Ausgabe 
23.2.1867
 
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purgirt, daß er sich bald das Europäische wird aus dem Sinne schlagen können.

Wir stehen somit auch in diesem Lande am Borabende von Kämpfen, die hoffentlich damit enden werden, für immer den Halbmond (das türkische Wappen) aus Europa zu verbannen.

Nicht minder wichtig als die schweren Kriegsereignisse, die wir seither berührt haben, sind die inneren Kämpfe und Wehen, in denen sich die slavischen, deutschen und romanischen Völker­schaften Europas abmatten und ans denen sich in dieser epoche­machenden Zeit für die einen der Untergang, für die anderen ein neues kräftiges Leben herausgebären muß. Dem unpar- theiischen Beobachter kann es hier nicht verborgen bleiben, auf welche Seite sich endlich der Sieg neigen wird- Die deutsche Nace hat nach einer langen Zeit der Erniedrigung im Innern und der Verspottung ddii Außen bereits einen ungeahnten Auf­schwung genommen. Achtung gebietend stehet sie da und weiß nicht bloß den französischen Adler, der so oft seine Klauen in deutsches Fleisch geschlagen und das Herzblut deutscher Stämme gekostet hat, in seine gebührenden Schranken zurückzuweisen, sondern auch eine dominirende Stellung in dem europäischen Völkerconcerte allmählig einzunehmen, immer mehr und mehr in die Geschicke Europas einzugreifen.

Rußland ist wohl noch ein Koloß, der selbst nach der Niederlage von 1856 es wagen darf, auch seinerseits die Ver­träge von 1815 zu zerreißen und das Finis Poloniae (Ende Polens) zur Wahrheit zu machen, indem es dieses linglückliche Königreich mit einem Male auch dem Namen nach von der Karte Europas wegstreicht und zu russischen Gouvernement mit strammem russischem Regimente umstempelt, aber der tiefe Bil­dungsgrad seiner slavischen Racen, die nur deni kleinen deutschen Elemente des Reichs alle seitherigen Verbesserungen verdanken, wird noch lange, lange Zeit brauchen, ja viel­leicht niemals dahin gelangen, seine Ingenieure fremden Boden (den noch sterileren muhamedanischcn Boden ausgenominen) messen und seine Armeen binnen weniger Tage Reiche über den Haufen werfen zu lassen, die nur einigermaßen Lebenskraft in sich besitzen, wird noch weniger dazu gelangen, ein Culturvolk für die andern Völker Europas zu werden.

Italien ist wohl aus seiner jammervollen Zerrissenheit zum Staunen aller Welt und mit äußerer Hülfe zur Einheit gelangt, allein eine Einfluß übende Nation ist es deßhalb nicht gewor­den und wird es nicht werden, das lehren uns die fremden Bajonette, welche die ihm fehlende Kraft zur Neugeburt lie­ferten, sowie der tief im Volke steckende UltramontaniSmus, der es zu immer neuem Aufzucken gegen seine eigene Wohlfahrt treibt und mit dämonischer Gewalt niederhält.

Frankreich ist ein scharf centralisirtes Land, das seinen gloire mehrfach in den Gluthen des Südens, wie in den Eissteppen des Nordens widerspiegeln ließ, allein weil es der Durchbildung im großen Ganzen entbehrt und darum stets der hin- und herschwankenden Leitung einzelner Parteiführer über­lassen ist, die, an das Ruder gelangt, niemals den conserviren- den Interessen des Landes ihre ungetheilte Aufmerksamkeit schenken können, sodann zur Beschäftigung des Volks der Selbst­erhaltung wegen eitlem Blendwerk, politischen Gaukeleien nach- jagen müssen, so kann es wohl momentan Erfolge erringen, aber schließlich werden diese inimer wieder auf sein eigenes Haupt zurückfallen, einen stets stärkeren Katzenjammer zurück­lassen. Die französische Invasion in Italien, Mexiko rc. sind Belege neuester Zeit hierfür.

Nur das deutsche Volk birgt alle Elemente in physischer, wie in geistiger Hinsicht in sich, um es zu befähigen, eine Station zu bilden, die, stark genug nach Innen wie nach Außen, im Stande ist, alle Störungen des europäischen Friedens niederzu­halten und dadurch den Werken des Friedens Raum zu ge­statten, sich auszubilden und auszudehnen, und so nicht blos der eigenen Station das Füllhorn des Glaubens zu reichen, sondern auch die andern Stationen daran participiren zu lassen. Wir können es darum wohl beklagen, daß so manche Wunden in dem vergangenen Jahre geschlagen worden sind, wir können unser Haupt schütteln zu der Moral, die einen Bruderkrieg zu entzünden, Throne, ebenso legitim, wie andere, umzustürzen, Stämme aus den ihnen lieb und theuer gewordenen Verhält­nissen wider ihren Willen herauszureißen vermochte, wir können wohl innerlich ergrimmen über ungerufcne Wohlthaten, mit

