Ausgabe 
11.11.1865
 
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- Aufruf und Bitte!

Es soll eine Heil- und Pflegeanstalt für blödsinnige Kinder im Großherzogthum Hessen gegründet werden. Dieselbe soll ein Werk freier Liebesthätigkeit-sein, das durch milde Waben barmherziger Menschen gegründet und erhalten wird. Im Großherzogthum Hessen leben nach der vorjährigen Zählung 710 Blödsinnige und zwar 342 in der Provinz Starkenburg, 214 in Obcrhesscn, 154 in Rheinhessen. Das Elend dieser Menschen ist sehr groß. Die Familien können, wenn sie auch wohlhabend sind und guten Willen haben, für die Erziehung und Bildung ihrer blödsinnigen Kinder nicht das thun, was ihnen wirklich heilsam ist. Wie viele Blöde gehören aber solchen Familien an, die weder Willen noch Mittel haben, denselben ihr Schicksal erträglich zu machen! Viel­fach ist die Trunksucht der Eltern die Ursache des Blödsinns ihrer Kinder. Wie oft werden die Blöden von ihren eigenen Eltern und Geschwistern lieblos behandelt, von Fremden mißhandelt, ja, wovon himmelschreiende Beispiele angeführt werden könnten, von Bosheit und Wollust mißbraucht. Wie ein verscheuchtes Reh laufen vollends die elternlosen in den Gemeinden umher, von Gassen- buben, alten wie jungen verfolgt, gereizt, verspottet und Niemand nimmt sich ihrer an. Nur eine Anstalt, in der ärztliche und christlich, pädagogische Pflege Hand in Hand gehen, kann den Blöden wirklich Heilsames leisten. Die bereits in anderen Ländern bestehenden Blödenanstalten haben dies durch die That bewiesen; sie stehen in der segenvollsten Wirksamkeit. In Preußen hat jetzt ' jede Provinz eine oder mehrere Blödenanstalten. Eine Wittwe in Potsdam hat kürzlich ein Haus und Grundstück im Werthe von 6000 Thlr. zur Gründung einer größeren Blödenanstalt für die Provinz Brandenburg geschenkt. In der Blödenanstalt zu Huberts- bürg in Sachsen hatten unter 54 Zöglingen 28 das Ziel der Anstalt völlig erreicht, d. h. sie wurden confirmirt, waren erwerbs­fähig und arbeiten als Schuhmacher, Schreiner, Weber, Korbmacher und in der Landwirthschaft, einer als Schreiber; 10 hatten das Ziel unvollständig erreicht, d. h. sie waren zur Confirmation befähigt, aber nicht erwerbsfähig oder umgekehrt; 16 erwiesen sich als nicht bildungsfähig. Hier muß man bedenken, daß es kaum 20 Jahre her ist, daß man sich überhaupt mit der Bildung der Blöden beschäftigt. Es mag darum jetzt noch mancher als nicht bildungsfähig angesehen werden, der in weiteren 20 Jahren, nach reicherer Erfahrung auf diesem schwierigen Erziehungsselde, als bildsam erscheinen würde. Aber durch die Pflege einer Anstalt erhalten doch auch diese bildungsunfähigen ein menschliches Aussehen, und gerade sie bedürfen es ja am meisten, daß sie durch den Arm christlicher Liebe emporgehalten werden, damit sie nicht ganz in thierisches Wesen hinabsinkcn. Die Anstalt für unser Groß- herzogthum wird, sobald ein passender Lehrer gefunden ist, ihren Anfang nehmen. Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin Ludwig von Hess.n baden allergnädigst geruht, das Protektorat über dieselbe zu übernehmen.

Die Hunderte von Blöden warten auf unsere Hülfe; wir dürfen nicht länger mehr an ihnen vorübergehen wie jener Priester und Levit an dem am Wcae liegenden Menschen; wir müssen sie in eineHerberge" bringen, wo sie von christlicher Barmherzigkeit gepflegt werden. Alle die, denen GottVernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält", bitten wir, doch ja der armen Blöden in Liebe zu gedenke» ; insbesondere richten wir diese Bitte an die Eltern, welche sich dieser herrlichen Gottesgaben an ihren Kindern erfreuen. Die Anstalt soll nicht das Werk eines Einzelnen sein, sondern sie soll gegründet und erhalten werden durch die Liebe des christlichen Volkes zu den Armen und Verlassenen in seiner Mitte. Deßhalb wenden wir uns an Alle, die ein Herz für die Hülflosen und Verlassenen haben, und bitten um Gaben. Die Redaction des Gießener Anzeigeblattes und der Unterzeichnete sind stet« bereit, Gaben für die zu gründende Blödenanstalt anzunehmen, und werden den Empfang derselben in diesem Blatte an­zeigen. Schließlich bitten wir, der Verheißung des Herrn zu gedenken:Was ihr gethau habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan, es soll euch nicht unbelohnt bleiben."

Erbach im Odenwalde, den 9. October 1865.

.. :.j. Heinrich Engel, Mitprediger.

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