Ausgabe 
9.5.1868
 
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Absage zu Mr. 55 des Are^ener Anzeigers. Feuilleton.

Das Testament ües Großonkels.

Siebentes Kapitel.

(Fortsetzung)

Folge auch Du mir, mein Leser, suche mit mir die Schatten des Waldes auf, baß nach jenen Bildern, die bisher unserem Geiste vorübergezogen sind, unser Ge- müth sich sonstige, und die Eindrücke verwischt werden, welche die letzten Schil­derungen in unserem Herzen zurückgelassen haben. Wandere mit mir über die graue Moosdecke, bis Du mit mir an die sich durch den Wald ziehende Heer­straße kommst, wir gehen weder zur rechten noch zur linken, wir überschreiten sie, um auf's Neue uns im Schatten der Buchen zu befinden, sanft schwillt jetzt der Boden an, allmälig steigen wir höher und höher, wieder kommen wir an eine Lichtung, vor uns liegt eine schmale Hochebene, auf der sich die Spitze des Berges erhebt, welche von dem Waldschloß gekrönt wird, welches am Saume eines weiteren Buchenwaldes sich erhebt. Wir haben in wenigen Minuten die vor uns liegende Ebene überschritten, und ersteigen langsam die steile Höhe. Endlich ist der höchste Punkt erreicht, und die Aussicht, die sich jetzt dem Auge bietet, giebt Ersatz für jede ausgestandene Mühe. Doch nicht auf New-Jork bleibt unser Auge haften, eS-schweift weiter, weit hinüber über den atlantischen Ocean, und wir senden den weißen Segeln unsere Grüße nach, die am fernen Horizonte unfern Blicken entschwinden. Ein Blick über das Meer verkörpert uns bas Bilv des Grenzenlosen der Phantasie, verkörpert uns die Göttlichkeit des in uns wohnenden Geistes. Wie wahr sagt nicht der Dichter:

Auf den Bergen wohnt Freiheit!"

Ja! auf den Bergen wohnt Freiheit, denn unser Geist fühlt sich näher seinem Schöpfer, wir schauen hinauf in das unendliche Firmament und wir fühlen, daß der Odem Gottes unsere Wangen fächelt! Das Buch ber Mutter ist es, welches uns sein Dasein verkündet! Wohl dem, der es vermag in dessen Seiten zu lesen und seine göttlich erhabenen Wahrheiten in sich aufzunehmen.

Dort oben in der Nähe des Waldschlosses im Schatten einer dichtbelaubten Buche saß John Graiman. Nicht fern davon im Gehölz wohnte in einem freundlichen Bretterhause ein Farmer, dorthin hatte sich unser Held zurückgezo­gen, um in der Einsamkeit die Ruhe und Stärke zu suchen, deren er bedurfte zu dem Kampfe, welcher ihm bevorstanc. Und doch mochte auch noch ein an­derer Grund ihn bewegt haben, gerade hier seinen Aufenthaltsort aufgeschlagen zu haben. Denn als plötzlich das Gebell eines Hundes in der Nähe an sein Ohr schlug, erhob er sich, und eilte rasch über Die Spitze des Hügels, wo sich derselbe wieder neigt und auf der andern Seite die Aussicht auf die anmuthige Landschaft nach Hackensack gewährt.

Auf einem, mit Moos bewachsenen Felsblock saß ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Neben ihr saß der Hund, sich an sie schmiegend und die Debkosungen erwiedernd, welche ihm die Hand seiner Herrin zu Theil werden

John hielt einen Augenblick an, um das himmlisch schöne Bild vor ihm zu betrachten. Es giebt wohl manches schöne Frauenbild, das der Mann be­wundern kann, verzeiht es ihm, wenn er da, wo sich die Natur übertroffen hat, vergöttert. Solche Frauengestalten beweisen uns, daß die klassischen Schöpfungen der Plastik des Alterthums keine künstlerische Phantasiegemälve waren. Die Feder, welche sich an die Bersinnlichung einer solchen Schöpfung wagt, fürchtet sich fast den theuren Gegenstand zu profaniren, b'rum habt Nachsicht!

Sie wurde des von der Seite Kommenden nicht gewahr, der so Muße hatte, dieses edle griechische Profil von reinstem Ebenmaße zu betrachten. Ein großer runder weißer Strohhut, unter dem der Reichthum des üppigsten schwar­zen Haares in dicken Flechten hervorquoll, neigte sich leicht über die hohe klas- fische Stirn, faltenlos und eben, ein Spiegel reiner, erhabener Gedanken. Sie hielt ihr leuchtendes dunkles Auge auf den Boden geheftet, wehe dem, wel- chen es traf, denn solchem Zauber würden wohl nur Wenige widerstanden haben. Ein etwas dunkler Teint, welcher die Rosen auf ihren Wangen nur um so mehr hob, gab ihr einen orientalischen Anstrich, der tadellose Hals, der gleichsam stolz in dem Gefühl sich hob, einen solchen tadellosen Kopf zu tragen, hätte nicht vollkommener unter dem Meiße eines Phivias hervorgehen können; die fehlerlose -öufte, der schöne, volle Arm, die kleine, bewundernswürdige Hand, die ganze bezaubernde Gestalt zeigte uns ein weibliches Wesen, das vollkommen aus der Hand der Schöpfung hervorgegangen zu sein schien. Das war Deliah Mac Laue, und gewiß wird die Erinnerung an ihren Anblick dem, welchem es vergönnt war, sie nur ein Mal zu sehen, nie aus seinem Gedächtniß entschwinden.