denen wir nunmehr beglückt werden sollen, allein wenn wir auf das große Ganze sehen und dabei die gewaltigen Eruptionen betrachten, unter denen seit geraumer Zeir Europa leidet, und in deren Kreis unser gespaltenes Vaterland nothwendigerweisc hiueingezogen werden mußte, um entweder unterzugehen oder sich neu zu verjüngen, dann können wir nur Gott danken, daß nicht das erstere Schicksal sich an uns vollzogen hat, son­dern das letztere sich zu vollziehen beginnt. Die gegenwärtige Generation kann wohl trauern und klage», die gegenwärtige Generation wird noch manche bittere Pille verschlucken müssen, aber die nachfolgende wird unsere Tage segnen, denn, wie im ganzen Reiche der Natur, so vollzieht sich jetzt auch wieder in seiner Weise das alte Gesetz:Der Untergang des Einen ist das Leben des Nachfolgenden."

Durch die Friedensschlüsse der verschiedenen deutschen Län­der mit Preußen wird das Zustandekommen eines norddeutschen Bundes kaum mehr bezweifelt und auch die Berufung eines norddeutschen Parlamentes hat Aussicht auf Erfüllung. Das­selbe wird in seiner Gesammtheit aus 296 Abgeordneten be­stehen. Von diesen entsenden die alten preußischen Provinzen 193, und zwar die Provinz Prenßen 30, Posen 15, Branden­burg 26, Pommern 14, Schlesien 35, Sachsen 20, West­phalen 17, Rheinprovinz 35, Hohenzollenrn 1. Die neuen preußischen Provinzen sind durch 43 Abgeordnete vertreten, und zwar Hannover durch 19, Schleswig-Holstein 9, Kurhessen 8, Nassau 5, Lauenburg 1, Frankfurt a. M. 1. Hierzu treten 60 Abgeordnete aus den andern norddeutschen Ländern. Von diesen wählt das Königreich Sachsen 23, Mecklenburg-Schwerin 5, Mccklenburg-Strelitz 1, Braunschweig 3, Oldenburg 3, Ober Hessen 3, Sachsen-Weimar 3, Coburg-Gotha 2, Meiningen 2, Altenburg 1, Reuß ältere und jüngere Linie 2, die beiden Schwarzburg 2, Anhalt 2, die beiden Lippe 2, Waldeck 1, Hamburg 3, Bremen 1, Lübeck 1.

Preußen schreitet unterdeß rasch mit der vollständigen Ein­verleibung der annectirten Länder in den preußischen Staatsver­band vor und so sehen wir allerwärfs eine fortschreitende Ent­wickelung aller staatlichen Verhältnisse, um der anzustrebenden Neugestaltung Deutschlands in die Hände zu arbeiten. Wenn auch jetzt noch vorläufige politische Rücksichten Deutschland in zwei Theile spalten, so deuten doch schon allerwärts in Süd­deutschland die maßgebenden Stimmen darauf hin, daß das lose Band des durch die Friedensverträge auf sechsmonatliche Kündigung gestellten Zollvereins, welches die Staaten jenseits des Mains »och mit den norddeutschen Staaten jetzt znsammen- hält, sich enger und fester ziehen wird, sobald nur erst der norddeutsche Bund und seine Verfasiung als ein fertiges Ganze dasteht. Dies zu bewerkstelligen hat Preußen Bevollmächtigte der norddeutschen Regierungen nach Berlin berufen, um int Wege der gegenseitigen Vereinbarung eine Verfasiung festzn- stellen, welche alsdann dem zn berufenden Parlamente zur Ge­nehmigung vorgelegt werden wird. Die Provinzial-Correspon- denz läßt sich hierüber folgendermaßen hören.:

Der Entwurf der Verfasiung des Norddeutschen Bundes ist von allen mit Preußen verbündeten Regierungen angenommen, diese wichtige, vielverhcißende Botschaft konnte König Wil­helm der preußischen Landesvertretung bei ihrem Scheiden zum Geleite geben. Die Sache der deutschen Einigung hat einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan: Alles ist soweit vorbe­reitet, daß die schließliche Feststellung der Bundesverfassung unter Mitwirkung des Reichstages nunmehr erfolgen kann. Das Werk hätte freilich nicht so bald gelingen können, wenn die preußische Regierung nicht darauf Bedacht genommen hätte, in den Verfassungs-Entwurf von vorn herein nur Bestimmungen von unmittelbar praktischer Bedeutung und von durchgreifender Wichtigkeit für die zu gründende Gemeinschaft aufzunehmen. Hierdurch gerade unterscheidet sich der jetzige Entwurf von allen früheren deutschen Einigungsplänen, welche, mit großen Hoffnungen angekündigt, nach kurzer Zeit wirkungslos zerrannen. Alle jene Entwürfe sollten das gesammte politische und geistige Leben der Station umfassen und wie von Grund aus regeln; aber an dieser Allgemeinheit eben scheiterten jene Versuche. Die preußische Regierung hat ihr Werk auf bestimmte unabweisliche Einigungspunkte von klar vorliegender Bedeutung und von un­leugbarem Vortheil für die gesammte Station beschränkt; des­halb konnte und mußte die Verständigung gelingen. Dem