unb immer wollüstiger ward der Ausdruck seiner häßlichen Augen.
„Ein Teufelsmädchen," sagte er dann, zufrieden mit dem Kopf nickend. „Feuer und Flamme sprüht der Brief da, allein desto besser. Ich werde sie schon heute Abenv besuchen. Olivier, die Nachricht ist allerdings die Requelenmeisterstelle Werth, ich überlasse sie Deinem Vetter!"
Der Barbier verbeugte sich tief und entfernte sich. Das Gespräch hatte ein Ende.
Im Vorsaal stand Tristan mit satanisch vergnügtem Angesicht; einer seiner Hellebardiers stand in ehrerbietiger Stellung vor ihm.
„Also abgemacht," sagte der Oberprevot leise, sich zufrieden die Hände reibend. „Das Weib? . . ."
„Liegt in der Seine . . ."
Aber der Mann, wie ist's mit dem . . ."
„Der Mann," crwiederte etwas verlegen der Hellebardier, „dem hat Jaques eins übers Gesicht gehauen."
„Also auch todt?" fragte Tristan.
„Ja, das weiß ich gerade nicht, denn ich hatte ja keinen Befehl, auch ihn aus dem Weg zu schaffen."
„Hölle und Teufel!" fluchte wild Tristan. „Ist der Mann an dem Leben geblieben, so hänge ich Dich . an den Beinen auf."
Der Hellebardier sah trotzig vor sich hin. „Ich kann nicht mehr thun, als mir befohlen wird," murrte er finster. „Es wäre mir gleich gewesen — eins oder zwei."
Der Oberrichter schleuderte ihm einen giftigen Bleck zu und hieß ihn gehen. Einigemal maß er mit großen Schritten das Vorzimmer, dann stand er plötzlich still und murmelte vor sich hin, „so oder so, cs muß doch gehen." Rasch trat er dann in's Cabinet des Königs..... '
Pascal schwärmte währenddeß in seligem Taumel. Der Sieg, den seine treue Liebe über Leokadia's buhlerische Künste davongetrageu hatte, war nicht unbelohnt geblieben. Clotilde hatte vernommen, was vorgefallen war und der Drang ihrer Gefühle siegte über alle Bedenklichkeiten. Als ihr ber Jüngling gestand, was cr für sie empfinde, da brachen die Schranken weiblicher Zurückhaltung Und int Uebermaß des Entzückens sank sie ihm in rie Arme. Die Würfel waren ge
fallen; aber Leokadia war die düstere Norne, die hassend in das freundliche Geschick der Liebenden eingriff. Ihr unbegrenzter Ehrgeiz war an der Eisenstirn Vascals zerschellt, jetzt richtete sie ihre Blicke höher hinauf — der König selbst dünkte ihr nicht zu gewaltig, um in ihren Händen zum Werkzeug glühender Rache, zur Stillung einer verdammenswerthen Ruhmsucht zu dienen. Ludwigs XI. Sinnlichkeit und lästige Begierde war bald erregt, gern lieh er den Wünschen der stolzen, üppigen Jungfrau geneigtes Ohr. Cr erkannte wohl balo die Triebfeder, welche
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Leokadien zu so schnödem Minnedienst bewegte, allein er hütete sich listig, ihr die Hoffnung auf seine Einwirkung zu rauben. Sie wußten daß Pascal Olivier haßte und deßhalb suchte sie sich jetzt mit Eifer in dessen Gunst zu setzen. Der Barbier des Königs war so mächtig als gefürchtet, und der neue Günstling hatte ihm oft geschadet. Es war sein glühender Wunsch, jenen unbärtigen Knaben zu verdrängen; aber alle Versuche scheiterten an dem Aberglauben des Königs. Begierig griff er jetzt die Gelegenheit auf, im Verein mit der Königsgeliebten, den jungen Fremdling von der kaum erklommenen Staffel des Glücks herabzustürzen. Elotilde warnte oft den Geliebten, aber Pascal lächelte zu ihrer Besorgniß; er baute allzu fest auf Herrschergunst.
Eine Woche war nach dem Turnier verstrichen; der König hatte nach jenem verruchten Attentat finsterem Mißtrauen Raum gegeben. Er sah überall Verräther mit gezückten Dolchen, die Wachen im Louvre wurden verdoppelt, Jeder, der Audienz begehrte, mußte sich der strengsten Durchsuchung unterwerfen. Endlich zog er sich, da er sich überall gefährdet glaubte, nach jenem schrecklichen Schlosse Plessis-les-Tours zurück. Tristtkn l'Hermitc hatte Alles aufgeboten, die nächsten Umgebungen deffelbei? so abschreckend als möglich zu machen. Ein Geschichtschreiber der damaligen Zeit schildert uns diesen Aufenthalt des mächtigsten europäischen Monarchen mit grellen Farben. War man über ein ödes, verlassenes Feld gekommen, erzählt er, wo über zehn Tausend Fußangeln und Fallen gelegt waren, um es für die Reiterei unzugänglich zu machen, so stieß man auf einen, mit einer doppelten Reihe von Ketten eingehegten Platz; zwischen diesem erhob sich eine lange Reihe von Galgen, an welchen man mit Grausen die Leichen der jüngst Erhängten sah. Hier streifte der wilde Tristan mit seiner Mordschaar umher und spürte ängstlich nach den Blicken, Geberden, Reden der Unbesonnenen, welche den Argwohn des Tyrannen weckten, indem sie ohne Befehl in dieses furchtbare Weichbild dtangen. Wenn man sich von diesem Todtenacker entfernte, konnte jeder Tritt eine Schlinge oder Falle treffen. Weiterhin erblickt« man die hohen Thürme, die tiefen Gräben, die dreifachen Mauern, die mit eisernen Spitzen dicht besetzten Schranken des königlichen Residenzschlosses.
Da also wohnte der gewaltige Ludwig, der tzefürcb- teteste, weiseste Regent, der seit Jahrhunderten auf dem Throne Frankreichs gesessen, von dessen Staatsklugheit die halbe Welt sich erzählte, den man aber auch gleich der falschen, giftigen Schlange scheute. PaScals offenes Gemüth hatte sich nie mit der letztern befreunden können. Er ward zu Plesfis Zeuge unzähliger Schand- thaten, und die Ränke Leokadien's und Oliviers le Dain wurden ihm immer unerträglicher. Die freiwillige Verbannung des Königs ward auch für ihn eine solche


