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Nur allzuhäufig machen wir die Erfahrung — und vielleicht haben sie die Unterzeichneten selbst zum Theil schon auf ihre eignen Kosten gemacht —, daß die reifere Jugend mit einem gewissen Mißbehagen auf die hinter ihr liegende Zeit der Schuljahre zurückblickt, daß sie die Schule, welche doch eigentlich der hehre Tempel ihrer wissenschaftlichen Elemcntar-Bildung ist, als einen Kerker betrachtet, aus dessen dumpfigen Zellen sie endlich zu freierer Bewegung und selbstständigerer Entwicklung ihrer Kräfte entronnen scy: eine traurige Erscheinung, deren Erklärung gewiß nicht allein in jugendlicher Selbstüberhebung oder in der ver- hältnißmäßigen Ungebundenheit des akademischen Lebens zu suchen ist, sondern welche wohl auch noch einen tiefer liegenden Grund hat. Vielleicht liegt sie zum Theil schon in der Einrichtung unsrer Schulanstalten; denn es ist nur zu wahr, was ein geistvoller Schriftsteller von der Mangelhaftigkeit unsrer Gymnafial- Bildung bemerkt, von „jener blühenden Zeit, als wir in Sekunda und Prima saßen und vor der Schaale nicht zum Kern gelangen konnten." „Zerstreut sind wir worden», sagt er, „und ermüdet vor der Zeit; ein nacktes, dürftiges Wissen von Vokabeln und Regeln, Stellen und Gebräuchen haben wir in die Fächer unsres Gedächtnisses eingesammelt; roh und ungebildet, oder frostig gelehrt und altklug gehen wir aus der Schule hervor, und nicht dürfen uns beneiden jene Gespielen unsrer ersten Jahre, welche nicht, wie wir, zur Fahne der Gelehrsamkeit schworen, sondern mit dürftigerem Wissen, aber desto derberem und fröhlicherem Lebensgefühl sich dem Laudbau oder andern bürgerlichen Geschäften widmeten." — —
Aber vielleicht auch in der Individualität einzelner Lehrer liegt der Grund jener Entfremdung zwischen uns und der Zeit unsrer Schuljahre. Nur zu sehr haftet Vielen derselben jene an deutschen Ge- lehrtenschulen so einheimische pädagogische Bigotterie und Unduldsamkeit an, welche jede harmlose Bewegung und naturgemäße Entfaltung der nach Selbstständigkeit ringenden jugendlichen Kraft mit mönchischer Strenge überwacht und sie, sobald sie einmal den enge gezogenen K'eis der traditionellen Schuldisziplin überspringt, durch die kleine Tyrannei unaufhörlicher Strafmaßregeln systematisch zu Boden drückt.---
Um so herzlicher aber begrüßen wir in Ihnen, hochverehrter Lehrer, eine ehrenwerthe Ausnahme dieser traurigen Regel, um so mehr halten wir es für unsre Pflicht, Ihnen zu gestehen, daß die Erinnerung an jene milde Humanität und jenes väterlich freundliche Wohlwollen, womit Sie uns in den Kreisen der Schule stets gegenübertraten, zu den freudigsten unsrer Jugend gehört, und daß wir darum immer Ihrem Andenken eine ungeschmälerte, dankbare Pietät bewahrt haben und fernerhin bewahren werden. Wir wissen, daß Sie Ihren Schülern von jeher mehr ein wohlwollender Freund gewesen sind, als eiyer jener pedantischen Magister und vulgären Handwerker der Erziehung, daß Sie, statt mit verkehrter Strenge den angeerbten Stock der Schuldisziplin zu handhaben, einzig und allein mit väterlich ernster Mahnung das Ehrgefühl und den sittlichen Sinn der Ihrer Leitung übertragenen Jugend geweckt und gepflegt haben, und wenn auch manche Ihrer Collegen vielen der Unterzeichneten mit der Zeit fremder geworden seyn mögen, so knüpft sich doch von jeher an Ihren Namen unter uns Allen einstimmige Verehrung und gleich lebhafte Dankbarkeit. Wir ergreifen darum gerne die vorliegende Gelegenheit, um Ihnen z» der bedeutungsvollen Feier, welche Sie kürzlich erst inmitten Ihrer Schüler begangen haben, nachträglich unsre tiefgefühltesten Glückwünsche darzubringen.
Möchten Sie lange noch an jener Anstalt, der auch wir so Vieles zu verdanken haben, und deren Zierde Sie sind, mit dem bisherigen glücklichen Erfolge als Vorbild und Halt für die lernende Jugend sortwirken, möchten Sie noch die Wiederholung der von uns dießmal begrüßten Feier in der Mitte wackrer und liebender Schüler erleben und als den besten Lohn Ihrer verdienstlichen Thätigkeit die Freude haben; alle Diejenigen, an deren Ausbildung Sie so unausgesetzt mit freundlichem Wohlwollen arbeiten, zu tüchtigen Männern heranreifen zu sehen! Dafür unsrerseits nach Kräften thätig zu seyn und die wohlgemeinten Lehren, welche Sie uns ehedem in und außer der Schule ertheilt haben, möglichst in das praktische Leben überzutragen, wird unsrer Aller eifrigstes Bestreben seyn.
Genehmigen Sie, hochverehrter Lehrer, diesen Ausdruck unsrer tiefgefühlten Hochachtung. Gießen den 20. Januar 1848.
(Folgen die Unterschriften.)
Für die Treue der Abschrift bürgen nach sorgfältiger Vergleichung mit dem Original:
PH. Becker, stud. jur.
F. Weidig, stud. forest.
Herr Gymnasial-Lehrer Gambs wurde bald darauf durch einzelne Kollegen, welche in der mitge- theilten Adresse hauptsächlich eine feindselige Demonstration gegen sich selbst zu erblicken glaubten, dazu veranlaßt jenen für ihn selbst eingestandnermaßen nur erfreulichen Beweis der Liebe und Verehrung seiner ehemaligen Schüler an mich, als deren Uebersender wegen angeblich „darin enth al lner Krän- kungen für seine Collegen," zu remittiren, und eine zweite darauf hin von dem größten Theile
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