JE 22.
Beilage.
Auch in bem Jeitensturm die Ficbe.
Novelle aus dem Frühjahre 1848.
(Fortsetzung )
Mit Stentorstimme sprach nun Henrich :
„Wie unter gefeierter Marnstein zum Urkräftigen und Schönen die Herzen lenkt, ist Euch bekannt. Wundert Euch daher nicht, wen» ihm in diesem Hause ein Gleiches gelungen und er für sich und uns eine Mitbürgerin mehr der gerechten Sache geivonnen hat. — Eintracht und Ltebe ist sein Symbol und dieß zu bethätigen, reichte er heute der Neugewonnenen die Hand als seiner Auserwählten des Herzens, als seiner Braut. — Hoch der Führer! Hoch seiner Erwählten! Das neue Brautpaar : Marnstein und Dannberg hoch, hoch, hoch!"
„Hoch! Hoch!" schallte es mit dem Donnern eines Orkancs durch die gefüllten Straßen und die Gäste in dem Saale umstürintcn das neue Brautpaar und überschütteten es mit glückwünschenden Formeln.
Eufebia antwortete unter freundlichem Erröthen, Marnstein aber ward bleich und taumelte. Er wußte nicht, wie tbm geschah. Da rief es von der Straße herauf stürmisch und verlangend seinen Namen und von mehreren bärtigen jungen Männern gedrängt, betrat er den Altan.
LauteS Vivat, dann Schweigen, hierauf Marnsteins nach und nach kräftiger werdende Stimme.
9. Der Blitz zuckt nieder.
In dem großen waidmännisch geschmückten Wohnzimmer des Schlosses Dannberg stand, während Thekla mit Handarbeiten beschäftigt in einer Fensternische saß, der alte Baron, rückwärts an einen großen alterthümlich geschnitzten, eichenen Tisch gelehnt, und vor ihm befanden sich eine Anzahl Bauern, größtenthcilS im Sonn- tagsstaate, an ihrer Spitze ein ehrwürdig aussehcnder Mann mit bieverem treuherzigen Blicke, der Schultheis von Dorf Dannberg.
Letzterer war eben zu dem Ende einer Anrede gelangt und die Bauern harrten mit verschiedenartigem Ausdruck in ihren Gesichtern, auf die Wirkung des, nach ihrer Meinung, rhetorischen Meisterwerkes.
Dannberg hatte unter ernstem Stirnerunzeln zugehört. Jetzt wurde seine Miene wieder freundlicher und lächelnd gab er folgende Erwiederung :
„Eure Bitten sind bei mir unnöthig; denn was Ihr erlassen haben wollt, habe ich nie von Euch verlangt. Oder ist es nicht so? Sprecht, Schultheis!"
„Freilich ist es so", entgegnete dieser stotternd und verlegen, „allein die Leute meinen, cs könnte auch einmal ein anderer Herr kommen, der nicht, wie Eure Gnaden dächte und da wäre es besser — "
„Ja, ja", rief einer der Bauern, der mit struppigem Haar und unrastrtem Barte keck umhcrblickend, dem Sprecher zunächst stand, „drum ist eS besser, wenn das Volk iveiß, woran es ist und gegen all' diese Gesetzplackereien in Sicherheit sich befindet."
Dein alten Barone schwollen die Stirnader». Mit durchbohrendem Blicke maaß er den also Nedenden, dann sprach er mit verweisendem Tone ;
„Hat Er auch drein zu reden?"
„So gut, wie der Schultheis", war die rasche Antwort; „denn von nun an sind wir Alle gleich."
„Nun, so will ich Ihm zeigen", erwiederte jetzt der Baron mit
Heftigkeit, „daß ich Seiner Gleichheitstheorie zur Zeit noch nicht huldige. — Er verläßt augenblicklich das Zimmer!"
Der Bauer spreizte sich und machte >in grimmiges Gestcht. Vergebens suchte der Schultheis und die übrigen Begleiter denselben zur Befolgung deS Befehles zu bewegen.
„Er macht noch Umstände!" rief nunmehr der Baron zornig umherblickenv. „Heda, holla, Bertram, Paul, Bastian, Martin", und in einem Nu standen die vier Gerufenen im Zimmer und harrten mit vor Freude glitzernden Augen der Befehle ihres Dienstherr«, „werft mir einmal diesen ungehobelten Gast zur Tbüre hinaus!"
Der Schultheis wollte vermittelnd einschreiten. Ehe er jedoch doch nur ein geeignetes Wort hervorbringen konnte, hatten die dienstbaren Geister den revoltirenden Bauer gefaßt und ihn ohne besondere Umstände vor die Thüre transportirt.
Aufgeregt ging der Baron in dem Zimmer hin und her und der Schultheis mit seinen übrigen Begleitern blickten auf denselben mit verlegenen und ängstlichen Mienen.
„Darf ich mir zu reden erlauben?" begann endlich der Schultheis in bescheidener Ansprache.
„Rede Er, Schultheis", ivar Dannbergs Antwort, indem er sich zur Ruhe zwang; „denn Er ist ein braver Mann, den ich immer hoch gehalten habe."
„Ich wünschte, Euer Gnaden hätten diesen Michel Horn nicht hinaus werfen lassen, so sehr er es auch verdiente. Er ist ein gefährlicher Mensch, der durch sein Mundwerk in der Schenke vielen Einfluß hat."
„Ist er gefährlich", entgegnete der Baron beschwichtigend, „so seid Ihr übrigen mir desto treuer." — Die Bauern verbeugten sich. — „Damit wir aber zu Ende kommen, so hört meinen Bescheid. Erleichterungen hinsichtlich der Jagd, des Forstes, der Frohnden und der Zehnten gewähre ich Euch für meine Person so viel Ihr gebeten habt. — Aber — merkt cs Euch wohl — meine Rechte gebe ich nicht auf und damit Gott befohlen!
Er machte eine entlassende Handbewegung und die Deputation drückte sich durch die Thüre mit verschiedenen Mienen und Geberden.
(Fortsetzung folgt).
Was giebt es Neues?
— Am 7. Dezbr. Abends fand eine Schlägerei in Heuchelheim Statt, wobei der Bürgermeister bei Ausübung seiner Amtspflichten verwundet wurde.
— Die Jesuilenpatres haben die seit 2 Wochen in der St. Bartholomäuskirche zu Frankfurt a. M. abgehaltenen Missionsprc- digten mit dem gestrigen Tage geschlossen.
— Auch die nassauischen Handwerksgesellen dürfen von nun an die Schweiz nicht mehr bereisen.
— Um den eigentlichen Namen des als Dieb der in Darmstadt entwendeten Orden in Frankfurt verhafteten Individuums zu erfahren, mußte man dasselbe photographiren. Aus Toulouse, wie der Gauner angibt, ist er nicht, dies bcweißt eine Probe, welche ein französischer Sprachlehrer mit ihm vornham. Die neuere Mode, Röcke auf beiden Seiten anzufertigen, beutete der Jndustrieritter ebenfalls mit Erfolg aus, indem er einen solchen bei seinen Gängen trug.
— Die Mannheimer Sternwarte hat nun wieder einen Director erhalten. Es ist dies Hr. Dr. Nell aus Heidelberg.


