Ausgabe 
15.5.1847
 
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Qual erschien. Er sah im Geiste sich an demselben aufgehängt mit auf die Brust vvrgebeugtcm Haupte, halb geschlossenen und verdrehten -Augen, schlaff her­nieder hangenden Armen, lang gestreckten Beinen, ganz so wie er vorigen Herbst eine Drossel im Walde in einer Schlinge erwürgt gefunden hatte. Und eine unsichtbare, unwiderstehliche Macht drängte ihn, das Bild wahr zu machen und sich aufzuhängen. Sein suchendes Auge fand bald einen geeigneten Strick in der Nähe und seine Hände streckten sich nach dem­selben aus und knüpften eine Schlinge.

Du hast reu Teufel um eine Seele gebracht," sprach er zu sich selbstals Du den Neit losschnittest. Darum will er Dich nun dafür holen." Ein Schau­der überlief ihn.Soll Christel aus ihrem Fenster mit ansehen," fuhr er fort,wie Dich der Henker auf einer Kuhhaut aus dem Garten schleift? Soll Deine alte Mutter das Grab ihres einzigen Sohnes unter dem Galgen zu suchen haben? Wird sie Dir nicht fluchen oder vor Schreck über Deinen Selbstmord gleichfalls zur Leiche werden? Soll nicht einmal ein schlichtes Holzkreuz Deine Ruhestätte bezeichnen dürfen? Nein! Da sey Gott vor!" Matthäus sank vom Sche­mel hernieder auf seine Knie.

Führe mich nicht in Versuchung, Herr!" beteie er voll Inbrunst,sondern erlöse mich von allem Uebel; denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herr­lichkeit in Ewigkeit. Amen."

Daun wankte er aus dem Gewächshause und seiner Wohnung zu.

Wie kömmt es," sprach er wehmüthig,daß mich auf einmal mein Garten nicht mehr freut? Daß die 50 Dukaten in meiner Tasche mir nicht werther sind, als eben so viele Kieselsteine, da doch sonst der er­rungene Besitz eines einzigen schon mich beglückte? Es ist Christel's Lösegeld," sprach er oben zu seiner Mut­ter , als er derselben die Rolle mit den Dukaten ein­händigte.Wenn Ihr mich liebt, so sagt kein Ster­benswörtchen davon, daß ich sie als meine Frau heimzuführen gedachte. Thut Euch eine Güte mit dem Golde und zankt nicht, wenn ich mich ein wenig här­men sollte."

Schicke Dich in des Herrn Willen, mein Sohn!" sprach Frau Nischeck fromm,Er wird Alles wohl machen." *

*

Nach einigen Tagen sah Matthäus den Leibchirur- gus an Christel's Seite in den Garten treten. Da lief er davon, um sich vor den Blicken des glücklichen Brautpaares in eineni Winkel des Gewächshauses zu verstecken. Allein dieß half ihm nichts, denn gar bald hatte ihn Neit daselbst aufgesucht und entdeckt.

He, Freund Nischeck!" rief er ihn an,ich komme, Euch schuldigcrmaßen meine Jungfer Braut vorzustellen. Ihr kennt Euch ja schon gegenseitig."

Wie Matthäus, so wechselte auch Christel die Farbe, als sie stumm einander gegenüber standen. Matthäus bemerkte, daß die Braut sehr angegriffen und eben nicht vergnügt aussah, und dieser sielen die verstörten Züge des jungen Gärtners nicht minder auf.

Erinnert Sie sich noch, Jungfer Christel," hob Neit zur Braut an,wie Sie hier auf dem Schemel saß und ich Ihr eine Zahnlücke reißen sollte? Das hat uns eben zusammengcbracht. Ueberhaupt ist dieses Gewächshaus für mich ewig denkwürdig geworden. Sieht Sie, Jungfer! unter diesem Blumengestelle sand mich Freund Nischeck auf einem Haufen von Blumen­zwiebeln , Papiersäcken und Strohwischen schlafend liegen. Hier war später nicinc Schlaf- und meine Studirstätte; dort endlich sieht Sie einen großen Nagel, von welchem mich Freund Nischeck im rechten Augen­blicke losschnitt, als ich mich aus Lebensüberdruß daran gehängt hatte und bereits mit den Beinen zappelte."

Wie?" fragte Christel entsetzt und entzog ihren Arm dem des Leibchirurgen,Er hätte wirklich?..."

Ich hatte wirklich schon den HalS in der hänfenen Schlinge," betheuerte Neit arglos,und wäre längst schon im Elysium oder im Orkus, wenn Der da nicht gewesen wäre."

Und Er konnte sich unterstehen, mich heirathen zu wollen?" fragte Christel zornerglühend,nachdem Er den unchristlichen Vorsatz gehabt hat, sich zu er­morden ? Einem solchen Manne gebe ich nun und nimmermehr meine Hand. Ohnehin that ich's nur meiner Mutter zu Liebe, aber diese wird nun selbst dawider reden, erfährt sie, waS Er Willens gewesen ist. Und das konnte Er mir noch mit lachendem Munde erzählen? Welche Sünde!"

! Während dem Leibchirurgus ob dieser Strafpredigt der Mund vor Verwunderung offen blieb, sagte Mat­thäus, sich vergessend, zu Christel:

Niemand sey auf seine Tugend stolz. Es können Augenblicke kommen, wo man seines Gottes und seiner Pflichten vergißt. Griff ich doch selbst schon nach dem Stricke, als ich die Kunde von Eurer Verlobung er­halten, um mich an denselben Nagel zu hängen, und wäre mir nicht meine arme Mutter beigcsallen, und daß mich der Henker vor Euren Augen auf der Kuh­haut aus dem Garten schleifen würde, wer weiß, ob ich mein Vorhaben unausgeführt gelaffen hätte!"

Auf's Neue bewährte sich hier daS lateinische Sprichwort:Duo, cum faciunt idem, non est idem (wenn zwei dasselbe thun, ist's doch nicht dasselbe), indem Christel, anstatt in einen eben so heftigen Un­willen wie vorhin bei der Kunde von Neit's beabsich­tigtem Selbstmorde auszubrechcn, ffch jetzt mit der verwundert ausgesprochenen Frage zum Matthäus wen­dete:

(Schluß folgt.)

Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.