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befragten Leibärzten wenigstens als unschädlich anerkannt , wenn schon sie keine Besserung davon erwarteten. Neit aber blieb während der Behandlung seines königlichen Patienten fast unausgesetzt im Schlosse, um jede etwaige Einmischung Anderer zu verhüten.
Nachdem der nach Paris gesendete Eilbote dreizehn Tage ausgeblieben war, kehrte derselbe mit dem Gutachten der Fakultät zurück, welches dahin lautete, daß das kranke Bei», bewandten, höchstgefährlichen Umständen nach, sofort abzulösen seh. Zugleich war aber die Befürchtung ausgesprochen, daß diese Maßregel bereits zu spät kommen und des Königs Leben verwirkt sepn dürfte. Derselbe aber befand sich, Dank Neit's zweckgeinäßer Heilweise, bereits außer aller Gefahr und aus dem vollen Wege der Besserung.
Daß von nun an des armen Wundarztes äußeres Glück begründet war, versteht sich von selbst. Er sah sich zum königlichen Leibchirurgus ernannt, mit einem schönen Gehalte begabt, von hilfebegehrenden Reichen und Vornehmen beansprucht, und deninach mit Golde honorirt. Eben so versteht sich's auch von selbst, daß der neue Leibchirurgus das Gewächshaus seines Gastfreundes mit einer schönen Wohnung in der Residenz vertauschte, doch nicht ohne mit großmüthiger Hand seine Schuld bei der Gärtnerfamilie abgetragen zu haben.
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Zufriedenen Sinnes stand an einem der ersten Junitage desselben Jahres der Gärtner Matthäus Ni- schek und überschaute seinen Garten, der in vollem Flor war und einen reichlichen Ertrag verhieß. Das Pachtgeld lag bereits vorräthig, deninach war die volle ' Ernte sein Eigenthum. Und von den langen Beeten voll gedeihender Salatpflanzen, blühender Gurkenranken, wuchernder Stockbohncn, Blumenkohls, Kohlrabis und anderer Gartenerzeugnisse wendete sich des jungen Mannes Blick in seliger Verklärung auf das Fenster des Nachbarhauses hin, wo Schön-Christelchcn zu sitzen pflegte.
„Nun darf ich's ihr sagen, daß und wie sehr ich ihr gut bin . . sprach Matthäus zu sich selbst: „Nun habe ich für mich, meine Mutter und meine Frau zu leben, auch der Mutter Einwilligung, die dem lieben Kinde längst schon gewogen war, daß ich Christel heirathen darf. Und ganz und gar müßte ich mich irren, wenn sie mir nicht auch ein wenig gut wäre. Nächsten Sonntag will ich meine Worte anbringen und bei Christel's Mutier anhalten. Wie mir das Herz schon bei dem bloßen Gedanken pocht. Doch, da kommt der Herr Hofchirurgus so eilig daher. Was wird er uns Gutes bringen? Schön willkommen, Herr Neit! Ei, sehet Ihr docch so fröhlich aus wie ein Bräutigam."
„Der bin ich auch wirklich!" versetzte Neit, „und zwar ein ganz frischgebackner; und wißt Ihr, wer mir zu meiner Braut verholfen hat? Meine polnischen Ju
den, die in den „drei Linden" krank lagen! Diese übersendeten mir für meine Cur gestern mit der Post ein Röllchen mit 50 Dukaten und ein Stück des schönsten Seidenzeuges mit eingewirkten bunten Blumen. Letzteres zum Brautkleide für meine Liebste — stund geschrieben. Da ich nun daS Brautkleid hatte, so mußte ich mich nun auch nach einer Braut umsehen. Woher aber eine solche bekommen, da ich in Dresden noch so wenig Bekanntschaften habe? Da fiel mir zu meinem Glücke die Besitzerin jener zwo Reihen Perlenzähne ein, die ich vor ein Paar Monaten durch eine Lücke verunstalten sollte. Diese oder keine! dachte ich."
Matthäus erstarrte.
„Gedacht, gethan!" fuhr Neit fort. „Ich steckte das Erforderliche zu mir, darunter auch das Zeug zum Brautkleide, marschirte herüber und dreist eine Treppe hinauf in jenem Hanse dort. Daselbst fand ich meine Erkorene und deren Mutter, ein gutes, freundliches Mütterchen, bei welcher ich ohne Umschweife meinen Antrag machte. Ich sagte, wer ich sey, wie hoch sich mein Einkommen belaufe, holte eine Schnur gehenkelter Sophiendukaten als Maalschatz hervor und ließ mein Seidenzeug mit seinen Blumen im Sonnenlichte schimmern. Das Mütterchen weinte Helle Freudenthränen, umhalsete mich, ihr Kind, gab mir ihre Einwilligung und ihren Segen, und legte unsre Hände in einander."
Matthäus war indessen niedergekniet, um, statt des Unrrautes, die schönsten Levkojenpflanzen auszujäten. Schwer am Athem ziehend, fragte er jetzt mit gepreßter Stimme:
„Und Christel?"
„Diese machte es wie alle Mädchen ..." antwortete Neit. „Sie ward bald blaß, bald roth; weinte, spreizte sich verschämt,. gab aber zuletzt nach, als ihre Mutter sie ein solgsames, dankbares Kind nannte, welches ihr und ihrer Mutter Glück nicht mit Füßen von sich stoßen würde."
Matthäus war mäuschenstill geworden.
„Das Brautkleid wäre sonach untergebracht," fuhr Neit fort, „und hier ist das Röllchen mit den Dukaten, das ich Eurer Mutter zugedacht habe." Er steckte es dem stummen Matthäus in die Jackentasche. „Jetzt gehe ich, mein hübsches Bräutchen zu besuchen. In vier Wochen ist die Hochzeit, auf welcher Ihr den ersten Ehrentanz mit meiner Brant tanzen sollt. Einen schönen Gruß an Eure Mutter! Behüte Euch Gott!"
Neit eilte von dannen, ohne des jungen Gärtners Seelenzustand zu gewahren. Dieser rannte jetzt wie ein Verzweifelnder dem Gewächshause zu, wo er sich ans einen Schemel hinwarf und das Haupt im stummen Schmerz auf den Tisch sinken ließ.
„Es ist Alles aus!" sprach er nach langer Weile mit dumpfer Stimme. Wirren Blickes starrte er den Nagel an, der ihnt jetzt wie ein Erlöser aus seiner


