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Der von Ferdinand sehnlichst erwünschte Abend erschien. Prächtig war der große Nathhaussaal beleuchtet und die schöne Welt Augsburgs strahlte in den reichsten und schwersten Stoffen aus allen Farben. Für unsere heutigen Bälle, welche in einem wilden Rasen bestehen, würde ein solch schwerer Anzug, wie ihn in jener Zeit Augsburgs Mädchen trugen, nicht taugen; aber damals, wo der Tanz mehr ein Umgang im Saale war, bei welchem verschiedenartige Gruppi- rungen vorkamen und ein zierliches Aufsetzen der Füße und das behende Drehen des Körpers nach verschiedenen Richtungen die Hauptsache waren, damals konnte man schon im schweren Anzuge den Ballsaal betreten.
Der ernste Karl V. besuchte das Fest nicht, wohl aber sein Bruder, der Vater des Prinzen Ferdinand. Als dieser mit dem blühenden Sohne den Saal betrat, .wurden sie von den im Vordergrund des Saales ausgestellten Pfeifern, Paukisten und Trompetern mit einer rauschenden Musik empfangen, welche wohl dem heutzutage üblichen Tusch entsprach. Die Mädchen, welche den Hintergrund des Saales einnahmen, stellten sich auf die Zehen, um die Eintretenden besser sehen zu können und manch schöner Blick fiel auf den in völliger Jugcndkraft stehenden jungen Bianu. Dieser aber hatte kaum den Saal betreten, als er den Gegenstand seiner Träume, als er die schöne Philippine gewahr wurde.
In der That dieses Mädchen verdiente den Ruf der Schönheit, in welchem sie stand, denn Mutter Natur hatte sie mit ganz eigenthümlichen Reizen geschmückt. Kraft und Zierde drückten stch lebendig in des Körpers schlanker Gestalt aus; reizende Wölbung füllte den Arm und des Busens üppigen Bau; aus dem sanft gerundeten Antlitz glühete die Anmuth der Rose, von Lilien umgeben. Freundliche Lippen deckten die Perlenreihen der herrlichsten Zähne; zur griechischen Form hinüber, unter breiter Stirne, neigte sich die wohlgebildete Nase. Doch vor Allem sprach cigenthümlicher Zauber aus dem Bau des in zarter Wellenform lieblich geschlitzten blauen Auges, voll Geist in stiller, süßer Miene, ein Leuchten des Demants. Es war der bezaubernde fromme Blick der Engel Raphaels, welche die Madonna umschwebten.
Der feuerige Prinz war schon für das Bildniß eingenommen, das Original vergötterte er, noch nie hatte er ein schöneres vollkommeneres Wesen gesehen und er sehnte sich nach dem Augenblick, in welchem ihm vergönnt wurde, Philippine zum Tanze aufzufordern.
Jetzt schmetterten die Trompeten und Prinz Ferdinand, welcher als der erste im Range unter den Tanzenden Wortänzer war, trat klopfenden Herzens zu Philippine und sprach: „Der Kaiser, mein Oheim, hat mir besohlen, den Tanz mit der schönsten Jungfrau Augsburgs zu eröffnen, ich zweifie nicht, daß er mir damit Philippine Welser bezeichnen wollte."
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Die holde Philippine erröthete und verbeugte sich tief. Gefaßter aber, als es wohl der Leser erwarten dürfte, antwortete sie:
„Ich glaube nicht, Prinz, daß der Kaiser Eure Wahl billigt und ich will nur wünschen, daß er nicht ungehalten ist, weil Ihr so schlecht seinen Befehlen nachkommt."
Während dieser Rückäußerung war das Paar in die Reihe getreten, an deren Spitze sich nun acht Trompeter, mit langen Wappenfahnen an ihren Instrumenten, stellten, auf die mehrere Fackelträger, dann der Vortänzer, und noch zwei weitere Fackelträger und die übrigen Paare folgten.
Der liebesglühende Ferdinand konnte seine Leidenschaft nicht lange zurückhalten. Er erzählte dem verschämten Mädchen, wie er schon vor mehreren Tagen ihre Bekanntschaft bei dem Maler gemacht und wie ihn schon ihr Bild entzückt hatte, welches doch soweit gegen das Original zurückstehe. Der Tanz war noch nicht beendigt, so hatte der Prinz der schönen Philippine auch schon seine feurige Liebeserklärung gemacht. Wir haben zwar schon gehört, in der guten alten Zeit, deren ehrbare Zucht und Ordnung von Manchen so angepriesen wird, hätten sich nicht so schnell Liebesbündnissc gebildet als heutzutage, was wir nicht bestreiten. Aber dazumal galt schon das jetzt gebräuchliche Sprichwort: „Wessen das Herz voll ist, läuft der Mund über," und wir können mit Bestimmtheit versichern, daß dieses auch bei Ferdinand der Fall war. Als er nach beendigtem Tanze Philippine an ihren Platz führte, sagte er ihr leise zuflüsternd :
„Bcurtheilt mich, schönes Mädchen, nach meinem raschen Geständnisse nicht falsch. Aber glaubet, daß ich Euch verehrte, seit ich Euer Bildniß sah, daß ich Euch anbete, seitdem ich Euch persönlich kennen lernte."
Philippine stellte sich, als habe sie den Prinzen nicht verstanden, doch hatte sie jedes seiner Worte nur zu deutlich vernommen.
Feuilleton.
In Vincennes lebt gegenwärtig ein Knabe, der etwas über 9 Jahre alt und nicht größer ist, als ein Kind von diesem Alter zu seyn pflegt, aber schon einen Schnurrbart hat, der einem Grenadiere alle Ehre machen würde, und einen Backenbart besitzt, wie ein Sappeur. — Aus dem kann was werden!
R ä t h s e l.
ZÄ schaff Euch Korn zum Brod; — dafür Weist Ihr mir, wenn ich Euch besuch, die Thür.
Auflösung des Räthsels in 75:
______„Vor"
Luch- und Steindruckerei in Gießen.