Plötzlich sprang der Hund auf und rannte dem Nähcrkommenden entgegen, tyre Blicke, die demselben gefolgt waren, begegneten jetzt den (einigen. Er war ityon an ihrer Seite, setzte sich zu ihr und drückte ihr die Hand.

Habe ich Dich warten lassen?" fragte sie.

Ich weiß es nicht, Deliah " antwortete er,denn wenn ich an Dich denke, denke ,ch nicht an die Zeit; wenn ich Dich erwarte, denke ich nur an das Glück, bctiorfl^t' D'!H zu sehen, während, wenn ich Dich sehe, sich zu die- K« Glucke der Gedanke mischt, daß Du mich wieder verlassen wirst."

Um Dich am anderen Tage wiederzusehen," sagte sie leise.

Und wenn ich Dich sehe, sehe ich nichts Anderes mehr auf der Welt, knn ,ch an Dich denke, so ist alles Uebrige todt für mich; glaube mir Deliah, '« war nie vorher, nie in meinem Leben so glücklich als jetzt, Du bist mein x' 01' und jedes Gefühl, das ich empfinde, geht in dem Gedanken an Dich auf."

Du bist ein Schwärmer, John."

Wenn auch, Deliah, laß mir ti.fe Schwäche, sie thut keinem Menschen ^arnr Die Schwärmerei für das ästhetisch Schöne veredelt das Herz des fi'A t en" ®er ^dunke an das Schöne, die Vorstellung des sinnlich Schönen iin/ hn8 Vr i^ben Zeit zu dem Gedanken an das geistig Schöne. Wir denken die schöne Hülle von einem schönen Geiste bewohnt, und wir streben, dessel­ben würdig zu werden."

Jetzt, John, schmeichelst Du mir."

toilrh " Dir schmeicheln, Deliah? Jede Schmeichelei Dir gegenüber

b /Nichts zerfließen, denn jede Schmeichelei Dir gegenüber würde hinter den Zurückbleiben. Wenn ich an Dich denke, möchte ich meinen Fein-

verzerhen, und wenn ich Dich erblicke, wenn ich Dich ansehe, würde es mir

unmöglich sein, einem Menschen, und wenn er mein Todfeind wäre, ein Leid W". Wohin ich in der Welt gereist bin, wohin mich auch immer das Schicksal verschlagen, über Lander und Meere, überall hin hat Dein Bild mich begleitet, Du bist das Leben meines Lebens."

i .... bist gut, herzensgut, und Diejenigen, welche Dich verfolgen,

! muffen sehr böse sein."

i ä '*<at e8 Sut fn' Deliah, hoffentlich ist der Tag nicht mehr fern, an wel- chem ich siegreich aus diesem Kampfe hervorgehen werde, dann werden uns noch l >one Tage blühen. Als ich vor vier Tagen am späten Abende zum ersten Male dort unten durch's Dorf ging, welches vor acht Jahren noch nicht existirte, °a,xd) Eure Wohnung nicht, doch mein Gefühl leitete mich sicher den gehört h t?'"^ Crfannte Db'ne Stimme, obgleich ich sie seit acht Jahren nicht

Und Du konntest vorübergehen, ohne bei uns einzukehren?"

Es war so spät, und wie konnte ich wissen, ob mein Empfang derselbe sein wurde, wie vor acht Jahren mein Abschied."

zi-getra^?" ^C*nen 0^<n' einzigen Freunden so wenig Beständigkeit

,, "^6er so viele Täuschungen erfahren hat, als ich, dem ist ein wenig Vor­sicht wohl zu verzeihen."

Wirst Du heute Abend in'S Dorf herunterkommen?" fragte sie.

Gewiß," antwortete er,und werde meinen Freund Perry MherS mit- r^n' 8on ?Em Dir gesprochen. Ich habe ihm heute Morgen ein Billet geschickt und ihn gebeten, zu mir zu kommen, denn morgen vielleicht gedenke ich zur Stadt zu gehen z bas hängt jedoch von den Neuigkeiten ab, die er mir mit»

wEd- Diese vier Tage der Ruhe haben mir wohlgethan, und ich hoffe, glücklich zum Ziele zu gelangen."

So gieb mir eine Strecke Weges die Bay hinunter das Geleite, Du weiß t Uiutttt ist allein, und mein Spaziergang hat schon lange genug gedauert."

