302
erfüllte. Hier bot sich ihr ein prächtiger Anblick dar. Fast aus allen Fenstern wallte ein Lichtmeer; übtrall in den Häusern sah man Tannenbäumchen, die ihre grünen Zweige unter einer flimmernden Last bogen. Neugierige wogten hier in Menge vor den hcllerleuch- teten Gewölben, um die reichen Herrlichkeiten, die so lockend ausgebreitet dalagen, zu betrachten. Klärchen war ganz erstaunt ob dieseni Glanz und Schimmer, den sie noch selten gesehen; denn sie war beinahe nie aus ihrem Stübchen gekommen. Bei diesem flimmcrn- den Flitter vergaß sie Ihren Hunger, die empfindliche Kälte Und ihre schreckliche Hülflostgkeit. Besonders bezauberten sie die niedlichen Dinge, die sic in dem hellerleuchteten Gewölbe eines Zuckerbäckers zu sehen bekam. Träumend lehnte sie ihr blasses Gesichtchen an die großen Chrystallglasscheiben und schaute träumend in die süße Fecnwelt. Was nur Schönes zu erdenken ist, war hier lockend ausgebreitet. Riesen, Zwerge, Mönche, Engel, Krippchen, Könige, Hirtinnen, Purzelmännchen, Landleute u. s. w., Alles in bunter Menge durcheinander; darunter hoben sich wieder feingeschliffene Crystallgefäße, aus denen die Lichter in Regenbogenfarben wiederstrahtten. Darauf lagen Südfrüchte, bunte Kleinigkeiten und Zuckerwerk in Menge. Bei diesem Anblick wurde Kiärchens Eßlust rege, und Mit ihr kam wieder ihre ganze Hülflosigkeit vor die Seele. Traurig eilte sie von dieser Stelle weg, und schritt weiter, bis wieder ein Gewölbe, das von hellem Gaslichte glänzte, ihre Aufmerksamkeit fesselte. Sie blieb auch hier stehen und schaute. Hüte mit Federn und Blumen, allerliebste Barrctte und Turbans, niedliche und geschmackvolle Spitzcnhäubchen füllten den Raum des Schaufensters. Im Innern des Gewölbes trieb sich eine Schaar eleganter Damen herum, bewunderte, plauderte, verglich und wählte, unter denen mit zuckersüßer Miene die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten umherging und ohne Maßen das lobte, tvaS irgend Einer die Gnade gehabt hatte, zu gefallen. Klärchen hatte heute noch nirgends so freundliche Gesichter gesehen und sie dachte bei sich selbst: „Da will ich doch hineingehen und diese freundliche Frau anreden , sie sicht ja so gütig aus
Und sie legte ihre kleine zitternde Hand auf die glänzende Klinke; sie drückte, und behend öffnete sich die Thüre und das erschrockene Mädchen stand, sie selbst wußte nicht, wie, im glänzenden Ladengewölbe der Modistin. i Es hatte sie Niemand bemerkt, oder, wie es vielmehr schien, es wollte sie Niemand bemerken. Doch Klärchen blieb ruhig stehen und faßte Hoffnung; denn es dünkte ihr, jene freundliche Frau habe sie gesehen. Und so war es auch. Jetzt, da alle Damen um das „Allerneueste" sich geschaart hatten, schlich die Modistin behende zu Klärchen, und stellte sich so vor sie, daß .sie Niemand mehr sehen konnte. Ihre rosige Miene war ganz verschwunden
und ihr Gesicht hatte einen ganz anderen Ausdruck, und in rauhem Tölle redete sie leise die Zitternde attl
„Was willst dü?"
„Ach gute Frau," entgegnete Klärcken, „ich flehe Ihr Mitleid an, ich möchte gerne . . ."
„So! — du bist von der Sorte?" unterbrach jetzt die Modistin das Mädchen zornig; „man ist doch keinen Augenblick sicher vor dem Lumpenpack. Da kommen sie Noch Nachts und betteln die Leute an. Ich will dir jetzt rathen, kleine Vagabundin, hinauszuge- hen; denn ich habe nicht länger meine Zeit mit dir zu verlieren." Und während der letzten Worte schob lie das Mädchen langsam zur Thüre hinaus. Hier stand nun das verdutzte Klärchen, zitternd und weinend. Diese Worte hatten sie mehr gebeugt, als jede Mißhandlung. Trostlos, ohne mehr auf Etwas zu achten, schritt sie weiter. Hunger und Frost durchschaucrten Ile; doch um keinen Preis hätte sie jetzt Jemanden anzuzprechen vermocht; denn die ihr eben wiederfahrene Behandlung hatte sie ganz an den Menschen irre gc- sührt. Es stiegen in dem armen Kinde allerlei finstere, düstere Gedanken auf.
Doch nach einer Weile versank sie wieder in ihr voriges stilles Wesen; ihr Gang wurde immer langsamer, und als sie eben in eine Gasse, die zu ihrem alten Quartier führte, einbog, zeigte der Lichtschimmer einer Laterne zwei große Thränen in ihren Augen. Sie war mit sich selbst unzufrieden; denn sie sagte verdrießlich vor sich hin:
„An Allem, was mir so eben wiederfuhr, bin ich |etb|t lchuld. Ich hätte mich eher bei den Leuten Umsehen sollen, statt müßig in der kalten Kammer zu sitzen. Ich wäre gewiß irgendwo aufgehoben."
Die Kälte nahm immer mehr zu, und der überfrorene Boden ward immer glätter. Sie ging immer schneller, aber gerietst unglücklicherweise auf eine allzu- glatte Stelle, gleitete aus und stürzte mächtig auf den harten Boden.
„Heiliger Gott!" schrie sie; dann war Alles, still.
Nirgends hörte man einen Tritt; nirgends war ein Mensch in der Nähe. Da näherte sich von ferne her das dumpfe Rollen eines Wagens. Dies schien Klärchens Ohr nicht zu entgehen; denn sie suchte sich wieder aufzuraffen. Der Wagen war noch einen Steinwurf ferne und man konnte deutlich der Pferde schnellen Tritt unterscheiden. Jetzt überkam Klärchen wahre Todesangst; mit der letzten Kraft hob sie das bleiche Haupt, suchte auf den Händen wegzukriechen; aber sie sank wieder kraftlos zurück. Ein Angstruf entrang sich der gepreßten Brust, und das Mädchen sank jetzt in volle Bewußtlosigkeit.....
III.
Wir sehen uns in eincm überaus niedlichen Zimmer. Der erste Anblick zeigt uns, daß hier eine reiche Dame wohnen müsse. Von der geschmackvoll bemalten


