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Feuilleton.

Das Testament des Großonkels.

Zweites Kapitel.

(Fortsetzung)

Diese Maschine wäre jetzt vorläufig in Bewegung gesetzt worden," sagte sie zu^sich selbst,und da wir einmal im Zuge sind, laßt uns gleich heute Abend zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum ehrwürdigen Herrn Druse in der fünften Avenue!" rief sie dem Kutscher zu, und rasch rollte der Wagen da­hin. Nach wenigen Minuten hielt derselbe vor der Wohnung des Predigers, der sich zu Hause befand und dem Madame Gratman bald darauf in seinem Studirzimmer gegenüber saß. Nach den ersten Begrüßungsförmlichkeiten begann sie:

Ew. Ehrwürdcn wissen, daß ich mich stets über das Urtheil der Welt hinausgesetzt habe, weil ich mich darüber Hinwegsetzen konnte, denn ich hatte mir keine Vorwürfe über die Vergangenheit zu machen, dennoch hat es mir nicht an Anfeindungen gefehlt."

Das weiß ich, werthc Freundin," erwiederte er,und Sie haben dieselben mit christlicher Ergebung in dem Willen des Herrn ertragen."

Das war meine Pflicht," fügte sie hinzu.Heute habe ich die Nachricht von meinem lieben Sohne Harri aus London bekommen, daß der Aelteste sich gleichfalls in, letzter Zeit dort aufgchalten hat und wahrscheinlich mit einem der ersten Dampfer von England hier eintreffen wird. Was er gegen mich wieder im Schilde führt, kann ich nicht wissen, jedenfalls nichts Gutes, und ich muß daher auf Alles gefaßt sein."

Wollte der gütige Gott," sagte der Prediger salbungsvoll,dieses ver- stockte Herz zum Guten lenken und zur Neue, daß es bittend der Mutter nahen und demüthig um Verzeihung flehen möge, um sich so der Versöhnung würdig zu machen."

Versöhnung, Ew. Ehrwürden!" fuhr sie heftig auf,wo denken Sie hin? Zwischen mir und ihm ist an keine Versöhnung zu denken! Er hat mich zu tief gekränkt, als daß ich ihm je verzeihen könnte, eben so wenig werde ich vergessen, nie und nimmer."

Vergebung ist der Christen Pflicht," entgegnete der Prediger,bedenken Sie, daß der Herr sagte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unser» Schuldigern! Wenn er Reue zeigt, meine Freundin, so vergeben Sie ihm und nehmen Sie ihn wieder auf in ihre mütterlichen Arme, denn es wird im Himmel mehr Freude sein über die Rückkehr eines reuigen Sohnes, wie über fünfzig Gerechte."

Das kann ich nicht, Ehrwürden," antwortete sie,und sollte dieß eine Schwäche sein, so will ich diese Schwäche büßen und andern Unglücklichen, deren es ja so viele gibt, die Liebe doppelt schenken, die ich ihm je hätte schenken können. Es gibt der Unglücklichen doch so viele, Sie müssen dieselben kennen, vergönnen Sie mir, soweit materielle Mittel dazu im Stande sind, daß ich das Meinige dazu beitrage, Wunden, die das Schicksal geschlagen hat, zu heilen. Nehmen Sie diese Börse, sie enthält fünfhundert Dollars, und vcrtheilen Sie diejelben unter die Armen; hier sind außerdem noch hundert Dollars, die ich der Anna Dufries zugestellt sehen möchte, eine Frau, die früher Dienstmagd bei mir war. Sie ist krank, möge dieß Geld ihr eine Erleichterung in ihrem Un­glück verschaffen."

Der Herr wird Sie mit seinem Segen belohnen für das Gute, was Sie den Armen thun, und in mancher Hütte wird Ihr Name mit Inbrunst genannt werden. Doch können wir Nichts thun, um jenen jungen Mann aus den Hän­den befi Bösen zu erretten, können wir ihn nicht zurückbringen auf die Bahn

Darüber erlaube ich mir kein Urtheil, das überlasse ich Ihnen. Ich habe jetzt das Meinige gethan; mag die Welt jetzt sagen, was sie wolle, ich trage das Bewußtsein guter Thaten in meinem Herzen, und Sie, Ehrwürden, wissen, ob ich den Tadel der Welt verdiene."

Das weiß ich," antwortete er,drum wird auch der Herr Sie durch diese Tage der Prüfung geleiten und Sie in seinen heiligen Schutz nehmen."

Ich danke Ihnen für Ihren Trost," erwiederte sie,und wo Sie glauben, daß ich der Armuth oder dem Unglück unter die Arme greifen könne, wenden Sie sich immer an mich, denn wer im Himmel ernten will, muß hier säen. Ihren Segen, ehrwürdiger Herr!"

