Der deutsche Michel.
(B e i b l a t t.)
Wr. Mittwoch Len 26. April 184^8.
Dieses Blatt «Meint so oft Stoff dazu vorhanden ist, als Beiblatt, zum hiesigen Anzeigeblatt, gratis. Jnseratgebühren werden die gebrochene Zeile in gewöhnlicher Schrift mit L fr. berechnet.
10. Abfertigung und Aufklärung über den offenen Brief an Herrn Falkenberg in Nr. 1. der
Sprechhalle, unterzeichnet Eduard Kaufmann ic.
Motto: O, si tacuisses, philosophus manssiscs!
Zuvörderst erkläre ich, daß ich mich nicht dazu verstehen kann, in einem Gassenbubenton die Herausforderung desHrn. Eduard Kaufmann zu beantworten. Hätte nicht Jedermann, welcher den Unterzeichner dieses offenen Briefes kennt, die feste Ueberzeugung, daß er viel zu ungebildet scy, sich in solchem schriftstellerischen Ton auszudrücken, ihm aber wohl zutraut, gemeine Schimpfworte zu Tage zu fördern, so würde ich mich gewiß nicht euischlossen haben, nur eine Feder einzutauchen. Es giebt aber andere Leute, die ihren Jähzorn, ihren Stolz und ihre Bornirtheit an den Tag zu legen sich nicht enthalten können.
Für diejenigen, welche den Eduard Kaufmann nicht kennen, will ich die Bemerkung machen, daß er der Schwager des Dr. Levi i st!
Ich werde nicht darauf eingehen, mich mit den mitunterzcichneten Freunden der Wahrheit cinzulassen, da diese doch nur in der Einbildung vorhanden sind.
Was die verschmitzte Lügenkette betrifft, so bekenne ich offen, daß nicht mein Schwiegervater an der Reihe war, den erwähnten Vortrag zu halten, weil dies hier von dem Vorsänger geschieht, daß vielmehr derselbe dem Vorsänger laut nachdctete. Das ist die schuftige Lügenhaftigkeit, der man mich in dem offenen Briefe beschuldigt. Ich war der Meinung, daß in der hiesigen Synagoge der Gebrauch derselbe seh, als in andern Städten.
Nochmals erkläre ich, daß alles übrige in Nr. 21. des jüngsten Tags von mir Vorgebrachte die vollkommenste Wahrheit scy. Ich rufe die ganze damals anwesende Gemeinde zu Zeugen an und fordere Jeden, außer den Verwandten des Dr. Levi, hiermit auf, jede Unwahrheit, die ich vorgebracht haben soll, in diesem Blatte zu veröffentlichen.
Nicht persönlicher Haß hat mich dazu verleitet, die Handlungsweise des Dr. Levi zu rügen, sondern Thaisachen, deren bis jetzt zu veröffentlichen, ich mich enthielt. Jetzt bringt mich aber die Noch dazu.
Was die erwähnte Abbitte betrifft, so verhielt es sich folgendermaßen:
Bald nach dem Vorfall in der Synagoge begab sich meine Schwiegermutter, eine sehr ängstliche Frau, glaubend, Levi könne kraft seines Amtes ihren Mann einstecken lassen, zu dem Rabbiner, bat ihn, das Vor- gcfallcne ihrem Manne nicht übel zu nehmen, und ihm Verzeihung angedeihen zu lassen. Levi antwor- tete: Nein, ibr Mann muß selber kommen, so nehme ich dieö nicht an! Bedenken Sie, geehrte Leser, ein Geistlicher und diese Forderung, bedenken Sie ferner, ein Geistlicher und die Veröffentlichung der Satisfaction einer schwachen Frau! Welch anderer Geistlicher würde so etwas zu veröffentlichen im Stande scyn? Nur Dr. Levi, der den auf der Straße liegenden Stolz haufenweise eingesammelt hat. .
Wenn ich auch wirklich den Eduard Kaufmann für" den Verfasser des offenen Briefes annehmen wollte, geht aus dem ebengesagten nicht deutlich hervor, daß Levi den Stoff dazu geliefert hat? Geht nicht daraus hervor, daß er es seinem Schwager erzählt hat? Woher sollte denn E. K. wissen, daß meine Schwiegermutter Abbitte gethan hat? Beiläufig sey noch gesagt, daß dabei weder bittere Thränen geflossen find, noch daß Trauer, Klagen, Heulen rc. dabei vorfielen. __
Um das in dem jüngsten Tag erwähnte Wort „Polizeiherr" noch mehr zu rechtfertigen, mutz ich der Abbitte meines Schwiegervaters erwähnen.
Gegen Abend desselben Tages war mein Schwiegervater, um ein Abendgebet zu verrichten, in feiner iWohnstube,
Und herein, mit gewaltigem Schritt,
Ein Schwager Dr. Levi's tritt *),
Er hielt meinem Schwiegervater eine Pistole entgegen mit den Worten: „Sie geben mir so- qleich eine schriftliche Abbitte für meinen Schwager Dr. Levi, oder ich erschieße Sie." Mein sehr ängstlicher Schwiegervater ergriff
*) Ich muß hierbei bemerken, daß die sehr ehrenwerthen Schwäger Levi's, die Herren Antiquar Seligmann Kaufmann und Uhrmacher Hanau bei dieser Sache nicht bethciligt sind.


