Ausgabe 
30.10.1847
 
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Der Info r rn ator.

Novelle.

(Fortsetzung )

Noch langem, ernstem, aber vergeblichem Nachsinnen zog endlich wieder der alte Leichtsinn bei ihm ein. Wer sollte ihm so viel geben? Als ein erfinde­rischer Kopf, der sich schon durch so manche, freilich nichr so große Verlegenheiten durchgeschlagen, dachte er zuletzt:kommt Zeit, kommt Rath," und ging nach Hause.

Trotz diesem schönen Trost-Sprüchlein konnte er doch fast die ganze Nacht nicht schlafen. Erst gegen Morgen schlummerte er auf ein Paar Stunden ein und als er erwachte, blendete das Tageslicht seine Au­gen. Mit Schmerzen betrachtete er die Sonne, unge­wiß, ob er ihren Untergang noch erleben sollte; denn ehe er als ehrlos dastehen würde und das mußte er, konnte er heute das Geld nicht schaffen wollte er, das war sein fester'Entschluß, sich lieber den Tod geben. Doch tröstete er sich wieder mit einem andern Sprüchlein:

Komme, was kommen mag,

Die Stunde rennt auch durch den rauhsten Tag."

Rasch kleidete er sich, an und versuchte sein Glück bei mehreren Bankiers, doch vergebens. Er wandte sich darauf noch an drei Kapitalisten, aber mit gleichem Erfolge. Endlich fiel er in die Hände der Juden. Nach wenigstens zwanzig Wegen fand er endlich unter ihnen einen alten Wucherer, Namens Jtzig, der ihm gegen einen Sola-Wechsel von 6000 Thalern die 4000 Thaler ausbezahlte. Der Termin der Zurückerstattung war nur auf vier Wochen gestellt.

Eine Centnerlast fiel ihm vom Herzen. Sogleich gab er das Geld ab, und Lebensmuth und Leichtsinn,^ wie zuvor kehrten in sein Wesen zurück.

4.

Caroline von Bergheim und Rosalie Harder waren von Jugend auf vertraute Freundinnen gewesen. Auch jetzt noch besuchten sie einander fast alle Tage. Der Umstand, daß Rosenfeld Caroline aufgegeben und sich Rosalien zugeneigt hatte, vermochte kaum eine augen­blickliche Störung des bestehenden gegenseitigen Ver­hältnisses hervorzubringen. Es dauerte feint 8 Tage, so fanden sich die beiden Mädchen wieder zu einander. Beide waren so gewöhnt, sich Alles mitzutheilen, daß sie einander kein Jota von ihren Geheimnissen ver­schweigen konnten. Es mußte eben immer Alles heraus, was sie auf dem Herzen halten.

Gestern hatte Rosalie Carolinen besucht, heute war Caroline bei Rosalien. Daß sie auch schon viel über den Lieutenant Rosenfeld mit einander verhandelt hat­ten, läßt sich leicht denken. Caroline, die den ihr un­treu gewordenen Rosenfeld immer noch liebte fühlte ein Bedürfniß, von- ihm zu sprechen, und Rosalie, die

ihn nur so halb und halb mochte, suchte natürlich Carolinen, die Rosenfeld schon länger kannte, so viel als möglich auszuforschen.

Auch heute sprachen die beiden Mädchen von dem Lieutenant.

Rosenfeld," sagte Caroline,sollte eine Million im Vermögen haben, und er wäre der beste Mensch unter der Sonne."

So gäbe es noch Mehrere," versetzte Rosalie. Bei einem großen Vermögen ist es keine Kunst, gut zu seyn."

Da hast Du wohl Recht," erwiederte Caroline; arm, und doch ein vortrefflicher Mensch zu sevn, ist weit schwerer."

Das ist erst noch die Frage," entgegnete Rosalie. Dem Reichen stehen zu allen Arten von Lastern, alle Mittel zu Gebote. Der Arme fühlt in seiner trüben Stimmung zu vielen Dingen gar keine Lockung, denen der Reiche in seinem Üebermuth nicht widerstehen kann."--

In dem Nebenzimmer gab der Candidat Werner- gerade dem ältesten Sohne des Commrrzienraths Clavier- unterricht. Doch lauschte er dabei mehr auf das ziem­lich laute Gespräch der beiden Mädchen, als auf die langweiligen Fingerübungen seines angehenden Virtuosen.

Da ist z. B. unser Candidat Werner," fuhr Rosalie fort.Er ist auch sehr arm. Aber er spielt nicht, er trinkt nicht, er enibehrt alle Vergnügungen, er unterstützt von dem, was er erübrigt, seine hochbe­tagte, kranke Mutter sieh, darum muß ich vor dem Manne Respekt haben."

Ist er hübsch?" fragte Caroline etwas neugierig.

Nun das gerade nicht," versetzte Rosalie mit er­zwungener Gleichgültigkeit,aber

Ich bi» nun schon mehrmals da geloesen," sagte Caroline,seit Herr Werner seine Stelle angetreten hat, aber- ich habe ihn noch nicht zu Gesicht bekommen."

Soll ich Dich ihm vorstellen?" fragte Rosalie.

Behüte der Himmel!" versetzte Caroline.Laß mich nur an der Thüre einmal ein wenig nach ihm schielen."

Die beiden Mädchen traten jetzt aw die Thüre.

Nun so unrecht ist er doch nicht!" sagte Caroline.

Und sein Geist!" suhr Rosalie fort.Du solltest ihn sprechen hören! Ich bin schon manchmal über seine Kenntnisse und Gedanken erstauyt."

Es ist doch Schade," versetzte Caroline,daß sich ein Mensch von solchen Talenten, damit abmartern muß, auf so ordinaire Weise sein Brod zu verdienen."

Das habe ich auch schon manchmal gedacht," sagte Rosalie.Er wäre wohl eigentlich zu etwas Besserem bestimmt." Nach diesen Worten erröthete Rosalie bis hinter die'Ohren. (Forts, folgt.)

Auflösung des Räthsels in 86: Rittersporn.

Druck und Verlag der G. £). Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.