Darmstadt, 30. Juni. Die Abgeordnetenkammer genehmigte die Vertragsabschlüsse in Betreff ter Verwaltung des hessischen AntheilS an Dcr Main- Weserbahn und der käuflichen Ueberlassung dcr Offenbacher Bahn an Preußen. Die Opposition gegen die Verträge war stark.
Mainz, 25. Juni. Die Fortschrittspartei in Mainz ladet in einem öffentlichen Aufrufe zur Thcil- nahine an einem nationalen Feste ein, das am 5. Juli begangen werken soll, und dem die Zollparla- mcnIS-Abgeordneten, die rhein-hessischen Landtags- Abgeorvneten ker Fortschrittspartei und andere hervorragende Männer aus Süddeutschlanv beizuwohnen zugesagt haben. DaS bezügliche Cornits will auf dem Feste den Abgeordneten ihrer Partei für deren Wirken im Zollparlamente Dank aussprechen und das Statut zu einem Vereine vorlegen, „der von hier (Mainz) aus beginne", und von dem es hofft, „daß er sich in naher Zukunft über ganz Süddeutschland erstreckt." Der Aufruf enthält ferner folgende Stelle: „Der norddeutsche Bund hat erklärt, daß er auf Südveutschlank keinen Druck ausüben werde, um zur staatlichen Verbindung mit ihm zu gelangen, daß er vielmehr den Anschluß ker süddeutschen Staaten der freien Entschließung derselben überlasse. An uns ist es also, diesen Willen zu bethäkigen und mit dem Nachdruck, der auf die Dauer nie seine Wirkung verfehlt, auszusprechen, daß wir mit unseren norddeutschen Brüdern Ein Volk, Einen deutschen Staat bilden, mit denselben in Einem Parlamknte tagen wollen, das nicht nur über Zölle, sondern über alles beschließe, was des Volkes Wohl und Wehe betrifft."
Berlin, 28. Juni. Es wird von verschiedenen Seiten bestätigt, daß die Errichtung von Bundesministerien beschlossen sei. Man habe eingesehen, vaß die bisherigen Einrichtungen nothgedrungen zur Verwirrung preußischer Einrichtungen führen würden. Auch die Nothwendigkeit einer ordnungsmäßigen Vertheilung erheische die Aenderung. — In Bezug auf das Auswanderungswesen ist es die ernste Absicht der Bundcs-Regierungen, denjenigen gesetzlichen Schutz zu schaffen, dcr bisher vermißt und dem Reichstage in Folge der Interpellation des Abgeordneten Dr. Löwe ausdrücklich zugesagt worden ist. Wahrscheinlich wird man die jetzt in Hamburg gültigen Bestimmungen mit Modifikationen zum Bundesgesetz machen.
Breslau. Gegenwärtig liegt hier ein interes. sanier Konflikt vor. Die Stadtbehörden haben nämlich beschlossen, ein cvnfessionSloscs Gymnasium und eine confessionslose Realschule dergestalt zu errichten, daß die anzustellendcn Lehrer nur nach wissenschaftlicher und pädagogischer Befähigung, ohne Rücksicht auf Religion, berufen werden, und nur bei dem Re- ligionsunterrichte das Glaubensbekenntniß des Lehrers in Betracht kommen solle. Die Staatsbehörden haben jedoch die ConfessionSlosigkeit weder für die neue Realschule, noch für das neue Gymnasium gelten lassen wollen, und cs ist nun fraglich, was aus den fertigen Gebäuden werden soll, wenn keine Einigung dcr Staats - und Stadtbehörde, und für diesen Fall, wenn keine Uebereinstimmung zwischen Magistrat und Stadtverordneten zu Stande kommt. Letztere haben, da sie die Gclcer bewilligen müssen, eine sehr gewichtige Stimme, wenn auch nicht unmittelbar zur Sache.
München, 21. Juni. Dem „Schwab. Merkur" wird von hier geschrieben: „Gegenüber den cynischen Aufhetzungen, welche die extremen ultramontanen Organe gegen Preußen veröffentlichen, und gegenüber ihrer Liebäugelei mit Frankreich, auf welches sie lan- dcsverrätherische Hoffnungen setzen, veröffentlicht der „Patriotische Verein Casino" in Augsburg, eine aus den Notabilitäten des Clerus und den Spitzen der konservativen Partei bestehende Gesellschaft, eine Er- flärung. deren Hauptsatz lautet: „Jever Heranzie- hen des Auslandes, sei cS Frankreichs oder einer anderen nichtveutschen Macht, zum Zweck der Vergewaltigung eines deutschen Bruderstammes würde das Casino mit aller Entschiedenheit als ein vatcr- landsverrätberisches Unterfangen verabscheuen."
