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Beilage.

Der Dahnwärter.

Novelle.

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Es iss eine stehend gewordene und gedankenlos hingenommene bhrase, daß die Eisenbahnen die Romantik des Reisens zerstört Men. Ohne uns auf Untersuchungen über das Wesen der Ro- ,antik überhaupt einzulaffen, glauben wir doch getrost behaupten jii können, daß die zarte holde Fee nicht gerade unumgänglich «lblederne Jnerpressibles tragen, in plumpen Reitstiefeln stecken int) ein heiser gewordenes Blechinstrument blasen müsse. Uns cheint im Gegentheil das Locomotiv-Ungeheuer, wenn es mit seinen »then Feueraugen durch die Nacht braust, bei weitem romantischer, ite ein Paar magere abgetriebene Postgäule von ihrem schlaftrunke- ten Lenker dem Antriebe der eigenen Stallsehnsucht überlassen, spielt doch bie Fee der Schnelligkeit in allen Zaubetmährchen eine Kvorragende Rolle, und hat doch die gewaltige Erfindung unseres sthrhunderts diese Zaubermährchen zu vorgeahnter Wahrheit gemacht, sind doch die Eisenbahnen die Ringe einer fabelhaften Riejen- jtlange und ist doch der Telegraphendraht, der neben denselben iektrisch die Lust durchzittert, der Bruder des Blitzes. Ist eS licht romantisch, eine Naturkraft, ein wildes zügelloses Element ff) dienstbar gemacht zu haben und von Salamandern gezogen da- h zu fliegen? Ihr bedauert die kleinen Unfälle und Abenteuer, he mit der antediluvianischen Art des Reisens verbunden wären; wn, wenn Ihr so gefahrsüchtig und nicht gar so ungenügsam seid, X kann Euch wahrhaftig das Springen eines Kessels oier das knstürzen eines Tunnels für das Brechen eines Wagenrades od?r W Reißen einer Hemmschuhkette hinlänglichen Ersatz gewähren.

Ihr klagt, daß auf einer Eisenbahnreise das Detail der Land- ihast verloren gehe, aber Ihr gesteht doch zu, daß Euch die Land- ihaft im Ganzen und Großen bleibe, ja es ist fogar ausgemacht, itß gerade durch den Mangel des Details der Eindruck erst zu mein vollen ungeschwächten wird. Was verliert Ihr an den De- tiils? größtentheilS sehr wenig; einige mit verschiedenartigem vier- mb zweifüßigen Gethier bevölkerte Bauernhöfe, gegen deren bitetolische Romantik die von Pfützen und Düngerhaufen beleidigten Geruchs- ngane protestiren. Ihr verliert die derbe Natürlichkeit, die sich Euch in der Gestalt von bettelnden Kindern in mehr als vernachlässigten Toiletten an die Wagenräder hängt; dafür gewinnt Ihr aber den lüuen, unbestimmten, echt romantischen Duft der Ferne.

Ihr sprecht vom Volksleben, das Ihr auf Wagenreifen fhtbirt, ®b um das Euch der feuerfprühende Dämon der Lokomotive be­lüge, aber wenn Ihr aufrichtig sein wollt, so müßt Ihr gestehen, üß Ihr aus Postreisen vom Volksleben wenig mehr kennen gelernt Mt, als die unorthographischen Speisezettel und die doppelt g.krei- üien Rechnungen Der Einkehrwirthshäuser. Wenn Ihr vielleicht iiir und da die rothe volle Wange einer drallen Kellnerin gekneipt «ter in der Schenke ein Paar Worte mit einem alten weißhaarigen Äiuer gewechselt habt, so müßt Ihr dieses Volksstndium thetter jmug bezahlen, vielleicht mit einer schlaflosen Nacht in einem von inten kleinen Geschöpfen bevölkerten Bette, von denen der gute alte Mcolai mit so großem Unrechte glaubte, daß sie nur die italienischen Wandas unsicher machen. AlleS Studium, und das des Volks- üdenS und der Volkssttte mehr als irgend ein anderes, bedingt Stabilität, dauernden Aufenthalt, zu dem jede Art des Reisens 111 ^ectem Widerspruche steht. Auf einer Eisenbahnreise dagegen

