Ausgabe 
28.4.1847
 
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Breiter, grauer Streifen deutete in unbestimmten Um­rissen den Lauf des Elbstromes an, über welchem der Hauch Gottes ein kühler Morgenwind schwebte. Völlig ermuntert verließ Matthäus seine Schlafkammer, um hinabzusteigen und mit einem Arme voll Holz nach dem Gewächshaus zu gehen, dessen Wärmestand nach seiner Meinung wieder einer Erhöhung bedurfte. Aller­dings war die Luft darin bedeutend abgekühlt, daher der junge Gärtner, ohne erst nach dem Wärmemesser zu sehen, sich anschickte, im Ofen nachzulegen. Da traf der laute, abgemessene Athemzug eines schlafenden Menschen plötzlich sein Ohr und bewirkte, daß Mat­thäus schnell die Lampe anzündete, mit welcher er so­dann dem Schläfer nachzuspüren ging. Er fand den­selben unter dem Raume eines Blumengestelles ausge­streckt, wo dieser, anstatt auf Flaumfedern oder Eider­dunen, auf Blumenzwiebeln, Strohwischen und Pa­piersäcken fester und süßer denn ein König schlief. Der eingedrungene Gast schien ein Dreißiger zu seyn, war mit einem ziemlich groben Düffelrocke bekleidet und hatte neben sich ein Bündel liegen, das jedenfalls seine ganze Habe enthielt. Matthäus glaubte in seinem gu­ten Rechte zu sepn, wenn er dieses Bündel einer nä­heren Untersuchung würdigte, daher er die Lampe hin- stellte und auszupacken begann- Zu seiner Beruhigung zeigten sich weder Pistolen noch Dolche, weder Dietriche noch Meißel und Bohrer, wohl aber kamen eine Wasserflasche und ein Barbierbecken von blankem Mes­singbleche, Varbiermeffer, Streichriemen und Wetzsteine, Aderlaßschnepper, Schröpfköpfe, Messer, Scheelen und Zangen von besonderer Bauart zum Vorschein.

Ein Dieb ist es nicht. . ." sprach Matthäus vor sich hin, indem er die Vorgefundenen Gegenstände wie­der etnsäckelte, Haber nur zu gewiß, daß Niemand anders mein Holz gestern Abend verfeuert hat. Run, wissen muß ich doch, wer der Mann ist und warum er gerade mein Gewächshaus für eine Herberge ange­sehen hat. He! guter Freund!" er rüttelte den Schläferwer sind wir denn und was wollen wir hier?"'

Der Fremde öffnete ein Paar kecke, durchdringende Augen, blickte seinen Examinator an und versetzte eben nicht erschrocken, vielmehr in halb unwilligem Tone: Was wir hier wollen? Ihr seht es ja, guter Freund schlafen! Wer wir sind? Ein Jünger des großen Aeskulap! Ein Diogenes iit. der Tonne!" Nach diesen Worten streckte der Gast sich wieder lang ans und schloß seine Angen. Diese Keckheit verdroß den Gärtner.

Ein Lappländer mögt Ihr wohl sehn..." ver­setzte er spitz,und mein Gewächshaus für Eure Tonne angesehen haben. Nach dem, was dieser Schnappsack enthält, hätte ich Euch eher für einen vagirenden Bar- biergesellen gehalten."

Gesellen?" fuhr der Fremde ärgerlich aus;ich

hin ein Meister und kein Geselle, darf innerlich und äußerlich turiren nach meinem Gutdünken."

Nun, so rathe ich Euch, mit Euch, oder viel­mehr mit Eurem Geldbeutel den Anfang des Kurirens zu machen. Nicht so? Ihr wolltet das Schlafgeld ersparen und bettetet Euch deßhalb auf meine Zwiebeln hier?"

Zwiebeln?" fragte der Fremde verwundert;aus Zwiebeln hätte ich gelegen? Ha, darum hatte ich auch solche gezwiebelte Träume in dieser Nacht."

Unterlasset Eure Winkelzüge," sagte hier Mat­thäus ernsthaft,und antwortet auf meine Frage, Wer und warum Ihr hier seyd?"

Der Fremde setzte sich auf und entgegnete lustig:

Ich bin der Neid, wenn Jhr's wissen und glau­ben wollt. Aber nicht der weiche, sondern der harte Neid, denn ich schreibe mich mit dem t, nehme also ein eben so hartes Ende wie der weicke Neid zuletzt. Ich bin Meister in der Wundarzneikunst und aus Herzberg hierher gewandert, um in Dresden meine Kunst auszuüben. Denn, nachdem ich die Herzberger insgesammt auf die Dauer gesund gemacht habe, sind sie undankbar genug, sich nicht mehr um mich zu be­kümmern , mich vielmehr darben zu lassen. Und weil mir das Geld ausgegangen war und mich darum kein Gastwirth in sein Haus eingehen lassen wollte, so suchte ich, wie der Hamster, irgend ein Loch, wo hinein ich fahren konnte, und siehe da, ich fand es hier und recht glücklich; aber ich verlange die Herberge nicht umsonst, soll ich Euch schröpfen, zu Ader lassen, operiren, purgiren oder vomiren lassen? Ich stehe mit Allem zu Diensten."

Matthäus dachte hier an seine preßhaste Mutter, jedoch fühlte er noch kein rechtes Zutrauen in die Kunst seines Gastfreundes. Da es überdieß noch Nacht war und Frau Nischeck fchlief, so erklärte Matthäus bloß seine Zustimmung für das längere Verweilen des Fremdlings.

Auch wir sind hier Fremdlinge gewesen," sagte Frau Nischeck, als später ihr Sohn sie von des Frem­den Anwesenheit benachrichtigte,und Pflicht ist es daher für uns, Gleiches mit Gleichem zu vergelten- Geh', mein Sohn, lade den Mann zu unserer Früh­stückssuppe ein."

Bald erschien Neit, der Wundarzt, und unterwarf seine Wirthin einer genauen Prüfung ihres leidenden Zustandes.

Neit verordnete;, Frau Nischeck schenkte ihm Ver­trauen, und verspürte gar bald eine bedeutende Bes­serung ihres Zustandes, Von Dankbarkeit getrieben, gestanden butter und Sohn dem Helfer nicht nur den ferneren Besitz einer Lagerstätte im Gewächshause, sondern auch die Theilnahme an den einfachen Mahl­zeiten zu, welche die Gärtnerfamilie täglich hielt, und zu welchen Nett erst dann seinen Beitrag geben sollte,