Noch war die Nacht nicht gewichen, als das Schiff das jenseitige Schweizernfer erreicht hatte und der junge Maler Valentin Liebenstein so hieß der Jüngling in ein Gasthaus des Städtchens Arbon trat, um dort noch die wenigen Morgenstunden der Ruhe zu wid­men. Allein seine Seele war so voll von den Bil­dern der Seefahrt, daß kein Schlummer seine Augen zu schließen vermochte und er sich wieder von seinem Lager erhob, um folgenden Brief an seinen Vater und Lehrer, den alten Meister Lorenz Liebenstein in der Reichsstadt Nürnberg niederzuschreiben:

Arbon im April 1630. Mein Vater!

Du mochtest mich wohl schon auf Italiens Boden vermuthen, denn seit ich von Ulm aus mein letztes Schreiben an Dich sandte, sind schon mehrere Wochen verstrichen. Mit Befremden wirst Du daher verneh­men , daß ich erst vor wenigen Stunden Helveliens Grenze betreten habe, wirst mir aber die Schuld dieser Zögerung, sobald Du sie kennen wirst, vergeben. Ach, mein Vater, das überschwenglichste Glück meines Lebens, das sich so oft tansendfarbig meine silhantasie vormalte, für das mir die reichste Menschenbrust zu eng schien, ich trag' es in mir, seine tiefste Seligkeit erfassend. Wo soll ich Worte finden, wo beginnen, wo enden, von dem, was so unendlich in mir lebt? Doch, was sage ich? Kennst Du mich denn nicht wie Dich selbst, brauche ich mehr als die Ursache meines Glück's zu sagen, um Dir zu schildern ganz, was ich fühle, und wie ich's fühle?

Wenn oft an Deiner Seite die Träume meiner Jugend laut wurden, wenn ich Dir dann von künf­tiger Liebe und Seligkeit sprach, da lächeltest Du seg­nend auf mich nieder, denn wie einst Dein Valentin lieben, wie solche Liebe Alles, was Du in ihn gelegt, nicht ändern, nur veredeln würde, das lag ja offen da vor Deiner Seele. O, mein Vater so lieb' ich, wie Du damals vorhersah'st so lieb' ich!

Laß mich mit wenigen Worten mein Glück Dir verkünden: Als ich in Ulm zu dem Handelsherrn M... kam, an den ich von Nürnberg aus gewiesen war, veranlaßte er mich , das Bild seiner Tochter zu malen. In der Hoffnung, dasselbe in wenigen Tagen zu vollenden, willigte ich ein, aber Tage vergingen, Wochen schwanden, bis ich cs zu meiner Zufriedenheit vollendet hatte, denn allgewaltige Liebe war es, die meinen Pinsel führte nnd die Gestalt ganz mit jener Glorie zu beleben und zu umgeben sich bemühte, mit welcher sie ewig meine Seele beherrschen wird. Nichts will ich Dir von den Stunden sagen, in welchen ich in Seligkeit schwelgend-an meiner Staffelei saß, vor mir die Huldgestalt Franziska's, in jeder ihrer Bewegun­gen mehr Anmuth, als je ein Künstler erdenken, in jeder ihrer Mienen niebr himmlisches Leben, als je das Spiel der Farben wiedergeben mag. Da saß ich

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stumm, wie vor einer Heiligen mich beugend, nur mein Geist, meine Augen waren thätiger als meine Hand, aber mit niegewohnter Sicherheit führte diese jede Linie aus und wohl mochte ich nach vollendeter Arbeit Fran­ziska's Erröthen vor dem Bilde und des Alten beredtes Lob verdienen.

Doch schnell sollte mir all' das überreiche Glück entschwinden! Einige Tage nach Vollendung des Bil­des bot mir der alte M... mit, schneidender Kälte eine goldschwere Börse an, und in seinem Blick lag Etwas, das mir deutlich genug sagte, wie wenig ihn meine fernere Gegenwart erfreuen würde. Ich gab ihm mit den Worten seinen Mammon zurück: WaS die tiefste Seele erschuf, kann nur sie selbst sich beloh­nen. Ich bin belohnt und gehe reicher, von Euch, als Ihr mich verlasset. Ich ging, mich von Franziska zu verabschieden; sie war nirgends zu finden, und trostlos; nachdem ich einen langen Tag vergebens nach ihr ge­forscht hatte, zog ich meine Straße weiter.

Wenige Schritte von der Stadt entfernt weckten mich ferne Liedertöne aus meinen Träumereien und vor mir schaukelte ein Kahn die Fluthen der Donau hernieder, und eine hohe Frauengestalt stand in ihm, umgeben von einer fröhlich singenden Schaar. Der Kahn hielt hart an der Pforte eines Gartens, die Gestalt trat in denselben, dem Kahn entsteigend, und wallte langsam durch die hohen Lindengänge hin. Es war Franziska, vom Kahne hörte ich ihren Namen rufen, und pfeilschnell flog ich über die Mauer und stand vor ihr. Da schlug ihr Herz an dem meinen und fernher vom Strome hallten die Lieder, und ewig, ewig Dein!" lispelte die Jungfrau liebend mir entgegen. O Vater, ich habe an ihrem Busen geruht, ihre Lippen berührt, ihre brennenden Küsse gefühlt, ihre Thränen empfunden, und ohne sie hat Kunst und Leben keinen Reiz mehr für mich, denn sie, nur sie ist das einzige Ziel meiner Wünsche!

Laß mich enden, ich habe Dir din treues Bild meiner jetzigen Seelenstimmung entworfen. Von Mai­land erhälst Du meine nächsten Briese. Lebe wohl, lebe wohl, mein Vater!

Im Frühroth glühten die Alpen und Valentin setzte seine Wanderung fort. Ohne ein bemerkenswerthes Abenteuer gelangte er nach Italien. Als er in stiller Freude die paradiesische Ebene von Como nach Mai­land durchzog, da rief cs hinter ihm, und ein schöner, junger Mann schritt freundlich grüßend auf ihn zu. Mit lebhafter Freude vernahm er, daß unser Freund ebenfalls Künstler seh und um Italiens Kunstwerke zu siudiren, die berühmten Städte der Lombardei und hierauf Rom besuchen wolle und bot sich ihm alsbald zum Reisegefährten an. Er hieß Clärens und war ein begüterter schottischer Edelmann, den die Reiselust durch Frankreich und die Schweiz geführt hatte und nun nach Italien lockte.