Ausgabe 
15.12.1847
 
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H'ölfter Heiterkeit unter unserem schönen Himmel wan­deln, und, mögen wir uns befinden, wo wir wollen, mit keiner Sorge und Sehnsucht die Seele betrüben." Wie ist daS möglich," sprach Valentin,wenn uns das Theuerste fern ist? Je größer das Gut, desto größer die Sorge."Sorge?" rief Clärens, die macht keinen Armen reich und jeden Reichen arm,und ist das Entbehrlichste von Allem auf Erden." Stellt sich," fiel Valentin ein,nicht die falsche Welt zwischen Dich und die Geliebte?" Fern auf meines Vaterlandes Bergen, durch Meere und Länder von mir getrennt, wohnt meine Comala."Nun, und denkst Du nicht der Thränen, die sie um den Entfernten weini?" fragte Valentin. Ich denke nur an die Thränen, die sie weinen wird, wenn ich Wiederkehre." Wenn Du aber nicht .mehr wiederkehrtest, oder nicht mehr für sie wiederkehrtest? Das Leben ist so flüchtig wie die Treue!"Geht's mit einem von diesen beiden zu End', so ist's noch Zeit genug daran zu denken; bis das aber eintritt, wollen wir uns im Leben üben, wie im Treuseyn. Hoffe jedoch nicht, mein Freund, mit Zwang und Entsagung Deine Treue zu bewahren; nein, überlaß Dich, während Deines Ferneseyns von der , die Du liebst, jedem an­genehmen Eindruck, den etwa eine andere Schöne auf Dich macht, und wenn Dich dann noch beim Wieder­sehen die alte Liebe beseligt, dann erst magst Du wahr­haft sagen, Du liebest treu."

Unter solchen Gesprächen langten sie in Mailand an, wo Valentin einen Brief seines Vaters vorfand, von dem er seinem Freunde Folgendes vorlas:

Mein Sohn!

Du hast den Fcuerbrand in Dein unbewachtes Herz geworfen, und ich ahne, es wird, so lange Ju- gendgluth in ihm wohnt, nie mehr seinen alten Him­melsfrieden finden. Doch nichts von Mißbilligung; ihr Ausdruck müßte Deine Leidenschaft nur noch mehr entflammen. Was über Dich kam, es hätte früher oder später doch seh es unter welcher Form es wolle über Dich kommen müssen, das sagte mir längst schon die erwachte Kraft Deines Gemüths. Ich kann Dich nur bitten, dieses verzehrende Feuer der Leidenschaft zu dämpfen, nicht zu unterdrücken, Deine Liebe, von irdischer Begierde reinigend, in Einklang zu bringen mit den übrigen Reichthümern Deines Herzens; nur« ;o vermag sie über Dich jenen Zauberhimmel auszubreiten, unter dem allein des Künstlers Geist zur Reife gelangen kann, denn nur solche Liebe ist die Mutter der ewig schaffenden und belebenden Grazie, und entflohen ist sie, sobald sie zur Leidenschaft wird. Mit der milden Gluth des Friedens möge sie Dich durchwärmen, und Dich jeden Menschen, jede? Schöne mit solcher hinreißenden Siim^ett lieben lehren, mit welcher Du an Deiner Geliebten hängst, so, nur so

vermag sie Dich wahrhaft zu bereichern. Folgst Du ihren Begierden, so wird bald Deine ganze reiche Welt in den engen Kreis eines einzigen Menschen gebannt werden, und, magst Du auch immerhin die Reinheit Deiner Seele bewahren, wirst Du gleichwohl bei diesem Tausch als Künstler und Mensch mehr verlieren, als Du an Glückseligkeit gewinnst. Die Welt wird über dem Künstler sein Kunstwerk vergessen, und mag er darin noch so liebenswürdig erscheinen, als Individuum wird er doch auf allgemeines Wohlgefallen unmöglich Anspruch machen können, denn kein Mensch vermag Jedem zu gefallen. Legst Du hingegen Deinen ganzen Himmel, wie ihn jeder Künstler in ewiger Reinheit in sich tragen soll, in Deine Gebilde, dann wird es bloß auf die Vollkommenheit Deines Innern ankom- men, wie weit Du die Achtung der Welt fordern kannst. Die Ansprüche des durch Vernunft Veredelten sind ewig und allgemein gültig, da ein Mensch auf dieser Stufe nicht mehr als Einzelner, sondern als berufener Vertreter der ganzen Menschheit spricht.

Wie der Mond in nie getrübtem Frieden durch die Räume schwebt, und mit seinen Strahlen ein ge­heimes zaubrisches Leben in die Natur ausgießt, so soll der Künstler seinen Lauf vollenden, unbekümmert um das .Kämpfen und Treiben der Welt, frei von Leidenschaft, ewig ein Kind, durch's Leben wallen, und mit dem, was die Natur ihm spendet, seine Welt be­glücken und erfreuen. So nur ist er, was er sehn soll, das wahre Kind der Natur, dem seine Mutter unmittelbar jene Gaben reicht, die der Mensch, welchen die Welt von ihr entfernt hat, nach langem mühsamen Suchen so selten findet.

Du, der Du durch Natur und Erziehung der Kunst geweiht bist, der Du als Mensch verloren bist, wenn Du als Künstler es bist, prüfe Dich wohl, ob Du von diesem seligen Pfad nicht abirrst, ob Du ge­wiß bist, jene heilige Kindheit in Dir bewahren zu können. Bist Du da nicht mehr wie sonst, o dann ergreife jetzt keine Palette, dann wirf Dich lieber mit vollem Herzen in den wilden Sturm des Lebens; nur in ihm wirst Du Dich selbst wiederfinden und erstarkt die leichte Bahn Deiner Jugend wieder betreten, dann komme zurück in Dein unglückliches, vom Krieg zer­fleischtes Vaterland und kämpfe muthig mit den Kampf Deines Glaubens.

(Fortsetzung folgt.)

Anagramm.

Mich braucht mit 1 2 3 4 8 Der Schneider und Gelehrte, Und bin mit 4 2 l 5 3 Von Kriegern sehr Verehrte;

Noch bin mit anderm Namen auch Ich selbst das Erste wieder, Schreibst Du mit 2 3 4 3 1 Mich regelrecht nur nieder.

Druck und Verlag der G. D. Brübl'schen Buch- und Steindruckerei.