Nachstehende Vorschriften sind den Großherzoglichen Bürgermeistereien zur Nachachtung empfohlen worden : Vorschriften bei Behandlung Ertrunkener.
1 Man schicke augenblicklich nach einem Arzte, nach Decken und trockenen Kleidern, beginne aber zugleich, den Kranken .... ort' und Stelle zu behandeln, und zwar im Freien, mit dem Gesichte abwärts, entweder am Lande oder auf dem Fahrzeuge; L wenn nicht das Wetter zu rauh ist, Gesicht, Hals und Brust dem Winde aus und entferne alle enge Bekleidung, besonders Ze Minder von Hals und Brust. Das, worauf es ankommt, ist zuerst die Wiederherstellung des Athmens und dann dre Beiörderuna' der Körperwärme und des Blutumlanfes. — Die Anstrengungen zur Wiederherstellung des Athmens müssen sofort und mit allem Eifer begonnen und eine oder zwei Stunden, oder so lange, bis ein Arzt den Tod für unzweifelhaft erklärt, iortaeickt werden. Anstrengungen zur Beförderung der Körperwärme und des Blutumlaufs, außer der Entfernung der nasse» Kleider und des Trocknens der Haut, dürfen.aber nicht eher gemacht werden, bis die ersten Zeichen des Athemholens bemerkbar werden. Wird der Blutumlauf'früher angeregt, so gefährdet man die Rückkehr zum Leben.
II Wiederherstellung des Athmens. Reinigung des Schlundes. Man lege den Kranken auf dre Diele oder den Erdboden, mit dem Gesichte nach unten, den einen Arm unter die Stirne. In dieser Lage laufen die Flüssigkeiten leichter aus dem Munde ab, die Zunge fällt nach vorne und läßt so den Eingang zur Luftröhre frei. Man unterstütze dieses Ver- fabren durch Wischen und Reinigen des Mundes- Sobald der Kranke zu athnien beginnt, kommt das unten beschriebene Verfahren -ur Förderung der Körperwärme zur Anwendung. Ist aber nur sehr geringes oder gar kein Athemholen vorhanden, so ist das Atbembolen anzureqen. Man drehe den Kranken sofort auf die Seite, indem der Kopf unterstützt wird, und reize die Nasenlöcher mit Schnupftabak, Hirschhorn und riechenden Salzen, oder kitzle den Schlund mit einer Feder u. s. w., wenn diese Dinar uir Hand sind; reibe das Gesicht und die Brust warm und sprenge kaltes Wasser, oder abwechselnd kaltes und heißes Waner darauf Tritt kein Erfolg ein, so verliere man keinen Augenblick, sondern sofort ist das Athmen nachzumachen. Nu diesem Behufe lege man den Kranken wieder auf das Gesicht, indem unter die Brust ein zusammengewickelter Rock oder Zn anderes Kleidungsstück gelegt wird; drehe den Körper sehr vorsichtig auf die Seite und ein wenig darüber hinaus , dann i-asch ivieder auf das Gesicht; wiederhole dieses vorsichtig und nachdrücklich etwa fünfzehn Mal m der Minute oder em Mal alle 4—5 Sekunden, gelegentlich die Seiten wechselnd. (Indem der Kranke auf die Brust gelegt wird, treibt das Gewicht des Körpers die Lust aus; indeni er auf die Seite gelegt wird, wird der Druck entfernt und die Luft dringt in die Brust ein.) - jedesmal wenn der Körper wieder auf die Brust gelegt wird, übe man einen gleichförmigen starken Druck auf den Rucken, Zvischen und unter deii Schulterblättern, aiis und lasse den Druck aufhören, ehe der Körper auf die Seite gewendet wird, hierbei muß ein Anderer sorgsani die Beweguiigen des Kopfes und des darunter gelegten Armes überwachen. (Die erste Maßregel verstärkt das Ausathmen, die zweite leitet das Einathmen ein.) Während dieser Drehungen des Körpers trockne man die Lände und Füße, und sobald als trockene Kleider oder Decken beschafft werden können, entkleide man den Körper und bedecke oder bekleide ihn nach und »ach wieder, so jedoch, daß dadurch die Bemühungen zur Herstellung des Athmens nicht unter 6rCd'7lfer@oUten diese Bemülmngen im Verlaufe von zwei bis fünf Minuten nicht erfolgreich sich zeigen, so ist das künstliche Athemholen nack Dr. Silvester's Methode folgendermaßen auszuführen: Man lege den Kranken mit dem Rücken auf eme etwas schräge Fläche, so daß der Kopf ein wenig höher liegt, erhebe und stütze den Kopf und die Schustern durch em kleines festes Kissen oder ein zusammengelegtes Kleidungsstück, das unter die Schulterblätter gelegt wird; ziehe die Zunge des Kranken nach vorne und halte sie vor den Lippen; ein elastisches Band über die Zunge und das Kinn gebunden, ist hierzu am besten, oder es kann ein Stück Schnur oder Band darum gebunden, oder der Unterkiefer emporgerichtet u>id die Zunge durch dre Zahne m dieser Stellung gehalten werden; entferne alle engen Kleidungsstücke von dem Halse und der Brust, besonders alle Bauder.
