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An die Dervohner Gießens!
Ms wir einen Aufruf zur Gründung eines Volkslesevereins ergehen ließen, war es uns keineswegs unwahrscheinlich, daß dieses Unternehmen mancherlei Mißdeutungen finden werde. Und wirklich hat man von vielen Seiten her die Befürchtung laut werden lassen, dieser Verein setze sich die Erreichung pietistischer Bestrebungen zur Ausgabe. Darum erscheinen um der guten Sache willen folgende Erläuterungen nothwendig.
Der Verein soll die geistige Noth unserer ärmeren Mitbrüder zu lindern suchen; soll denen, welchen vermöge ihrer Lebensverhältnisse nicht die Mittel zu geistiger Ausbildung geboten sind, diese Mittel verschaffen. Und zwar soll durch ihn eine gesunde, sittlichstärkende und erhebende geistige Nahrung Eingang gewinnen. Als solche erachten wir aber ächt christliche Volksbücher, in welchen ein lebendiger, thatkrästiger, glaubens- voller Geist des Evangeliums weht, nicht etwa Traktätchen und frömmelnde Büchlein. Nächst der Religion ist aber das Vaterland dasjenige, was dem Menschen das Theuerste sein soll. Und darum sollen vorzüglich auch solche Schriften Verbreitung finden, welche dem Volke das Verständniß des vaterländischen Geistes den reichen Schatz seiner Sagenwelt und Dichtung eröffnen und darin die Liebe zum Vaterlande erhöhen. Damit endlich das, was die Schule geleistet hat, nicht vergeblich geleistet sei, sollen auch volksthümliche Schriften, welche durch Mittheilung geschichtlicher, geographischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse die Bildung fördern, gebührende Berücksichtigung finden. Eine Hauptaufgabe des Vereins muß aber auch darin bestehen, den Unbemittelten, welche durch ihre täglichen Erwerbsgeschäfte in Anspruch genommen sind, diese geistigen Bildungsmittel so viel als möglich zugänglich zu machen. Und dies kann nur dadurch geschehen, daß diese Bücher den Armen, welche dieselben wünschen, in ihre Häuser hineingebracht werden, darum bedarf unser Verein nicht allein äußerer Unterstützung durch Geldmittel, er bedarf vor allem Mitglieder, welche ein Herz haben für geistige Armuth und die heilige Pflicht anerkennen, die Armen, welchen ein geringes Maß von Bildung zu Theil wurde, mit liebender Hand zu derselben hinzuführen.
Der Verein muß sich darum klar bewußt sein, was er will, wodurch er die sittliche Kraft des Volkes zu heben und zu befestigen hofft. Deßhalb hat die vor acht Tagen stattgefundene Versammlung, indem sie sich zu einem Vereine zusammen thak, als leitenden Grundsatz ausgesprochen, daß die Mitglieder des Vereins in der festen Ueberzeugung, daß in dem lebendigen Glauben an Christum das Heil unseres Volkes beruht sich zur Förderung der Vereinssache verpflichtet. Wir reden aber von einen lebendigen, thatkräftigen
Leben erweckenden Glauben, welcher in Liebe sich thätig erweiset, und dieUeberzeugung, daß ein solcher Glaube unserm Volke sittliche Kraft und Tüchtigkeit verleiht, darf wohl keinen Anstoß erregen in einer christlichen Stadt, denn jeder welcher noch irgendwie den Namen e.ines Christen mit Bewußtsein seiner Bedeutung in Anspruch nimmt, muß diese Ueberzeugung nothwendig mit uns theilen. Nur diejenigen können nicht mit uns Hand in Hand gehen, welche von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß ein solcher Thal und Leben erzeugender christlicher Glaube unserm Volke Unglück und Verderben bereitet.
Nochmals legen wir daher diese Sache all unser» Mitbürgern an das Herz und bitten dringend ohne vorgefaßte Meinung bedenken zu wollen, daß es sich nur darum handelt, den Armen und Aermsten des Volkes Hülfe zu leisten. Und um jede Mißdeutung unserer Absicht zu verhüten, machen wir nur noch darauf aufmerksam, daß wir uns öffentlich an all unsere Mitbürger gewendet haben, in der Hoffnung, daß bewährte Männer voll Liebe zu dem armen Volke die von uns angeregte bedeutungsvolle Sache zu segensreicher Wirksamkeit führen würden. Wir müßten mehr als verblendet sein, wenn wir Gießen an dessen Bewohner wir uns gewendet haben, als einen für pietistische Bestrebungen empfänglichen Boden betrachteten, und würden unfern Verein von Anfang an selbst zerstören, wenn wir denselben zum Schauplatze derartiger Bestrebungen erwählt hätten. Die ganze Wirksamkeit des Vereins wird das Licht der Ocffentlichkeit nicht scheuen und Zeugniß ablegen, ob es seine Absicht ist, das Volk zu verdummen oder einem anderen Zwecke zu dienen, als dem die ächte Sittlichkeit und Religiosität zu heben.
Wir sind zwar weit davon entfernt zu glauben, daß es diesem Verein gelingen werde, alle geistige Noth, deren Beseitigung wir wünschen zu entfernen, aber daß derselben durch ihn wenigstens einige Linderung verschafft werde, sind wir fest überzeugt, wenn nur dem Verein eine allseitige Unterstützung und T h e i l n a h m e gewährt wird, darum laden wir nochmals vertrauensvoll diejenigen, welche mit dem vom Vereine festgestellten und oben ausgesprochenen Grundsätzen übereinstimmen, zu einer weiteren Besprechung dieser Angelegenheit auf
Samstag den 1. December, Abends 7‘/2 Uhr, in dem Rathhaussaale ein.
Fr. Heß, cand theol.
E. Steinmetz, cand. theol.
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