Der Geistliche reichte ihr die Hand und mit einer tiefen Verbeugung, schein­bar heftig bewegt und mit einer Thräne im Auge verließ ihu Mad. Gratman. Kaum hatte sie im Wagen Platz genommen, welcher sofort ihrem Befehle gemäß nach ihrer Wohnung rollte, so brach sie lächelnd in die Worte:

Welche prachtvolle Komödie! dieser alte heuchlerische Pfaffe, der mich so gut kennt, wie ich ihn, verdreht die Augen im Kopfe, wie ein welscher Hahn, wenn er vom Himmel und seiner Großmutter redet, und glaubt so wenig daran, wie ich daran glaube, daß je ein Dollar den Weg aus seiner Tasche in die eines Armen führen weide. Doch er ist eine mächtige Posaune in der Gemeinde und wenn auch ein solcher alter Prälat Einem sovieles Geld kostet, so ist doch dieser Himmelspolizist herrlich zu benützen und wird mir zum Lohn noch dazu einen Platz in der Loge des Paradieses aufbewahren."

Unter solchen Gedanken und Selbstgesprächen kam der Wagen vor ihrer Wohnung an. Als ein alter grauköpfiger Diener ihr die Thüre geöffnet, drangen die schwellenden Töne des Erard'schen Flügels an ihr Ohr. Sie lauschte einen Augenblick und wandte sich mit den Worten zum Diener;

Ist Mr Perry im Salon und wer sonst?"

Mr. Perry Myers und Miß Evelinc sind allein, ich habe die andern Be­suche abweisen müssen."

Man schicke mir meinen Thee aus mein Zimmer und sollte Eveline nach mir fragen, sage man ihr, ich wünsche allein zu sein."

Nach diesen Worten schritt sic durch den Korridor und stieg die breite Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Was mochten die Gedanken sein, welche an diesem Abende den Geist jener Frau durchstürmten?" Sie hatte längst ihre Setbstbe- herrschung wiedergewonnen, sie pflegte nur in den ersten Momenten aufzubrausen und der Wuth ihrer Leidenschaften freien Lauf zu lassen, doch sobald sie sich ge- I?»11 hatte, sobald die Wolken von ihrer Stirne verschwunden waren, nahm auch ihre Physiognomie sofort wieder den Ausdruck eisiger Kälte an, und nur das Zucken des Auges würde vielleicht verrathcn haben, daß diese Frau nicht eine Lauste von Marmor sei. Dann faßte sie mit kalter berechnender Ueberlegung

ihre Entschlüsse, Alles, selbst die kleinsten Nebenumstände, wurden auf's Genaueste erwogen, und wenn der ganze Bau des Planes in ihrem Kopfe fertig war, so folgte die Ausführung so sicher und unwiderruflich wie die Auflösung eines ma­thematischen Problems.

Die Klänge des FlügeS waren indessen verstummt, Perry nahm Abschied von Eveline und zögerte noch immer, sich zu entfernen, Beide waren schweigsam und Jedes hing seinen Gedanken nach; endlich, als ob er plötzlich einen Ent­schluß gefaßt habe, fuhr er aus sezier Träumerei auf und EvelinenS Hände in die seinigen nehmend, sagte er:

Gute Nacht, mein treues Leben, o, möchtest Du mir vertrauen! doch ich will nicht in das Geheimniß Deines Kummers dringen, da es Dich betrübt. Beherzige nur das Eine, daß, wenn Du meiner bedarfst, nur ein einziges Wort von Dir genüft, mich an Deine Seite zu bringen, und glaube mir Eveline, ich besitze Macht genug, Dich zu schützen und zu schirmen! Lebe wohl!"

Er drückte noch ein Mal ihre Hand, blickte in ihre sanften von Thränen umflorten Augen und ließ sie allein. Eveline sah ihm lange nach und schon waren seine Schritte verhallt, als ihr Blick noch immer auf die Thüre gerichtet war und sie folgte ihm immer noch mit den Augen des Geistes. Dann hob sie die gefalteten Hände empor und den Blick zum Himmel richtend, flüsterte sie: O Du mein Vater über den Sternen, den ich im Leben nie gekannt, gib meiner Mutter den Frieden und nimm mich zu Dir, und laß Dein Kind ewig bei Dir wohnen!"

Und wenn cs wahr ist, was die Dichter sagen, so trugen Cherubim das Gebet und die Thränen dieses reinen Herzens in goldenen Schaalcn zum himm- lischen Thron des ewigen Vaters.

Drittes Kapitel.

An demselben Abende, an welchem sich die in den beiden vorigen Kapiteln geschilderten Ereignisse zutrugen, war noch spät nach Mitternacht in der Nähe Hobokens ein einziges Fenster einer nördlichen Cottage erleuchtet. Die Vorhänge waren herabgelassen und hinter dem Fenster hatte der um diese späte Stunde heimkehrende Wanderer die unbeweglichen Schattencontouren einer weiblichen Büste erkennen können. Aucss sie war über einen Brief gebeugt, den sie gelesen, und immer wiedergelesen hatte. Auch dieser Brief trug das Poststempel Londons und die Handschrift war Harri Gratman'S. Eine Stelle schien sie besonders zu fesseln, denn sie schien die Buchstaben verschlingen zu wollen, und ihre Augen leuchteten vom Gefühle befriedigten Stolzes, je langer sie dieselben darauf heftete.

