Feuilleton.
Das Testament des Großonkels.
Erstes Capitel.
(Fortsetzung)
„Ellen hat oft geweint, als wir die Nachricht bekamen, John sei bei Monterey gefallen, und ich auch, — und damals haben wir oft an ihn gedacht und viel von ihm gesprochen, aber immer wenn wir allein waren. Ach, Perry, ich habe e« nie glauben können, daß John so böse sei, und doch muß es so sein," fugte sie mit einem Seufzer hinzu," Venn sonst könnte Mutter ihm nicht so zürnen."
„Wer die Verhältnisse nicht kennt," antwortete Perry, „kann hier nicht klar sehen, doch so viel ist gewiß, daß er entweder schuldig oder unschuldig ist; — ist er schuldig, so hat Deine Mutter keine Ursache, ihn zu fürchten, noch seinetwegen in Aufregung zu gerathen, denn sie hat ihn verbannt und somit gestraft; ist er aber unschuldig, so laß sie sich mit ihm versöhnen, und wenn es sein muß, so werde ich selbst gerne die Hand dazu bieten, eine Versöhnung herbeizuführen, denn ich habe John immer recht gern gehabt."
„Um Gottes Willen, Perry, daran ist nicht zu denken," erwiederte Eveline," wie viele Andere Haden das nicht schon vergebens versucht; und alle die eS versucht haben, sind von der Zeit an mit Mutter zerfallen, denn Nichts erbittert sie mehr als jedes Wort, das nur auf ihn Bezug haben kann. Perry, laß uns nicht das Unmögliche wollen, laß uns hoffen, hoffen auf eine bessere Zukunft, glaube mir, es wird dereinst noch ein Mal Alles gut werden."
„Nein, Eveline, ich habe jetzt seit drei Jahren schon mich mit dem Gedanken befreundet, und dieser Gedanke muß zur Wirklichkeit werden, Dich mein Weib zu nennen. Du weißt, daß ich Dich liebe; ebenso habe ich die Ueber- zeugung, daß Du mich liebst; doch außer mir liebst Du Deine Mutter und, Eveline, Du kannst es nicht leugnen, Du fürchtest sie. Liebst Du mich mehr, wie sie, und fürchtest Du Dich, ihr diese Liebe zu gestehen, wohlan, so sei die Meine, wie Du da bist, folge mir allein und ohne Etwas mit Dir zu nehmen, Venn ich liebe Dich nur um Deinetwillen, nicht um Deiner Güter willen."
„Nie, Periy, niemals werbe ich Ließ Haus verlassen, ohne Ven Segen meiner Mutter. Der Segen ter Eltern baut Ven Kindern golvene Häuser. Ich habe zu viel der Leiben unter ten Menschen gesehen unv möchte selbst mir wenigstens meinen Seelenfrieden bewahren."
„Du bist grausam, Eveline, Du liebst mich nicht."
„Du bist ungerecht, Perry. Die Vergangenheit, die hinter uns liegt, birgt manche Geheimnisse unter ihrem dunklen Schleier, die ich nicht durchdringen möchte, selbst wenn ich es könnte. Ich maße mir kein Urtheil an, zu entscheiden, wo da- Recht und wo das Unrecht, unv selbst wenn es wir vergönnt wäre, hell durch bas Dunkel zu blicken, ich würde meine Augen verschließen, um nicht gezwungen zu sein, innige Gefühle, die ich jetzt empfinde, vielleicht getrübt zu sehen, mein Herz in der Ausübung seiner Kindespflichten, die ich als die heiligsten betrachte, vielleicht zerrissen zu sehen. Ich sehe, daß meine Mutter leibet, alle meine Geschwister haben bas Haus verlassen, Mutter hat Niemand als mich, ich gehöre daher ganz ihr, ihr muß ich mich weihen mit Seele und mit Leben."
„Und ist das die einzige Hoffnung, die ich mit von hinnen nehmen darf?"
„Nein, Perry, Du sollst mit der Mutter reden, ich verspreche eS Dir, doch nur nicht jetzt; laß nur erst die Brüder angekommen sein, laß uns erst sehen, wa« es mit John werben wird, wie Harri sich zu ihm stellen wirb, Alles dieß muß sich in ten nächsten Wochen entscheiden. Dann, wenn der günstige Augenblick gekommen, werde ich Dir schon sagen, wenn es Z-it ist. Glaubst Du immer noch, mein Perry, baß ich nicht mehr Deine einzige Eveline bin, baß für Nichts auf der Welt in diesem Herzen noch Raum ist, als für Dich und für meine Kindespflicht?"
„Ich glaube Dir, mein Engel," erwiederte er, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „Du, meine Einzige Liebe, die ich mehr liebe, als mein Leben! Nimm noch ein Mal meinen Schwur, nur Dir werde ich gehören, nur mit Dir ist es mir Tag, ohne Dich ist es mir ewige Nacht! Glaubst Du mir?"
