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wann er zahlungsfähige Kunden erhalten haben würde. Denn an Kunden mangelte es ihm allerdings nicht, sobald sich die Kunde von seinem Vorhanvenseyn auf dem Sande verbreitet hatre; aber leider waren es lauter solche, die wenig mehr als einen schönen Dank zur Bezahlung darbrachten. Neit hatte alle Hande voll zu thun unter den armen Bewohnern jenes Stadt- theiles; da aber damals noch keine öffentlichen Blätter bestanden, in welche ein angehender Arzt den Dank für seine gelungenen Kuren selbst einrücken lassen und — bezahlen konnte, so blieb auch Nett den höheren und wohlhabenderen Ständen unbekannt. Bisher hatte ihn sein Ehrgeiz abgehalten mit dem Scheerbeutel zu laufen. Aber auch dazu verstand er sich, als er gewahrte, wie sein wackerer Wirth auch der niedrigsten Arbeiten sich nicht schämte und solche mit gleich großer Freudigkeit verrichtete. Neit bot seine Barbierdienste den Fremden in den Gasthäusern Dresdens an, allein sein großer Düffelrock und übriger Anzug waren fast immer die Ursachen, daß man ihn zurückwies, ja sogar dieß nicht selten mit schnöder Härte. Ueber diese Widerwärtigkeiten spottete Neit auf die lustigste Weise, wie überhaupt seine frohe Laune durch keine mißgünstige deö Schicksals niedergeschlagen wurde. Also schien es wenigstens. Doch wer vermag des Menschen Herz mit aW seinen Tiefen zu ergründen?
Der erste April war gekommen. Um die Mittagszeit kam Neit mit dem Schcersacke heim. „Hier, Mutter Nischeck," sprach er zu seiner Wirthin, „sind zwei Silberdreier, die mir ein Sonnenbruder für das Ab- nehmen seines Judenbartes großmüthig geschenkt hat. Sonst waren cs lauter Aprilsgänge, die ich heute that. Schier möchte ich die Dresdener auch dafür in den April schicken, wenn ich nur wüßte wie und woniil?"
Etwas einsplbig nahm Neit nun an der Mahlzeit Theil; dann ging er in sein Gewächshaus und Matthäus an seine Arbeit.
„Was hat er nur zu nageln?" fragte Letzterer sich, ass er nach einiger Zeit die Schläge eines Hammers an der Rückwand des Gewächshauses vernahm; „er wird mir wohl die dünne Ziegelwand noch durchschlagen."
Nach diesen Worten fuhr Matthäus mit Graben fort; allein eine unerklärliche Unruhe trieb ihn, das Grabscheit aus der Hand zu werfen und dem Gewächshause zuzueilen. Ein flüchtiger Blick durch dessen Glasfenster machte ihn einen Augenblick erstarren, dann aber desto schneller auf die Thür zuspringen. Dieselbe mit Hast aufreißend, vernahm er die Worte: „So leb' denn wohl, du schnödes Weltge..."
Während die Ohren des jungen Gärtners diese Rede hörte», sahen dessen Augen, wie Neit die Schlinge eines Strickes, welcher von einem großen Nagel herabhing, um den nackten Hals, kerzengerade an der Rück
wand und zwar mit den Füßen auf einem Schemel stand, den er bei dem raschen Eintritte des Matthäus sofort umzustoßen bemüht war, was ihm auch nur zu gut gelang. Allein nicht minder schnell hatte auch Matthäus eines der daliegenven und bereits geöffneten Rasirmeffer ergriffen und den schon zappelnden Arzt vom würgenden Stricke losgeschnittcn. Nachdem er noch die Schlinge beseitigt, legte er den Halbohnmächtigen auf dessen Lager nieder, wo er ihm die erste, beste Ader im Armgelenke zu öffnen bemüht war.
Als das Blnt, welches anfangs durch den Aderlaß nur langsam tropfte, stärker zu fließen und dann zu springen begann, schlug Neit die Augen auf und stierte seinen Lebensretter mit einem furchtbar schrecklichen Blicke an.
(Fortsetzung folgt.)
Anekdoten.
Während Dalberg in Paris war, machte er einer polnischen Fürstin heftig den Hof, welche auch von Napoleon sehr ausgezeichnet wurde. In einer Abend- gesellsthaft in den Tuilericn geht Dalberg — der geistliche Fürst — auf die Polin zu, sieht nicht, daß in der Nähe Napoleon steht, faßt dieselbe mit beiden Händen in die Seite, sprechend: „Schöne Frau, wie geht es?" Der Fürstin entfährt in demselben Augenblicke ein lautes Unglück, Alles sieht sich erstaunt nach derselben um; so auch Napoleon. Mit größter Unbefangenheit wendet sie sich demselben zu, und sagt: „Wenn man von so heiligen Händen berührt wird, so fährt der Böse davon." Lachen und Bewunderung dieser witzig geistreichen Wendung waren der Lohn der liebenswürdigen Ausländerin.
Theumuig vor vierhundert Jahren.
In dem Archiv der Abtei Hintersbach, am Sieben- gebirg, fand man ein Rechnungsbuch, worin das Jahr 1454 als das Jahr der großen Theuerung eingeschrieben steht, weil in demselben ein fetter Ochs 3% ft. kostete; eine Kuh 2 ft.; ein Kalb V3 ft.; 23 Hämmel 8 ft.; ein Schwein 1 ft.; 25 junge Hühner 1 ft.; 40 Dutzend Eier % ft.; 13 Pfund Butter % ft. Der großen Noch wegen schickte man einen Erpressen von dem Amtsdorfe Beyenburg mit drei Hellern nach Köln, mit welcher Summe derselbe das zweimalige Ueberfahrtsgeld und seinen standesmäßigen Unterhalt bestritt.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.


