Ausgabe 
1.9.1847
 
Einzelbild herunterladen

526

UnterhalteuZes und Gemeinnütziges.

Moderne Handwerksnnßhräuche

(Fortsetzung )

Sehr ausdrücklich klagt auch der bereits erwähnte Baron Schröder über die mangelhafte Erziehung der Lehrburschen, indem er sagt: Daß die Gesellen sich auf ihrer Wanderschaft vervollkommnen müssen, käme daher,, daß die Meister in den Lehrjahren, ihrem Jungen nichts lehren mit dem ewigen Vorwande, ich habe mein Handwerk müssen in der. Fremde ler­nen und mein Meister hat mir nichts gesagt noch gewiesen, laufe du nun auch hin und stehe aus, was ich ausgestanden Haber Unb- ist Gott zu erbarmen, wie die Menschen so zur allgemeinen Ungebühr ge­wöhnt seyn, daß sie meinen, es müsse ein Jeder erst salva venia im Drecke waten, ehe er auf eine lustige. grüne. Wiese kommt.

Der Lehrling, größtentheils zu häuslichen Arbei­ten erniedrigt, lernt nur -die einfachsten Hand­griffe und wird nicht wegen seiner Kenntnisse, son-. dern wegen einer Reihe überstandener Hehrjahre frei- gesprochen. Allerdings würde es schwer halten, auf andere Bedingungen arme Kinder, welche die Eltern weder nähren noch kleiden können, als Lehrburschen anzubringen, und daß, sobald man ein Lehrgeld statt der häuslichen Dienste allgemein einsühren und den Lehrherrn nur Lehrer und nicht auch Herr seines Burschen sepn lassen wollte, eine Menge ganz armer Finder .von der Erlernung der Handwerke ausge­schlossen seyn würde. Offenbar -ist es aber auch, daß, so lange diese häusliche Dienstbarkeit allge­mein besteht, Knaben, welche eine sorgsältige Er­ziehung genossen haben und an die milde Behandlung in einer anständigen Familie gewöhnt sind , nicht bei Handwerkern - (einzelne, Ausnahmen, die achtungs- weUhe Lehrhcrren machen, können hier nicht in An­schlag kommen > in, die Lehre gegeben werden können, und dennoch ist eher keine wesentliche Verbesserung der Handwerke zu erwarten, als bis die gebildeten Stände es nicht mehr verschmähen, ihre Söhne da­für zu bestimmen. So lange noch immer einerseits Alles, was Vermögen und Bildung erworben hat, sich aus dem Handwerksstande drängt, und andrer­seits Niemand aus den höhcrn Ständen Vermögen und Bildung dahin zurückbringt, so lange werden die Handwerker sich niemals über ihre jetzige , wenig erfreuliche Lage erheben können. So wie man jetzt verfährt, kommen die Burschen in Jahren in die Lehre, wo sie noch immer einiger Uebuntz und Wie­derholung bedürfen, wenn'-sie den Schulunterricht nicht vergessen sollen. Wer Lehrburschen zu beobach­ten Gelegenheit hat, wirb sich aber leicht überzeugen, daß sie gemeinhin nur desto schlechter schreiben und rechnen, je länger sie in der Lehre waren.

Es kann auch nicht anders seyn, wenn man er­wägt, daß Lehrburschen und Gesellen in ihren langen Dienstjahren selten Gelegenheit haben, eine Feber aiizusctzcn. Man kann es unserer Zeit nicht vor­werfen, daß sie dieses Bcdiirsniß nicht fühle; daher die so häufig entstandenen Sonntagsschulen für Hand­werkern Ohne die gute Absicht und den offenbaren Nutzen, welchen diese Institute stiften, verkennen zu wollen, muß man doch gestehen, daß sie schwerlich him eichen können, dem"Uebel abzuhelfcn. Fast immer sind nur in großen Städten Mittel und guter Wille zu solchen Anstalten aüfzutreiben.

Noch liegt ein mächtiger Nachtheil endlich darin, daß nichts den Meister reizt, dem Lehrling den gan­zen Umfang seiner Kenntnisse offen barzulcgen und ihm Alles, was er davon lassen kann unb will, bei­zubringen. Es gibt ohne Zweifel rechtschaffene Meistep, welche, gedrungen durch ihr Gewissen, einem lern­begierigen Burschen nichts verhehlen und keine Mühe scheuen, ihn über jeden Handgriff und Vorthcil zu unterrichten. Man braucht aber in allen Gewerben viele grobe Handlangerarbeit; den Lehrling dazu an- zulcrnen, treibt den Meister sein Vortheil, aber ihn weiter zu bringen, hat er kaum irgend ein Interesse.

Kein Schneiderlehrbursche lernt zuschneiden, die Gesellen müssen es in der Regel heimlich abschen. Ucberhaupt wird fast in keinem Handwerke die Zu­sammensetzung des Ganzen, die Auswahl und der Ankauf der Materialien, die ganze Oekonomie des Gewerbes ausdrücklich gelehrt. Die Gesellen sehen das in reifen Jahren ab, manches wird einem Günst­ling erst spät als. ein Geheimniß mitgetheilt. Bei manchen Vortheilen in der letzten Appretur scheut der Meister den Lehrling und Gesellen wie einen Spion. Es ist. nicht immer. Eigennutz, es ist häufig nur die Macht der Gewohnheit, welche den Meister veranlaßt, scjne Untergebenen den Weg zu führen, den er selbst geleitet wurde. Man halt für einen unzeitigen Vorwitz, wenn der Lehrling mehr, zu wis­sen verlangt, als sein Meister weilanb als Lehrbur­sche wußte. Man glaubt, daß es dem meisterlichen Ansehen nachtheilig werden könne, wenn so junge Leute schon von dem ganzen Umfange des Gewerbes unterrichtet wären. Man meint, daß die Jugend übermüthig und ungehorsam werden würde, wenn sie der Leitung des Meisters nicht so lange bedürfte. Was wähnt man nicht Alles, wenn Eigennutz, Ge­wohnheit und Gemächlichkeit den Wahn beschönigen? Oder wenn es andrerseits heißt: Bei allen deinen Jahrbüchern neuer Erfindungen fehlt dir das Ein­zige und Wichtigste, nämlich das, welches in dir das Andenken an die Alten und an die Grundsätze dei­ner Vorfahren erhält. Als die doppelte Ehre des