„Sollte Gott uns noch so viel Glück aufbewahrt haben, Perry?" seufzte sie an seine Brust sinkend. „Ach wer so sterben könnte."
Es war völlig Abend, und der Mond verklärte zwei selige Herzen mit seinen silbernen Strahlen.
Zweites Capitel.
Madame Gratman's Wagen hielt vor einem Hause am Madison Square, ter Lakai war vom Bocke gesprungen unv empfing eine Karte aus ter Haut feiner Gebieterin, tie er dem Diener, welcher auf sein Klingeln die Hausthür öffnete, übergab. Nach einigen Augenblicken kehrte derselbe mit der Nachricht zurück, sein Herr sei zu sehen, unv in temselben Augenblick erschien auch schon der Advokat Ranzius selbst auf ter Schwelle, um seine reiche Clientin zu bewillkommnen. Matame Gratman stieg aus dem Wagen und intern sie die Paar Stufen zur Thüre hinanstieg, rief sie ihrem alten Freunte lächelnd zu:
„Ich gedenke Sie nicht lange zu stören, Mr. Ranzius, aber Sie müssen einer Dame schon etwas zu Gute halten. Der Weg nach der Wallstreet ist erstens sehr weit, und zweitens lasse ich mich nicht gern unten in der Stadt sehen. Sie wissen, ich mache meine Geschäfte lieber hier mit Ihnen unter vier Augen ab."
„Und Sie wissen, werthe Freundin," antwortete er, „daß Sie immer hier willkommen sind. Bemühen @<e sich gefälligst hier herein, wir sind ganz ungestört, denn meine Familie ist in Stalen Island."
Im nächsten Augenblick saßen Beide im Parlor in hochgepolsterten Arm- stühlen sich gegenüber.
„Womit kann ich dienen?" fuhr der Abvokat fort.
„Es ist gerade nichts Dringendes," erwiederte sie, „ich fuhr zufällig hier vorbei, und da mir in der letzten Zeit Manches durch ten Kopf gegangen war, worüber ich Sie befragen wollte, so pachte ich nichts Besseres thun zu können, als gerate heute Abenv auf einige Augenblicke bei Ihnen einzufallen."
„Sie wissen, taß ich immer zu Ihren Diensten bin," antwortete der At- vokat, „unt wünsche nur, daß Sie mit mir zufrieden sind."
„Ich möchte verschiedene Grundstücke verkaufen," fuhr Madame Gratman fort, „eigentlich Alles, was nur irgend verkäuflich ist. Die Taxen sind heutzu- tage so hoch, daß man wirklich besser thut, man schafft sich allen Grundbesitz
vorn Halse. Ich möchte bloS mein Haus und meinen Landsitz in Connecticut behalten und den ganzen Rest je eher je lieber los werden. Ich glaube, der Zeitpunkt zum Verkaufen ist augenblicklich günstig."
„Sehr richtig," antwortete der Advokat, „das heißt für Grundeigenthum hier in der Stadt, aber was Ihre Grundstücke in Ohio anbetrifft, so würde ich dazu augenblicklich nicht rathen."
„Reden wir davon jetzt nicht," antwortete Madame Gratman, „fangen wir hier mit dell Grundstücken in New-Aork an; sehen Sie, ob Sie mir einen Käufer für meine beiden Häuser in Fultonstreet anschaffen können, oder für meine Lot« in Brooklyn, oder für irgend Etwas sonst, ich gedenke das Geld besser verwenden und mehr daraus erzielen zu können, ohne die immerwährenden Plackereien, die ich jetzt habe."
„Ich werde mein Möglichstes thun und hoffe, Ihnen schon in einigen Tagen Antwort geben zu können."
„Ferner möcht ich Sie daran erinnern, daß binnen Kurzem die Frist ab- gelaufen sein muß, die wir dem Williams zur Einlösung seiner Hypothek gestellt haben. Ich möchte, daß Sie auch keinen Tag vorüber gehen ließen, sondern sofort auf ter Stelle sich jenes Eigenthums bemächtigten, denn es liegt mir sehr gelegen."
„Ich glaube, Sie dürfen dasselbe schon als das Ihrige betrachten, denn so viel ich weiß, wird er nicht im Stande sein, die Zinsen, geschweige das Ca- pital zu zahlen."
„Desto besser, so nehmen Sie dasselbe in Beschlag, und in allen Fällen, wo dergleichen vorkommt, werde stets auf dieselbe Weise gehandelt. Daß meine Versicherungspapiere stet« zur rechten Zeit erneuert werden, setze ich voraus."
„Das versteht sich von selbst, liebe Frau, da können Sie sicher auf mich rechnen."
„Auch habe ich in der letzten Zeit mehrere Male daran gedacht, mein Testament zu machen."
„Sie ein Testament machen?" fragte verwundert der Advokat, „dazu haben Sie noch lange Zeit, und außerdem haben Sie ja directe Erben."
