Ausgabe 
3.7.1847
 
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Das Mädchen mochte kaum seckszehn Jahre zählen; ihr Wuchs, war zart und schlank, nicht allzugroß die liebliche Gestalt. Das Gesichtchen, ein wahres Madon­nenbild , aber kein Raphacltsches in erhabener Hoheit, sondern dem Schöpferwerk eines Murillo, strahlend in stiller Demuth, ähnlich. Es ergriff unsern Jeoffroy mit seltsamem Bangen, wenn er gedachte, daß die;e holde Blume von der rohen Hand des Dauphin ge­brochen "iverden sollte; kein Auftrag war ihm je so schwer geworden als dieser, und sichtlich ergriffen^ ent­fernte er sich, nachdem er kaum einige Worte gestam­melt hatte. In großer Bewegung schritt er noch lange die finsteren Straßen auf und nieder; nicht um die Schätze Indiens hätte er jetzt dem Dauphin den Erfolg seiner Sendung melden können. Der Anblick des Mädchenö hatte Gefühle in ihm erweckt, die ihm bis­her fremd geblieben waren. Jeoffroys Herz war' nur durch die lasterhafte Umgebung, in welcher er sich seit­her befunden hatte, schlecht geworden. Bon frühester Jugend an befand er sich in der Nähe des Dauphin und dessen böseS Beispiel wirkte auch verderblich auf ihn. Nur zu Zeiten wachte ein guter Genius über ihm; so war es jetzt: er sann hin und her, wie er die schöne Jeanette aus den Klauen dieses Tigers-, der sich Dauphin von Frankreich nannte, reißen könne. So wenig er indeß auch darüber im Klaren mit sich selbst war, so stand es doch unerschütterlich in ihm fest, das, Mädchen zu retten.

Als ihn am anderen Morgen seine Pflicht zum Dauphin rief, war dieser schon auf die Jagd geeilt. Jeoffroy athmete wieder freier,. denn er glaubte, über diesem Liebiingsvergnügen würde der Prinz die schöne Jeanette vergessen haben. Gern wäre er gleich wieder hin zu dem Mädchen geeilt, allein seine Pflicht hielb ihn im Schloß zurück. So brach der Abend herein, aber der Prinz war immer noch nicht zurückgekommen. Da litt es unsern Freund nicht länger; heimlich stahl er sich fort und lief spornstreichs in die Straße du tour. Die Thür des kleinen Hauses war nur ange­lehnt und unbemerkt schlich er über -den engen Gang, schon faßte er die Klinke, um in das Zimmer einzu­treten, als er deutlich eine männliche Stimme zu ver­nehmen glaubte. Mit Entsetzen lauschte er und hbrte den Dauphin sprechen. Die Worte, die er vernahm, ließen ihn schließen, daß sein gnädigster Herr nicht so eben erst gekommen seyn mußte, denn man scherzte, lachte, ja auch selbst Gläserklingen tönte da­zwischen. Ein entsetzlicher Grimm packte den Horcher, eine Eifersucht, so wüthend, daß er mit blanker Klinge hätte hineindringen und den Prinzen niederstoßen mögen. Dennoch wurde er seiner Meister und rannte, wie von Furien gepeitscht, aus dem niedrigen Häns­chen. Vergebens warf er sich, daheim angekommen, aus fein Läger, der Schlaf floh ihn und nur entsetz­liche Bilder malte ihm seine erregte Phantasie. Endlich

nach Mitternacht vernahm er Tritte auf dem Korridor, und der Dauphin schlich gleich einem Gespenst mit vorgehaltener Leuchte in das Zimmer.Jeoffroy, mein guter Jeoffroy!" rief er schon von Weitem leise, mit süßlich lächelnder Miene,sey nicht böse, Du schur­kischer Gaudieb, wenn ich Dich wecke. Ach, ich sage Dir, mein Glück übersteigt alle Grenzen. O daß ich König wäre, ich würde Dir das Herzogthum Bretagne schenken, vorausgesetzt, daß dieser knickert e Herzog es mir abtreten würde. Du hast mir vortrefflich bei der schönen Jeanette vorgearbeitet; Ventre bleu, welch' ein Mädchen! Ein Himmel in ihren Armen und wie leicht könnte ich diese zagende. unschuldige Taube be- thören! Sie weiß ja nicht, was Liebe ist und par la Paque-Dieu, der künftige König von Frankreich wird ihr dies ja doch wohl sagen können!"

(Fortsetzung folgt.)

An die Deutschen.

Auf, ihr Brüder, denn euch allen Soll mit wahrem Biedersinn Jetzt mein trautes Lied erschallen; Nehmet gleichgesinnt es hin. Euch für immer zu umschlingen, Mit dem heil'gen Bruderhand, Würde Glanz und Ruhm nur bringen Euch und cucrm Vaterland.

Zwar am besten werden Herzen Unzertrennlich fest vereint, Wenn man stets in gleichen Schmerzen, Gleiches Unglück tief beweint. O dann werden fest verkettet Bitt're Feinde oft fürwahr;

Und das Unglück hat gerettet Beide Seelen wunderbar.

O auch euch ihr deutschen Lande Wurden schon mit scharfem Stahl Ost zersprengt die Bruderbande; Ward umhüllt Fortnna's Strahl. Blick' zurück auf deine Lage, In der sturmbewegten Zeit; Schreckcnsvolle Leidenstage Ruh'n in der Vergangenheit.

Länder, die nun herrlich blühen. Wurden sonst vom Kriegerschwert, Durch der Flammen wildes Sprühen Schonungslos gar oft zerstört. Und in furchtbarem Gewitter, Unter lautem Äugelbraus, Hauchten viele edle Ritter Schwer verwund'! ihr Leben aus.

Denk' ich an die bitter» Zeiten, Füllt mit Thränen sich der Blick; Deine Freuden, deine Leiden, Dein so wechselndes Geschick, , Das fast jedes neu Jahrhundert, Seit der großen Römerschlacht, Wohl mit Recht an dir bewundert, Deuten hin auf deine Macht.