Beide standen auf und machten sich auf den Weg, bis sie die Landstraße erreichten, wo Deliah Abschied nahm und den Weg nach dem Dorfe einschlug, John dagegen in den Wald zurückkehrte und bald zu seiner Wohnung gelangte, wo er bereits Perry Myers auf seinem Zimmer seiner wartend antraf.

öätte ich Dich wahrlich so leicht nicht gesucht," rief ihm dieser ent- gegen,willst Du denn ein Einsiedler werden?"

Wollte, daß ich's könnte," erwiederte John,je weiter entfernt von den Menschen, desto glücklicher. Ich danke Dir, Perry, baß Du meiner Einladung Folge geleistet hast. Was bringst Du für Neuigkeiten?"

Dein Bruder ist angekommen und Deine Mutter und Schwester sind nach Saratoga gereist."

Hat Harri mit Dir über mich gesprochen?"

Nein, obgleich ich ihn täglich sehe, doch so viel scheint mir gewiß, daß man um Deine Ankunft hier weiß, wenn auch nicht, wo Du Dich aufhältst. Als ich am letzten Abend in Deiner Mutter Hause war, sah ich Veerenbora'S Wagen vor der Thüre halten."

Dieser alte Böftwicht paßt würdig zu ihr, und wo irgend eine Schänd­lichkeit auszufuhren ist, kann man ihn sicher finden. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er bei dieser Angelegenheit seine Hand auch mit im Spiele hätte."

Bei welcher Angelegenheit?"

Höre nur zu, was ich Dir erzählen werde. Alle meine Erkundigungen, Cie ich über diesen Gegenstand eingezogen habe, bestätigen es, und Du wirst es selbst wissen, daß meine Mutter, so lange sie mit meinem alten Großonkel zu- särnmen gelebt hat, denselben weder als ihren früheren Vormund, noch als einen Mann behandelt hat, der ihr ein zweiter Vater gewesen ist. Sie hat dem alten Manne auch nicht eine einzige fröhliche Stunde gemacht, sie hat ihn stets mit der hochmuthigste» Verachtung behandelt und ihm geradezu die letzten Jahre seines Lebens verbittert."

Allerdings," sagte Perry,schien mir der alte Herr nicht die Stellung im Hause einzunehmen, die ihm eigentlich gebührte. Ich habe ihn nie in den Salons Deiner Mutter gesehen, und auf eine Frage nach ihm, die ich ein Mal an fte richtete, gab sie mir zur Antwort: Was sollen wir hier mit dem alten Manne machen?"

Nicht blos das," antwortete John,sie hat ihn förmlich systematisch ge­quält, denn sie muß immerwährene einen Gegenstand haben, an welchem sie die innere Wuth, die sie verzehrt, auslassen kann. Doch der alte Mann konnte nicht anders, er war in seinem Geschäft so zu sagen von Jugend auf ausgewachsen, er hatte in seinem Geschäft alle Freuden und Genüsse des Lebens gekostet, er konnte sich nicht von dieser alten Firma losreißen, und das war es eben, was ihn die maßlosen Kränkungen und Beleidigungen meiner Mutter mit stoischer Nu he ertragen ließ. Ich weiß, daß er in ihrem Hause eine reine Null, ein N'wtS war, er durste sich kaum eine Bemerkung gegen seine eigenen Dienstboten erlauben, die über dm Kreis seiner eigenen nothwendigsteu täglichen Bedürfnisse hinausgegangen wäre, wenn er sich nicht den allerniedrigsten Schmähungen aus- setzen wollte."

John, ich glaube, Du malst mit zu grellen Farben."

Glaube mir, ich bin auf das Genaueste unterrichtet. Ich weiß, daß sie zu ihm auf sein Zimmer gegangen ist, daß sie ibn einen Betrüger, einen Dieb, einen Testamentsfälscher genannt hat, der die Absicht habe, sie um das Ihrige zu bringen, der bereits ihren Vater und ihre Mutter bestohlen habe, und wenn er nur den Mund zu einer sanftesten, bittenden Gegenerklärung aufmachte, wenn er die Frage an sie richtete: Wünsche Dir, was Du willst, ich erfülle Dir jeden Wunsch, was soll ich thun? so warf sie sich aut das Sopha, ja sogar auf die Erde, Perry, und stampfte mit Händen und Füßen und schrie, heulte und spie, und wollte so den Leuten und dem Alten weiß machen, sie habe Krämpfe, ein Skandal in den Augen der Dienstboten. Das waren ihre Zerstreuungen, nach denen sie sich jedesmal wohl befand, denn sie abforbirtc auf diese Weise cas in ihr kochende Gift. Alles das jedoch hat, wenn ich es zuweilen ruhig überlegt habe, bei mir Zweifel aufkommen lassen, daß der alte Onkel, der doch entferntere Verwandten und einen unehelichen Sohn hatte, ihr fein ganzes Ver­mögen hinterlassen würde." (Fortsetzung folgt.)