Wien, 26. Jani. Soviel wird denn doch immer klarer, daß es sich bei der Prager Entrevue des Reichskanzlers mit Rieger und Palacky um mehr als einen bloßen „Meinungsaustausch" gehandelt hat Eine Note der „Debatte" lautet, daß der Ausgleich über die Köpfe der widerhaarigen Jung-Czechen hinweg mit dem böhmischen Hochadel und der Narod- Partei stattgefunden auf folgender Basis: erweiterte Landes-Autonomie, Completirung des Ministe- riums durch einen Czechen, die Krönung des Kaisers ,n Prag und Revision der Landtagr-Wahlordnung,
dagegen Beschickung des Reichsrathes durch die Czcchen. Die „Presse" bemerkt dazu: „So viel wir wissen, ist die Sache die, daß die den Czechen zu machenvcn Concessivncn sich nur im Rahmen ver Verfassung bewegen, daß die Durchführung derselben durch das cisleithanische Ministerium erfolgt, und vaß vemge- maß eine ernstere Verstimmung zwischen Baron Beust und Dem Fürsten Carlos nicht zu fürchten steht."
Wien, 28. Juni. Der amtliche Theil dcr „Wiener Zeitung" enthält heute vie Publikation des Finanzgesetzes für Vas laufenve Jahr vom 24. Juni 1868. Hiernach beträgt Vie gesammte StaatsauS- gabe für Vas Jahr 1868 vie Summe von 320,230,526 Gulven. Die Einnahme an direkten und invirecttn Steuern, sowie sonstigen Einkommenszweigen des Staats belaufen sich auf 281,245,907 Gulden; bleibst ein Deficit von 38,984,619 Gulden, das anderweitig zu decken ist. — Beim hiesigen Magistrat haben sich, nach der „91. fr. Pr.", bis jetzt dreizehn Jnvivivuen gemeldet, welche ihre Religion zu verändern wünschen. Unter diesen befinden sich zehn, zumeist junge Mädchen, welche vom KatholiciSmuS zum Indent hum übertreten wollen, um dem Ziel ihrer Sehnsucht, ter Verehelichung mit ihren Bräutigamen, vie ver mosaischen Religion angehören, nah- zu kommen.
Wien, 28. Juni. Die heutige „Debatte" sagt anläßlich der Allocution Ves Papstes, die Regierung lege der Allocution keine besondere Wichtigkeit bei, und halte einen energischen Protest auf diplomati- schein Wege für hinreichend. Hr. v. Beust soll in dem Proteste die römische Curie an die Gränzen erinnern, innerhalb welcher sie ihren Einfluß auf die inneren Angelegenheiten Oesterreichs geltend machen dürfe, gleichzeitig aber jede Ueberschreitung dieser Gränzen energisch zurückweisen.
Paris, 27. Juni. Der „Constitutionncl sagt: „Die Anwesenheit der französischen Flüchtlinge auf französischem Gebiet gibt Den Journalen zu gänzlich unbegründeten Vermuthungen Veranlassung. Wir sind in der Lage, zu versichern, daß diese Fremden in keiner Weise der Gegenstand von Reclamationen der preußischen Regierung gewesen sind. — Der Kaiser kehrt heute nach Fontainebleau zurück. ■— Die „France" theilt mit, eine Depesche aus Con- stantinopel melde die Ankunft des Prinzen Napoleon ebendaselbst.
London, 26. Juni. Ein Brief der „Pall- Mall-Gazette" aus Rom vom 19. Juni bringt das Wiederaufleben des Gerüchtes vom Rücktritte des Cardinals Antonelli in Verbindung mit der Absetzung Signor Palica's, die vor Kurzem ziemlich viel Aufsehen erregt hatte. Signor Palica habe nämlich eines der confiscirteu Kirchengüter für 120,000 Kronen gekauft, obwohl er fein Vermögen besitze, und erkläre jetzt, den Kauf im Auftrage Antonelli's abgeschlossen zu haben. Der Papst fei durch diese Entdeckung in große Wuth gerathen und thue Alles, um Antonelli's Posten so unerträglich zu machen, vaß er froh sei, ihn seinem Freunde, dem Cardinal Berardi, aus „Gesundheitsrücksichten" abtreten zu können.
