Ausgabe 
1.5.1847
 
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vollen Nagel in der Rückwand, der zweite auf Christel, die bereits auf einem Schemel saß, ihren Kopf zurück­biegen und den Mund öffnen mußte. Der Arzt er­blickte mit einem angenehmen Erstaunen hinter den rosigen Lippen des Mädchens zwei Reihen weißer Perlenzähne, wie sie ihm in seiner mehrjährigen Praxis noch nie vorgekommen waren an Reinheit, Ebenmäßig­keit und Schönheit. Nachdem er den schmerzenden Zahn gesucht und aufgefunden hatte, hob er an: 7,Siebe Jungfer, unverantwortlich würde ich handeln, wollte ich ein solch' seltenes Gebiß durch eine Zahn­lücke schänden. Auch ist dazu ganz und gar keine Nothwendigkeit vorhanden. Ich hoffe, daß die Schmer­zen durch ein anderes Mittel sich bannen lassen wer­den als durch ein Zahnausziehen."

Neit suchte hierauf unter seinen Sachen ein weißes Pulver hervor, von welchem er der Jungfrau eine Gabe auf die Zähne streute, worauf jene wirklich so­fort Linderung verspürte. Auf ihre Frage, was pe dem Zahnkünstler schuldig sey, versetzte dieser lachend: Das Wiederkommen, liebe Jungfer! Sind wir ja doch getreue Nachbarn."

Neit begleitete die Dankende bis vor die Thür und sagte dann zu Matthäus:Einen wahren Schatz be­sitzt das Kind an seinen Prachtzähnen. Jedes Stück ist seine hundert Thaler und noch mehr werth. Ja, eine Königin gäbe wohl so viele Tausende dafür. Wie gesund müssen alle Säfte dieses lieben Wesens sepn!"

Matthäus vernahm diese Aeußerung mit stiller Zu­friedenheit, jedoch nicht ohne einen kleinen Zusatz von Eifersucht.

Bald nachher aber hatte Neit an wichtigere Dinge als an Christel's Perlenzähne zu denken. Als er näm­lich eines Morgens in den noch jetzt in Antonstadt bestehenden Gasthofzu den drei Linden" kam, um seine Dienste als Barbier und Wundarzt den einge­kehrten Fremden anzubieten, traf er die Bewohner des Hauses in der größten Bestürzung an. Mädler, der dicke Wirth, stand mit kreideweißem Antlitze am Schenktische; seine Frau dagegen rang die Hände und machte ihrem gepreßten Herzen durch laute Klagen Luft.

Wir sind ruinirte Leute!" rief sie aus;warmil gerade uns das Unglück treffen mutz'? Hätten wir nur dießmal keine Juden beherbergt! Nun haben wir die Noth auf dem Halse und den blassen Tod im Hause. Wer wird künftig wieder bei uns einkehren wollen? Sind nicht schon alle Gäste ausgerissen und unsere eigenen Leute dazu? Wie lange wird es dauern, so mengt sich die Regierung hinein und unser Haus wird abgesperrt und wir dazu. Barbieren kommt Er, Herr Neit? Ach, Gott! hier giebt's nichts mehr zu bar­bieren. Wenn Er ein Mittel gegen den Tod wüßte!"

Fehlt Ihrem Herrn Liebsten etwas?" fragte Neit, indem er den stummen Gastwirth betrachtete;ein Aderlaß, he? Mit Verlaub, Herr Mädler, lasse Er mich Seinen Puls untersuchen."

Nichts da!" rief die Frau;oben, eine Treppe hoch, wohnt der Klappermann. Da liegen, Golt sey es geklagt zwei polnische Juden, die zur Leipziger Ostermesse reisen wollten und haben die Pest wenn es wahr ist, sage ich. Aber, da es alle Well behauptet und Niemand sich zu den Kranken hinein­traut, und Alles, wie vor der Pest, in unserem Hause ausreißt; so muß man es wohl glauben. Ich wage nicht einmal hinaufzugehen, um weiße Wäsche zu ho­len, so sehr haben die Menschen Unsercinem Angst ge­macht wegen der Ansteckung. Was gäben wir nicht darum, wenn irgend Jemand die Juden uns vom Halse und aus dem Hause schaffen wollte?"

Auf den Wundarzt schien diese Mittheilung einen mehr freudigen als erschreckenden Eindruck zu machen. Seine gebeugte Gestalt richtete sich empor, sein Antlitz wurde von einer freudestolzen Miene verklärt und seine Augen funkelten in kühner Begeisterung.

Ha, Freund Matthäus!" murmelte Neit;jetzt gilt's den Nagel auszuwetzcn." Und laut fuhr er dann fort:Mit Verlaub, Frau Mädler, wie lange ist's her, daß Sie die kranken Juden im O-uarticr hat?"

Seit vier Tagen," versetzte jene,und seit vor­gestern Abend getraut sich schon Niemand mehr zu ihnen hinauf."

Guter Gott!" sprach Neit mitleidig;die armen Menschen! Wenn sie nun etwas benöthigt sind? In Fieberbitze liegen und nichts zu trinken haben? Wo liegen die Acrmsten? Ich muß sie sehen?"

Frau Mädler prallte erschrocken zurück, als ,ie diese Worte vernahm.Wie?" stammelte sie;Er wollte wirklich? Nun, die Juden liegen oben in der linken Eckstube nach dem Hose hinaus. Aber dann komme Er uns ja nicht wieder zu nahe. Gebe Er," sie rief diese Worte dem schon Fortgehenden nach bei: Kranken ein Mittel ein, das sie bald einschlafen läßt und sie, wie uns, aller weitern Noth enthebt."

(Fortsetzung folgt.)

Anekdote.

Ein Rathsherr einer kleinen Stadt, der selten nüch­tern war, ging eines Morgens ziemlich trunken aufs Rathhaus.

Unterweges kaufte er aber noch einen Fisch, den er nach Hause schickte und seiner Frau dabei sagen ließ, sie sollte ihn halb kochen und halb braten.

Er fam in die Rathsversammlung und der Wein wirkte so gut, daß er sanft einschlief.

Eben sammelte man die Stimmen über das Schick­sal eines Delinquenten.

Und Ihre Meinung? fragte ihn sein Nachbar, und stieß ihn etwas unsanft in die Seite und Ihre Meinung?

Ach dummes Zeug! ich hab's schon einmal gesagt: halb gekocht und halb gebraten."

Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.