18.
Beilage.
Auch in -em Keitensturm die Fiebe.
Novelle aus dem Frühjahre 1848.
(Fortsetzung )
Eusebia von Dannberg, noch an demselben Fenster weilend und in das Getümmel der Strane blickend, mar höchlichst betroffen, als sie sich auf das entstandene Geräusch umwendete und den Einge- drungenen bemerkte.
Henrich grüßte mit Anstand, firirte dann das Fräulein und begann mit kecker, leichfertiger Rede :
„Sie sind wohl sehr überrascht, meine Gnädige, mich hier zu sehen? — Es geht manchmal so wunderbar in der Welt zu und da wir geringeren Leute jetzt auch etwas gelten, so dachte ich, der Baronesse wird dein Besuch nicht unangenehm sein." —
Eusebia, die ihren Plan schon längst entworfen hatte, faßte sich schnell und entgegnete mit ruhiger, freundlicher Miene :
„Zn der That, mein Herr Henrich, das ist er auch nicht. Ich freue mich vielmehr, Sie bei mir zu sehen."
Henrich, voll Rachsucht gegen die Dannbergische Familie — versteht sich mit Ausnahmen — wollte Eusebien unangenehm und lästig sein und diese versicherte ihn jetzt, daß er willkommen sei. Die Reihe des Ueberraschtseins war daher an ihm.
Eusebia weidete sich an seiner verlegenen Miene. Nach einer Weile, während welcher Henrich vergeblich Fassung zu erringen suchte, begann sie mit einschmeichelnder Rede ;
„Sie wähnen in mir eine Feindin zu sehen.— Sie irren; ich habe meine Ansicht geändert."
„Das Freifräulein von Dannberg!" rief jetzt Henrich unter Staunen.
„Warum wunderten Sie sich nicht über den Herrn Baron von Marnstein", versetzte Eusebia mit gänzlich unbefangener Miene, „der seiner Ansicht wirkliche Opfer bringen mußte?"
„Opfer, ich verstehe Sie nicht?"
„Nachdem heute der Herr Baron von dem Volke auf dem Schloßplatze zum Sprecher erwählt worden und bei Serenissimus die Anrede gehalten hat, werden Sie doch leicht ermessen können, daß bei meinem Bruder seine Abfichten nicht mehr zu realisiren sind." Wie ein Blitzstrahl fuhr es jetzt Henrich durch den Sinn. Er betrachtete zweifelnd und fragend die Baronesse und diese — lächelte und nickte. Es kam ihm vor, als ob das Letztere auf Ermuthi- gung deuten sollte.
„Marnstein wird", fuhr jetzt Eusebia wie absichtslos fort, „unter den jetzigen Conjuncturen auch schon von selbst alle Absichten aufgeben, da anderweite Aussichten sich ihm eröffnen und eine Verbindung mit einer solchen reaktionären Familie ihn in dem Sieges- fluge seiner Parthei nur aufhalten kann."
„Fräulein", rief Henrich mit Begeisterung, verstehe ich Sie recht! ? — "
„Bauen Sie nicht zu sehr auf meine Ansichten", entgegnete Eusebia mit glatter Gewandtheit, „sie könnten irrig sein, auch habe ich nichts gesagt."
„Freilich", setzte Henrich halblaut und unter Stirnerunzeln hinzu, „ist die Zeit der Ständcunterschiede jetzt vorüber und ras Talent und Genie bricht sich unbehindert seine Bahn."
„Es darf dem Manne nur der Muth nicht fehlen!"
Henrich warf sich in die Brust und strich das Haar aus der Stirne :
„Fräulein, Sie wissen mehr.
„Wer war es denn, der den kühnen Schritt zu Ihrer Befreiung gewagt?" versetzte Eujebia mit schlauem Lächeln, indem sie listig nach dem erröthenden Henrich schaute.
„O, ja, rief jetzt dieser mit Zuversicht, „ich täusche mich nicht, Theklas Herz schlägt noch eben so theilnehmend für mich, als in den Tagen, wo wir als Kinder mit einander spielten!"
„Glauben und Hoffen liegen neben einander", entgegnete die Baronesse.
„Darf ich auf Ihre Beihülfe rechnen?" fragte jetzt Henrich mit kecker Entschlossenheit.
„Wahre Freunde einer Parthei verlassen sich in keiner Angelegenheit."
„Was rathen Sie mit zu tbun?"
„Für mich discret, für Thekla aber offen und wahr zu sein."
„Darf ich wieder kommen?"
„Meine Villa liegt eine halbe Stunde entfernt, dort können Sie mich ungesehen und allein sprechen."
(Fortsetzung folgt).
Was giebt es Neues?
— In Frankfurt a. M. sprang am 9. d. M., Abends zwischen 7 und 8 Uhr, ein Mädchen von der alten Brücke in den Main und wurde, nur wenige Lebenszeichen von sich gebend, wieder herausgezogen.
— Ein bayerischer Soldat, in der Nähe Offenbachs erstochen gefunden, wurde im dortigen Spital unlergcbracht. Die Untersuchung ist eingeleitet.
— Am verflossenen Sonntag verunglückte zwischen Wiesbaden und Mainz ein Eonducteur der Eisenbahn. Er fiel, brach ein Bein und wäre noch beinahe in dem dort vorbeifließenden Mühlgraben ertrunken.
— Ein ähnliches Mißgeschick widerfuhr einem Eonducteur der badischen Bahn. Beim Klettern um einen Wagen, beim Einfahren in den Heidelberger Bahnhof, stürzte er herab, und wurde ihm ein Fuß zerquetscht, Gesicht und Hände stark beschädigt.
i — Der Mörder des Majors Glaser in Stuttgart ist zu Zuchl- \ Hausstrafe auf Lebenszeit verurtheilt.
j — Das Gerücht, die preuß. Armee werde mobil gemacht und einige Corps am Rhein aufgestellt, soll ungegründet sein.
! — In einer der letzten Nächte ist dem von Köln nach Coblenz
fahrenden Postwagen unterhalb Remagen eine Summe von etwa 9000 Thlr., so wie das Eoblenzer Bnefpacket auf eine noch nicht ermittelte Weise abhanden gekommen und nur letzteres wieder gefunden worden. Hoffentlich wird es gelingen, des Thäters habhaft zu werden.
— In der Nacht vom 10. auf den 11. d. M. wurde in Unterpleichfeld dem Schweinfurter Boten, während er seine Pferde in den Stall führte, aus dem Wagen ein Koffer mit mehreren tausend
Gulden baarem Gelve gestohlen. Alsogleich ordnete die Gensd'ar- uterie eine Streife an, in Folge deren der Koffer eine Viertelstunde vom Orte entfernt unversehrt gefunden wurde. Von den Dieben hat
man noch keine Spur.
— Vorgestern Nachmittag wurden in Frankfurt a. M. nicht weniger als 8 große Diebstähle vollführt und zur polizeilichen Anzeige ge-
Darf ich meine Hoffnungen nähren ?" bracht.


