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seinen gleiten ließ und die Freude in seinem Gestchte einem trüben beleidigten Ernste wich, bemerkte sie die Veränderung so wenig, wie sein Schweigen und Zurückweichen.
So verging eine martervolle Pause, die für Aurel unerträglich wurde und welche er doch nicht zu unterbrechen wagte. Endlich erhob er sich und diese Bewegung erst schien Johanna seine Gegenwart itt’g Ge- dächtniß zurückzurufen. Sie legte die Hand auf seinen Arm und sagte lächelnd: „Nun, wie ich es treibe, wissen Sie und welche Abendteuer ich täglich bestehe, werden Sie selbst hören und sehen. Doch wie steht es mit Ihnen, mein Freund und was beginnt Ihre ge- hcimnißvolle Unbekannte? — Ich müßte mich täuschen, oder Sie haben heute schon eine Nachricht von ihr erhalten."
„Sie besitzen ein glückliches Ahnungsvermögen, erwiederte Aurel, „denn ich habe wirklich heute Abend kurz vorher ehe ich zu Ihnen kam, abermals ein Billet empfangen."
„Man wünscht Sie zu sehen, zu sprechen, Sie kennen zu lernen," rief das Fräulein sich lebhaft aufrichtend, während ihre schöne Stirn sich röthete und ihr Gesicht einen Ausdruck empfing, der eine hohe Theil- nahme ausdrückte.
„So ist es," sagte Aurel. „Man wünscht mir Glück zu meiner Ankunft und bittet mich dem Führer zu folgen der sich bei mir einfinden werde."
„O, er wird kommen," rief Johanna und ihre Augen strahlten, „er wird kommen und sein Versprechen lösen."
Aurel preßte die Zähne zusammen und schüttelte finster den Kopf. Nie so sehr wie in diesem Augenblicke war ihm Richards Andenken verhaßt. Ein alter Verdacht stieg neu in seiner Seele auf und seine argwöhnischen Blicke durchirrten Johannas Gesicht, das vor Hoffnung und Verlangen glänzte. Er wußte, daß sie Richerd meinte, daß sie an Richard dachte und diese Gewißheit füllte ihn mit Schmerz und Wuth. — „Ich," sagte er mit Heftigkeit, „ich will nie weder mit ihm reden, noch mit seiner Vertrauten in Berührung gerathen."
«Sie sollen, Sie müssen!" rief Johanna mit derselben leidenschaftlichen Bewegung , „ich befehle es Ihnen, ich will es so und ich mahne Sie an beschworene Treue, Aurel. — Ja, wenn irgend ein Gefühl der Freundschaft, ein Zug Ihres Herzens, Sie an mich bindet, so gehen Sie wohin er sie führt. Thun Sie was er will, lernen Sie seine Geheimnisse kennen, und dann, dann wollen wir beide überlegen, was weiter geschehen darf, daß er das Elend empfinde, was mich quält."
„O, Johanna," rief Dahlberg, „welchen Blick lassen Sie mich jetzt in Ihr Inneres thun! Sie leiden, Sie find unglücklich, und alles das noch immer um den Mann, der nur Ihre Verachtung verdient."
„Kann ich es ändern?" sagte sie hastig. „Wissen Sie ein Mittel, einen Trank, einen Meister, der Hilfe verschafft? — O, Thorheit, es sitzt so tief wie kein Senkblei reicht. Aber was wollen Sie? Ich lese da in Ihren Augen etwas, was rote Schmerz und Vorwurf aussieht; warum können Sie mir zürnen, mein lieber Freund? — Sie hassen diesen Elenden, nicht wahr Aurel? Nun gut, ich hasse ihn aus tiefster Seele und mitten in meiner Brust brennt eine Stelle wie Höllenfeuer, ich weiß keinen andern Namen dafür. Aber sie giebt mir Leben, reißt mich fort, treibt mick an, beschäftigt meine Tage, meine Nächte, mein ganzes Denken, meine Gebete und meine Träume, und wunderbar, ich glaube an eine Zukunft, ich hoffe wieder, wie Sie sagen." — Langsam hob sie die Augen zu ihm auf und mit einem unbeschreiblichen, sanften, bittenden Blicke fuhr sie fort: „doch alle diese Hoffnungen stützen sich auf Sie, Aurel, auf Ihre treue edle Freundschaft. Ich habe Niemanden auf dieser Welt, der mir beistände und dem ich vertrauen möchte, als Sie; wenn Sie mich verlassen, bleibt mir nichts übrig als der Tod."
„Was soll ich thun, was kann ich thun, theuerste Johanna?" rief Aurel in großer Aufregung.
„Thun Sie, was Ihr Herz Ihnen heißt," erwiederte sie. „Sie kennen mich jetzt, Aurel, Sie wissen was ich will und wenn wir am Ziele sind, dann— sie neigte sich zu ihm und ein langer glänzender Blick flog über ihn hin — dann fordern Sie Ihren Lohn."
In diesem Augenblicke trat Gesellschaft ein und während des ganzen Abends war Johanna die liebenswürdige und unbefangene Dame von gutem Tone, welche geistvoll anzuregen wußte und die Huldigungen lächelnd in Empfang nahm, welche ihr von Allen gebracht wurden. — Sie schien eS zu vermeiden Aurel in irgend einer Art zu bevorzugen und als nach einigen Stunden wirklich der Baron Plettenberg erschien, war der galante Cavalier bald ganz und gar mit dem Fräulein von Corbin beschäftigt. — Manche der Anwesenden lächelten sich bedeutungsvoll zu und Aurel empfand den heftigsten Unmuth. Er begriff nicht, wie Johanna die Reihen seiner platten Scherze und die geschniegelten und so trostlos inhaltsleeren Worte ertragen konnte, mit denen er verschwenderisch umging. Alles war Form, alles eingelernt, nichts Natur, und heimlich zürnend und doch lachend ging Aurel endlich von dannen, denn er war ganz überzeugt, daß ein solcher Nebenbuhler ihm nicht gefährlich werden könnte.
(Fortsetzung folgt.)
Gießen. Am 14. d. M. ist eine trächtige Hühnerhündin, weiß, mit braunem Behang, entlaufen. T)er jetzige Besitzer wird gebeten, solche gegen Belohnung in der Erpcd. d. Bltts. abznliefern.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.