Petersburg. Gegenüber einem Theil dcr französischen Presse nimmt das „Jonrn. de St. Peters- bourg" vorn 23. d. vie bekannte Reve des preußischen Generals Mollke in Schutz, intern es derselben jede kriegerische Absicht abspricht. Man spreche jenseits des Rheins so oft von der Präponderanz Frankreichs, daß es natürlich erscheine, wenn General Moltke von seinem Patriotismus sich leiten ließ, eine ähnliche Sprache zu führen. Die Rede des Generals sei nur eint Friedens-Aspiration, und zwar eine mehr als platonische, indem sie den Krieg durch den imposanten Stanv der Rüstungen unmöglich machen wolle. Es wäre zu wünschen, daß in einem gegebenen Fall sämmtliche Mächte sich Die Rolle beilegten, welche Moltke für Deutschland wünsche: nämlich nur gewännet zu fein, um den Krieg zu verhindern, ohne fürchten zu müssen, daß man ihnen Schwäche oder Kleinmüthigkeit nachsage.
Newyork, 25. Juni. Der Senat hat die Bill passirt, der zufolge acht Stunden als tägliche Arbeitszeit in den von der Regierung unterhaltenen Werkstätten festgesetzt sind; die äußersten Republikaner stimmten gegen diese Maßregel. Der Präsident wird sie zweifelsohne unterzeichnen.
Vermischtes.
Darmstadt, 27. Juni. Das heute erschienene Regierungsblatt Nr. 34 enthalt:
I. Bekanntmachung Graßherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Denaturirung von Vieh- und Gewerbesalz, sowie die Controls hinsichtlich deS abgabefrei verabfolgten denaturirten Salzes betreffend.
II. Publikation des Gesetzes wegen Abänderung einzelner Bestimmungen der Zollordnuug und der Zollstrafgesetzgebung.
III. Publikation des Gesetzes, die Besteuerung des Tabaks betreffend.
IV. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern, die Ausgleichung der Kriegskoften de» Jahres 1866 betreffend.
V. Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Grosiherzog haben allergnädigst geruht: am 5. Juni dem Pfarramts - Candidaten Pfannmulier aus Lauterbach die erste evangelische Schulstelle zu Dornheim, — und am y. Juni dem Schullehrer an der dritten katholischen Schule zu Rieder-Olm, Büchler, die erste katholische Schulstelle daselbst zu übertragen.
VI. Charakterertheilungen. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 5. Juni dem Schullehrer an der ersten evangelischen Schule zu Dornheim, Pfannmüller, den Charakter als Mitprediger, — am 16. Juni dem Weinhäudler Do. De Schryver Neven zu Brüssel und Bordeaur den Charakter als Hoflieferant — und am 20. Juni dem Vorsitzenden der Direktion der Main-Neckar« Eisenbahn, Baurath Lichthammer, den Charakter als Geheimer Baurath zu verleihen.
VII. Dienstentlassung. Seine Königliche Hoheit der Grosiherzog haben allergnädigst geruht: am 16. Juni den ordentlichen Profeffor an der philosophischen Fakultät der Landes-Universität für das Lehrfach der Mathematik, Dr. Alfred Cleb sch, auf fein Rachsuchen mit dem Ende des gegenwärtigen Sommersemesters seines Dienstes zu entlassen.
VIII. Cvncurrenz für: die katholische Schulstelle zu Wahlen mit einem Gehalte von 300 fl. 53 fr.; — die Ober- emnehmerei Oppenheim, wofür eine Dienstcautwn von 5000 st. erfordert wird; konkurrenzfähige Bewerber haben sich binnen 14 Tagen anzumelden.
IX. Gestorben: am 25. Mai der Lehrer Friedrich Reich zu Nauheim; — am 16. Juni die Lehrerin Katharina Dietz zu Bingen.
Darmstadt, 26. Juni. Die „Hess. Landeszeit." schreibt: „Ein Bürger aus Wiesbaden errichtete gestern zur Erinnerung an die Lutherfeier eine Stiftung zur Erziehung und Ausbildung armer Knaben. Der;elbe liesi sich über die sofort erfolgte Einzahlung von 40,000 fl. Dokument ausstellen und begab sich mit demselben nad; Worms, um dort zu gleichem Zwecke weitere Zeichnungen zu veraniaffen. Wie wir vernehmen, soll er ein sehr günstiges Resultat erzielt haben.