So stände ich endlich am Ziele meiner Wünsche," sagte sie zu sich selber, er kehrt zurück, um mich nicht mehr zu verlassen, und ich habe die Opfer, die ich gebracht, nicht umsonst gebracht." Sie las leise für sich hin:---

Der nächste Dampfer, die Europa, bringt mich zurück, und sobald ich nur abkommen kann, werde ich zu Dir eilen. Aus allen Briefen, die ich von meiner Mutter erhalten habe, geht hervor, daß Du unser Geheimniß treu bewahrt hast; ich danke Dir, Maria, für diesen Be- weis des Vertrauens, das ich in diesem Augenblicke nur mit der Ver- sicherung belohnen kann, daß das Geheimniß die längste Zeit gedauert hat, und daß bald der Augenblick kommen wird, wo wir den Schleier lüsten und unserer vor Gott geheiligten Verbindung bas Siegel auf­drücken dürfen, welches sie auch vor den Menschen heiligen soll. Er mag Dir räthselhaft erscheinen, warum meine so vorurtheilsvolle Mutter gerade jetzt einwilligen sollte, wo doch die Umstände noch dieselben sind, wie vor vier Jahren, doch das ist mein Geheimniß, ein Geheimniß, das ich keinem Briefe anvertrauen möchte, und dessen Fäden ich erst seit Kurzem in meinen Händen halte, das aber meine theure Mutter veranlassen wird, mir in Allem meinen Willen zu thun; bis dahin jedoch noch die strengste Verschwiegenheit, jeder voreilige Schritt könnte Alles verderben, deßhalb lebe ruhig hin wie zuvor und laß Dir keinen Wunsch abgehen, so weit es Dir Deine Mittel gestatten. Jansen zahlt Dir regelmäßig monatlich hundert Dollars, doch gewiß, liebe Maria, es hat die längste Zeit gedauert, und bald wirst Du Dein Häuschen mit einer Wohnung in der fünften Avenue vertauschen. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn Mutter unser Verhältniß kennte, doch da ich ihr gegenüber geschwiegen, so hat sie sich den Anschein gegeben, Nichts zu wissen, weil sie unsere Verbindung für eine vorübergehende Biaison hält, doch sie wird sich sehr bald in das Unvermeidliche fügen müssen." Gewiß," unterbrach sich Maria,sie wird sich fügen müssen, wenn es ihr auch noch so schwer wird. Ich gedenke noch ihres verächtlichen Blickes, als sie mir vor zwei Sommern in den clysäischen Feldern begegnete, sie und ihre bleich, gesichtige Tochter. Ich saß auf einer Bank im Schatten eines Baumes, meinen kleinen Harri im Schooße; ihr Blick traf mich, ein höhnisches Lächeln spielte um ihren Mund und ich sah, was ihre Lippen sagten: da ist das Bäckermäd- chen mit ihrem Bastard! die Staubwolke ihrer Karosse umhüllte mich, und sie war verschwunden. Wie Vieles wird dieser hochmüthigen Frau nicht nachgesagt, oder nachgeflüstert, denn Niemand wagt ihr die Wahrheit in's Gesicht zu sagen. O, wenn er wäre, wie sie! doch nein, ich will es nicht glauben, ich will es nimmer glauben! Er hat mich hintergangen, er hat mich verführt, roch er liebte mich! Er war kein feuriger, romantischer Liebhaber, doch er ist Kauf- mann, Geschäftsmann, und diese Art Leute schwärmen nicht! Er konnte mich zwei Jahre verlassen, dem bösen Urtheile der Welt ausgesetzt, und ich mußte schweigen, doch er hat cs mir an nichts fehlen lassen, und jetzt schreibt er mir, daß er endlich mich vor der Welt anerkennen wolle, und doch, woher diese Centnerlast auf meinem Herzen, die ich nicht bannen kann, diese Hoffnungs­losigkeit inmitten der schönsten Hoffnungen, dieser Trübsinn, der den Schlaf von meinen Augen scheucht?"

Sie hatte sich erhoben und schritt langsam durch das Zimmer in einen Nebcnsalon, dessen Fenster auf einen Balkon hinausgingen, welche eine Aussicht über den Fluß nach New-Uork gewährte. Der Mond stand hoch am Himmel und das schöne Panorama lag schweigend und ruhig vor ihr. (Forts, folgt.)

Temperatur in Gießen, März 1868

niederste................. 5,5» R.

mittlere.................4. 3 25

Mittel früherer Jahre............2,52

höchste.................+ 9,7

Niederschlag: an 16 Tagen.......... 1,86 Par. Zoll-

______ Mittel früherer Jahre: an 14 Tagen . . 1,39

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr- Pietsch) in Gießen.