„Das wohl," versetzte sie, „ich möchte aber doch einige Verfügungen über mein Vermögen treffen, damit e« mir nicht so gehen möge, wie meinem seligen Onkel, der darüber hingestorben ist."
„Und wozu hätte er ein Testament machen sollen?" fragte der Advokat, „hatte er doch keine andere Erbin, wie Sie."
„Und doch hatte er die Absicht, fein Testament zu machen," erwiederte sie, „und daß er keins gemacht hat, ist besonders für meinen Aeltesten von Nachtheil gewesen."
„Für Ihren Sohn?" fragte der Advokat wieder. „Das sollte mich wirklich wundern, denn er ist ja immer von Hause gewesen, und ich wüßte nicht, daß der alte Herr für ihn eine besondere Vorliebe gehabt hätte. Sie haben mir nie etwas davon gesagt."
„Habe ich nicht?" fragte sie in scheinbarer Zerstreuung, „desto besser, so will ich Ihnen jetzt Alles rnittheilen, was damit im Zusammenhänge steht. Sie kennen tie testamentarische Verorvnung meines Vaters. Onkel Dryteck blieb Verwalter unseres Vermögens, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hat gut damit zu speculiren gewußt. Er war Kaufmann mit Leib unt Seele, unt das mag auch ter Grund gewesen sein, daß er sich nicht »er« heirathet Hai, denn hätte er sich verheirathet, so hätte er uns die Hälfte der ganzen Masse abtrete» müssen."
„Ich weiß," sagte Ranzius, „ter alte Herr konnte sich nicht von der Firma und vorzüglich nicht vom Gelt trennen, und so ist er sein Leben lang ein Hagestolz geblieben."
„Meine Mutter starb," fuhr Madame Gratman fort, „und meine Schwester Louise unt ich blieben allein übrig. Louise verheirathete sich, starb aber schon vier Monate nach ihrer Hochzeit kinderlos, weßhalb ihr Mann nur Anspruch auf einen dritten Theil hatte, und da er nicht mit dem zufrieden war, was wir ihm boten, fing er einen Prozeß an, den wir gewannen, und er hat, was am allerbesten war, gar nichts bekommen. Somit war ich alleinige Erbin. Onkel wohnte noch immer in der Greenwichstreet, er war alt geworden und fühlte sich sehr einsam. Er suchte mich fast täglich in meiner Wohnung auf und bat mich vom Himmel bis zu Erde», ich möchte zu ihm ziehen, doch Sie können leicht begreifen, daß ich meine angenehme Wohnung in Hoboken, wohin ich mich nach dem Tode meines Mannes zurückgezogen, nicht verlassen wollte, um mich in der schmutzigen Greenwichstreet bei dem alten Mann zu begraben."
„Richtig," antwortete ter Advokat, „damals kauften Sie das Haus in der fünften Avenue."
„Nicht ich, lieber Freund," antwortete sie, „ich zwang ihn, mir jenes Haus zu kaufen, ich machte das zur Bedingung, mit ihm zusammen zu wohnen, unt er willigte in Alles unt ließ mir in Allem meinen freien Willen. Von jenem Augenblicke an wurde ich Herrin ter Firma'; einzelne Erdtheile, die mir, als der einzig Ueberbleibenten ter ganzen Familie, noch von anteren entfernten Verwandten zufielen, ließ ich nicht mehr zur Masse fließen, sondern disponirte darüber nach eigenem Gutdünken, unt ich darf mich rühmen, daß ich kein Unglück mit meinen Spekulationen gehabt habe. Zuerst schien es dem Alten nicht recht zu fein, doch er hat sich, wie in vieles Andere, auch darin fügen müssen. Die geringste Drohung meinerseits, ihn verlassen zu wollen, machte ihn stets gefügig wie ein Lamm." (Fortsetzung folgt).
M i s c e l l e n.
Beitrag zur deutschen Sprache. Runzeln ist ein Zeitwort. Strumpf- band ein Bindewort. Dame ein Hauptwort. Ohrfeige ein Empfindungswort. Buden unt Matchen sind Geschlechtswörter. Verstaut ist ein Nebenwort. Michael unt Neujahr sint Zahlwörter. Geld ein Mittelwort. Präsent ein Vorwort. Esel ein Beiwort. Dummkopf ein eigner Name. Stehlen ein Sammelname. Knute unt Stock sind Schlagwörter. Mamsell ein Gattungsname. Hebamme ein Hülfszeitwort. ___________
Naive Tochter. „Nein, das ist schrecklich! Schon wieder zwölf Mil- lionen Militärcredit! Wo soll das noch hinaus? Ich sehe wirklich nicht ein, warum wir mitten im Frieden einen solchen Präsenzstand und eine solche Masse Offiziere brauchen!" — „Was? Zu viel Offiziere? Ader lieber Papa, heul' reden Sie wieder einmal recht unüberlegt daher! Mit wem sollen wir denn tanzen?"


