Ausgabe 
22.12.1847
 
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Unterhaltendes und Gemeinnütziges.

Gabriele oder das Mädchen von Nom.

Novelle aus der Zeil Gustav Adolphes von Schweden (Fortsetzung.)

O mein Valentin, Du weißt, daß dieses Krieges unselige Stürme mich hauptsächlich bestimmt haben, Dir in friedlichen Weiten die Ruhe Deines Gemüthes zu' bewahren, Du magst daher in dem Rath, Dich selbst in diese Stürme zu werfen, den Schmerz des Vaterherzens lesen. Doch nicht unmännlich will ich gleich einem Verlorenen Dich beklagen, Du wirst, Du mußt den Frieden Deiner Seele, wenn Du ihn ver­loren, sey's auf Gefahr Deines Lebens, wiederfinden. Die Sonne geht auf, die Röthe der Jugend schmückt ihr liebendes Antlitz und alle Welt breitet sich glücklich der Holden entgegen; aber beschwerlich wird ihr Lauf unv heiße Gluth sprüht ihr vom mühevollen Erglim­men der Bahn glühendes Angesicht auf die Fluren nieder und dunkle Wolken umlagern ihre himmlischen Züge; da kommt ihr Abend und in seligem Lächeln, wie sie neugehoren über die Hügel schaute, entschwebt sic den Gefilden. So wirst auch Du die Wonne Deiner Jugend wiederfinden!

Valentin wandte sich ab, dem leichtfertigen Freund seine Thränen zu verbergen, aber tiefbewegt drückte ihn dieser an sich und sprach:D welch' herrliche Menschen fepd Ihr Beide! Mein Valentin, seh mein Bruder, theile Deines Vaters Liebe mit mir, laß mich Euch niemals, niemals verlassen!"Niemals, niemals!" rief Valentin,o es that wahrlich Noth, daß ich Dich sand, wo würde mir sonst Rettung von solchen Stür­men?"Du sollst mich erwärmen," erwiederte Clärens,ich aber will Dich im heitern Strom des Lebens Deine Gluthen kühlen lehren."Ja, Vater," sprach Valentin,Du hast mich tiefer durchschaut, denn ich selbst; nein, setzt will und kann ich nicht malen! Denk' ich an fu, so lodert wilder Muth in mir auf, denn auf des Ruhmes und der Ehre Höhe muß ich stehen, um sie zu erringen. In Gewütet der Schlach­ten will ich mich bewähren und mit Gewalt sie dem schnöden Vater entreißen. Nur was ich selbst aus mir mache, gibt mir ja Werth!"Valentin, Va­lentin ," sprach Clärens,ja, es that Noth, daß Du mich fandest. Komm, schnüre schnell Dein Bündel, hier in Mailand ist Dein Weilen nicht. Sieh! wie die Wolken fröhlich nach Süden eilen, laß uns mit ihnen ziehen, nach der herrlichen Nvnia; dort unter die Trümmer vergangener Weltherrschaft wirst Du Deine Schmerzen begraben!" so rief er und zog den Betäubten mit sich fort.

Clärens hatte nicht ganz unrichtig geschlossen. In

der erhabenen Welt, die in Nom unsere Freunde um­gab, unter den ehrwürdigen Ruinen der Vergangenheit, die 'wehmülhig unv groß auf die der Gegenwart Herr­lichkeit verkündigenden Kirchen unv Paläste nicder- schauten, fand sich bald Valemin's Seele wieder, und mit gewissenhaftem Eifer verfolgte er seine Studien. Nur Nachts, wenn der heitere Freund ihn verlassen hatte, und in fröhlichem Gewimmel das Volk sich in der Kühle erging, zog es ihn hinaus auf verschwiegene Höhen, und sebnsüchti; dachte er da seiner Hoffnung und Liebe.

Einst riefen ihn di- lebhaften Bilder seiner Phan­tasie, sein von Erinnerungen unv Hoffnungen erfülltes Herz frühzeitiger als gewöhnlich aus 1 einer Weikstätke. Eririschenve Lüfte wehten und im Abenvgolv schim­merte die Siebenhügelstadt. Eilend ging er seinem Lieblingsaufenthalt, der hochgelegenen Villa M-vi-is zu; da lag ringsum unter ihm die majestätische Roma, umschlossen von dem in blauen Fernen sich breitenden paradiesischen Land und der Tiber goldene Wogen wälzten sich jugendlich stolz an den alten Ufern her- niever. Die Sonne war hinunter, Dunkel bedeckte die Weilen und noch stand Valentin in heiliger Wonne verloren. Endlich wurde es still in seinem Innern, mit befriedigtem Herzen wandelte er durch Vie dunklen Lorbeergänge der Villa, deren Schweigen nur vom Flüstern der Nachlluft und dem Ruf der Nachtigallen unterbrochen wurde. Der Vollmond erhob sich über den Bäumen und er sah am Ende dzr langen Allee, in der er wandelte, in silbernen Wogen sich einen Wasserfall aus einer Fclsengrotte niederwerfen. Geheim, nißvolle Gestalten, fehlen es ihm, reg en sich um die Fluth und mit Neugier und (eifern Grauen schritt er > der Stelle entgegen. Da sah er auf dem Rasenboden einen Greis hüigestreckt, sein kahles Haupt an die deU senwand gelehnt. Ein silberweiser Bart wallte bis auf den Gürtel seines faltigen Gewandes, zu seiner Rechten lag eine Harfe und ein engelschöner Knabe hing in stummer Verzweiflung an seinem Halle, seine Lippen auf die des Alten pressend. Mit brechendem Blick richtete sich dieser, als er Valentin gewahrte, empor, der sich über ihn niederbeugte unv ihm das müde Haupt unterstützte. Schaudernd gewahrte dieser, daß er einen Sterbenden in Den Armen hielt; er wollte sich lvsmachen, indem er mit bebender Stimme dem Alten sagte, daß er nach Hülse eilen wolle. Der Greis aber schüttelte sauft fein Haupt, blickte Valentin mit bittender Miene und hieraus den Knaben an und athmete am Busen Valentin's sein Leben aus. Mit einem Schrei sank ver Knabe auf der Leiche nie­der, welche jener lange in sprachloser Rührung in den Armen hielt. Des Knaben Zustand brachte ihn endlich wieder zur Fassung, er erhob ihn von der Erde, legte