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vor Abscheu über die tiefe Verworfenheit der Schwester. Dennoch flehte ost Clotilde, der Himmel möge der Gesunkenen Reue einflößen und ste zur Erkenntniß bringen. Leokadia hatte keinen Vertrauten ihres grenzenlosen Elends- und durste deswegen auch auf kein Mitleid rechnen. Dcö Königs flüchtige Leidenschaft war längst verraucht und sein kränklicher Zustand fesselte allein das Mädchen an ihn. Jin Grund seiner Seele verachtete er sie doch und die Unglückliche überzeugte sich immer nicht', daß die unendlichen Opfer, die sie ihrer beleidigten Selbstsucht gebracht, vergeblich gewesen sehen. Ihr Schmerz war unendlich , aber je tiefer der Stachel eindrang, desto glühender war der Haß gegen Pascal, den ste für den Urheber ihres bit- tern Leids ansah.
Der König erkrankte um diese Zeit gefährlich und sein Argwohn gegen seine nächste Umgebung ward fast unerträglich. Der gewaltige Monarch Frankreichs, der wie Segür sagt, cs vermocht hatte, in zwanzig Jahren einen übermüthigen, furchtbaren Adel niederzutreten und ein unruhiges Volk zu erniedrigen, zitterte rote ein schwaches Kind vor feiner eigenen Schwäche und Niemand durfte es wagens das Wort „Tod" in seiner Nähe auszusprechen. Der Einzige, der die Kühnheit besaß, als Mensch gegen ihn zu sprechen, war sein Arzt Jaques (Settier. Mit der Todesangst eines Verzweifelnden klammerte sich der König an den schwachen Rest seines Lebens, den er ganz in den Händen jenes Quacksalbers glaubte.
Der Beherrscher Frankreichs war in die Ketten der elendesten Knechtschaft geschlagen, denn jener freche Doetor erlaubte sich, im Bewußlseyn seiner Macht, die unerhörtesten Forderungen. Der König, in hellen Stunden sich seiner Sklaverei schämend, brauste wohl manchmal auf, allein der ränkevolle Aesculap erwie- derte ihm eines Tags:
„Ich weiß wohl, dasi Ihr Euch in einer guten Stunde meiner zu entledigen suchen werdet, allein zittert, denn Ihr überlebt mich dann nicht um drei Tage."
Durch solche Drohungen schüchterte er den Monarchen ein und machte ihn sich unterthänig. Am höchsten marterte den König der Glaube, irgend ein großer Mann möge seine Schwäche benutzen und ihn stürzen. Er suchte deshalb ängstlich seinen krankhaften Zustand zu verbergen, ließ sich in prunkende Gewänder hüllen, färbte sich das todtenbleiche Antlitz und trat an das offene Fenster, um das unten versammelte Volk, die Abgesandten fremder Höfe zu täuschen. Selbst der junge Pascal ward ein Gegenstand seines Argwohns. Oftmals klagte er Tristan, daß er es bereue, jenen s jungen Mann auf eine so hohe Stufe des Glücks erhoben zu haben. Der Oberhofrichter schürt? schadenfroh die glimmende Gluth jener Besorg»iß, aber so ost er ernstlich in den König drang sich seines Schütz
lings zu entledigen, verschloß dieser abergläubig sein Ohr. Pascal that jetzt keinen Schritt, der nicht bewacht wurde, kein Wort entfuhr feinem Munde, welches man nicht arglistig belauschte. Der junge Mann sah ein , daß Jeoffrop recht habe: aber dennoch verabscheute er dessen Ränke. Er beschloß mit Elvtilden zu fliehen und zwar so geheim als möglich.
Jndeß selbst auf dem Weg, der ihn zur Geliebten führte, blieb er nicht unbewacht. Leokadia und ihre Genossen hatten überall Späher, Der Jüngling mußte für das Mädchen fürchten, wenn ihr stiller Aufenthalt entdeckt würde, deshalb schlich er stch stets vor Tagesanbruch zu einer Seitenpforte des Schlosses hinaus.
Ein schöner, sonnenreicher Herbstuiorgen war herangebrochen. Pascal, froh, den Augenblick gefunden zu haben, wo er unbemerkt zur Geliebten eilen, konnte, schwang, sich auf das scharrende Roß und eilte dein Dorfe zu. Der schattige Wald umfing ihn und eifrig sein Thier spornend, drang er durch die ungebahnten Wege, die er heut eingeschlagen, damit jede Spur, ihm nachzuforschen, verloren gehen möchte. Die Gegend ward immer wilder und rauher, und dennoch schien es ihm, als habe er sie schon früher einmal durchstrichen. Ja er täuschte sich nicht: hier hatte er Jeoffrop wieder getroffen und bald blickte auch das alte Bethäuschen durch das dunkle Grün des Waldes. Der junge Mann war unschlüssig, was er thun sollte; den Alten aufzusuchen schien ihm nicht rathsam, denn er fürchtete dessen Beredsamkeit; <er stieg deshalb ab und schlug einen Seitenpfad ins Gebüsch ein. Da schallten zur Seite Männertritte und deutlich unterschied er mehrere Stimmen, die in heftigem Wortwechsel mit einander zu scyn schienen. Neugierig, die zu schauen, die stch in diese Waldeinsamkeit verirrten, zog er sich tiefer in das Dunkel zurück und erblickte sechs Männer von wildem Ansehen. Als sie an den Ruinen angekommen waren, trat Jeoffrop heraus und empfing sie wie alte, längst erwartete Bekannte. Sie verschwanden in dem Gemäuer, und obgleich Pascal sorgfältig dasselbe untersuchte, so konnte er doch keinen Eingang entdecken. Seine Zeit war gemessen und er schwang sich alsbald wieder auf sein Roß, der Zukunft die Enthüllung dieser seltsamen Zusaminenkuyft überlassend. (Fortsetzung folgt.)
Einsilbiges Näthsel.
Nimmst Du mich ganz, so beschatte-ich die halbe Welt..
Nimmst Du- mir Kopf und Schwanz, so bleibt von mir nichts als ein Seufzer.
Silbenräthsel.
Du kannst um eine Kleinigkeit mich kriegen, Doch hast Du mich, so quäl' ich Dich oft sehr, Verlierst Du mich, so hast Du Mißvergnügen, Gewinnst Du mich, so hast Du mich nicht mehr.
Druck und Verlag der G. D. Brühl 'schen Buch - und Steindruckerei in Gießen.


