12.
Beilage.
Auch in -em Aeitensturm die Fiebe.
Novelle aus dein Frühjahre 1848.
(Fortsetzung.)
5. Quälender Argwohn.
Die flüsternden Stimmen wurden vernehmbarer und aus dem Dickicht des Waldes schritten Männer jetzt hervor, deren Waffen im Mondscheine blinkten.
„Sah'st du genau und hast dech nicht geirrt?"
„Mein Auge sieht wie ein Käuzlein in der Nacht. Es war ein schlanker, junger Mann mit einem Barke, der wie ein aufgescheuchter Hirsch durch das niedere Strauchwerk von dannen floh."
„Und er kam vom Schlosse ?"
„Wie ich nicht anders zu glauben vermag. Er wird wohl eine Liebste dort haben, mit welcher ein Stelldichein stattgefunden hat. — Sie herzten und küßten sich und wie wir nahten, stoben sie auseinander."
„Das Frauenbild in's Schloß?"
„Also habe ich genau wahrgenommen. — Sie hatte Mühe, ihre zerzausten Gewänder in Ordnung zu bringen."
„Ihre Gewänder!" lächelte der Frager und zuckte wie spottend die Achseln.
„Gnädiger Herr", erwiederte der Andere gleichsam beleidigt, „das Liebcken war weder eine Magd, noch eine Bauerndirne, vielmehr ein stattliches Frauenbild, so eine — Dame."
Betreten fuhr der Erstere zurück, dann schränkte er seine Arme und blickte sinnend bald auf die gefrorne Erde, bald auf die nicht erleuchteten Fenster des Schlosses.
„Im Schlosse weilet nur Thekla und die Tante — doch ja, auch die Kammerzofe", murmelte er leise für sich hin. — „Wer hätte zu später Nachtzeit diesen abenteuerlichen Schritt gewagt? — Eusebta — ? — Nicht glaublich! — Die Zofe — ? Nicht möglich ! — Aber — aber — O, hinweg mit solchen entsetzenvollcn Gedanken! Wie kann ich zweifeln an dem reinen Sonnenlichte, wenn sein sanfter Strahl mir Lebensfeuer in die Adern gießt?"
Der Begleiter hatte sich entfernt und verweilte am Abhange unter den schwankenden Fichten bei den andern ihm gefolgten Genossen. Alle sahen erwartungsvoll auf den jetzt hin und her schreitenden Herrn, der bald unverständliches Selbstgespräch vernehmen ließ, bald mit verstummtem Munde starr nach dem alten Dannberg blickte.
Der Mond, von Wolken seither überdeckt, trat jetzt mit freundlich klarem Lichte hervor und sein milder Schein läßt uns in dem allein hin und her Wandelnden den jungen Baron Marnstein und sein Gefolge, als eine Schaar bewehrter Diener und Jäger erkennen.
Die letzteren blickten nach einer Weile fragend und verwundert einander an.
„WaS sollen wir denn hier? — Es ist doch ein seltsames Ding, um Mitternacht schnell aufzubrechen und durch wilde Hecken und steif gefrontes Reisig über Berg und Thal zu eilen! — Wenn uns vielleicht ein verirrter Wanderer gefchen hat, so werden wir morgen vom wilden Jäger Horen, der nächtlicher Weile vom Marnstein zum einsamen Dannberg gefahren ist."
„Still, still!" flüsterte ein Anderer. „Der gnädige Herr kommt auf uns zu. Nun wird sich das Näthsel losen."
Der Baron kam zu seinen Dienern. Sein Gesicht war bleich und das Auge funkelte wild.
„Folgt mir; aber leise und schweigend, damit unser Nahen nicht Schrecken errege."
Kaum hörbar schritt die gesammte Schaar zum Dannberge heran und der Baron eilte auf das außerhalb des Grabens befindliche Gitter. Es war verschlossen.
Er untersuchte und drückte an der Klinke, wie jedoch diese klirrend zurückfuhr, rasselte cs jenseits mit Ketten, polterten Tritte und die wachsamen Doggen bellten, daß es laut an den Mauern und fern aus den waldigen Bergkronen wiederhallte.
Mit diesem Getöse ward es aber auch lebendig in den Fenstern der kleineren Wirthschaftsgebäude. Stimmen riefen, Tbüren rasselten und knarrten und in kurzer Zeit eilten bewaffnete Männer durch den Hof und der alte Jäger Bertram trat mit der gespannten Doppelflinte an das jenseitige Ufer des Grabens.
„Wer da?" war sein trotziger und entschlossener -Ruf.
„Bertram, ich bin cs mit meinen Leuten. Kennst du meine Stimme?"
„Ei freilich, Herr Baron; jetzt kann ich Sie auch bei dem Mondlicht ganz genau erkennen. — Was führt Sie denn zu dieser Frühstunde hierher? — Hat Sie das Bauernpack auch verjagt?"
„Schweige und wehre deinen Hunden ab, dann öffne und du sollst Alles erfahren."
„Raß, Dian, Karo, kusch! rief der Einäugige und die Köder schlüpften verstummt in ihre Hütten.
Jetzt schlarfte der Alte in seinen Pelzsockcn über die Brücke und öffnete mit dein Schlüssel das Gitter.
(Fortsetzung folgt).
Was giebt es Neues?
— Die Nachrichten über die Cornplotte gegen das Leben des Prinz-Präsidenten Louis Napoleon bestätigen sich vollkommen. Die große Höllenmaschine wurde in 28 Theilen von ebensovielen Individuen angefertigt und wurde erst am Tage vor L. N's. Einzug in Marseille in einem eigens gemietheten Hause, an welchem der Zug vorübcrkommen sollte, aufgestellt. Der Polizeiconunissär, der die ganze Sache sammt den Urhebern kannte, machte Abends 10 Uhr mit 10 Agenten in jenem Hause einen höchst unerwarteten Besuch und nahm das Mordinstruntent in Verwahrung. Ein Betheiligter wurde im Hause, die andern gleichzeitig in ihren resp. Wohnungen arretirt.
— Für die vor einiger Zeit in Floren; zu SOjähriger Galeerenstrafe verurtheilten Madini's, welches Urtel deßhalb erfolgte, weil diese beiden Personen von der katholischen zur protestantischen Kirche übertraten, verwenden sich im Augenblick viele und angesehene Protestanten in England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz.
__ Der mit der bayerischen Regierung abgeschlossene Staats- Vertrag über die Mainz-Ludwigshafener Eisenbahn hat die Genehmigung S. k. H. des Großherzogs von Hessen erhalten.
— Bei den pfälzischen Gerichten haben sich jüngst wieder zwei seither im Eril gelebt habende Revolutionsbetheiligte freiwillig gestellt. Der Eine wurde s. Z. zum Tod, der Andere zu einjähriger Haft verurtheill. Man glaubt, cs würden nächstens noch mehrere diesem Beispiel folgen.
— Unlängst bekannte ein Sträfling in Marburg, der wegen eines Mordes saß, sich ohne Grund eines zweiten Mordes schuldig, blos, um während der Untersuchung von einem Ort zum andern gebracht zu werden, und Luftveränderung zu haben.


