Ausgabe 
11.8.1849
 
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unsere See- und Landerlcbnisse mittheilen; denn wollte ich recht ins Einzelne eingehen, so würde ich sobald nicht fertig. Unsere Seereise war im Allgemeinen eine kurze und glückliche zu nennen, denn wir hatten keine so gefährlichen, wenigstens keine lange anhaltenden Stürme, ein großes dauerhaftes, noch ganz neues Schiff von 500 Lasten Gehalt, dabei eine Schiffsmannschaft, die, vom Capitän bis zum Schiffsjungen, als Muster aufzustellen ist. Hätten wir den günstigen Wind, wie wir ibn vom Anfänge hatten, behalten, so wären wir kaum drei Wochen gefahren, denn durch die Norvlee und den englischen Canal sind wir in drei und ein halb Tagen gefahren, nämlich am 19. April Abends 9 Uhr verließ uns der Lootse und wir stachen in die Nordsee bis den 23. d. M. früh, wo wir uns tut Ocean befanden. Diese Nacht, vom 22. bis 23., es war die Osternacht, war die gefährlichste, denn wir hätten da Alle unser Grab finden können, indem wir mit einem andern Schiffe zusammenstießen, aber Dank der Vorsehung, daß sie uns auf ein so dauerhaftes Schiff geführt hatte; das unsrige hatte nicht einmal einen Leck bekommen, was aber aus dem andern ge­worden ist, kann ich nicht sagen, denn die Finsterniß war zu groß und der Sturm ziemlich stark. Von da an änderte sich das Glück; der Wind, wenn wir wel­chen bekamen, kam gewöhnlich daher, wo wir hinwollten, und außerdem größtentheils Windstille, welche noch un­erträglicher war als Sturm. Die Seekrankheit hatte meine ganze Familie ergriffen, vorzüglich meine Frau, welche während der ganzen Fahrt das Lager kaum acht Tage verlassen hatte; nur ich kann nicht sagen, wie Seekrankheit thut, ich blieb verschont davon. Mein kleiner Richard war der erste, welcher sich wieder er­holte und bei mir auf dem Verdeck den ganzen Tag zubrachte; seine größte Freude war es, wenn das Schiff von den Wellen recht hoch getrieben und wieder in den Abgrund gestürzt wurde. Die mehrste Zeit brachte ich bei dem Capitän tut Dominospiel zu, außerdem lugte ich fleißig nach dem Lande umher, war auch so glück­lich, das erste zu erspähen, trotzdem daß mich der Ca­pitän darüber öfters verlachte, weil ich behauptete, ich wollte doch das erste entdecken. Es war den 27. Mai gegen Mittag, als ich Land rief, worauf in einigen Minuten das ganze Verdeck von Menschen übersäet war und Alle das längstgewünschte Land sehen wollten; von da an wurde es immer lebhafter um uns, es zeig­ten sich immer mehr und mehr Schiffe, und noch an demselben Tage Abends 8 Uhr kam der Lootse an Bord, was die Gemüther so erheiterte, daß alle Kranken gesund wurden und ihr Lager verließen; es war ein mächtiger Jubel. Um 10 Uhr bekamen wir andern Wind, welcher. für uns sehr günstig war. Das Schiff glitt dahin wie ein Vogel in der Luft. Gegen 3 Uhr früh erblickten wir die Leuchthürme in der Ferne und

um 5 Uhr liefen wir in den Hafen von Neuyork ein. Nur Schade, daß es so ein starker Nebel war, man konnte gar nichts sehen, bis gegen 9 Uhr, wo er ver­schwand und wir uns in ein Paradis versetzt glaubten und sich unsere Augen nicht satt sehen konnten; es war ein herrlicher Anblick, wir hielten dicht vor der Stadt. Eine Commission kam sogleich an Bord, das Schiff und Passagiere wurden untersucht, Alles in bestem Zustande befunden und hierauf sogleich gelandet. Ich begab mich den Nachmittag in die Stadt und suchte Seelemann auf, wurde sehr freundlich aufgenom- men; er begab sich mit mir auf das Schiff, um meine Familie kennen zu lernen; wir wurden auf den andern Tag zu ihm zu Gaste geladen, wo es von Scherz zu Ernst kam und Herrmann sich entschloß, bei ihm zu bleiben und Schuhmacher zu werden. Es wurde nun berathschlagt, wo nun hin? Ueberall wurde uns von Jedermann abgerathen, nicht nach Tennessee zu machen, indem es nicht so wäre als es ausgeschrien sei; auch Seelemann wollte haben, ich sollte mich in der Nähe von Neuyork niederlassen und nicht erst das Geld ver­reisen, was auch das Beste für mich gewesen wäre. Allein ich ließ mir nicht rathen, ich ging mit Zörners nach Wisconsin, was uns von der deutschen Agentur ganz vortrefflich geschildert wurde, aber ich leider nicht so fand und in meinen Erwartungen sehr getäuscht wurde.

(Schluß folgt)

A n e c d o t e n.

In Kurhesscn, wo neben anderen löblichen Einrich­tungen auch die Verordnung besteht, daß in jedem Amtsbezirke drei sachverständige Männer von Seiten des Amtes von der Gemeinde gewählt werden, welche bei streitigen Grundentschädigungen, Dienst- und an­deren Ablösungen die Schiedsrichter abgeben müssen, erließ in Folge dieser Verordnung ein oberhesstsches Justizamt an die Ortsbürgermeister die Verfügung, aus jedem Orte drei sachverständige Landwirthc vorzu­schlagen, um diese Wahl wieder vornehmen zu können. Obgleich nun in diesem Amtsbezirke größtentheils Land- wirthe wohnen, so berichtet einer von den Bürger­meistern, daß in seinem Orte kein Schenkwirth sei und er könne deshalb keinen Vorschlägen. Ein andere Bürgermeister berichtet weiter: in seinem Orte wären nur zwei Wirthe, er könnte deshalb keinen dritten zur Wahl in Vorschlag bringen.

Revolution unter der Erde! Nach den Berich­ten aus Chili sind dort in 18 Monaten 140 Erdersch zittern ngcn wahrgenommen worden, also in der Unterwelt auch Unruhen! Nicht einmal unter der Erde soll man jetzt Ruhe finden? O tempora?

Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Sterndruckerei.