Sprechhalle
für
zeitgemäße Mittheil ungen.
(Beiblatt.)
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Winterlebm des galizischen Bauers.
(Aus der Augsburger Allgemeinen Zeitung.) (Fortsetzung)
Der Barschtsch (saueres, gegohrenes Kleienwasser, in welches rothe Rüben in Gestalt grober Nudeln einge- schnittcn werden, die ihm röthliche Farbe geben. Selbst auf den Tafeln der Vornehmen erscheint diese Speise, in welcher allerlei kleingeschnittenes Fleisch, in dünne Scheiben geschnittene Würste und saurer Rahm hin- eingethan werden, das dann auch Ausländern wohl behagt und dabei sehr gesund und nahrhaft ist), Sauerkraut, Krütze aus Buchweizen und Hafer, Mehlklöße, Hirse mit dem Mark der Kürbisse zu dickem Brer gekocht, Milch, Butter und Eier, an Festtagen kleine Weißfische, dienen abwechselnd zur Nahrung; nur an großen Feiertagen wird Rindfleisch und Geflügel genossen. Salz darf nie fehlen. In vielen Gegenden aber wird das sonst gebräuchliche, aus grobgescbrotenem Mehl gebackene Kornbrod gänzlich entbehrt.
Ich habe der Schneidcbank zu gedenken vergessen, die nebst mehren Schneidemessern und der Art selten fehlt, und an welcher der Bauer, wenn er draußen keine Beschäftigung hat die hölzernen Bestandtheile der Acker- geräthe, Räder, ja den Wagen selbst zuschnitzt, an dem bisweilen nicht ein einziger eiserner Nagel vorhanden ist.
In einem Stalle unter Stroh- oder Rohrdach sind Pferde, Ochsen, Kühe, Schafe und Schweine untergebracht und diese Viehgallungen blos durch weidene Zäune von einander geschieden. Die Stallwälle bestehen aus Flechtwerk von Zaunruthen. Dieses Flechtwerk ist von Innen und Außen mit Lehm und Koth dick verschmiert. Nur die starke Ausdünstung des Viehes in dem verschlossenen Stalle bewahrt es vordem Erfrieren. Die Pferde bekommen nur sehr wenig Hafer, der mit Häcksel stark vermischt wird. Der Schlag der Pferde ist ganz klein, aber doch sehr ausdauernd; selten werden die Hufe der Pferde beschlagen.
Im riefen Winter, wenn der Schnee die Fluren oft mit einer zwei Fuß hohen Schicht bedeckt hat, es dabei recht flimmert und unter den Füßen knarrt, der Wärmemesser aber nicht selten 20 Grad unter Null zeigt, eilt der slavische Bauer mit seinem Pserdege
spann und dem einfachsten Schlittengestell, worauf ersitzt, wie im Fluge dahin; er fährt entweder einen Sack Getreide zu Markte oder holt Brennholz aus dem Walde zur Feuerung daheim. Bei der Rückkehr wird am Dorfwirthshause an..ehalten, woselbst gewöhnlich ein Jude Pachter ist, Dieser schlaue Speculant gibt dem Bauer den selbstgebrannten Kartoffelschnaps, so viel nur Letzterm beliebt und schreibt die Zeche mit doppelter Kreide auf. Wird der Bauer im Rausche grob, so stößt ihn der Jude zur Thüre hinaus und läßt ihn dann an diesem Tage nicht wieder hinein. Es geschieht höchst selten, daß sich der Bauer an den Juden vergreist; Letzterer findet immer an den übrigen Gästen seine warmen Vertheidiger, obschon er diese mit gleicher Hinterlist behandelt. Hat nun der Bauer kein Geld, um zu bezahlen, so holt sich der Wirths- hausjude dafür bei ihm allerlei Lebensmittel ab, die ihm der Bauer nie verweigert.
Nach vollendeteni Tagewerk begeben sich die Bauermädchen mit dem Spinnrocken und jede mit einem Scheite Holz unter dem Arme nach der in der Reihenfolge hierzu auserlesenen Hütte, um allda die langen Winterabende mit Spinnen zuzubringen; das mitge- braaste Holz dient zur Erwärmung des dortigen gewöhnlichen Back- und Heizofens. Da werden schauerliche Märchen erzählt; mitunter wird auch gesungen und allerhand Kurzweil getrieben. Nach Besorgung des Viehes begeben sich auch die Bauerburschen nach der gemeinsamen Spinnstube, tragen das ihrige zur Heiterkeit bei und begleiten gewöhnlich um 10 Uhr ihre Schönen nach Hause, wobei ihnen oft mit einem Kuß vergolten wird.
Hat der Bauer Söhne und Töchter, so wird es ihm leicht, die 60—80 Robothtage im Jahre, die er dem Edelmanne anstatt des Zinses zu leisten schuldig ist, abzutragen. An Sonn- und Feiertagen wird gewöhnlich Vormittags zur Kirche gegangen, Nachmittags aber Unterricht im Katechismus ertheilt. Die in Scminarien gebildete Geistlichkeit thut ihre Pflicht. Durch Unterstützung des Adels werden immer mehr Pfarrschulen auf dem Lande errichtet, woselbst die kleine Dorsjugend im Lesen, Schreiben und im Katechismus unterrichtet wird.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.