könnt Ihr die verschiedenartigsten Species der großen Gattung Kul­turmenschen, wenn auch nicht studiren, doch wenigstens beobachten, die allgemeine moderne Völkerwanderung schlägt um Euch ihre Wellen, Ihr seid mitten brinn in dem neuen Argonautenzug nach bem goldenen Vließe des Glückes, und eine gewisse, wenn auch oberflächliche enevklopädische Bildung heftet sich Euch an, Ihr mögt nun wollen oder nicht. Der Blick, der an einem Tage die Grenz­pfähle zweier großen Reiche hinter sich läßt, wird naturgemäß von erweiterter Sehkraft, und der Geist, der sich von der Materie nicht an Schnelligkeit überflügeln lassen will, von rascherer Auffassung. Mit einem Worte, die Eisenbahnen vertreten die moderne Roman­tik, bie Romantik des Allgemeinen. ;

Und nun erst das ganze Heer der dienenden Geister dieses Feuerkultus. Wollt Ihr den stolzen dampfgeschwärzten Heizer, der auf feiner Maschine steht wie Vulkan an der Esse, mit bem Postillon vergleichen, unter dessen Treffenhut bie Schlafmütze hervorguckt? Oder Den flinken weltmännisch und kosmopolitisch gebildeten Con- bucteur, Der im verrätherisch schnellstem Fluge des TrainS geschäftig . von Waggon zu Waggon geht, mit bem Eilwagenführer, ber be- bächtig alle zwei Stunden feine große altmodische silberne Taschen­uhr mit dem Stundenpaffe vergleicht, um etwa dem saumseeligeu . Kutscher die überzähligen Minuten von bem Trinkgelde abzuziehen.

Und noch haben wir nicht von einer Klaffe dieser dienenden Geister gesprochen, die für die Sicherheit Eurer geraden Gliedmaßen . wichtiger ist als Ingenieur und Zugführer, als Eonducteur und Heizer, als Inspektor und Maschinist, ja sogar als das ganze löb- , litte Direktorium. Seht Ihr dort auf ber Anhöhe bas kleine nette Häuschen, umrankt und halb verborgen von jungen aufstrebenden Weinpstanzungen. Hinter dem ebenerdigen aber solid von Steinen gebauten, mit Blech gedeckten und mit Blitzableiter versehenem Ge­bäude liegt ein kleiner Obst- und Gemüsegarten und weiter gegen die Berglehne zu ein bescheidener Kartoffelacker. Zwischen den glän­zenden Fensterscheiben blühen Reseda und Levkoienstöcke in iroenen Töpfen und auf der Schwelle ber Thüre steht ein jungeS, bürftig aber reinlich gekleidetes Weib, einen Säugling am Arme und einen lebhaften blondlockigen Buben an Der Hand, der dem vorüberfausen- beu Zuge so gern nachsetzen möchte. An dem Rande der Thal- schlucht aber steht der Bahnwächter in strenger, fast militärischer Haltung, die eine Hand falutirenb an der Ledermütze, in der an­dern eine kleine zweifarbige Fahne, bei Nacht eine Laterne mit ge­färbtem Glase erhebend. Ach, es bat ihm Mühe genug gekostet, diese Fahne oder Laterne, das Zeichen, daß bie feiner Obhut an- vertraute Strecke sicher und fahrbar fei, mit gutem Gewissen erheben zu können. Vor ber Ankunft eines jeden Zuges muß er feine Strecke mit ber ängstlichsten Genauigkeit begehen, sei es nun Tag oder Nacht, mag nun bie Sonne ihre senkrechten Strahlen auf ihn herabschicken ober Der Sturm die dichtesten Schneeflocken in das Gesicht wirbeln. Er kennt nur zu gut bie mörderische Bosheit brodloS gewordener Fuhrleute und Wirthshausbesitzer. Ein Stein, ein Balken, der über bem Geleise liegen bliebe, kann Hunberte von Menschenleben kosten und bei Der furchtbaren Verantwortlichkeit, unter ber er steht, wäre ber augenblickliche Verlust seines harten und mühevollen Dienstes noch die geringste Folge eines Versehens oder einer Nachlässigkeit.

Und was ist der Lohn dieses angestrengten, gefahrvollen, ein­samen und einförmigen Lebens mit feiner erdrückenden Verantwort­lichkeit ? Ach! es ist biet so wie überall; die wichtigsten Posten sind nicht die angesehensten und einträglichsten. Ein karger Lohn,