horst aus Nicder- GemünDen für Diese Stelle zu bestätigen; Den von Dem Herrn Fürsten zu Psenburg unD BüDingen auf Die 2. Elementarschulstelle zu Büdingen präsen­tirten Schulamts-Aspiranten Fink aus Kohden für diese Stelle zu bestätigen; und am 12. Febr. Dem Schulamts-Aspiranten Voltz aus Auerbach Die 6. evangelische Schulstelle zu Pfungstadt zu übertragen.

Gießen, 9. März WieDerum hat uns gestern Herr Zinßer im Garten gezeigt, Daß er es versteht, feinen Gästen stets neue Genüsse zu bieten. Da­von Herrn Musikmeister MersteDt uns vorgeführte Orchester leistete Vorzügliches und die Solovorträge waren meisterhaft. Wir hätten nur gewünscht, daß Das Violoncell-Solo in erster Abtheilung erschienen unD Dadurch zur verdienten Geltung gebracht worden wäre. Möge Herr Zinßer fortfahren auf dem be­tretenen Wege, die Anerkennung Des Publikums wird nicht fehlen.

Berlin, 5. März. Prinz Napoleon besuchte heute Mittag Das Königspaar unD erhielt sodann Den Gegenbesuch des Königs. Heute wird er mit Gefolge beim König diniren. Auf Allerhöchsten Befehl wird auf Der Werft in Danzig mit Dem Bau zweier Corvetten vorgegangen roerDen, unD zwar eine gepanzerte Corvettc zu 8 Geschützen und 450 Pferde- frä'ften, die den NamenHansa" erhalten soll, und eine gepanzerte Corvettc zu 6 Geschützen und 150 Pferdekräften, für Die Der NameAriadne" erwählt ist.

Kassel, 5. März. Prinz Napoleon hat bei seinem Hiersein die ehemalige Sommerresidenz seines Vaters, Wilhemshöhe, damalsNapoleonshöhe" ge­nannt, Das Museum, das Maxmorbab re. in Augen­schein genommen. Als Führer diente ihm der Pro­fessor an ter Aeademic Der bilDenDen Künste, Fr. Müller. Er hatte fein Absteigequartier im Gasthofe zumKönig von Preußen" genommen. Der Staatsanzeiger" enthält eine Bekanntmachung Des Finanzministers, wonach Der König Die Errichtung einer zweiten Forstaeademie zu Münden, zwischen Cassel und Göttingen, genehmigt und zum Director unD ersten Lehrer Der Forstwissenschaft bei Derselben Den Prof. Dr. Gustav Heyer ernannt hat. Der Un- richt an dieser neuen Forst-Academie wird für Da« Sommersemestcr 1868 am 27. April beginnen. Hiermit ist Denn nun auch endgültig das Schicksal der vielfach besprochenen seitherigen Forstlehranstalt zu Melsungen besiegelt.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.