.Berlin, 28. Juni. Die „Nordd. Allg. Zeit." schreibt: Am Dienstag wurde in der Jungfernhaide die sogenannte „Ku- gelspritze", die im Zeughause aufgestellt ist, zum erstenmale geprüft. ES erwies sich dabei, dasi dem Geschütz innerhalb einer Distanz bis zu 500 Schritt eine Wirkung nicht abgesprochen werden kann, daß jedoch, sobald diese Grenze überschritten wird, sich der Lauf der Kugeln auch nicht einmal mehr annähernd berechnen läßt. Unserer Infanterie dürste es also nicht schwer fallen, mit ihren Zündnadelgewehren eine Artillerie zu besiegen, die erst auf 500 Schritte sich nähern muß, um mit Erfolg feuern zu können.
Köln, 27. Juni. Ferdinand Freiligrath ist heute Morgen 91/2 Uhr mit seiner Familie per Dampfer hier eingetroffen und wurde von hiesige» streunden am Landungsplatz in Empfang genommen. Am Abend wurde dem Dichter von seinen Freunden im Gürzenich ei» herzlicher Willkomm und eine Festlichkeit bereitet, zu welcher fich etwa 200 Herren und Damen, sowohl aus Köln, wie von nah und fern, so z. B. Levin Schücking aus Münster und mehrere Herren aus Lüttich, als Vertreter der dort lebenden Deutschen eingefunden hatten. Als Freiligrath und die Seinigen, von Mitgliedern des Fest-Co- niite's abgeh >lt und eingeführt, int Saale erschienen, wurden dieselben mit stürmischem Zuruf begrüßt und nach ihren Plätzen geleitet. Daß das Festmahl in freudig erregter Stimmung verlief, bedarf bei der bekannten großen Liebe und Verehrung, mit welcher alle Freunde der Poesie dem heimkehrenden Dichter zugethau sind, keiner Erwähnung.
Posen, 24. Juni. Seit zwei Tagen schwebt vor unseren Asfisen ein Criminalprozesi, der, wenn er auch nicht Personen betrifft, die eine hohe Stellung in der Gesellschaft einnehmen, wie beim Ebergenyi-Chorinsky scheu Prozeß, dafür in psychvlo-, gischer Hinsicht das Interesse im höchsten Grad in Anspruch zu nehmen geeignet ist. Der Angeklagte ist ein wohlhabender Bürger, der 32 Jahr alte hiesige Buchbinder, Ferdinand Wittman». Derselbe ist angeklagt — und bereits so gut als überführt — 1) im September 1862 sei e erste Ehefrau, geborne Gehne; 2) im August des Jahres 1863 seinen leiblichen, in der Ehe mit der genannten Frau erzeugten, 1860 gebornen Sohn Hugo; 3) im Demzember 1863 seine zweite Ehefrau, geborne Höhn; 4) im August 1865 seine dritte Ehefrau, ge- borne Kornotzky; 5) im Oktober 1865 seine Stieftochter Alwine Böse, und 6) tm September 1866 seine vierte Ehefrau Emma, verwittwet gewesene Böse, vorsätzlich und mit Ueber- legung (durch Vergiftung) getödket zu haben. Das Urtheil wird wohl vor dem Ende der Woche nicht gefällt und unzweifelhaft auf Enthauptung lauten.
Aus Thüringen, 26. Juni. Der Besuch der Königin Viktoria in Deutschland wird zunächst nicht Coburg, sonder» dem Lustschloß Reinhardsbrunn bei Gotha gelten. Dahin wird die Kronprinzeß von Preußen sich schon am 4. Juli begebe» und dort mit ihrer Mutter einige Wochen verleben. Später wird die Königin von England auch einige Zeit in Coburg fich aufhalten.
Paris, Juni. Napoleon hat dieser Tage das Irrenhaus zu Charenton besucht, was — wie seine Preßlakaien ver« sichern — „im ganzen Hause die größte Freude verursachte." Die Loyalität hat'S weit gebracht.
Parts. Ein schreckliches Drama spielte heute Nacht in einem Hause der Rue Richelieu. Ein SeeschiffS-Capitän, der vor zehn Jahren Frankreich verlassen mußte, war vor einigen Tagen in Paris angekominen und bei seiner Frau, welche im obigen Hause wohnte, abgestiegen. Dieselbe hatte ihn für verschollen gehalten und war deßhalb ein LiebeSverhältniß mit einem anderen Manne eingegangen mit dem fte in wilder Ehe lebt. Der Schiffs-Capitän, nichts Arges ahnend, wohnte sich ganz gemüthlich bei seiner Frau ein. Der Geliebte derselbe» gerieth aber darüber außer sich vor Wuth und bestimmte die Frau, de» Mann aus dem Wege zu schaffen. Sie ermordeten ihn heute Nacht und begaben sich dann auf die Flucht. Man soll jedoch auf ihrer Spur sein.
Redaktion, Druck und Verlag dcr Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