Nachahmung der Athembewegungen. Hinter dem Kopfe des Kranken stehend ergreife man die Arme W über den Ellbogen und ziehe sie sanft und fest aufwärts über den Kopf und halte sie aufwärts gestreckt zwei Secunden lang (hierdurch wird Luft in die Lunge gezogen). Dann führe man die Arme des Krankeii abwärts und drücke ste lauft aber fest Zwei Secunden lang gegen die Seiieii der Brust. (Hierdurch wird Luft aus den Lunge» getriebe».) Dieses wiederhole man abwechselnd mit Ausdauer, ungefähr zehn Mal in der Minute, bis eine beständige Athembeweguiig wahrgenoinmen wird- So wie dieses der Fall ist höre man nut den künstlichen Athembewegungen auf und gehe mit Anregung der Körperwärme und des Blutumlaufs vor.
IV. Behandlung, nachdem das natürliche Athmen wieder hergestellt ist. Erregung der Körperwärme und des Blutumlanfes. Man reibe die Glieder von unten nach oben stark Mittelst Handtücher, Flanell, u. A. (es wird dadurch das Blut von de» Adern zum Herzen getrieben). Dieses Reibe» muß unter der Decke oder über de» trockenen Kleidern fortgesetzt werde». Mali befördere die Körperwärme durch Auflege» boii, heißem Flanell oder von Wärmflaschen, heißen Steinen u. s- w. auf die Herzgrube, an die Ellbogen, an die Lenden und die Fußsohlen. Wenn der Kranke nach dem Eintritte des Athmens in ein Haus gebracht worden ist, so ist dafür zu sorgen, daß die Luft frei durch den Raum^hlndurchstrelcht. Bei Rückkehr des Lebens kann ein Theelöffel voll warmen Wassers gegeben werden, und wenn die Fähigkeit zum Schlucken wledergekehrt ist, kleine Mengen von Wein, warmen Wassers mit Brantlveiii oder Kaffe. Der Kranke muß tm Beste gehalten und feine Neigung zum Schlafen gefördert werbe». .
Allgemeine Bemerkungen- Das vorstehende Verfahren muß mehrere Stunden lang fortgesetzt werden. Es ist ein Jrrthum, zu glauben, daß, wenn nicht bald Lebenszeichen eintreten, keine Hoffnulig mehr vorhanden ist. Mancher ist erst nach mehrstündigen Bemühungen zum Leben gelangt.
E r s ch e i n u n q e», w e l ch e gewöhnlich d e n T o d begleiten. Athemholen und Herzthatigkest Horen ganz auf; du Aligenlieder sind gewöhnlich halb geschlossen, die Pupille erweitert, die Kinnbacken sind steif, die Finger Halo zusanlinengekrumm, die Zunge ist deni untern Rande der Lippen genähert, und diese so wie die Nasenlöcher sind nut schaumigem schleime bedeck ■ Kälte und blaffe Farbe der ganzen Körperoberfläche. t , a
Vorsichtsmaßregeln. Versammlung vieler Menschen um den Körper ist, besonders ui Zimmer», unzulässig. Ferner ist jedes stürmische Verfahren zu vermeiden. Der Körper darf nicht eher, bis die Zunge gesichert ist, in der Rückenlage bleiben, jn keinem Falle darf der Körper bei den Beine» gehalten werben. Ebensowenig barf ber Körper anders als auf ärztliche Anordnung in ein warmes Bad gebracht, und selbst daun barf bies nur als ein augenblickliches Reizmittel benutzt werben. _____
Druck und Verlag der Brnhl'sche» Uni».-Buch« und Eeindruckerei (Fr. Chr- Pietsch) in V:eße».


