Ausgabe 
1.5.1847
 
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Es scheint, als wäret Ihr eines Aderlasses be­dürftiger denn ich," fuhr Neit fort,seht Ihr doch ganz kreideweiß und entsetzt aus."

Wie sollte ich dieß nicht bei dem schrecklichen An­blicke, den ich hatte!" bemerkte Matthäus unter einem stillen Schauder.

Pah! das macht die Gewohnheit," meinte Neit. Unsereins, der mit Leichen zu verkehren hat wie Ihr mit Euern Blumen, findet nichts Absonderliches an einem Erhängten. Eure Pflanzen zappeln freilich nicht, vergießen auch kein Blut, wenn Ihr fie abschneidet. Darum seyd Ihr so weichmüthig."

Guter Gott!" rief Matthäus aus,welch' eine schwere Sünde Ihr begangen habt! Gegen Euern Gott, gegen Euch selbst, gegen mich und meine Mntter! Dieselbe Stätte, die Euch bisher gastfreundlich beher­bergte, wolltet Ihr durch einen Mord entweihen, mei­nen Garten in Verruf bringen und somit meinen ohnehin säuern Verdienst noch schmälern!"

Ihr habt Recht!" gestand Neit ein,das hatte ich nicht bedacht. In dem Walde hätte ich mein Vor­haben ausführen sollen."

Meint Ihr, daß ich je in der Nacht mein Ge­wächshaus hätte wieder betreten können, wenn ich Eure Leiche darin gefunden hätte?" fragte Matthäus.Und meine arme Mutter, würde sie der Schreck über Euern gewaltsamen Tod nicht noch viel kränker gemacht haben als sie vorher war?"

Ich verdiene Eure Vorwürfe," entgegnete Neit voll Scham, Ihr habt mich fast zwei Monate schon beherbergt und an Eurem Tische mitessen lassen und ich wollte undankbar genug seyn, Euch zu erschrecken und zu schaden."

Und der Herr hat Euch bereits einige und dreißig Jahre auf seiner Erde beherbergt und an seinem Tische mitessen lassen," fuhr Matthäus fort,erweiset Ihr Euch daher nicht noch weit undankbarer gegen Gott als gegen uns?"

Derselbe wird sich wohl eben so wenig um meine geringe Person kümmern, als die reichen Leute in Dresden bis jetzt," sagte Neit.

O, Ihr Sünder!" schalt Matthäus,wißt Ihr nicht, daß auch Eure Haare auf dem Haupte gezählt sind? Daß kein Sperling ohne Gottes Willen vom Dache fällt?"

Nun ich lasse mich ja belehren, Herr Bußprediger!" versetzte Neit.Auch gelobe ich Euch, keinen neuen Versuch zu machen, mich von der Welt zu schaffen, und damit Ihr sehet, daß dieß mein völliger Ernst sey, so reicht mir dort jene Aderlaßbinde her, auf daß ich die Ader zubinden kann. Sechzehn bis achtzehn Unzen Blut mögen schon fort seyn, und ein längerer Aderlaß dürfte mir Schaden bringen. Uebrigens wer­det Ihr mir aber zugeben, daß man das Leben nicht groß lieb haben kann, wenn alle unsere Anstrengungen

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und Mühen erfolglos bleiben, wie mir es hier er­gangen ist."

Wenn ich im Frühjahre säe und pflanze," erwi­derte der junge Gärtner,so erwarte ich vor dem Herbst keine Frucht davon. Und wenn ich junge Bäume pflanze, so weiß ich, daß ich eine Reihe Jahre warten muß, bevor sie tragbar' werden. Ihr habt erst seit kaum zwei Monaten gesäet und wollt schon ein­ernten? Ja, habt Ihr nicht bereits eine süße Frucht gepflückt, da Ihr meine Mutter herstelltet? Haben wir schon die Geduld verloren und Euch Eure Gegenwart vorgeworfen?"

Zankt nicht länger," bat Neit,ich will Euch ja künftig besser folgen. Nur sagt Eurer Mutter nichts von meiner Seiltänzerkunst."

Matthäus hätte dieß schon von selbst gethan, um seiner Mutter einen unnöthigcn Schreck zu ersparen. Neit lief fortan geduldig mit seinem Schecrsacke in der Stadt herum, ließ zu Ader, schröpfte, brach Zähne aus, kurirte und murrte nicht, wenn seine Patienten bloß mit einem Gotteslohne zahlten.

Eines Tages war er mit Matthäus im Garten beschäftigt, als die Näther-Christel durch die Garten- thür, seit Neit's Anwesenheit zum erstenmal, eintrat. Matthäus zuckte erst freudig zusammen, dann aber er- schrack er eben so schnell über Christels Anblick; denn das hübsche Kind sah leidend bleich und wie verweint aus. Ein Taschentuch, das sie vor den Mund und die Wange hielt, ließ auf die Ursache ihres leidenden Zustandes schließen. Christel näherte sich mit kleinen zögernden Schritten dem jungen Gärtner.

Guter Matthäus," hob das Mädchen angsthaft an,ich komme bald von Sinnen, vor Zahnschmerzen. Was rathet Ihr mir? Ob ich wohl den Zahn von dem fremden Doctor dort herausziehen lasse? Wird er es um ein Billiges thun und mich nicht zu sehr martern?"

Matthäus blieb dem Mädchen die Antwort schul­dig. Der Gedanke war ihm fürchterlich, Diejenige, welche seinem Herzen so theuer war, unter den Hän­den eines Mannes zu sehen, welcher sich selbst zu morden beabsichtigt gehabt hatte. Ein reiner Engel in der Gewalt eines Tiefgcfallenen!

Bevor er noch seine Gedanken kund zu geben ver- inochie, war Neit, welcher des Mädchens Anliegen er- rathen hatte, schnell herbei gekommen.

Wir wollen nachsehen," sprach er,wie der Jungfer zu helfen sey. Gehe Sie mit mir in das Gewächshaus und zeige mir dort Ihre Zähne."

Christel folgte stumm doch willig dein voranschrei- tenden Neit. Im Fortgehen drehte sie sich um und sah den Gärtner mit einem bittenden Blicke an, wel­cher, denselben verstehend, dem Paare nachwanderte.

Der erste Blick des Gärtners bei dessen Eintritte in's Gewächshaus fiel mechanisch auf den verhängniß-