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Viertelstunde darauf waren wir Zeuge, wie verschiedene junge Herren die ganze Straßen, sogar am Rathhause vorbei (Hauptwache) zogen und ihre nichts weniger als melodischen Kehlen dergestalt in Bewegung setzten, daß es einem wüsten Geschrei, nicht aber einem Gesänge gleichkam. — Hier zeigte sich keine Bürgerwehr!
Würden die ersten, wirklich recht bescheidene jungen Leute, die sich recht klug und verständig benahmen, von Leidenschaft ergriffen worden seyn — die in diesem Falle zu entschuldigen war; so würden die Gießener Einwohner wahrscheinlich abermals durch die Allarmtrommel aus dem Schlafe geweckt worden seyn.
Wozu sollen von Seiten hiesiger Bürgcrwehr solche nächtliche bewaffnete Demonstrationen führen? etwa dazu, eine noch größere Aufregung hervorzurufen?
Meine Ansicht ist, daß, sollen keine Serenaden ferner stattfinden? — dieselben untersagt werden — dann möge man aber auch diese unterdrücken, wo sie sich zeigen; gleichgiltig — ob mit Trompeten! mit Flöten!!! oder sonstigen Instrumenten oder eben durch Gesänge.
Jedenfalls wäre zu wünschen, wenn künftig ein besseres Billigkcilsgefühl die bewaffnete Patrouille bei Aufrechterhaltung der nächtlichen Ruhe, leitete.
L. Jungk.
Die sieben Todsünden.
I. A b t h e i l u n g.
Die Herzogin
(Fortsetzung.)
Der Veteran hatte seine Pfeife angezündet, Gerald und Olivier ihre Cigarren: die zwei jungen Leute unterhielten sich schon eine Weile von ihren ehemaligen Schul- und Kriegskameraden, da sagte Olivier zu seinem Freunve;
„Apropos, was ist aus diesem Thiere von Macreuse geworden, welcher im Collegium das Spionen- handwerk trieb? Erinnerst Du Dich noch? . . . Ein dicker, blonder, läppischer Mensch, den wir von Zeit zu Zeit so derb abprügelten, indem wir zusammen- standen, denn er war zwei Mal so groß und stark als wir."
„Der Teufel! Du sprichst sehr leichtfertig von Herrn Cölestin von Macreuse."
„Wie, von Macreuse?" sagte Olivier, er hat sich ein von gegeben, der da? ... Man wußte nicht, woher er kam, noch wer sein Vater und seine Mutter waren. Er war so arm, daß er sechs Kellerwürmer fraß, um einen Sou zu gewinnen ... Ich war ihm
nie gut, denn er that Alles, um die Armuth verächtlich zu machen."
„Und dann war er grausam aus reiner Lust." erwiderte Gerald, „denkst Du noch an jene jungen Vögel, denen er mit einer Stecknadel die Augen ausstach, um zu sehen, wie sie dann fliegen würden?"
„Canaille!" rief der Veteran unwillig, indem er rasch einige Rauchwolken vor sich hin blies. „Der Mensch muß in eines verfluchten Schurkenhaut sterben, wenn man ihn nicht lebendig schindet."
„Ich glaube, Ihre Prophezeiung wird in Erfüllung gehen, mein Commandant," sagte Gerald lächelnd, und wandte sich dann zu Olivier: „Du wirst sehr erstaunt seyn, wenn ich Dir erzähle, was sich mit diesem Cölestin von Macreuse weiter begab . . . Als ich den Dienst verlies, begann ich mein Pariser Leben wieder. Ich habe Dir, wie ich glaube, erzählt, wie unsere Welt, wie wir Andern in der Vorstadt St. Germain es nennen, manchmal strenge ist in der Wahl ihrer Gesellschaft; denke Dir mein Erstaunen, als ich eines Abends bei meiner Mutter Herrn von Macreuse anmelden hörte. Es war unser Mann. Ich hatte einen so widerlichen Eindruck vor diesem schlechten Burschen bewahrt, daß ich zu meiner Mutter ging und ihr sagte: „Warum empfangen Sie denn diesen Herrn, der Ihnen soeben seine Aufwartung gemacht hat, diesen großen blonden Gelbling?" — „Ei, das ist ja Herr von Macreuse," antwortete mir meine Mutter mit einem Tone auffallender Achtung. „Und was ist denn an diesem Herrn von Macreuse, meine liebe Mutter? Ich habe ihn noch nicht bet Ihnen gesehen?" — Nein, denn er kehrt erst eben von fernen Reisen zurück; antwortete sie mir. Er ist ein lehr feiner junger Mann, von exemplarischer Frömmigkeit, und der Stifter der Gesellschaft des heiligen Polykarp." — „Ah, der Teufel! Und was ist denn das für eine Gesellschaft, meine liebe Mutter?" — „Es ist eine Gesellschaft, die, den Zweck hat, die Armen aufzumuntern, ihr Elend mit Ergebung zu tragen, indem man ihnen begreiflich macht, daß, je mehr sie hienieden leiden würden, desto glückseliger würden sie im andern Leben seyn." — „Wenn auch nicht wahr, doch gut erdacht," sagte ich lachend zu meiner Mutter. „Aber ich glaube, die Wangen dieses Burschen sind voll und seine Ohren roth genug, den Vorzug der Entbehrungen im Leben predigen zu können." — „Mein Sohn," erwiderte meine Mutter streng, „ich sage dies in vollem Ernste. Die empfehlenswer- thesten Personen sind dem Werke des Herrn von Macreuse beigetreten, welcher in der Ausführung seiner Absichten einen apostolischen Eifer entfaltet.
(Forts folgt.)
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.


